Der Friedensprozess ist nicht gescheitert
Die gescheiterte FARC-Partei »Comunes« hat durch ihre Demobilisierung paradoxerweise anderen Linkskräften in Kolumbien den Weg geebnet
Audiobeitrag von südnordfunk Team
01.05.2026
Nur rund 10.000 Stimmen erreichte die Partei der ehemaligen FARC-Guerilla »Comunes« bei den Parlamentswahlen im März. Damit steht das politische Projekt der früheren marxistischen Kämpfer*innen vor dem Aus. Ihre Demobilisierung aber, sagt südnordfunk-Kollege Christian Conde, hat politische Räume für andere linke Kräfte in der kolumbianischen Politik geschaffen. Das zeige sich nicht nur am Parlementswahlsieg des Linksbündnisses Pacto Histórico im März 2026, sondern auch daran, dass der Kandidat Iván Cepeda als Favorit in den nun beginnenden Präsidentschaftswahlkampf geht.
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südnordfunk #143 – Der Frieden in Kolumbien zehn Jahre nach dem Friedensabkommen
südnordfunk: Die FARC *sind nach dem Friedensabkommen 2016 als eine eigene politische Partei aufgetreten. Wo steht die Partei heute, zehn Jahre nach dem Friedensabkommen?
Christian Conde: Man muss eigentlich sagen, die FARC steht kurz vor ihrem Ende. Anfang März 2026 waren Kongresswahlen in Kolumbien. Die FARC-Partei Comunes hatte nur eine einzige Kandidatin aufgestellt, die auch lediglich zehntausend Stimmen erhalten hat, also weit unter einem Prozent aller Stimmen. Das ist nicht nur ein sehr enttäuschendes Ergebnis, sondern hat auch ganz konkrete Folgen, weil die Partei damit nach der kolumbianischen Gesetzgebung ihre Rechtspersönlichkeit verliert. Die politischen Beobachter*innen in Kolumbien sprechen davon, dass dieses politische Projekt jetzt zu einem Ende gekommen ist.
Die FARC steht kurz vor ihrem Ende
Wie kam es dazu?
Christian Conde: Da müssen wir etwas zurückschauen. Mit dem Friedensabkommen von 2016 haben sich rund 13.000 Mitglieder der damaligen FARC-Guerilla demobilisiert. Die FARC sind danach erst unter ihrem Akronym FARC, später dann unter den Namen Comunes aufgetreten. Teil des Friedensabkommen war die politische Teilhabe und es wurde vereinbart, dass die FARC-Partei über zwei Legislaturperioden jeweils fünf Sitze im Senat und im Repräsentantenhaus erhält. Dadurch hatten die FARC-Kandidat*innen eigentlich einen festen Platz in der politischen Landschaft. Sie konnten gewählt werden, aber es war gar nicht notwendig, dass sie überhaupt Stimmen bekommen und das war schon ein Problem. Die Wählenden in Kolumbien haben ihre Stimme dann einfach anderen Kandidat*innen gegeben. Die Gründe, dass die Partei und das politische Projekt der Partei bzw. der Guerilla gescheitert ist, sind also sehr vielfältig. Es gab schon während und nach dem Friedensprozess zahlreiche Abspaltungen. Andererseits haben die FARC dann auch ein bisschen ihr eigenes politisches Potenzial überschätzt. Ihr bewaffnetes Potenzial war höher als ihr tatsächliches politisches Potenzial. Auch die Ablehnung der Bevölkerung haben sie unterschätzt. Sie hatten geglaubt, sie hätten ein viel besseres Standing innerhalb der kolumbianischen Bevölkerung und das hat dann auch dazu geführt, dass andere Teile der politischen Linken die FARC-Partei nicht mitgenommen haben. So ist die FARC-Partei Comunes eben nicht Teil des Linksbündnis Pacto Histórico – heute die größte politische linke Kraft in Kolumbien. Das ist ein bisschen paradox, weil gerade durch die Demobilisierung der FARC und durch den Friedensprozess haben sich für linke Kräfte in Kolumbien politische Räume geöffnet, auch innerhalb der Institutionen. Es hat den Weg frei gemacht für die Linke.
Du hast es erwähnt: Anfang März waren Parlamentswahlen. Wie sind die - abgesehen von dem schwachen Ergebnis der ehemaligen FARC - ausgegangen?
Christian Conde: Der Pacto Histórico, das Linksbündnis, hat wie schon vor vier Jahren zuvor die meisten Sitze im Senat und im Repräsentantenhaus. Sie haben nochmal fünf Sitze im Senat dazugewonnen, im Repräsentantenhaus zwei Sitze und dadurch ist der Pacto einfach die stärkste Einzelpartei, aber die Bündnispartner sind natürlich auch weit entfernt von einer absoluten Mehrheit. Das war das eine Ergebnis. Das andere wichtige Ergebnis war, dass die Rechte nochmal stark geworden ist. Die Rechtspartei Centro Democrático ist gestärkt aus den Wahlen hervorgegangen und zweitstärkste Kraft geworden, hat weitere Sitze im Kongress errungen. Mit anderen Rechten und Konservativen in den Parteien sind jetzt auch Bündnisse in der neuen Legislaturperiode ab Mitte des Jahres möglich.
Im Mai findet die erste Runde der Präsidentschaftswahlen statt. Der aktuelle Präsident, der Linke Gustavo Pedro, hatte eine Politik, des »totalen Friedens« versprochen, um auch mit anderen bewaffneten Gruppen Frieden zu schließen und deren Demobilisierung zu erreichen. Dieser Versuch gilt jedoch als gescheitert. Warum?
Christian Conde: Da muss man ein bisschen zurückgehen. Die FARC waren eine sehr große Gruppe mit mehr als 13.000 Kämpfer*innen, die sich vor zehn Jahren demobilisiert haben. Und in den Regionen, wo sie sehr präsent waren, haben sie ein Machtvakuum hinterlassen. In dieses Machtvakuum sind dann andere Gruppen reingestoßen. Es gab Abspaltungen von der FARC, heute gibt es mindestens drei Dissidentengruppen. Dann kommt noch die ELN-Guerilla dazu, dann noch die paramilitarische Gruppe Clan del Golfo, die auch Autodefensas Gaitanistas genannt wird*. Das heißt, all diese bewaffneten Gruppen haben heute nach letzten Erhebungen um die 27.000 Mitglieder. 2025 war das Jahr mit den meisten bewaffneten Auseinandersetzungen seit Abschluss des Friedensabkommens. Und es hat jetzt Versuche gegeben, mit dieser Politik des totalen Friedens mit diesen Gruppen zu einem Friedensabkommen zu gelangen. Das ist aber nur in Ansätzen gelungen. Es gibt momentan noch zwei Verhandlungsprozesse: einmal mit dieser paramilitarischen Gruppe und mit einer der dissidenten Gruppen.
Bewaffnete Konflikte sind nach wie vor ein großes Problem
Warum der bewaffnete Konflikt in Kolumbien nach wie vor ein großes Problem ist, dafür gibt es sehr vielfältige Gründe. Die FARC haben ein großes Machtvakuum hinterlassen. Auf der anderen Seite hat nach dem Friedensabkommen 2016 die hierauf folgende Regierung unter Ivan Ducke 2018 bis 2022 nicht so sehr auf die Umsetzung der Friedensvereinbarung gesetzt. Gerade auf sozialer Ebene. Themen, die vereinbart wurden, wie die Substitution von Kokapflanzen in einer Landreform, staatliche Investitionen und einfach die Präsenz in peripheren Regionen in Kolumbien... diese Lücke haben sehr schnell die anderen bewaffneten Akteure gefüllt. Dann der Drogenhandel natürlich: Die FARC waren auch dort wichtiger Akteur. Das hat dann zu einer neuen Ordnung dieser kriminellen Strukturen und des kolumbianischen Drogenhandels geführt.
Zudem sind neue Akteure hinzugekommen, es gibt eine neue transnationale Ebene. In Ecuador ist die Drogengewalt angestiegen, das hat indirekt auch mit den Entwicklung in Kolumbien zu tun. Es gibt mittlerweile punktuelle Kooperationen mit internationalen Mafiaorganisationen, mit der italienischen Mafia, mit der albanische Mafia. Die mexikanischen Kartelle sind nicht direkt präsent, haben aber Allianzen mit Drogenhändlern in Kolumbien und gleichzeitig ist die Kokaproduktion in den letzten Jahren wieder sehr stark angestiegen: Die letzte aktuelle Zahl von 2023 sind 2.600 Tonnen Kokain jährlich, die produziert worden sind. Dann kommt noch ein weiterer Punkt dazu: Es ist schwierig, mit so kleinen Gruppen zu verhandeln. Die FARC waren in ihren Organisationsformen eher stalinistisch und dadurch war sie zuvor ein monolithischer Block, mit dem man relativ einfach verhandeln kann, weil es eine Top-Down-Organisation gab. Und jetzt sind die Abspaltungen da. Auch von Seiten der Regierung gab es jetzt keine klare Strategie, keine Planung, keine konkrete Zielsetzung, es hat ein rechtlicher Rahmen gefehlt. Und die kriminellen Strukturen nicht nur auf dem Land, sondern auch in Städten sind nach wie vor existent und das sind Probleme, die diese Politik des totalen Friedens eigentlich nicht adressieren konnte.
Es gibt eine Aufarbeitung der Verbrechen von beiden Seiten
Würdest du also sagen, dass das Friedensabkommen mit der FARC vor zehn Jahren aus heutiger Sicht gescheitert ist?
Christian Conde: Gescheitert würde ich nicht sagen. Es gibt durchaus Dinge, die funktioniert haben und die auch nach wie vor wirken. Ich habe den politischen Raum, der dadurch geöffnet wurde für andere politische Kräfte und auch für andere politische Themen und Diskussion schon erwähnt. Auf der anderen Seite sind fast 500 ehemalige FARC-Kämpfer getötet worden. Aber es gibt eine Sonderjustiz, es gibt noch immer eine Aufarbeitung der Verbrechen von beiden Seiten, auch von staatlicher Seite, von paramilitärischer Seite, aber auch von Menschenrechtsverbrechen, die von der Guerilla begangen wurden. Und das ist eigentlich einzigartig im Vergleich zu anderen Friedensprozessen in Lateinamerika und auf der Welt. Diese Sonderjustiz wird weltweit sehr gelobt. Es gibt eine Wahrheitskommission, die auch die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen aufgearbeitet hat. Als vollständig gescheitert würde ich das Friedensabkommen nicht bezeichnen, aber es gibt Probleme, dessen Konsequenzen eben jetzt nach wie vor relevant sind.
Dann kommen wir am Ende nochmals ein bisschen in die Gegenwart und nächste Zukunft, denn diesen Mai 2026 sind Präsidentschaftswahlen. Was sind deiner Meinung nach die aussichtsreichsten Kandidat*innen und wie stehen diese zum Umgang mit den bewaffneten Gruppen?
Es steht zu befürchten, dass Kolumbien in alte Kriegslogiken zurückfällt
Christian Conde: Es gibt momentan zwei bis drei Kandidat*innen, die reale Chancen haben, die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen, zumindest die erste Runde. Ivan Cepeda, der aus dem Regierungslager kommt und ein Linker, der sich auf die Fahne geschrieben hat, weiterhin eine Friedenspolitik zu verfolgen - eben diesen Ansatz mit den bewaffneten Gruppen zu verhandeln und so auch zu einer Friedenslösung zu kommen. Die Rechte hat momentan zwei aussichtsreiche Kandidat*innen: Paloma Valencia und den noch extremer rechten Abelardo Espriella. Eine ihrer zentralen Punkte, die sie sich auf die Fahne geschrieben haben, ist ein Ende der Friedenspolitik und es steht zu befürchten, dass Kolumbien unter einem dieser beiden Kandidaten als Präsident oder Präsidentin wieder in alte Kriegslogiken zurückfällt.