Ein Verhältnis mit Widersprüchen
»Ich bekomme keine psychologische Unterstützung mehr. Ich kann mit keiner Ärztin und keinem Arzt über meine sexuelle Gesundheit sprechen. Wenn ich es doch versuche, werde ich schlecht oder respektlos behandelt.« Das sagt Shimanto aus Rangpur in Bangladesch, 21 Jahre alt und nicht-binär. Bis vor Kurzem nutzte Shimanto Angebote der LGBTQIA+ Community. Dort gab es psychologische Unterstützung, Beratung in Fragen der sexuellen Gesundheit und Zugang zu Kondomen. Als die Finanzierung dieser Angebote eingestellt wurde, war damit Schluss. Die geschützten Räume der Community sind verschwunden. Aus Angst vor Diskriminierung meidet Shimanto öffentliche Einrichtungen: »Viele von uns leiden still für sich. Ohne Unterstützung werden die Menschen noch vulnerabler.« Shimantos Situation wird so im noch unveröffentlichten Bericht der LGBTQIA+ Gesundheitsorganisation Asia Pacific Coalition on Male Sexual Health geschildert, der uns vorliegt.
Schon kurz nachdem Donald Trump im Juli 2025 beschlossen hatte, die US-Bundesbehörde für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe (USAID) nach mehr als 60 Jahren aufzulösen, warnten Viele vor den gravierenden Folgen – und sie zeigen sich bereits. Hinter den Prognosen und Statistiken stehen jedoch Menschen mit ihren Geschichten, wie etwa Shimanto.
Hinter den Prognosen und Statistiken stehen jedoch Menschen mit ihren Geschichten
USAID war bisher die weltweit größte Geberin in Sachen Entwicklungszusammenarbeit (EZ), doch auch andere Länder mit großen EZ-Etats senkten in den letzten Jahren ihre Budgets. Die neue Welt(un)ordnung hat hier besonders dramatische Auswirkungen, gerade aus feministischer Sicht. EZ wird immer stärker außen-, migrations- und sicherheitspolitischen Interessen untergeordnet. Gelder fließen häufiger in Grenzsicherung, Migrationsabwehr oder geopolitische Partnerschaften als in langfristige Armutsbekämpfung oder den Ausbau von Frauenrechten. Feministische Ansätze geraten dadurch unter Druck. UNAIDS prognostiziert, dass es innerhalb der nächsten vier Jahre zu 6,3 Millionen AIDS-bedingten Todesfällen kommen wird. Der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung zufolge ist die Müttersterblichkeit dieses Jahr erstmals nach 20 Jahren wieder gestiegen – nachdem sie zuvor um fast 50 Prozent gesunken war.
Feministische Zukünfte
Vor diesem Hintergrund haben wir gemeinsam mit unseren Autor*innen dieses Dossier zusammengestellt. Es wirft einen feministischen Blick auf Entwicklungspolitik und schaut dabei auch über ihren klassischen Rahmen hinaus. Die Beiträge fragen etwa, wie feministische Zukünfte jenseits eines marktwirtschaftlich geprägten Entwicklungsverständnisses aussehen könnten, wie sich Hilfe und Zusammenarbeit gestalten lassen, ohne sie an den Begriff »Entwicklung« zu knüpfen, und warum die Künstlerin Mani Vaz so pessimistisch auf die Zukunft blickt
Dabei ist das Verhältnis von EZ und Feminismus keineswegs widerspruchsfrei. Besonders deutlich wird das, wenn neben patriarchalen Machtverhältnissen auch koloniale Kontinuitäten in den Blick rücken. Denn sie prägen die vielfältige Landschaft der Entwicklungszusammenarbeit bis heute. Auch die staatliche »feministische Entwicklungspolitik«, wie sie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 2023 in einem Konzeptpapier vorgestellt hat, hat daran grundsätzlich wenig geändert. Feministische NGOs und Initiativen, die aus Budgets der EZ arbeiten, begrüßen zwar den progressiven Anspruch des Papiers. Zugleich kritisieren sie, dass dekolonial-feministische Ansätze bislang kaum umgesetzt werden. Wie viele andere Programme der Entwicklungszusammenarbeit bewegt sich auch die feministische Entwicklungspolitik innerhalb einer marktwirtschaftlich geprägten Weltordnung. Mehrere Autor*innen dieses Dossiers argumentieren, dass Regierungen unter diesen Bedingungen nur begrenzt bereit sind, globale Ungleichheiten und patriarchale Machtstrukturen tatsächlich zu überwinden.
Niemand wird diese Kämpfe für uns führen
Unabhängige feministische Organisationen berichten von strukturellen Hürden und den dramatischen Folgen von Budgetkürzungen. Auch gesellschaftlich wächst der Gegenwind: Antifeministische Kräfte gewinnen seit Jahren an Einfluss und prägen die Neue Rechte. Reaktionäre Regime und Bewegungen an vielen Orten schränken reproduktive Rechte weiter ein und kriminalisieren queere Lebensweisen – etwa in Uganda. Umso wichtiger ist es, feministischen Widerstand zu stärken und sich grenzüberschreitend zu vernetzen. Der Blick nach vorn mag düster erscheinen. Doch die Geschichte des Feminismus zeigt auch: Fortschritt musste immer erkämpft werden. Niemand wird diese Kämpfe für uns führen. Jetzt kommt es darauf an, zusammenzuhalten, nicht aufzugeben.
Ein großer Dank geht an die Fotografin und Künstlerin Mani Vaz, die uns erlaubt hat, dieses Dossier mit einer Auswahl ihrer Bilder zu illustrieren. Im Interview berichtet sie, welche Rolle Träume für sie spielen: »Träume können eine Orientierung für wichtige Entscheidungen sein.«
die redaktion, 5.Juli 2026