Postwachstum in Zeiten des Kollaps
Editorial
Der Meeresspiegel steigt und Meldungen über Dürren, Hochwasser oder Wirbelstürme häufen sich. Erste klimatische Kipppunkte sind erreicht. Warmwasserkorallen sterben weltweit ab und es gibt weitere Vorboten unumkehrbarer Wendepunkte: bei den Permafrostböden, die bald große Mengen CO2 freisetzen, oder den grönländischen und antarktischen Eisschelfen, deren Abschmelzen bevorsteht. Das wiederum beeinträchtigt das wichtigste atlantische Strömungssystem, die Atlantic Meridional Overturning Circulation. Dank ihr ist das Klima in Europa mild – aber wie lange noch?
Seit 2023 bringen Wissenschaftler*innen jährlich den Global Tipping Points Report heraus, der auf der UN-Klimakonferenz (COP) präsentiert wird. Es gibt keinen Zweifel: Wir stehen vor gewaltigen Umbrüchen. Doch das wollen viele nicht wahrhaben. Seit einigen Jahren gibt es einen massiven Backlash gegen umwelt- und klimapolitische Errungenschaften. Autokrat*innen und Rechte leugnen den Klimawandel und seine Folgen – und auf der Weltbühne sind sie sehr präsent. Aber auch die Kräfte der sogenannten »politischen Mitte« verweigern sich – zwar nicht der Anerkennung des Klimawandels, doch aber einer ernsthaften Krisenbearbeitung.
Kapitalismus und ökologische Grenzen
Um eine andere Gruppe von Akteur*innen ist es still geworden – dabei wäre gerade jetzt ihre Zeit gekommen! Es geht um die Denker*innen und Aktivist*innen der Postwachstumsbewegung. Wenn es nach ihnen ginge, hätte die Weltbevölkerung schon lange begonnen, jene Wirtschaftsbereiche zu schrumpfen, die ökologische Zerstörung verursachen. Wir wären damit beschäftigt zu vergesellschaften, umzuverteilen, die kollektive Daseinsvorsorge auszubauen – und die Ausbeutung von Natur und Mensch wenigstens zurückzuschrauben. Es geht um eine sozial-emanzipatorische und ökologische Transformation. Heute werden diese Ideen auch oft unter dem Begriff Degrowth verhandelt.
Wie sich die Wachstumskritik global entwickelt und verändert hat, beschreibt Matthias Schmelzer. Ulrich Brand analysiert, wie sich die sozial-ökologische Krise durch die Grenzen des Kapitalismus und die imperiale Lebensweise des Globalen Nordens verschärft. Degrowth wird dabei als Strategie für ein solidarisches, ökologisch verträgliches Leben verstanden. Tadzio Müller argumentiert hingegen, der Klimakollaps habe bereits begonnen. An der Degrowth-Bewegung kritisiert er, sie habe kaum eine transformative Praxis entwickelt, und plädiert für eine Kollaps-Bewegung, die sich mit der Realität des Scheiterns auseinandersetzt. Doch Philipp Staab ordnet die Kollaps-Bewegung als Rückzug aus der Gesamtgesellschaft ein und verweist auf gewachsene politische Handlungsspielräume – trotz des gescheiterten grünen Kapitalismus.
Postwachstum als Suchbewegung
Wie lassen sich dabei Perspektiven aus dem Globalen Süden und Norden zusammendenken – und wie ist der Wunsch nach materiellem Wohlstand mit den Grenzen des Wachstums vereinbar? Benedikt Schmid versteht Postwachstum nicht als Verzicht, sondern als Frage der Verteilungsgerechtigkeit, um die Grundbedürfnisse aller zu erfüllen. Dafür sei ein verantwortungsvolles Miteinander in den beschädigten Landschaften des Anthropozäns notwendig, wie Sarah Lopper im Anschluss an Donna Harraway mit dem Konzept der Kinship (Verwandtschaft) ausführt. Dabei verschiebt sich bereits die Frage danach, wie Transformation überhaupt in einem relationalen Verständnis von Welt gedacht werden kann. Vor dem Hintergrund beschreibt Pauline Kratzat gesellschaftlichen Wandel als Suchbewegung inmitten von Unsicherheit und Verlusten. Doch wer sucht hier was? Mirko Maschewsky entwickelt die These, dass eine progressive Transformation hin zu Postwachstum nur durch ein kollektives Subjekt gelingen könne, das Verantwortung für alle und alles übernimmt.
Bebildert wird das Dossier mit der Bildserie »Industriekultur« von Werner Maschewsky. Der 2025 verstorbene Sozialwissenschaftler und Aktivist analysierte in seinem Buch »Umweltgerechtigkeit, Public Health und soziale Stadt« (2001), wie Armut und Marginalisierung zu höherer Vulnerabilität gegenüber Schadstoffen führen, während privilegierte Gruppen ihre Lebensräume abschotten. Seine Fotografien von Industrieanlagen, Kohlekraftwerken und Förderanlagen veranschaulichen diese Dynamik: Sie zeigen die extraktiven Strukturen, die den Globalen Norden mit Ressourcen versorgen, aber den Planeten schädigen. Umweltgerechtigkeit erfordert nicht nur Verteilungs-, sondern auch Verfahrensgerechtigkeit, betont er. Alle Betroffenen müssen mitbestimmen können, wenn es um ihre Lebensgrundlage geht.
11. Juni 2026, die redaktion