Digitaler Kolonialismus, Buch von Ingo dachwitz und Sven Hilbig, rezensiert von Henriette Seydel

Künstliche Intelli­genz ist nicht die Lösung

Rezensiert von Henriette Seydel

19.08.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 410

»Europa ist ein Profiteur und Treiber des digitalen Kolonialismus, daran gibt es keinen Zweifel«, bringen es Digitalisierungsexperte Sven Hilbig und Netzpolitik-Journalist Ingo Dachwitz in ihrem fulminanten Sachbuch Digitaler Kolonialismus auf den Punkt. Europäische Unternehmen ziehen Nutzen aus ausbeuterischen Strukturen der Digitalökonomie. Politische Institutionen verwenden Technologien wie Künstliche Intelligenz zur Überwachung und Abschreckung von Flüchtenden. Und wir als europäische Konsument*innen tragen durch die Nutzung digitaler Geräte – deren Rohstoffe unter menschenunwürdigen Bedingungen im Globalen Süden gewonnen werden – selbst zur globalen Ungerechtigkeit bei.

Statt digitaler Revolution gibt es eine Fortschreibung kolonialer Machtverhältnisse, statt Freiheit Ausbeutung, statt Kreativität und Weltwissen Unterdrückung und Profit. Das ist die unbequeme Wahrheit, der es sich lohnt, ins Auge zu sehen. Das Buch demaskiert Fortschritts- und Allheilsversprechen, der Tech-Branche. Auf eindrücklichen 300 Seiten erklären die Autoren fundiert und multiperspektivisch Fakten und Zusammenhänge.

Besonders hervorzuheben ist die konsequente Einbindung von Stimmen aus dem Globalen Süden

Besonders hervorzuheben ist die konsequente Einbindung von Stimmen aus dem Globalen Süden – Arbeiter*innen, Wissenschaftler*innen, Anwält*innen und Aktivist*innen berichten aus erster Hand. Etwa jene, die für das Training von KI-Systemen verantwortlich sind und täglich verstörende Inhalte wie Kindesmissbrauch, Folter oder Hinrichtungen sichten müssen. Sie arbeiten zumeist schlecht bezahlt, ohne psychologische Betreuung und ohne gewerkschaftliche Rechte. Belastende Arbeit wird gezielt in ärmere Länder ausgelagert, während die Profite im Globalen Norden bleiben.

Das Buch analysiert zudem die Reproduktion von Sexismen und Rassismen durch KI-Systeme, die Verbreitung von Desinformation, Hass und Gewalt sowie die Rolle digitaler Technologien in der Zensur und Überwachung. Es kritisiert die zunehmende Abhängigkeit von Individuen und Staaten gegenüber wenigen Tech-Konzernen und warnt vor deren monopolistischer Macht. Der Internetausbau durch Unterseekabel und Satellitennetze liegt beispielsweise in privater Hand. Nicht zuletzt verdeutlicht das lesenswerte Sachbuch koloniale Kontinuitäten in der Ausbeutung von Ressourcen – etwa Metallen und Erzen – aus dem Globalen Süden für den Wohlstand und (vermeintlichen) Fortschritt des Globalen Nordens.

Henriette Seydel

Ingo Dachwitz & Sven Hilbig: Digitaler Kolonialismus. Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen. C.H. Beck, München 2025. 351 Seiten, 28 Euro.

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