»Diejenigen ganz unten nicht vergessen«

Stadtteilaktivist*innen in Medellin beiteiligen sich aktiv an Friedensprozessen mit Mafiabossen

Audiobeitrag von südnordfunk Team

25.05.2026

Seit den 1980er Jahren, als der Drogenbaron Pablo Escobar mit seinem Medellín-Kartell zur mächtigsten Verbrecherorganisation der Welt aufstieg, ist Kolumbien zum Synonym für den globalen Kokainhandel geworden. Escobar ist längst tot, sein Kartell zerschlagen – doch die Strukturen, die er hinterlassen hat, leben weiter. Heute kontrollieren zahlreiche kleinere Banden und kriminelle Netzwerke weite Teile des Landes, vor allem in den Armenvierteln der Großstädte. In Medellín, Kolumbiens zweitgrößter Stadt, sind das nach Schätzungen von Beobachter*innen etwa 80 Prozent der Stadtgebiete.

Seit einigen Jahren versucht die linksgerichtete Regierung von Präsident Gustavo Petro etwas, das viele für unmöglich hielten: Sie verhandelt direkt mit den Bossen dieser kriminellen Strukturen – von Gefängnis zu Gefängnis – über einen Friedensvertrag. Der Prozess ist mühsam, immer wieder von Rückschlägen geprägt, und steht derzeit erneut vor dem Scheitern. Doch unabhängig davon regt sich in Medellín etwas, das mindestens genauso wichtig sein könnte wie die Gespräche hinter Gittern: die Zivilgesellschaft meldet sich zu Wort. Stadtteilaktivist*innen, Basisorganisationen und Friedenskoordinator*innen fordern, dass nicht nur die Bosse am Verhandlungstisch sitzen, sondern auch die Menschen, die tagtäglich mit den Folgen der Gewalt leben. Südnordfunk-Redakteur Christian Conde hat u.A. eine Stadtteilaktivistin besucht. Wir erfahren, was jetzt schon erreicht wurde, obwohl sich die Gespräche selbst gerade in der Krise befinden.

Skript zum Audiobeitrag

südnordfunk #144 – Medellín (Kolumbien): Frieden mit den Drogenbossen

Sprecher: Beginnen möchte ich diese Geschichte an einem Haus im Viertel Dosse de Octobre in Medellin. Vor ein paar Monaten war ich hier bei der Gruppe »Cooperacion Heroinas e Heroes de l'amore» (Held*innen der Liebe) zu Besuch. Sie treffen sich in einem Haus. Es ist eine Art kleines Kulturzentrum in der Communa Ceis von Medellin. Die Organisation besteht seit mehr als 10 Jahren. Ihr Ziel? Menschen, die von der Bandenkriminalität und der damit einhergehenden Gewalt betroffen sind, zu unterstützen. Das können Opfer von Gewalt selbst sein, aber auch Täter*innen. Ehemalige Angehörige von sogenannten Combos oder Mütter und Väter, deren Kinder Teil dieser Strukturen sind oder waren. Das Haus, in dem sie sich heute treffen, war früher ein Treffpunkt von Jugendgangs.

Marta Masias: Hier haben sie sich getroffen, hier haben sie herumgehangen. Es war so etwas wie ein Zentrum für ihre Aktivitäten und für viele Nachbarn ein Ort der Angst. Nach langen Gesprächen mit ihnen und ihren Chefs haben wir erreicht, dass sie uns das Haus überlassen haben. Und ich habe dann mit der Stadtverwaltung alles abgeklärt.

Sprecher: Heute ist das Haus ein Treffpunkt der Nachbarschaft. Es gibt einen Kleidertausch, gemeinsames Kochen und ab und zu auch einen Gottesdienst. Ein Schwerpunkt der Arbeit von Marta ist heute auch die Arbeit mit Jugendlichen. In der Metropolregion Medellin existieren laut Beobachter*innen heute etwa 15 größere Organisationen. Sie sind lose in einem Bündnis organisiert, das sich »La Oficina» – das Büro – nennt. Sie finanzieren sich aber nur noch teilweise aus dem Drogenhandel. Die großen Exportrouten kontrollieren heute andere Akteure. Die Gangs aus Medellin bekommen zwar auch noch das ein oder andere Stück großen vom Kuchen an, aber ihre Einkünfte mit dem Drogenhandel generieren sie innerhalb der Stadt und der Region, mit Schutzgelderpressung und Produktpiraterie. Und sie sind Dienstleister für alles Illegale: Sie begehen Auftragsmorde, waschen Geld, treiben Schulden ein. Die illegalen Strukturen zählen laut Expert*innen etwa 12 bis 15.000 Mitglieder. Oben stehen die großen Capos, ganz unten junge Menschen aus den Vierteln. Und um die, sagt Marta Masias, kümmere sich niemand und verweist auf zwei ca. 17-Jährige, die einige Minuten zuvor ins Haus hineingelaufen waren.

Wir nennen diese Leute die Opfer der Gosse

Marta Masias: Viele der Jugendlichen, so wie die, die du hier gerade gesehen hast, leben praktisch auf der Straße. Sie kommen hierher, um rumzuhängen. Hier bekommen sie was zu essen, machen Musik. Manchmal kommen sie zum Schlafen, weil sie zu Hause rausgeflogen sind. Wir nennen diese Leute die Opfer der Gosse – diejenigen, die nicht zählen, die niemand im Hinterkopf hat, für die sich niemand einsetzt, beispielsweise wenn sie im Gefängnis landen. Wenn es um den urbanen Konflikt in Medellin geht, konzentriert sich alles auf die Führungsfiguren, aber sie haben die untere Schicht vergessen. Es sind diejenigen, die keine ökonomischen Reichtümer anhäufen. Die Letzten, die irgendwas von dem Geld sehen, das diese Strukturen erwirtschaften. Das ist schon seit den 90er Jahren so. Doch auch diese Leute haben eine Geschichte und ihre Schmerzen. Auch sie sind Teil dieser Kette des bewaffneten Konflikts.

Sprecher: Auch aktuell liegt der Fokus in der medialen Berichterstattung wieder einmal auf den Bossen. Diese sitzen mittlerweile alle im Gefängnis, und von dort aus verhandeln sie seit etwa drei Jahren mit der Regierung über einen Friedensvertrag. Aktuell aber steht der Prozess wieder einmal vor dem Scheitern. Der Grund: Die Bosse hatten im Gefängnis eine große Party veranstaltet und dazu auch einen berühmten Schlagersänger eingeladen. Entsprechend groß war der Aufschrei in der Stadtgesellschaft, als das herauskam. Der Regierung blieb kaum etwas anderes übrig, als die Gespräche erst einmal auf Eis zu legen. Dort, wo die Party stattfand, im Gefängnis von Itagui im Norden der Metropolregion von Medellin, hatte ich zwei der Bosse der Officina vor einigen Monaten zum Interview getroffen. Sie, die mutmaßlich für zahlreiche Morde, den Aufbau bewaffneter Strukturen und viele weitere Straftaten verantwortlich sind, geben sich heute als sozial engagierte Anführer kommunitärer Prozesse. Einer ihrer Specher ist Carlos Pesebre. Er hat fast sein ganzes Leben innerhalb der Mafiastrukturen Medellins verbracht.

Carlos Pesebre: Die Medien und die Unterhaltungsindustrie haben seit Pablo Escobar ein bestimmtes Bild geschaffen. Sie stellen das so dar, als ob wir und die bewaffneten Gruppen reine Organisationen des Drogenhandels wären. Aber das ist verkürzt. Als der Drogenhandel in den 80er-Jahren aufkam und das Geld Teil des Alltags wurde, in die Institutionen vordrang und auch in die Viertel kam, sahen wir junge Menschen in den Vierteln darin eine Möglichkeit, unsere prekären wirtschaftliche Umstände zu überwinden – aber auch die Abwesenheit staatlicher Strukturen in unseren Vierteln, die fehlende Versorgung mit Wasser und Strom, den allgemeinen Mangel.

Weil sie keine legalen Möglichkeiten bekommen, versuchen sie es über illegale Wege

Sprecher: Neben Carlos Pesebre saß damals auch Sebastian Morillo, ein weiterer Sprecher der Organisation.

Sebastian Morillo: Die Chancen auf ein gelungenes Leben sind nicht bis in die ärmeren Viertel der Stadt gelangt. Die Jungs aus dem Viertel wollten sich und ihre Familien voranbringen, sie aus der Armut führen. Weil sie keine legalen Möglichkeiten dazu bekommen, versuchen sie es über illegale Wege und versuchen, Teil der Bandenstruktur zu werden und dadurch Geld zu verdienen. Wir wollen den Jugendlichen durch diesen Friedensprozess zeigen, dass es andere Wege gibt als den der Gewalt. Wir wollen ihnen – gemeinsam mit staatlichen Stellen, dem Bildungssektor und mithilfe der Privatwirtschaft – Möglichkeiten eröffnen, Geld zu verdienen und sich weiterzuentwickeln. Sie sollen sehen, dass es andere Auswege aus der Armut gibt als das Verbrechen. So können wir einen Transformationsprozess bei den Jugendlichen anstoßen und so kann eine neue Generation heranwachsen, die ohne Gewalt auskommt.

Sprecher: Die kriselnden Friedensgespräche waren eine Initiative der linksgerichteten Regierung von Gustavo Pedro. Gedacht war sie als Dialog zwischen zwei Verhandlungsteams – das eine von staatlicher Seite, das andere von Seite der Mafia-Bosse. Dafür hatten die Behörden die zehn Anführer der Gang in jedem Gefängnis von Itagui zusammengezogen und ihnen teilweise Hafterleichterungen gewährt. Doch ein Akteur fehlte in diesem Verhandlungsprozess von Beginn an: die Zivilgesellschaft. Die Basisorganisationen, in denen sich diejenigen zusammenfinden, die den Alltag in Medellin leben – die auf verschiedene Art und Weise von der Herrschaft betroffen sind, die die bewaffneten Strukturen ausüben. Durch bewaffnete Auseinandersetzungen, Morde zwischen verfeindeten kleineren Gangs, Schutzgelderpressung, den Drogenhandel in ihren Vierteln, die Rekrutierung von Jugendlichen. Kurz: die kriminelle Herrschaft über etwa 80% in der Stadt Medellin und seiner Metropolregion. Diego Herrera ist Koordinator der Organisation »Viva la Ciudania». Sie hat nach Beginn der Gespräche bekonnen, die Stadtgesellschaft zu organisieren und zu mobilisieren.

Diego Herrera: Als die Gespräche zwischen Regierung und der bewaffneten Banden im Juli 2023 begannen, haben wir eine Vollversammlung organisiert, bei der 100 Menschen das erste Mal überhaupt in der Stadtgeschichte darüber diskutiert haben, wie ein urbaner Frieden in Medellin überhaupt aussehen könnte. Weil wir gesagt haben: Es kann nicht sein, dass es einen Verhandlungsraum innerhalb des Gefängnisses gibt. Wir brauchen auch einen Verhandlungs- und Gesprächsort außerhalb. Denn der urbane Frieden kann nicht nur zwischen der Regierung und den Sprechern der Oficinia diskutiert werden, bei dem es vor allem um das Schweigen der Waffen geht. Der Frieden muss auch etwas mit einer städtischen Agenda zu tun haben. Frieden ist nicht nur eine Abwesenheit von bewaffneten Auseinandersetzungen, sondern muss auch soziale Gerechtigkeit bedeuten. Ein Frieden, der die sozialen Ungleichheiten in der Stadt angeht, der das Recht auf Leben aufgreift – besonders in Bezug auf die illegalen Aktivitäten in der Stadt, auf die sich diese kriminellen Strukturen stützen.

Sprecher: Auch wenn die Gespräche zur Zeit in der Krise steckten und noch keine Ergebnisse produziert hätten, schon jetzt, sagt Diego, hätten sie für spürbare Verbesserungen in den Vierteln der Stadt gesorgt. Die Mordrate ist in den vergangenen Jahren auf ein Rekordtief gefallen. Allein das habe in den Vierteln für spürbare Verbesserungen gesorgt und sei für die Menschen eine große Erleichterung. Und er nennt noch weitere Faktoren für die Bedeutung der Zivilgesellschaft im Medelliner Friedensprozess.

Es geht um die grundlegende gesellschaftliche Transformation der Viertel

Diego Herrera: Würde die Zivilgesellschaft die Friedensgespräche nicht begleiten, wären sie erstens deutlich weniger legitimiert – zumal die Stadtverwaltung und auch die Regionalregierung gegen diesen Verhandlungsprozess sind. Zweitens wäre ohne die Zivilgesellschaft das Verständnis eines urbanen Friedens deutlich eingeschränkter. Es wäre auf die Verhandlung mit den bewaffneten Akteuren beschränkt und würde die Komponenten der sozialen Gerechtigkeit weniger berücksichtigen. Denn es geht ja um die grundlegende gesellschaftliche Transformation der Viertel – und nicht nur darum, dass die bewaffneten Mitglieder der Banden sich demobilisieren und ihre Waffen abgeben. Und drittens würden die Friedensgespräche ohne zivilgesellschaftliches Engagement nicht so breit in der Stadt diskutiert werden wie das der Fall ist. Sie wären ein deutlich weniger relevantes Thema für die Bevölkerung und die Menschen würden nicht verstehen, dass die Gespräche und ein erfolgreicher Abschluss nicht den Bandenchefs nutzen würde, sondern den Menschen in der Stadt insgesamt.

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