Zur Geschichte von Degrowth
Das Kollapsozän war lange absehbar
Klimakrise, koloniale Ausbeutung und extreme Ungleichheit hängen eng zusammen. Um das aufzuzeigen, ist es notwendig, die verdrängte Geschichte der wachstumskritischen und Post-Development-Debatten über ein Jahrhundert nachzuzeichnen – von antikolonialen Bewegungen bis zum Degrowth-Diskurs heute.
Im April 2010 trafen sich im bolivianischen Cochabamba mehr als 35.000 Menschen – Bäuer*innen, Indigene, Gewerkschafter*innen und Aktivist*innen aus über 140 Ländern. Anlass war das Scheitern der Klimakonferenz von Kopenhagen. Ihr verabschiedetes Volksabkommen sprach eine Sprache, die in den Verhandlungsfluren des Nordens noch kaum zu hören war: Es griff die Ökonomie und Ideologie des Wachstumsdenkens direkt an, verurteilte die »Überausbeutung und ungleiche Aneignung der planetaren Gemeingüter« durch den Globalen Norden und forderte die »Dekolonisierung der Atmosphäre« – durch drastische Emissionsreduktionen und die Rückgabe des von Industrieländern besetzten atmosphärischen Raums, auch durch Wachstumsrücknahme. Das zeigt: Degrowth-Forderungen aus dem Süden existierten lange, bevor das Konzept im Norden politisch salonfähig wurde. Cochabamba war Ausdruck einer langen Geschichte. Die Kritik am Wirtschaftswachstum hat im Globalen Süden tiefe Wurzeln – die mindestens so weit zurückreichen wie die wachstumskritischen Debatten Europas. Um diese Geschichte zu verstehen und die aktuellen Debatten einzuordnen, lohnt ein Blick zurück – denn Postwachstum entfaltet sich am produktivsten als globale ökologische Gerechtigkeitsperspektive.
Die vergessene Geschichte
Lange bevor 1972 der erste Bericht »Die Grenzen des Wachstums« des Club of Rome eine westliche Debatte auslöste, hatten antikoloniale Denker*innen das Wachstumsmodell des Nordens als eine Form der Ausbeutung beschrieben. Mahatma Gandhi, Rabindranath Tagore und der Ökonom J.C. Kumarappa entwickelten schon im frühen 20. Jahrhundert Alternativen, die auf lokaler Selbstversorgung, handwerklicher Produktion und einem anderen Verhältnis zur Natur basierten. Frantz Fanon machte klar, dass »Entwicklung« nach westlichem Muster keine Befreiung bedeutete, sondern Abhängigkeit durch andere Mittel. Post-Development-Theoretiker*innen wie Arturo Escobar und Gustavo Esteva griffen diese Kritik in den 1980er und 90er Jahren auf. Ihre These: Entwicklung selbst – als universelles Versprechen, alle Gesellschaften durch Industrialisierung und Wachstum auf einen westlichen Standard zu heben – sei kultureller Imperialismus, der lokales Wissen zerstöre und Abhängigkeiten reproduziere. Parallel entstanden in Lateinamerika, Westafrika und Südasien anti-extraktivistische Bewegungen, die gegen Bergbau, Agrarmonokulturen und die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen durch globale Lieferketten kämpften. Aus den Andenländern formulierten indigene Gemeinschaften das Konzept des Buen Vivir: ein gutes Leben, das nicht auf Akkumulation beruht, sondern auf Reziprozität (Wechselseitigkeit), Gemeinschaft und dem Verhältnis zur Natur – Sumak Kawsay auf Quechua, Suma Qamaña auf Aymara. In Teilen Afrikas boten Ubuntu-Traditionen ähnliche Grundlagen: Würde und Wohlergehen werden gedacht als kollektives, nicht individuelles Gut.
Würde und Wohlergehen werden gedacht als kollektives, nicht individuelles Gut.
Auch im Globalen Norden – dort, wo sich die Vorteile der imperialen Lebensweise konzentrieren – hatte die Kritik am Wirtschaftswachstum lange Wurzeln, wurde aber erst besonders prominent im Kontext des Berichts des Club of Rome. Der Sozialphilosoph André Gorz fragte 1972: Ist das Gleichgewicht der Erde – das ein Null-Wachstum oder sogar eine Rücknahme der materiellen Produktion braucht – vereinbar mit dem Überleben des kapitalistischen Systems? Der Mathematiker und Ökonom Nicholas Georgescu-Roegen zeigte in seinem Buch The Entropy Law and the Economic Process, dass die wirtschaftliche Entwicklung notwendigerweise in physische und biologische Prozesse eingebunden ist und daher die Grenzen, die sich aus physikalischen Gesetzen – vor allem dem Entropiegesetz – ergeben, nicht ignorieren kann. Was stattdessen folgte, waren nicht weniger Wachstum und weniger Ausbeutung, sondern Strukturanpassungsprogramme, Privatisierungen und die Durchsetzung des Washington Consensus – der den Ländern des Südens in den 1980er und 90er Jahren genau jene Politik aufzwang, die ihre Möglichkeiten zur eigenständigen Entwicklung beschränkte.
Geburt der Degrowth-Bewegung
Die aktuelle Degrowth-Bewegung entstand in den 2000er Jahren, ausgehend von Frankreich, stark verwurzelt in anarchistischen Umweltgruppen, Kampagnen für autofreie Städte und Protesten gegen industrielle Großinfrastrukturen. Als intellektuelle Strömung verband Degrowth die ökologische Perspektive thermodynamisch begründeter Wachstumsgrenzen mit der durch die Post-Development-Schule inspirierten Kritik am linearen Entwicklungsdenken. Die erste internationale Degrowth-Konferenz fand 2008 in Paris statt und etablierte den Begriff in der wissenschaftlichen Debatte. Zur Konferenz 2014 in Leipzig kamen über 3.500 Menschen. Seitdem hat sich das Feld rasant entwickelt: als politischer Bewegungsrahmen, als Vernetzungspunkt zwischen Care-Bewegung, Solidarischer Landwirtschaft und Klimaprotesten und als Forschungsparadigma, das mittlerweile auch Einzug in den sechsten Sachstandsbericht des IPCC gefunden hat.
Reduktion im Norden, um Spielräume im Süden zu öffnen
Postwachstum und Degrowth werden dabei häufig synonym verwendet, bezeichnen aber nicht ganz identische Konzepte. Degrowth ist der konflikthaftere, provokativere politische Slogan: Er sucht die Konfrontation mit kapitalistischen Wachstumszwängen und betont die Notwendigkeit einer demokratisch organisierten Reduktion von Produktion und Konsum. Postwachstum fungiert eher als analytischer Oberbegriff für ein heterogenes Feld von Strömungen – von institutionenorientierten Reformansätzen über Commons-Ökonomien bis hin zu feministischer Ökonomiekritik und postkolonialen Perspektiven. Was alle eint: die Abkehr vom Bruttoinlandsprodukt als Leitgröße gesellschaftlichen Fortschritts und die Überzeugung, dass Wohlergehen für alle innerhalb planetarer Grenzen möglich ist – ohne weiteres Wirtschaftswachstum. Die empirische Basis dieser Überzeugung ist heute solide. Zahlreiche Studien zeigen übereinstimmend, dass es keine hinreichende Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch auf globaler Ebene gibt. Stattdessen werden Effizienzgewinne regelmäßig durch steigende Produktions- und Konsummengen überkompensiert. Und hohe soziale Standards sind nicht zwangsläufig an hohes Wachstum gebunden.
Die globale Klassenfrage
Wachstum und seine Folgen sind tief ungleich verteilt – und das ist zentraler Ausgangspunkt für Degrowth als globale ökologische Gerechtigkeitsperspektive. Das Global Inequality Project macht diese Ungleichheiten mit Daten sichtbar, die in der politischen Diskussion noch zu selten auftauchen: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung emittiert mehr als 100 Tonnen CO2 pro Person und Jahr – 33-mal mehr als der Durchschnitt. Zusammengenommen übersteigen ihre Gesamtemissionen die der ärmeren Hälfte der Menschheit. Sie haben ihren fairen Anteil für das verbleibende 1,5-Grad-Budget bereits sechsmal verbraucht. Allein die weltweiten Millionär*innen sind dabei, 72 Prozent des verbleibenden Kohlenstoffbudgets für das 1,5-Grad-Ziel zu verbrauchen. Das reichste Zehntel hat im Zeitraum 1990 bis 2020 67 Prozent der globalen Erwärmung verursacht. Noch entscheidender: Eine relativ kleine globale Elite entscheidet durch ihre Investitionsentscheidungen und fossilen Anlagestrategien über die Zukunft des Energieregimes. Gleichzeitig profitieren nicht alle gleich vom Wachstum – die steigende Flut hebt nicht alle Boote. Der World Inequality Report zeigt, dass vom Vermögenszuwachs zwischen 1995 und 2021 die ärmeren 50 Prozent nur 2 Prozent profitiert haben, während die Vermögen des reichsten 1 Prozent um 38 Prozent stiegen. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Klimawandel ist Klassenkrieg – verursacht durch fossiles Wachstum, von dem eine global sehr kleine Minderheit maßgeblich profitiert, während die Kosten vor allem von den Ärmsten weltweit getragen werden.
Das reichste Prozent verheizt die Zukunft
Noch fundamentaler ist die Frage des ungleichen Tauschs. Der Globale Norden hat zwischen 1990 und 2020 jährlich im Durchschnitt 7,3 Milliarden Tonnen Rohstoffe, 113 Exajoule Energie, 427 Millionen Hektar Land und 323 Millionen Personenjahre Arbeit aus dem Süden netto abgezogen – mehr als die gesamte Arbeitskraft aller Beschäftigten der USA und der EU zusammen – und das jedes Jahr. Die Energie und Materialien, die dabei in Richtung Norden fließen, wären ausreichend, um die gesamte Bevölkerung des Globalen Südens auf menschenwürdige Lebensstandards zu heben. Stattdessen fließen sie in Fast Fashion und Elektronik für globale Lieferketten. Die Klimareparationen-Forschung zieht daraus eine klare politische Konsequenz: Die Überemittenten schulden den Ländern des Südens Kompensation für die Aneignung ihres atmosphärischen Anteils. Postwachstum kann deshalb als Voraussetzung und Teil einer reparativen Gerechtigkeitsperspektive gedacht werden.
Dekoloniale Perspektiven ...
Aus der Perspektive des Globalen Südens ist die Degrowth-Debatte des Nordens zwiespältig. Einerseits teilen viele Bewegungen im Süden die grundlegende Kritik: Der Ressourcen- und Emissionsverbrauch des Nordens überschreitet seinen fairen Anteil an planetaren Grenzen erheblich und beruht auf der Externalisierung sozialer und ökologischer Kosten. Die imperiale Lebensweise des Nordens strukturiert globale Produktionsverhältnisse auf eine Weise, die Länder des Südens in struktureller Abhängigkeit hält. Und Degrowth strebt eine Konvergenz der Energie- und Materialströme und damit auch der Lebensstandards weltweit an, durch eine Zurücknahme des Überkonsums und das Abbauen der Wachstumsabhängigkeiten.
Andererseits gibt es berechtigte Einwände. Wenn Degrowth als universelle Forderung formuliert wird – Wachstum sei überall gleich problematisch – reproduziert es einen impliziten Eurozentrismus. Es ignoriert historische Klimaschuld und das Recht auf Entwicklung im Süden. Postwachstum bezieht sich daher ausdrücklich auf die frühindustrialisierten Länder des Nordens – nicht als globale Schrumpfungsformel, sondern als Reduktion im Norden, um Spielräume im Süden zu öffnen. Auch die fehlende Dekolonisierung und nicht hinterfragten Privilegien hinter der akademischen Postwachstumsdiskussion werden kritisiert. Hinzu kommt: Die sogenannte »grüne« Transformation, die im Norden propagiert wird, reproduziert häufig alte Muster. Lithium für Elektroautos aus dem bolivianischen Salar de Uyuni, Kobalt aus dem Kongo, Windparks auf indigenem Land in Mexiko oder Indien – die ökologische Modernisierung des Nordens hat einen kolonialen Fußabdruck. Und selbst wenn der Material- und Energieverbrauch im Norden schnell reduziert wird, bleiben fundamentale Abhängigkeiten im Weltsystem bestehen – von Handelsbeziehungen über das Finanzsystem bis hin zur globalen Governance-Architektur, die selbstbestimmter Entwicklung im Süden entgegenstehen. Postwachstum muss daher Schuldenentlastung, fairen Technologietransfer und den Abbau struktureller Handelsungleichgewichte einschließen.
Gleichzeitig hat der Globale Süden Konzepte entwickelt, die über bloße Kritik hinausgehen. In Ecuador und Bolivien wurden Rechte der Natur in Verfassungen verankert. Die Ernährungssouveränitätsbewegung La Via Campesina – der weltweit größte Zusammenschluss kleinbäuerlicher Organisationen mit rund 200 Millionen Mitgliedern – kämpft für lokale Lebensmittelsysteme und gegen Agrarkonzerne. Sie verbindet Fragen von Ökologie, Klasse und Dekolonialisierung auf eine Weise, von der die europäische Degrowth-Debatte noch viel lernen kann. Postwachstum aus einer dekolonialen Perspektive zu diskutieren, heißt anzuerkennen, dass viele der für diese Bewegung zentralen Prinzipien schon lange in Gesellschaften des Globalen Südens existierten.
... auf ein neues Postwachstum
Im Norden hat sich die Degrowth-Bewegung in den letzten Jahren stark ausdifferenziert. Die Beyond-Growth-Konferenz im Europäischen Parlament im Mai 2023 zeigte, dass das Konzept in institutionellen Räumen angekommen ist – auch wenn es politisch marginal bleibt. Wichtige Debatten drehen sich heute um drei Schwerpunkte. Erstens: die Klassenfrage. Frühe Degrowth-Ansätze tendierten dazu, Wachstumskritik als Frage individuellen Konsums zu formulieren und landeten damit in bildungsbürgerlichen Milieus. Neuere Arbeiten rücken Eigentums- und Machtverhältnisse ins Zentrum; nicht freiwillige Einfachheit, sondern radikale Umverteilung durch Vermögens- und Erbschaftssteuern, Obergrenzen für Einkommen und Luxuskonsum, Ausbau öffentlicher Infrastrukturen und nicht-monetärer Daseinsvorsorge.
Viele Antworten kamen zuerst aus dem Süden
Zweitens: demokratische Planung. Degrowth wurde zwar lange als geplante Reduktion von Produktion und Konsum sowie mit dem Ziel, ökologischen Druck zu reduzieren und das Wohlergehen zu steigern, definiert. Aber wie diese Planung genau aussehen sollte, wurde kaum thematisiert. Das ändert sich in den letzten Jahren. Es gibt ein vermehrtes Interesse an Auseinandersetzungen mit Wirtschafts- und Investitionsplanung: Wie lässt sich eine Reduktion von Produktion und Konsum organisieren, ohne soziale Sicherheit zu gefährden? Wie können Investitionen und Innovationen, aber auch Desinvestitionsprozesse und Exnovation (die gezielte Abschaffung schädlicher Technologien und Praktiken) demokratisiert werden? Das erfordert Institutionen über Marktmechanismen hinaus, von globaler Mehrebenen-Governance über Commoning bis hin zu kommunalen Haushalten. Drittens die Frage des Kollapsozän in Zeiten des Greenlash (gesellschaftliche und politische Gegenreaktion auf Klima- und Nachhaltigkeitsmaßnahmen).
Im Kollapsozän
Lange war Degrowth vor allem als Strategie zur Krisenprävention gedacht – als Weg, durch geplante Reduktion Kipppunkte zu vermeiden. Dieser Horizont hat sich verändert. Sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen sind bereits überschritten. Ob die Welt sich noch innerhalb der 1,5-Grad-Grenze halten kann, wird von immer mehr Expert*innen bezweifelt. Politisch erleben wir in vielen Gesellschaften keinen Anstieg der Klimaambition, sondern das Gegenteil: einen antiökologischen Autoritarismus, Rückzug aus Klimaabkommen, das Erstarken fossiler Interessen. Das verschiebt den politischen Horizont grundlegend. Es geht nicht mehr allein darum, eine Katastrophe zu verhindern. Es geht auch darum, in einer Welt zu handeln, in der bestimmte Verluste – von Ökosystemen, Küstenregionen oder Möglichkeiten – bereits irreversibel sind. Das erfordert, was in politischen Debatten selten vorkommt: Trauerarbeit. Die Anerkennung von Verlusten, ohne in Lähmung zu verfallen. Vanessa Machado de Oliveira und das Kollektiv Gesturing Towards Decolonial Futures sprechen von »Hospicing Modernity«. Aus dieser Erkenntnis folgen neue Strategiefragen für Degrowth, die bisher kaum diskutiert werden. Und auch hier gibt es viel von den Bewegungen und Diskussionen im Globalen Süden zu lernen.