Bibel statt Kettensäge
Der ultrarechte Kandidat José Antonio Kast siegt in Chile
Ausgerechnet ein Anhänger Augusto Pinochets hat der chilenischen Linken bei der Präsidentschaftswahl im Dezember eine historische Niederlage beschert. Wie konnte es so weit kommen? Der Triumph des Ultrarechten ist auch ein Sieg über eine Linke, die dem Neoliberalismus ein Grab schaufeln wollte, aber bei halb getaner Arbeit stehen blieb.
»Wir müssen eine unbequeme und schonungslose Selbstreflexion vornehmen.« Es ist das erste Mal seit dem zweiten Wahlgang der chilenischen Präsidentschaftswahlen am 14. Dezember 2025, dass die unterlegene kommunistische Präsidentschaftskandidatin Jeannette Jara vor die Öffentlichkeit tritt. Chiles Kommunistische Partei hat zur Fiesta de los Abrazos – dem Fest der Umarmungen – eingeladen, einem jährlichen politischen Fest der chilenischen Linken.
Die Stimmung ist gedrückt: Jara, Ex-Arbeitsministerin, war für das Regierungslager angetreten. Nach einem Sieg im ersten Wahlgang fiel sie im zweiten Wahlgang mit nur 41,8 Prozent weit hinter den extrem rechten Kandidaten José Antonio Kast zurück. Was ihre eigene Analyse der Ursachen ist, präzisiert sie zu diesem Anlass nicht. Es bleibt bei dem Aufruf zur Selbstkritik.
Anlass zu dieser bietet nicht nur die schwerste Wahlniederlage der politischen Linken seit der Rückkehr Chiles zur Demokratie 1990, sondern auch die Tatsache, dass sich die politische Stimmung im Land in den vergangenen vier Jahren radikal gewandelt hat. Noch vor vier Jahren feierten Tausende den frisch gewählten Gabriel Boric, der in seiner Siegesrede versprach: »Wenn Chile die Wiege des Neoliberalismus war, wird es auch sein Grab sein.« Eine neue Verfassung schien greifbar, die Gesellschaft bereit, endlich aus dem langen Schatten der Diktatur Augusto Pinochets herauszutreten, die das politische und wirtschaftliche System bis heute