Eine leere Metro von innen.
Fotografia de Rua | © Mani Vaz (2024)

Jenseits Feministischer Entwicklungspolitik

Dekoloniale Perspektiven auf globale Gerechtigkeit

Feministische Entwicklungspolitik verspricht mehr Gerechtigkeit. Dabei kritisieren dekolonial-feministische Akteur*innen jedoch auch ihre Einbindung in bestehende Machtstrukturen und fordern einen grundlegenden Wandel von Wirtschaft, Politik und globalen Beziehungen.

von Christine Löw

02.08.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 416
Teil des Dossiers Feministisch betrachtet

Im Jahr 2023 erklärte das BMZ-Strategiepapier »Feministische Entwicklungspolitik: Für gerechte und starke Gesellschaften weltweit«, einen postkolonialen und antirassistischen Ansatz zu verfolgen, der Machtverhältnisse kritisch analysiert und auf einen systemischen Wandel globaler Verhältnisse abzielt. In der Debatte kam es auch zu einer inner-feministischen Kritik an Feministischer Entwicklungspolitik: Das Papier berücksichtige bestehende Ungleichheiten in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft zu wenig und reflektiere seine Einbettung in die aktuelle Zeitenwende, neue Kriege und Aufrüstung kaum. Damit könne staatliche Feministische Entwicklungspolitik als Deckmantel für ein verschärftes Migrations- und Asylrecht sowie geopolitische und militärische Interessen dienen.

Wer entwickelt wen?

Besonders dekolonial-feministische Ansätze hinterfragten das zentrale Konzept ‚Entwicklung‘ (wer entwickelt wen wohin mit welcher Begründung?) sowie die Einbindung von Entwicklungs­zusammenarbeit (EZ) in unverändert kapitalistische und neokoloniale Machtasymmetrien. Das Strategiepapier formuliert Kritik an Patriarchat und kolonialen Kontinuitäten, ohne jedoch deren Zusammenhänge mit systemischen Ungleichheiten in der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung herzustellen. Das irritiert, weil bekannte feministische Forscherinnen wie Diane Elson, Jayati Ghosh, Naila Kabeer, Sara Longwe oder Rhoda Reddock seit langem den männlichen Erste-Welt-Bias von Entwicklung durch nicht-nachhaltiges Wachstum, neoliberalen Freihandel und unregulierte Finanzmärkte aufzeigen: Die von IWF und Weltbank bis heute vorgegebenen Strukturanpassungs- und Austeritätsprogramme führen zu Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten sowie zu Kürzungen staatlicher Ausgaben für soziale Sicherungssysteme und öffentliche Dienstleistungen. Dies trifft insbesondere benachteiligte Frauen, Arbeiter*innen und arme Menschen im Globalen Süden.

Wird die Politische Ökonomie von Entwicklung dekolonial-feministisch analysiert, lassen sich diese Widersprüche einordnen. Schon 1987 forderten die indische Ökonomin Gita Sen und die US-amerikanische Wissenschaftlerin Caren Grown in ihrem Buch »Development, Crises and Alternative Visions: Third World Women’s Perspectives« die liberale Vorstellung von Geschlechtergleichstellung in Entwicklung heraus. Trotz der UN-Frauendekade 1975-1985 und drei internationalen UN-Frauenkonferenzen verschlechterten sich die Lebensbedingungen armer Frauen im Globalen Süden. Deren Integration in 'Entwicklung' stellte die genderungerechten Strukturen von Arbeits-, Einkommens- und Finanzmärkten nicht grundlegend in Frage. Daher sollten alternative Gesellschaftsentwürfe aus dem Blickwinkel marginalisierter Frauen im Globalen Süden stammen.

Die Schatten der Transformation

Dekoloniale Feminismen beschränken sich nicht auf die Kritik geschlechtsspezifischer Ungleichheiten. Sie fragen, welche Form von Entwicklung, welche staatlichen und globalen Strukturen sowie wessen Interessen Entwicklungsprozesse bestimmen. Wie aktuell diese Kritik ist, zeigen die Debatten um Energiewende und Dekarbonisierung. Die steigende Rohstoffnachfrage im Globalen Norden führt etwa beim Lithiumabbau zu neuen Formen extraktivistischer und kolonialer Kontinuitäten. Die argentinische Forscherin Maristella Svampa hat analysiert, wie für Großprojekte in Lateinamerika Land enteignet und Subsistenzgrundlagen ländlicher Bevölkerungen zerstört werden. Insbesondere indigene, afrodeszendente und bäuerliche Frauen protestieren gegen die »Maskulinisierung von Territorien«, Umweltvergiftungen, mehr Pflegearbeit sowie die Auflösung ihrer gemeinschaftlichen Zusammenhänge oder Solidaritäten.

Es genügt nicht, Arbeitsplätze für Frauen zu fördern

Ebenso zeigen Studien des panafrikanischen Netzwerks Women against Mining (WoMin), wie im Namen von Klimaschutz­maßnahmen und dem Ausstieg aus fossilen Energien eine neue Form von Extraktivismus stattfindet. Für Net Zero, Biokraftstoffe oder Klimazertifikate werden Land und Ressourcen in Südafrikas Nordkap an sich gerissen und die Souveränität, Rechte und Ökosysteme der dort lebenden Menschen untergeordnet. Der »grüne Extraktivismus« wird Entwicklungs­interessen von marginalisierten und armen Frauen und ihren Gemeinschaften nicht gerecht. Für dekolonial-feministische Interventionen ist es hier notwendig, u. a. die deutsche Rohstoffstrategie 2010/2019 sowie den EU Critical Raw Materials Act 2024 als Fortsetzung von kolonialen und patriarchalen Formen kapitalistischer Industriepolitik in grünem Kleid zu kritisieren. Zugleich ist die geopolitische Neuausrichtung in Außen- und Sicherheitspolitik für eine Energiewende im Globalen Norden auf Kosten des Globalen Südens zu hinterfragen. Es genügt nicht, für Frauen Arbeitsplätze in Minen, Erdölkonzernen oder auf Plantagen zu fordern. Vielmehr müssen fundamentale Strukturen extraktiver Ökonomien durchleuchtet werden. Dazu zählt die Sichtbarmachung von unbezahlter Care-Arbeit, die weiterhin überwiegend von Frauen erbracht wird und die unsichtbare Basis von Wirtschaft und Wohlstand darstellt. Aber auch der Ausgleich von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung zwischen entlohnter und nicht entlohnter Arbeit. Darüber hinaus stellen sich Fragen nach einer gerechten Verteilung der Wertschöpfung aus Ressourcen zugunsten lokaler Märkte, strukturell benachteiligter Gemeinschaften und marginalisierter Frauen sowie nach der Verankerung von Reparationen und Entschädigungen für Kolonial-, CO2- und ökologische Schulden.

Entwicklung neu denken

Angesichts der inhärenten Widersprüche einer Feministischen EZ, die umfassende Gendergerechtigkeit nicht mit antikapitalistischen und anti-imperialen Anliegen zusammendenkt, ist es aus dekolonial-feministischer Perspektive naheliegend, neue emanzipatorische Modelle aus dem Globalen Süden wie Buen Vivir, Ernährungssouveränität, post-extraktivistische Zukünfte, selbstbestimmte nachhaltige Entwicklung, Pluriversum oder Ubuntu aufzugreifen. Nicht zufällig entstehen in kommunitären, indigenen oder bäuerlichen Bewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika eher systemverändernde Analysen von Gendergerechtigkeit. In ihren Kämpfen verbinden sie Gender intersektional mit Armut, informeller Arbeit, Kriegen, ökologischer Zerstörung, Hunger und Schulden – weil die Themen ohnehin verflochten sind. Aus dieser Perspektive kritisieren sie wirtschaftliche Entwicklungspläne, weil darin Genderungleichheit ausgeklammert wird, oder die Pläne gar selbst auf ihr basieren: Riesige Kohlebergwerke in Südafrika und Indien, gigantische Ölförderung im Amazonasgebiet Ecuadors oder agroindustrielle Monoplantagen in Kolumbien und Kenia werden getragen von unbezahlter Care-Arbeit, erschöpfter Arbeitskraft sowie überstrapazierten Zeitbudgets von Frauen.

Dekolonial-feministische Ansätze hinterfragen das Konzept ‚Entwicklung‘

Dekolonial-feministische Forscher*innen plädieren deshalb für gesellschaftsverändernde Ökonomien, die eine Daseinsvorsorge und soziale Infrastruktur für alle bereitstellen können. Ein Beispiel dafür wäre das Dorf Mala Jin in Qamischli/ Nordostsyrien, wo Frauenbefreiung mit demokratischen Entscheidungsstrukturen und nachhaltigem Wirtschaften gelebt wird. Feministische Strömungen im Bündnis La Via Campesina fordern Land, Wald, Gewässer und nachhaltiges Wissen als Commons zu verteidigen und von subalternen Frauen zu lernen. WoMin schlägt eine post-extraktivistische Zukunft vor, die sich an indigenen Gemeinschaften und Graswurzelbewegungen für gerechten Wandel anlehnt, und fragt: Wer wird letztlich den Zugang zur erneuerbaren Energie haben? Besteht die geschlechtsspezifische Unterdrückung fort? Kann gerechte Transformation überhaupt in einem auf unendliches Wachstum ausgerichteten Wirtschaftsmodell stattfinden? Wie gehen wir mit den Folgen von Kolonialismus und ökologischen Langzeitschäden um?

Die Kämpfe zusammen­bringen

Momentan werden in Deutschland Klima-, Gender- oder Antidiskriminierungspolitik sowie Verteilungsgerechtigkeit zurückgedrängt. Die Themen Verteidigung und Zeitenwende sind omnipräsent. Gleichzeitig gibt es auch ein wachsendes Interesse bei jungen Menschen an Theorie und Praxis von Degrowth, gerechter Weltwirtschaft, Care-Ökonomie, sozial-ökologischer Transformation und Geschlechterdemokratie. Daher sollten feministisch-dekoloniale Ansätze jenseits der EZ transnationale Bündnisse mit Bewegungen und Aktivist*innen für inklusiv-gerechte und nachhaltige Gesellschaften stärken. Zudem gilt es, sich mit Klimaaktivist*innen, Friedens- und Antimilitarismusinitiativen, (post-)migrantischen, antirassistischen und antifaschistischen Organisationen, Gewerkschaften sowie progressiven religiösen Gruppen zu vernetzen. Nicht die Anpassung marginalisierter Frauen an bestehende Entwicklungsmodelle ist zentral, sondern die gemeinsame Transformation jener gesellschaftlichen Verhältnisse, die Ungleichheit, Ausbeutung und ökologische Zerstörung hervorbringen.

Christine Löw ist assoziierte Forscherin an der Universität Frankfurt am Main und analysiert Kämpfe subalterner Frauen für Ernährungssouveränität und Klimagerechtigkeit.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 416 Heft bestellen
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