Luftlinie

Nur etwa einhundert Meter Luftlinie entfernt vom Sitz des iz3w befindet sich eine Tankstelle des Öl-Schwergewichts Total Energies. Das französische Energieunternehmen besitzt als Aktionär eine Mehrheit von 62 Prozent am fossilen Infrastrukturprojekt zum Bau der ostafrikanischen Rohölpipeline – bekannt als East African Crude Oil Pipeline (EACOP). Eine beheizte Pipeline soll ab Ende 2024 schweres Rohöl über 1.443 Kilometer transportieren, von den Ölfeldern Tilenga und Kingfisher im Westen Ugandas bis in den Hafen von Tanga am Indischen Ozean in Tansania. Von dort sollen Tanker in einem noch auszubauenden Tiefseehafen das Rohöl auf den Weltmarkt verschiffen. Für den Bau der Pipeline werden bis zu 118.000 Menschen von ihrem Land weichen müssen. Viele wurden bereits vertrieben oder erhielten eine nur unangemessene Entschädigung. Das sind Menschenrechtsverletzungen, die unser Kooperationspartner Witness Radio Uganda tagtäglich mitverfolgt und dokumentiert. Menschenrechtsverletzungen durch den ugandischen Staat, aber auch durch Total Energies und chinesische Unternehmen, die am EACOP Projekt beteiligt sind. Daher setzt das internationale Bündnis #StopEACOP mit über 260 Menschenrechts- und Umweltorganisationen aktuell alles daran, den Bau der Pipeline zu stoppen.

Welche Risiken birgt die Pipeline für Gesundheit und Umwelt der Anliegergemeinden?

Im Zuge der Recherchen rund um den für 2024 geplanten Bau der Pipeline fragten wir: Könnte es sein, dass das Öl aus Uganda bald aus der Zapfsäule der nächsten Tankstelle in einem der schicken Freiburger SUVs landet? Oder als Kerosin die Flieger betankt, die Tourist*innen nach Uganda bringen, um den weltbekannten Murchison Falls Nationalpark zu besuchen? An dessen Rändern beeinträchtigen die Ölfördertürme schon jetzt die Natur– auch zum Schaden der Fischergemeinden an den Ufern des Albertsees. Warum besitzt ein französisches Unternehmen den größten Marktanteil und die tansanischen und ugandischen Staatsunternehmen nur jeweils 15 Prozent? Welche Rolle spielt China in dem Projekt als Anteilseigner und Finanzgeber? Welche Risiken birgt die Pipeline für Gesundheit und Umwelt der Anliegergemeinden, jenseits der Tatsache, dass sie als Kohlenstoffbombe das Klima anheizt? Zudem: Wie sieht der Widerstand der Bevölkerung in Tansania und Uganda aus? Welche Strategien verfolgen die Menschen vor Gericht, um höhere Entschädigungszahlungen für ihr Land zu erhalten? Und das Wichtigste: Ist die Kampagne #StopEACOP eine Illusion?

In Zusammenarbeit mit dem Witness Radio Uganda und Medienschaffenden beschäftigen wir uns mit den Auswirkungen der ostafrikanischen Rohölpipeline. Diese Partnerschaft ist auch für unser Kollektiv neu und aufregend. Über einen längeren Zeitraum setzen wir uns – investigativ – mit Menschenrechtsverletzungen, Unternehmenskolonialismus, Umweltzerstörung und auch der Kompliz*innenschaft der EU und Deutschland auseinander. Die Kooperation mit dem Team des Witness Radio erlaubt uns zudem tiefere Einblicke in die staatliche Repression in Uganda: die ständige Gefahr, kriminalisiert zu werden. Aber auch in die Rolle von Medienaktivismus, um faktenbasierte Informationen zu verbreiten und den bedrohten zivilgesellschaftlichen Raum zu verteidigen. Die Medienpartnerschaft zwischen dem Witness Radio Uganda, dem iz3w und dem Team des südnordfunk ist damit für uns alle ein Akt gelebter Solidarität.

Die gemeinsam produzierten Audio- und Textbeiträge bündeln wir in diesem Dossier. Wir möchten dazu anregen, Betroffene und Verteidiger*innen der Menschenrechte sowie Klimaaktivist*innen auf einer medialen Reise zu begleiten, 6.000 Kilometer von Freiburg entfernt, an die Ufer eines tiefblauen Sees, entlang des Korridors einer grauen Ölpipeline bis zu den Fischer*innen, die im Hafen von Tanga ihr Land und ihren Fang verlieren. Zurück ins iz3w-Büro in Freiburg – denn hier ist schlimmstenfalls die Frage nicht ob, sondern ab wann wir das Öl aus Uganda in der Tanke nebenan zapfen werden.

die redaktion, 2.7.2024

 

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Das Dossier entstand in Kooperation mit dem Witness Radio Uganda. Finanzielle Unterstützung gewährten die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) und die Stiftung für Zusammenarbeit und Entwicklung Baden-Württemberg (SEZ).

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