Elfriede Müller
Nachruf auf eine linke Intellektuelle (1957–2026)
Am 15. Januar ist Elfriede Müller gestorben. Der persönliche Nachruf aus dem Archiv Soziale Bewegungen auf Elfriede Müller erinnert an eine Intellektuelle und Organisatorin der undogmatischen linken Bewegungen, die ihr Leben lang politische Theorie, Praxis und Leidenschaft miteinander verband - unbeirrbar, klug und eigensinnig bis zuletzt.
Am 15. Januar ist Elfriede Müller gestorben. Sie verlor mit nur 68 Jahren den Kampf gegen den Krebs, dem sie zwei Jahrzehnte hartnäckig getrotzt hatte.
Ich kann nicht neutral und objektiv über Elfi schreiben. Dazu standen wir uns zu nah, und es würde ihr auch nicht gerecht werden. Sie hat immer gerne gesagt, es gebe die Menschen, die einen Lebenslauf haben - und die, die über eine Biografie verfügen. Elfriede Müller gehört definitiv zu den Menschen mit Biografie.
Ich kann präzise angeben, wann ich Elfi zum ersten Mal traf. Es war am 17. November 1987. Es ist mir nicht schwergefallen, das Datum im Archiv Soziale Bewegungen in Freiburg nachzuschlagen: An diesem Tag wurde der von der Initiative Sozialistisches Forum veranstaltete Kongress »Roter Oktober« eröffnet. Und was hätte besser zu Elfi gepasst als eine Veranstaltungsreihe zur Oktoberrevolution? Sie war zum Wintersemester 1987/88 nach Freiburg gekommen, um osteuropäische Geschichte zu studieren. Die Auseinandersetzung mit der Oktoberrevolution und dem Bolschewismus blieb für sie ein ganzes Leben lang zentral. Noch ihre letzte Freiburger Veranstaltung im Mai 2025 trug den Titel »Lenin – Was bleibt?«. Für diesen Vortrag musste sie krankheitsbedingt schon online zugeschaltet werden.
Die Spontis waren ihr zu unbelesen und unorganisiert, die maoistischen K-Gruppen zu stalinistisch
Allerdings hatte Elfriede schon einige Stationen hinter sich, bevor sie in den 1980er Jahren nach Freiburg kam: Ihr Abitur hatte sie auf dem zweiten Bildungsweg in Straßburg gemacht – damals noch als Mitglied der von Leo Trotzki gegründeten IV. Internationale. Politisiert worden war sie im Jugendzentrum ihrer Geburtsstadt Mainz und, nach feministischen Anfängen, entschied sie sich für ein politisches Engagement in der GIM – der Gruppe Internationaler Marxisten. Ihrer eigenen Aussage nach war es vor allem das intellektuelle Niveau und die internationale Vernetzung der deutschen Sektion der IV. Internationale, die sie anzogen. Die Spontis waren ihr zu unbelesen und unorganisiert, die maoistischen K-Gruppen zu stalinistisch.
Nach einer Lehre als Buchhändlerin verschlug es sie zunächst nach Hamburg. Oder präziser: Die GIM schickte sie nach Hamburg, wo sie die Arbeiterklasse bei der Schiffswerft Blohm+Voss organisieren sollte. Doch es war vor allem ihre nächste Station, die sie entscheidend prägte: Paris. Dort war sie in der Ligue Communiste Révolutionnaire* aktiv (trotzkistische Partei) und arbeitete eng mit deren Mitbegründer Daniel Bensaïd zusammen. Später sollte sie dann eine ganze Reihe seiner Bücher ins Deutsche übersetzen. Doch nicht nur der undogmatische, mit den Theorien Walter Benjamins amalgamierte Marxismus Bensaïds beeinflusste sie nachhaltig, sondern auch die französische Lebensart: Gutes Essen und guter Wein waren ihr mindestens so wichtig wie die richtige politische Linie.
Im Nachhinein erstaunt es mich, dass Elfis Zeit in Freiburg eigentlich relativ kurz war: Von Ende 1987 bis Anfang 1994. Für mich war das die intensivste Zeit unserer politischen Zusammenarbeit und Freundschaft. Die IV. Internationale hatte sie zu dieser Zeit bereits verlassen und engagierte sich damals bei den Autonomen Studis – was 1990 in einer bundesweit beachteten (Selbst-)Kritik der autonomen Bewegung mündete.*
Was zunächst einfach ein Brotberuf war, wurde mit Leidenschaft politisiert
Parallel dazu organisierte sie eine Frauengruppe mit dem Namen Zoff, die sich 1991 mit einer feministischen Kritik der Familie hervortat. Das Plakat zu ihrer Veranstaltung »Familie – Zur Allgegenwärtigkeit ohne Ende« ist aktuell im Hamburger Museum der Arbeit zu sehen, in einer Ausstellung zu Care-Arbeit.* Doch letztendlich war Freiburg zu klein und provinziell für sie. Anfang 1994 wechselte sie nach Berlin. Dort zog die rastlose Organisatorin die »jour fixe Initiative Berlin« hoch, die zu einer undogmatischen, radikal linken Debatte auf der Höhe der Zeit beitragen sollte – und das ist ihr gelungen. Seit 1997 hat die »jour fixe Initiative« fast 30 Veranstaltungsreihen durchgeführt – mit sehr unterschiedlichen, aber immer relevanten Themen. Die Lektüre der Buchveröffentlichungen zu diesen Reihen lohnt sich bis heute.*. Gleichzeitig leitete sie das Kunst-am-Bau-Büro im kulturwerk des bbk berlin. Was zunächst einfach ein Brotberuf war, wurde, wie alles, was Elfi anpackte, mit Leidenschaft politisiert. Die Krönung ihrer beruflichen Laufbahn war zweifellos der Wettbewerb für ein Dekoloniales Denkzeichen* in Berlin, das 2024 errichtet wurde. Zurecht war sie stolz darauf, dafür einen anonymen, internationalen Wettbewerb organisiert zu haben, an dem sich Künstler*innen aus der ganzen Welt beteiligten.
Auch wenn mehr als 900 Kilometer zwischen uns lagen, haben wir dennoch nach ihrem Weggang aus Freiburg regelmäßig zusammengearbeitet. Sei es, dass wir uns gegenseitig zu Veranstaltungen eingeladen haben, sei es, dass wir gemeinsam Texte verfassten. Unsere letzte Zusammenarbeit war ein Artikel in der österreichischen Zeitschrift Brot & Spiele, wo wir Anfang 2025 die Bundestagswahl in Deutschland kommentiert haben – durchaus im Dissens. Es mag pathetisch klingen: Aber mit Elfi ist auch ein Stück von mir gegangen. Und die Welt ist zweifellos dunkler ohne sie.