»Der Krieg hat alles verändert«
Interview mit dem Regisseur Phil Cox über »Khartoum«
Der Dokumentarfilm „Khartoum“ ist ein Film, der als ein narratives Filmprojekt auf dem Sundance Filmfestival für Independent Filme uraufgeführt wurde. Als sudanesisch-britisches Kooperationsprojekt unter Beteiligung mehrerer Regisseur*innen entwickelte sich der Film aus einer Begegnung junger Filmschaffender in Khartum zu einem Workshop für Filmideen zu einem Filmkonzept und anschließender Filmproduktion zu einer Fluchtgeschichte und Exilgemeinschaft in Nairobi. Aus dem Filmprojekt wurde eine Überlebensgemeinschaft, die dem Film ihren Stempel aufgedrückt hat.
Sabine Hagemann-Ünlüsoy: »Khartoum« wird als ungewöhnlicher Dokumentarfilm rezipiert. Wie hat das angefangen und was war der Plan?
Phil Cox: Im Jahr 2021, als der Putsch stattfand, war ich in Khartum und drehte einen Film mit dem Titel »Spider-Man of Sudan«. Da entdeckte ich die Sudan Film Factory und den Produzenten Talal Afifi. Er hatte ein kleines, verstecktes Gefilde für sudanesische Filmemacher*innen und Kinoliebhaber*innen wieder zum Leben erweckt. Sie verfügten jedoch weder über Ausrüstung noch über Ressourcen, sondern ‚nur‘ über junge, außergewöhnliche Talente und Energie. Ich schrieb eine Idee für einen Workshop, bei dem fünf Filmemacher*innen ein Gedicht über die Stadt Khartum jetzt, in diesem entscheidenden Moment der modernen Geschichte des Sudan, machen sollten: ein filmisches Gedicht von fünf jungen, neuen Filmdichter*innen. Giovanna Stopponi, italienische Produzentin von Native Voice Films, fand Fördergelder. So begannen wir mit einem Auswahlverfahren. Ich habe Apple gebeten, einige iPhones für ‚neues afrikanisches Geschichtenerzählen‘ zu spenden. Im Mai 2022 waren wir mit neuen Handys und begeisterten sudanesischen Talenten einsatzbereit. Das filmische Gedicht über Khartum, ein Gedicht einer Stadt in Revolution und Umsturz, war im Jahr 2023 fast fertig, als plötzlich der Krieg ausbrach. Dann änderte sich alles ...
Einen Moment bitte! Wie sah das ‚neue afrikanische Geschichtenerzählen‘ aus?
Im ersten Auswahlverfahren brachten die Filmemacher*innen ihre Ideen für Protagonist*innen und Geschichten ein, die ihre Stadt widerspiegeln sollten. Wir arbeiteten daran, eine vielfältige Gruppe zu finden, welche die Lebensrealitäten und sozialen Schichten des Sudan repräsentierte. Das griff organisch ineinander und die Geschichten kamen wie von selbst: Die Teeverkäuferin Khadmallah war eine Freundin des Regisseurs Anas Saeed, der ihr Kunde war; Rawia Alhag wollte die Perspektive der Kinder und »unsichtbaren Kinder« zeigen. Ibrahim Snoopy kam auf die Rolle des Bürokraten und Taubenzüchters Magdi, nachdem ein anderer Regisseur das Projekt begonnen, aber nicht vollendet hatte. Der Darsteller Jawad war später einfach jemand, den wir ausgewählt hatten, weil er die Leidenschaft und Jugend der neuen sudanesischen Generation repräsentierte.
Dann kam der 15. April 2023, und die Militärfraktion der Rapid Support Forces (RSF) begann einen inneren Krieg gegen die Sudanesischen Streitkräfte (SAF). Zuvor bildeten beide gemeinsam das Militärputschregime.
Der Krieg hat alles verändert. Plötzlich ging es darum, Leben zu retten. Giovanna, die Produzentin, schuf einen ‚Kriegsraum‘ für die Produktion, mit der Aufgabe, die Regisseur*innen und Teilnehmenden zu evakuieren. Wir haben das gesamte Geld des Senders verwendet, um die Beteiligten, einige mit ihren Familien, zu evakuieren. Es waren fünfzehn Personen, die über das Kriegsgebiet einer Stadt und ein brennendes Land verstreut waren. Einige hatten keine Papiere, zu einigen verloren wir monatelang den Kontakt – darunter auch Kinder. Es war eine riesige verdeckte Aktion, aber wir haben ihr Leben an erste Stelle gesetzt. Wir haben den Geldgebern oder Sendern nie gesagt, dass wir ihr ganzes Geld ausgegeben hatten!
Wie ging es mit der Evakuierung weiter?
Das Team kam langsam in Kenia an – traumatisiert. Giovanna und ich organisierten zunächst einen Workshop für psychische Gesundheit und Erholung. Wir organisierten Beratungsangebote und einen Raum einfach nur für Ruhe. Es sollten sich alle erholen können und dann entscheiden, ob sie weitermachen wollten. Alle wollten das. Jetzt wollten sie den Film mehr denn je machen. Es sollte ein Film des Widerstands werden. Und ein Film des Kinos. Nicht noch eine Reportage über Afrikaner*innen in der Krise und als Opfer. Also setzten wir uns alle in ein paar Zimmern zusammen, teilten uns Matratzen und Essen und überlegten, wie wir diese neue Geschichte kreativ erzählen könnten. Wir mussten etwas erfinden, da wir kein Material über den Krieg oder die Flucht hatten. Meine Aufgabe war es, die kreative Leitung zu übernehmen.
Woraus schöpft die kreative Arbeit, wenn man so viel verloren hat?
Ich habe viel im Theater gearbeitet und mit diesem Hintergrund wurde mir klar, dass die Geschichten, die wir brauchten, in unseren Teilnehmer*innen waren. Wir mussten mit ihnen arbeiten, um das Innere, das Surreale und die Emotionen auf visuelle Weise hervorzubringen. Ich bin ein Fan der argentinischen Filmemacherin Lola Arias, die mit so einem Ansatz arbeitet. Also haben wir uns auf eine neue Art eingelassen, unsere Geschichte zu erzählen – mithilfe eines green screens. Es ist schwierig, echte Menschen zu bitten, in ihre persönlichen Momente des Traumas oder des Glücks einzutauchen und diese zu rekonstruieren. Hier war entscheidend, dass über die letzten Monate alle zu einer Familie geworden waren; wir lebten jetzt zusammen und halfen uns gegenseitig. Ich war in Khartum verhaftet und mir war während der Dreharbeiten in den Kopf geschossen worden. Alle Mitglieder des Teams hatten gekämpft, waren verwundet worden und hatten gelitten. Wir hatten eine unglaubliche Verbindung und Vertrauen, obwohl wir sehr unterschiedliche Menschen waren.
Wie hat sich die Vielfalt der Beteiligten auf den Film ausgewirkt?
Ein westliches Publikum sieht einen weißen Regisseur und schwarze sudanesische Regisseur*innen und Teilnehmer*innen. Aber eigentlich waren alle vor und hinter der Kamera Außenseiter. Die Teilnehmenden würden sich im Sudan normalerweise nie treffen oder berühren – aufgrund unterschiedlichem sozialen Status, Religion und Herkunft. Es wäre für den Verwaltungsangestellten Magdi ein Tabu, die Straßenjungen Lokain und Wilson zu berühren. Auch die Regisseur*innen unterscheiden sich in sozialer, ethnischer und geschlechtlicher Hinsicht stark. Und so ist der Film auch ein radikales Plädoyer für Einheit und Solidarität, das nur das sudanesische und afrikanische Publikum verstehen wird. Der Krieg im Sudan wird durch die ethnische Spaltung und den Hass zwischen ‚Arabern‘ und ‚Afrikanern‘ befeuert. Dies ist ein Teil der sudanesischen Geschichte, der auch von Kolonialmächten wie der britischen stark ausgenutzt wurde. In gewissem Sinne hatten wir, die diesen Film gemacht haben, die Verantwortung, ihn nicht nur gut zu erzählen, sondern auch Harmonie zu schaffen und Hierarchien und Trennungen zu überwinden. Der Film entwickelte sich letztlich zu einer ungewöhnlichen, weltweiten Zusammenarbeit mit sudanesischen Regisseur*innen in Kenia bis hin zu den Animator*innen in England.
Wie wurde nun diese Zusammenstellung aus Erinnerungen und erzählter Zeitgeschichte angegangen?
Die ersten Rekonstruktionen im Green-Screen-Studio waren nicht einfach. Für normale Menschen ist es schwierig, plötzlich in sich zu gehen und echte Ereignisse aus dem eigenen Leben zu erzählen. Es ist anders als die Arbeit mit einem Schauspieler. Sie fragen sich auch nach dem Warum. Also bat ich die vier sudanesischen Regisseur*innen, zunächst selbst einen traumatischen und einen schönen Moment aus ihrer Zeit in Khartum zu wählen. Als Nächstes sollten sie diese Momente vor allen anderen rekonstruieren, damit sie sie verstehen. Alle Regisseur*innen taten dies, und es war oft triggernd und emotional. Die Teilnehmenden sahen und verstanden nun genauer, was wir zu tun versuchten, und auch warum. Dann ging es darum, einen sicheren Raum zu schaffen und allen die Möglichkeit zu geben, selbstbestimmt zu handeln und dafür zu sorgen, dass kein tieferes Trauma entsteht. Am Ende wurde das Filmen für alle zu einem kathartischen Mittel. Deshalb sieht man im Film auch, wie sich die Gruppe nach den Rekonstruktionen umarmt. Für mich war es wichtig, dass die Zuschauer*innen das auch zu sehen und zu verstehen bekommen.
Das Interview führte Sabine Hagemann-Ünlüsoy. Übersetzung aus dem Englischen: Vroni Heitmeier.