Sandburg am Strand mit Blick auf das Meer
Sandburg mit Burggraben | Foto: Courtney Hall | Unsplash

Sandburgmentalität

von iz3w redaktion

10.06.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 415

Ein Graben, drei Meter tief, daneben ein Damm, der Aushub. Diese beiden Linien ziehen sich bis an den Horizont der flachen Atacama-Wüste im Norden Chiles an der Grenze zu Peru. Noch sind die Baggerspuren frisch. Das Projekt ist Teil der Migrationspolitik von José Antonio Kast, dem neuen, rechtskonservativen Präsidenten Chiles. Bereits fünf Tage nach seinem Amtsantritt am 11. März gab der 60-Jährige den Startschuss für die Baggerarbeiten. Seitdem wird gegraben, während an anderen Stellen Zäune und Mauern in die Höhe wachsen.

Aber Moment mal: Eine Mauer­grenze zwischen Chile und Peru?

Sind beide Staaten nicht eng in der Pacific Alliance und der Latin American Integration Association verbunden? Was ist da los? Bei Mauergrenzen denkt man als Erstes an die Chinesische Mauer, den römischen Limes Germanicus oder an die Mauergrenze der DDR. Der Realsozialismus der Warschauer-Pakt-Staaten war umgeben von Zäunen und Sperrgebieten. Die DDR hatte an der Grenze Metallzäune, KFZ-Sperren, Gräben, Minenfelder, Selbstschussanlagen, Wachtürme und Mauerschützen. Man nannte es Internationalismus – da muss man auch erstmal drauf kommen. Zweck war dabei eher der Ein- als Ausschluss.

1989 fielen die Mauer und der Eiserne Vorhang. Man dachte, dass der Mauerspuk vorbei wäre, denn im Jahr 1990 gab es weltweit gerade noch zwölf Mauergrenzen. Die Piratenpartei plakatierte zu den EU-Wahlen 2014: »Grenzen sind so 80er«.

Das Gegenteil stimmt: Von 1990 bis heute stieg die Zahl der Mauergrenzen auf den Rekordstand von 72 an. Der Soziologe Steffen Mau nennt dies das Paradox der Globalisierung. Diese habe zwei Gesichter: »Weil es Globalisierung gibt, gewinnen Grenzen an Bedeutung, werden sukzessive aufgewertet und als Sortiermaschinen gebraucht«, schreibt er im Buch »Sortiermaschinen«. Mauergrenzen helfen »sehr effektiv, bestimmte Territorien von unwillkommener Mobilität oder Migration abzuschotten«. Die moderne Grenze verschiebt sich aber auch nach innen und außen und wird als smart border digitalisiert.

Von 1990 bis heute stieg die Zahl der Mauergrenzen auf den Rekordstand von 72 an.

Genauso ist es jetzt auch zwischen Chile und Peru, der Regierungsbeauftragte für Nordchile, Christián Sayes, sagt: »Neben Gräben, Zäunen und Mauern wird es Wärmebild- und Infrarotkameras, Sensoren, Radargeräte und Drohnen mit Gesichtserkennungskameras geben.« Fürs Erste sollen 3.000 zusätzliche Soldat*innen in der Grenzregion stationiert werden.

Es gibt aber auch Widerspruch gegen die neue Mauer: Durch Winderosion in der Wüstenregion verspricht la zanja (der Graben), wie die Chilen*innen das Projekt nennen, ausufernde Wartungskosten zu produzieren. Menschenrechtsorganisationen, darunter Amnesty International, warnen, dass der Grenzgraben, surprise, die Migrationsbewegungen nicht aufhalten wird, sondern nur dafür sorgt, dass Migrant*innen gefährlichere Routen wählen müssen, auf denen ihre Notsituation von Schleuserbanden ausgenutzt wird.

Migration und Kriminalität (sowie deren Verknüpfung) waren Kasts Wahlkampfthema Nummer eins – eine Strategie, die aufging. Geschickt nutzte er die Ängste der Bevölkerung vor steigender Kriminalität, indem er eine mano dura, eine Politik der harten Hand versprach. Tatsächlich konnte Chile seit der Pandemie eine ansteigende Kriminalitätsrate verzeichnen, an der auch das organisierte Verbrechen seinen Anteil hat. Insbesondere das transnationale Kartell Tren de Aragua, das aus Venezuela stammt, sorgt auch in Chile für Angst und Schrecken. Eigentlich interessant: Die Opfer der organisierten Kriminalität sind häufig genau die Menschen, welche die neue Mauer ausgrenzt.

Neue Mauern

Die Strategie und ihr gemauertes Symbol ähneln dem Playbook von Donald Trump, der bei seinem ersten Wahlkampf die Mauer an der mexikanisch-amerikanischen Grenze zum Wahlkampfschlager machte. Es gibt noch ein Vorbild aus Lateinamerika: Nayib Bukele, der Präsident El Salvadors. Sein Politikmodell baut auf die Militarisierung öffentlicher Sicherheit, Masseninhaftierungen und Null-Toleranz-Rhetorik. Kast hatte sich im April 2024 im Rahmen einer »Studienreise« von Bukele inspirieren lassen sowie erneut im Januar 2026.

Neue Mauern innerhalb von Lateinamerika – was ist das schon wieder? In einem TikTok-Video sagt ein Venezolaner mit chilenischem Pass: »Ich bin traurig wegen der Freunde, die keine Papiere haben. Unter diesem Kandidaten wird es für sie sehr kompliziert werden. Uns stehen vier Jahre der Ungewissheit bevor, weil wir nicht wissen, mit welchem Wahnsinn er uns als Nächstes kommen wird… Aber wir müssen nach vorne blicken. Wenn man nicht arbeitet, isst man nicht, Leute, so einfach ist das.«

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die redaktion, 11.6.2026

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