Zwei Personen mit glitzerndem Make-Up sitzen vor einem Fenster, die eine legt den Kopf auf die Schulter der anderen, die nachdenklich aus dem Fenster schaut.
Filmstills aus: »La Hija Condor«

Von Militär­diktatur bis Alltag - von Uruguay bis El Salvador

CineLatino 2026

In den Filmen des diesjährigen Festivals CineLatino wurden die Nachwirkungen von Militärdiktaturen in Lateinamerika und alltägliche Kämpfe von Menschen gezeigt. Auch Träume von einer besseren Zukunft fanden dabei Platz.

von Michell Messmer

10.06.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 415

Das CineLatino ist ein Filmfestival, das jedes Jahr ein Programm mit Kurz- und Langfilmen aus Spanien und Lateinamerika auf die Leinwand bringt – in Freiburg, Stuttgart, Tübingen und Reutlingen. Der Fokus lag dieses Mal auf dem Land Uruguay sowie auf dem Thema Menschenrechte in Lateinamerika. Letzteres ist eng verwoben mit den Militärdiktaturen des 20. Jahrhunderts. Einerseits werden deren Aufarbeitung und Folgen thematisiert, andererseits aber auch aktuelle Ungleichheiten. Obwohl alle lateinamerikanischen Staaten inzwischen parlamentarische Demokratien sind, sind die Differenzen überall zu sehen: zwischen Arm und Reich, zwischen den Geschlechtern, zwischen Stadt und Land. Das Programm deckt eine große Breite an Genres ab und oft geht es in den Filmen um Menschen, meist aus marginalisierten Gruppen, die sich in einer neuen Situation zurechtfinden müssen.

(Über)leben in Groß­stadt und Gebirge

Auch Uruguay war in den 1970er und 80er Jahren eine Militärdiktatur. Heute gilt das Land als einer der demokratischsten und wohlhabendsten Staaten Südamerikas. Auf die Teile der uruguayischen Gesellschaft, die nichts davon haben, richtet sich der Blick der Filmemacher*innen der diesjährigen Festivalfilme. Zum Beispiel im Dokumentarfilm Mala Reputación. Er zeigt den Kampf von Sexarbeiter*innen für ihre Rechte während der Corona-Pandemie. Die 45-jährige Karina kommt aus prekären Verhältnissen, wurde schon mit zwölf Jahren in die Sexarbeit gezwungen und hat immer wieder versucht, einen anderen Job zu bekommen. Doch auch eine Stelle als Putzkraft wurde ihr verwehrt. »Wenn ihr mich schon nicht aus der Sexarbeit holt, lasst mich nicht tiefer sinken«. Sie vernetzt sich mit ihren Kolleg*innen und gründet die Organisation OTRAS (Organización de Trabajadoras Sexuales), um für mehr rechtliche und finanzielle Sicherungen zu kämpfen. Die Doku beschönigt Sexarbeit nicht und zeigt die Wichtigkeit der Organisierung marginalisierter Gruppen.

In Antes la Lluvia ist die Arbeitswelt Ausgangspunkt für die Handlung. María ist alleinerziehende Mutter, deren Sohn gerade auf Abstand geht. Wegen eines Ohnmachtsanfalls wird sie prompt gekündigt. In ihrem neuen Job betreut sie die demenzkranke Esther, deren Tochter Soledad zu viel arbeitet und keine Zeit hat, sich um sie zu kümmern. María hat keine Erfahrung in der Betreuung von demenzkranken Menschen, wie erwartet gestaltet sich die Beziehung zwischen den beiden als schwierig. Esther verweigert sich zunächst der Betreuung, doch mit der Zeit entwickelt sich eine Freundschaft.

Die Erzählungen der trauma­tischen Ereig­nisse wirken dem Ver­gessen entgegen

Auch in La Hija Condor stehen familiäre Beziehungen und persönliche Veränderungen im Zentrum: Die bolivianische Hebamme Clara bricht mit der Familientradition und entflieht ihrer Indigenen Dorfgemeinschaft, um in der Großstadt Chicha-Sängerin zu werden. Es ist ein Film über Konflikte zwischen Generationen, in dem schillernde Neon-Lichter einen Kontrast mit grünen Anden-Landschaften bilden – ein Sinnbild des Unterschieds zwischen dem Indigenen und dem ‚westlichen‘ Bolivien, den der Film ebenfalls aufgreift.

Während Mala Reputación oder Antes la Lluvia eine harte Realität zeigen, bietet Un cabo suelto leichte Unterhaltung. Der uruguayische Polizist Santiago muss Beruf und Heimat hinter sich lassen, da ihm seine korrupten Kollegen an den Kragen wollen. Er flieht ins Nachbarland Argentinien, wo er sich als Käseproduzent eine neue Identität aufzubauen versucht. Die Stärke des Films sind die Interaktionen, in denen Santiago sein Gegenüber mit viel Gewitztheit von seiner Story zu überzeugen versucht. Das erinnert deutsche Kinobesucher*innen wahrscheinlich eher an französische Komödien. Im Kontrast zum Großstadtdschungel zeigt Al sur del inverno está la nieve schöne Naturbilder, aber auch die Isolation, die das Landleben in Patagonien mit sich bringt. Mal scheint die Sonne friedlich übers Gebirge, mal kämpfen in gewaltigen Schneestürmen Mensch und Tier ums Überleben.

Gegen das Vergessen

Der salvadorianische Bürgerkrieg ist ein düsteres Kapitel Lateinamerikas und des Kalten Krieges, von dem in Westeuropa inzwischen wohl nur noch wenige wissen. Das von den USA unterstützte Militärregime führte ab 1979 einen brutalen Krieg gegen linke Guerillagruppen, die sich 1980 der FMLN (Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional) anschlossen, die ihrerseits von der UdSSR und Kuba unterstützt wurden. Die Regierungstruppen begingen Massaker an der Landbevölkerung, der sie vorwarfen, mit der FMLN zu kollaborieren. Über das Massaker im Dorf El Mozote 1981 erzählen sieben Frauen in Altares. Alle verloren Familie und Freund*innen. Dass die meisten Dorfbewohner*innen gar nichts mit der Guerilla zu tun hatten, interessierte die Soldaten nicht. Sie zerrten sie aus ihren Häusern, vergewaltigten Frauen und Mädchen, versammelten sie für Massenerschießungen. Erst Jahre später kehrten die Überlebenden zum Schauplatz der Verbrechen zurück. Die Kreuze an den ursprünglichen Grabstellen der Opfer sind längst überwachsen, nun drohen auch die Erinnerungen daran zu verschwinden. Die Erzählungen der traumatischen Ereignisse wirken diesem Vergessen entgegen.

Wie schon Altares beschäftigt sich auch Wir, die Wolfs mit verdrängter Geschichte – jedoch nicht mit Bürgerkrieg und Massengewalt, sondern mit den Spuren des Kolonialismus in Ecuador. Dort hatte der deutsche Forscher Theodor Wolf viele Entdeckungen gemacht, bis heute sind viele Orte nach ihm benannt. Dahinter steckt jedoch eine Menge nicht aufgearbeiteter Kolonialismus: »Pasaguay? Die gehört hier nicht hin… Wir sind eine Familie mit einem bekannten Namen. Und dann kommt so eine, ohne irgendwas...«, meint die Mutter des Regisseurs Darío Aguirre, als er ihr von der Indigenen Ehefrau seines Ururgroßvaters Wolf erzählt, mit der Wolf viele Kinder hatte – die er aber nie erwähnte. Soviel zu der »ungeschminkten Wahrheit« von der Wolf in seinen Memoiren schreibt.

So erzählte das CineLatino 2026 vielseitige Geschichten von Alltag, Gewalt und persönlicher Befreiung in Lateinamerika. Hoffentlich schließt das nächste CineLatino hier wieder an.

Filme

  • Wir, die Wolfs von Dario Aguirre, Deutschland, Ecuador 2025 | OmU | 98 Min.
  • Antes la Lluvia, Brenda Vanegas, El Salvador, Mexiko 2022 | OmeU | 90 Min.
  • Adiós, Cuba, von Rolando Díaz | Spanien 2025 | OmeU | 98 Min.

Michell Messmer lebt und arbeitet in Freiburg.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 415 Heft bestellen
Unsere Inhalte sind werbefrei!

Wir machen seit Jahrzehnten unabhängigen Journalismus, kollektiv und kritisch. Unsere Autor*innen schreiben ohne Honorar. Hauptamtliche Redaktion, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit halten den Laden am Laufen.

iz3w unterstützen