Saubere Luft ernten

Emissionshandel: Eine Spurensuche zwischen CO₂-Zertifikaten, Kohlenstoffmärkten, Landkonflikten und globaler Gerechtigkeit

Audiobeitrag von Eunice Nangobi und Tim Damman

31.07.2026

Der Handel mit Emissionszertifikaten soll helfen, den Klimawandel zu bremsen. Unternehmen können dabei Zertifikate kaufen, um ihre CO₂-Emissionen auszugleichen. Doch funktioniert dieses System wirklich? Die Zertifikate sind das handelbare Produkt etwa von Aufforstungsprojekten, die oft im Globalen Süden angesiedelt sind, wo Land knapp ist. Der Beitrag zeigt, welche Probleme der CO₂-Handel mit sich bringt, welche Rolle die Klimapolitik der EU spielt und warum die Interessen von Politik, Unternehmen und betroffenen Gemeinden oft auseinandergehen. Wirksamer Klimaschutz hängt nicht nur von technischen Lösungen ab, sondern auch von fairen Regeln und Mitbestimmung.


Skript zum Audiobeitrag »Geld gegen Wald«

südnordfunk Sendung #147 – Erstausstrahlung am 4. August 2026

Roman Herre: »Sie kamen und erklärten uns, dass die Luft in Europa sehr schlecht sei und dass sie hierher gekommen wären, um die gute Luft zu kaufen und nach Europa zurückzuschicken.«

David Arach: »Ich erinnere mich an diese alte Dame aus einer der Gemeinden in Isiolo im Norden Kenias. Als wir fragten, was sie von Emissionszertifikaten hielten, sagte sie: 'Hm, wir haben gehört, dass einige Leute hierherkommen, unsere Luft ‚ernten‘ und sie dann mitnehmen, um sie in Amerika zu verkaufen'.«

Sprecher: Ein Unternehmen irgendwo in Europa möchte sich als klimaneutral bezeichnen. Damit dies geschehen kann, wird eine Gemeinde irgendwo in Afrika aufgefordert, die Kontrolle über ihr Land abzugeben. Zwei Ereignisse an weit entfernt liegenden Orten. Dazwischen liegt ein Markt, auf dem das Recht gehandelt wird, Klimagase zu emittieren. In Form von Zertifikaten. Dieser Markt funktioniert nach Regeln, die größtenteils in Brüssel festgelegt werden. Das Handelsprodukt sind Emissionszertifikate. Produziert werden sie immer häufiger auf Gebieten, die weit von Europa entfernt sind. Unser Radiobeitrag beleuchtet diesen Handel – von den lokalen Gemeinschaften, die oft mit den Folgen leben müssen, ohne zu wissen, unter welchen Bedingungen die Emissionszertifikate erzeugt werden. Bis hin zu den Politiker*innen, die über die Zukunft des Marktes entscheiden. Wir gehen der Frage nach: Wie funktioniert dieser Markt, und für wen arbeitet er eigentlich?

Eileen Wakesho: »Emissionszertifikate sind also ein Mechanismus, bei dem – sozusagen – die Verursacher *innen diejenigen bezahlen, die etwas tun, um Emissionen entweder zu reduzieren oder zu vermeiden. Wenn man darüber nachdenkt, ist es wie jeder andere Markt auch. Und in diesem Fall ist die Ware also saubere Luft.«

Sprecher: Eileen Wakesho leitet das Programm »Land, Umwelt und Klima«“ bei Namati, einer internationalen Organisation zur Stärkung von Rechtskompetenz.* Derzeit ist sie damit befasst, Landnutzungsrechte indigener und lokaler Gemeinschaften zu sichern. Ihr Ansatz: Zusammenarbeit mit den Gemeinden, um ihnen zu helfen, die Gesetze selbst zu kennen, anzuwenden und mitzugestalten. Dazu werden Rechtsassistent*innen direkt aus betroffenen Gemeinden ausgebildet, damit die Menschen verstehen, worüber sie verhandeln, bevor sie etwas unterschreiben.

Straße durch einen dichten tropischen Wald im Mabira National Reserve in Uganda
Wohin führt der Emissionshandel? Mabira Forest und die Straße nach Jinja, Uganda | Foto: YoTuT Wikimedia Commons | CC BY 2.0

Hierarchie ermöglicht Handel

Eileen Wakesho: »Es gibt also Gemeinden, die Maßnahmen ergreifen, um Emissionen zu reduzieren oder zu vermeiden. Zugleich gibt es Unternehmen, die dazu nicht in der Lage sind, weil sie ihren Betrieb am Laufen halten müssen. Um ihre Emissionen ausgleichen zu können, bezahlen die Verschmutzer*innen daher diejenigen, die etwas tun, um Klimagase einzufangen. Die emittierenden Unternehmen befinden sich, wenn man darüber nachdenkt, größtenteils im Globalen Norden. Und die meisten Gemeinden, die so viel tun, um Emissionen zu binden, befinden sich tendenziell im Globalen Süden.«

Sprecher: Eileen Wakesho spricht hier eine Hierarchie an, die möglicherweise erst den Handel mit den Zertifikaten ermöglicht:

Eileen Wakesho: »Wie auf jedem anderen Markt gibt es eine Projektentwickler*in. Das ist die Person, die das Projekt ins Leben ruft. Sobald das Projekt fertig konzipiert ist, werden die wesentlichen Aspekte deutlich, die ein CO₂-Projekt sinnvoll machen. Die Zusätzlichkeit ist einer dieser Aspekte. Es bedeutet: Es gibt nicht nur einen bereits bestehenden Wald, der für das Zertifikat herhält. Vielmehr müssen zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden, um CO₂-Emissionen zu binden und zu reduzieren. Zusätzlichkeit ist also eine zentrale Voraussetzung dafür, dass ein CO₂-Projekt realisierbar ist. Ein weiterer Aspekt ist die Langfristigkeit. Die CO₂-Bindung sollte über einen langen Zeitraum erfolgen. Es sollte sich nicht nur um eine kurzfristige Maßnahme handeln, die nur wenige Monate oder Jahre dauert.«

Sprecher: »Zusätzlich« und »dauerhaft« – das sind zwei wichtige Grundsätze im freiwilligen Kohlenstoffhandel. Sie sollen sicherstellen, dass Projekte tatsächlich dazu beitragen, langfristig Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu entfernen, der ohne diese Projekte nicht gebunden werden könnte. Auf diesem Markt kaufen Unternehmen sogenannte CO₂-Zertifikate, um die Emissionen aus ihrer Produktion auszugleichen – freiwillig, also ohne gesetzliche Verpflichtung. Später schauen wir uns den verpflichtenden Kohlenstoffmarkt an. Dort gelten strengere Regeln, und die Europäische Union plant, diese staatlich regulierte Form weiter auszubauen. Doch zunächst geht es um den freiwilligen Markt – und darum, wie er heute funktioniert.

Zusätzlich und dauerhaft – zwei wichtige Grund­sätze im freiwilligen Kohlenstoff­handel

Roman Herre arbeitet für FIAN Deutschland, eine Menschenrechtsorganisation, die sich auf Landrechte und das Recht auf angemessene Ernährung konzentriert. Vor einigen Jahren wandten sich Maasai-Gemeinschaften im Norden Tansanias direkt an FIAN – sie baten um Hilfe, da deutsche Unternehmen CO₂-Projekte auf ihrem Land durchführen wollten.

Roman Herre: »Wir wurden von den Maasai angesprochen. Sie baten uns um Unterstützung und Hilfe bei der Recherche und Lobbyarbeit gegenüber der deutschen Regierung. Denn sie wissen, dass deutsche Akteure – viele deutsche Akteure – an Aktivitäten im Norden Tansanias beteiligt sind, die sich auf ihre Landrechte auswirken, auf ihre Lebensgrundlagen und ähnliche Dinge.«

Sprecher: Eines der Projekte wird von dem Unternehmen Volkswagen geleitet. * Gemeinsam mit Soils for the Future Tanzania (SftFTZ) strebt Volkswagen eine Fläche von rund einer Million Hektar Maasai-Land an – im Rahmen von Verträgen, die eine Laufzeit von bis zu 40, 50 oder 60 Jahren haben können.

Roman Herre: »Das Problem bei den CO₂-Projekten ist, dass sie absolut nicht mit den Landrechten der Menschen vereinbar sind. Denn die Grundidee des Projekts besteht darin, dass man die Kontrolle über das Land abgeben muss. Von der lokalen Bevölkerung an jemand anderen, sei es an die Regierung, sei es an die internationalen CO₂-Zertifizierer oder an die Unternehmen, die Zertifikate kaufen. Und diese Projekte auf den Weideflächen der Maasai sind eine neue Art von Kohlenstoff-Projekten, bei denen man versucht, durch eine verrückte Methode mit der Bezeichnung »schnelle Rotationsweidehaltung« etwas zu erreichen, was völlig im Widerspruch zur traditionellen und strategischen Art und Weise steht, wie die Maasai ihre Weideflächen bewirtschaften. Durch eine schnelle Rotation der Weidehaltung auf kleinen Parzellen mit kleinen Herden versucht die Projektleitung, den Kohlenstoffgehalt im Boden und in den Wurzeln der Pflanzen auf den Weideflächen zu erhöhen.«

Sprecher: Das ökologische Zusammenspiel zwischen Rinderhaltung und Grassavannen, auf das die Weidewirtschaft der Maasai beruht, wurde dabei außer Acht gelassen. Oder schlicht nicht gesehen. Dabei ist dies für die Anpassung an den Klimawandel von enormer Bedeutung: Die Erfahrung der Hirtengemeinschaften im flexiblen Umgang mit Wetterereignissen wie Dürren und Überschwemmungen ist angesichts des Klimawandels unverzichtbar und eine wertvolle Ressource für eine anpassungsfähige Weidewirtschaft. Wann es wo regnet und wo Futter wächst, variiert von Jahr zu Jahr. Niederschlag und Futterverfügbarkeit bestimmen ständig, wohin die Tiere zum Weiden getrieben werden. Dieser Erfahrungsschatz lässt sich jedoch weder in starre ortsgebundene Weidemuster integrieren, noch ist er mit den Anforderungen des Kohlenstoffprojekts vereinbar.

Weidehaltung mit Klima-Erfolgs­bilanz?

Roman Herre: »Und natürlich ist es für die Maasai sehr wichtig, dass sie bereits so etwas wie einen strategischen Ansatz für die Weidewirtschaft verfolgen. Sie orientieren sich also nicht an diesen festgelegten Gebieten, in die sie dann ziehen müssen, sondern daran, wie das Wetter ist. Wenn es eine Dürre gibt, müssen sie in jenes Gebiet ziehen. Wenn es keine Dürre gibt, müssen sie in ein anderes Gebiet ziehen. Wenn die Wildtiere kommen, müssen sie dorthin ziehen. Wenn die Wildtiere nicht kommen, ziehen sie hierhin.

Zudem ist - nach unserem Verständnis - die schnelle Rotationsweidehaltung auch wissenschaftlich nicht besonders gut fundiert. Denn die Theorie wurde in den USA erprobt. Dort herrschen ein völlig anderes Klima und eine völlig andere Vegetation. Abgesehen von den sozialen Auswirkungen auf die Maasai gibt es auch aus wissenschaftlicher Sicht ein großes Fragezeichen, wie effektiv die Kohlenstoffspeicherung überhaupt ist.«

Sprecher: Eine Weide-Methode ohne Erfolgsbilanz, und Land, das für Jahrzehnte gebunden ist. Roman Herre beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit ähnlichen Fällen von Landraub. Aufgrund dieser Erfahrung lehnt er die Vorstellung ab, dass lokale Gemeinschaften gleichermaßen von einem solchen Projekt profitieren können.

Roman Herre: »Überall, wo ich etwas genauer hingeschaut habe, habe ich keine Win-Win-Situationen gefunden, nie. Wirklich nirgendwo. Es tut mir leid, das sagen zu müssen. Natürlich gibt es hier und da manchmal einige positive Aspekte. Man kann sie finden, ja. Aber eine echte Win-Win-Situation für die Menschen habe ich nie angetroffen.«

Sprecher: Auch im Nachbarland Kenia sehen sich die lokalen Gemeinschaften mit einem ähnlichen Wandel konfrontiert, bei dem sich dieselbe grundlegende Frage stellt: Wer entscheidet darüber, wie das Land genutzt wird? David Arach arbeitet bei Namati als Leitender Programmmanager für Land, Umwelt und Klima in Nairobi und zeigt uns, wie sich diese Frage vor Ort in Kenia konkret auswirkt.

David Arach: »Kurz gesagt lief es bisher darauf hinaus, dass die Gemeinden ihre Weidewirtschaft neu ordnen und zudem ihren Viehbestand begrenzen mussten. Wir unterstützen die Gemeinden dabei, nicht nur ihre Grundstücke zu registrieren. Wir helfen ihnen auch, die Verwaltung ihrer Grundstücke zu stärken und einen wesentlich produktiveren Umgang mit Außenstehenden und Investoren zu pflegen, insbesondere im Bereich der Emissionszertifikate.«

Mangel an Transparenz und Mitsprache

Sprecher: David erläuterte anhand eines Fallbeispiels, an dem Namati direkt mitgearbeitet hatte, wie das in der Praxis aussieht.

David Arach: »Wir hatten mit einer Reihe von Gemeinden zusammengearbeitet, von denen 16 bereits über Grundbesitzurkunden verfügten. Als wir also mit diesen Gemeinden sprachen, lautete die Frage: »Habt ihr eine Kopie der Verträge?« Zu diesem Zeitpunkt hatte nur eine Handvoll von Führungskräften den Vertrag gesehen. Das war der Ausgangspunkt. Dazu gehörte für uns die Organisierung der Gemeinschaft, die Unterstützung der Menschen, sich zu organisieren und dann einen Brief an den Projektträger zu verfassen - mit der ganz klaren Forderung: Wir brauchen eine Kopie des Vertrags.

»Habt ihr eine Kopie der Verträge?«

Nachdem wir uns den Vertrag angesehen hatten, formulierten wir unsere Forderungen, darunter eine partizipative Steuerung des Projekts in der Zukunft sowie: eine klare Kommunikation von Informationen und Transparenz. Daraufhin erhielten die Gemeinden zum ersten Mal eine Kopie des Vertrags, den sie daraufhin prüften und auf dessen Grundlage sie ihre Bedürfnisse formulierten – sozusagen eine Liste mit Forderungen, die sie für die Zukunft stellten. Die Verhandlungen zogen sich über ein Jahr hin. Der Vertrag mag zwar seine eigenen Schlupflöcher gehabt haben, aber er ist besser als das, was zuvor geschehen war, also die Art der Aufteilung der Gewinne sowie die Weitergabe von Details an die Gemeinschaft und an alle Führungskräfte in den Gemeinden.«

Sprecher: Eine solche Organisierung in einer Community braucht Zeit – und sie braucht Einfluss. In Kenia können sich die Gemeinden immerhin auf ein Gesetz berufen. Das nationale Klimagesetz von 2023 schreibt vor: Bei Projekten, die auf Land Emissionszertifikate erzeugen, sollen 40 Prozent der Einnahmen an die Gemeinden gehen. Ob das am Ende auch wirklich passiert, ist allerdings schwer zu überprüfen. Denn dafür müsste bekannt sein, zu welchem Preis die Emissionszertifikate ursprünglich verkauft wurden. Genau diese Information bleibt aber oft im Dunkeln. Eileen Wakesho hebt zudem das Thema Transparenz hervor, das die Gemeinden daran hindert, ihren Anteil effektiv zu erhalten.

Eileen Wakesho: »Wenn ich meine Ziege oder meine Kuh zum Markt bringe, weiß ich zumindest ungefähr, für wie viel ich sie verkaufen werde. Aber bei diesem Markt, an dem wir beteiligt sind, da wissen wir nie, wie hoch der Bruttoerlös ist. Wir wissen nie, für wie viel unsere „Klima-Kühe“ verkauft wurden. Wir wissen nie, wie viel der Vermarkter für die von ihm angebotenen Dienstleistungen einbehalten hat oder einbehält. Wir wissen gar nichts.«

Sprecher: Die Kommunen wissen nicht, zu welchem Preis ihre Zertifikate verkauft wurden. Folglich können sie nicht überprüfen, ob sie tatsächlich den Anteil erhalten, auf den sie Anspruch haben – beispielsweise die gesetzlich festgelegten 40 Prozent. Die Bedenken sind folgende: Wenn in einem freiwilligen Markt nicht einmal jemand eine Zahl wie 40 Prozent überprüfen kann – was passiert dann, wenn ein solcher Markt offiziell verbindlich bzw. verpflichtend wird, wie von der EU aktuell geplant? Genau darüber wird gerade in Brüssel verhandelt.

Es gibt bei den bisherigen Kohlenstoff-Projekten, die Emissionszertifikate abwerfen, immer wieder dokumentierte – und vermutlich auch viele nicht dokumentierte – Fälle von Ungerechtigkeit gegenüber den betroffenen Gemeinden. Dennoch denkt die Europäische Union darüber nach, internationale Emissionszertifikate künftig stärker und verbindlich in ihre Klimapolitik einzubeziehen. Konkret geht es um das Klimaziel für das Jahr 2040. Die EU will ihre Netto-Treibhausgasemissionen bis dahin um 90 Prozent senken. Bis zu fünf Prozent dieses Ziels dürften auf dem internationalen Markt eingekauft werden, sprich, sie müssten nicht durch zusätzliche Emissionsminderungen in Europa erreicht werden. Mit anderen Worten: Ein Teil der Emissionsminderungen würde gar nicht in Europa stattfinden, sondern andernorts – für die in Europa erzeugten klimaschädlichen Emissionen würde außerhalb Europas »saubere Luft käuflich erworben«.

Jakob Graichen: »Im vergangenen Dezember haben sich unsere Staats- und Regierungschefs im Europäischen Parlament auf das Ziel für 2040 geeinigt, wobei jedoch internationale Emissionsgutschriften in Höhe von bis zu fünf Prozentpunkten einfließen können. Die inländischen Emissionen müssen also um 85 Prozent gesenkt werden, und weitere fünf Prozent können von Drittländern gekauft werden, sodass die EU sagen kann, sie hätte ihre Emissionen um 90 Prozent reduziert. Das ist der aktuelle Stand, und die Europäische Kommission bereitet derzeit die Gesetze zur Umsetzung vor.«

Sprecher: Das ist Jakob Graichen, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter für Energie und Klimaschutz am Öko-Institut. Er erläutert außerdem die Unterschiede zwischen dem alten Mechanismus des Kyoto-Protokolls und dem aktuellen Pariser Abkommen. Jakob ist der Ansicht, dass die neuen Änderungen dann ein Erfolg werden könnten, wenn sie gut umgesetzt werden.

Jakob Graichen: »Die Idee war also folgende: In der Vergangenheit gab es den Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung im Rahmen des Kyoto-Protokolls – den Clean Development Mechanismus – und einen freiwilligen CO₂-Markt, der eigentlich eher ein Ausgleichssystem war, bei dem ich dir Geld gebe und du mir Emissionsrechte gibst – am Ende des ganzen Geschäfts.Doch oft trug dies nicht zur Transformation in den Empfängerländern bei. Es war eher ein billiger Weg, sich aus den eigenen Verpflichtungen herauszuwinden, und weniger ein Mittel, auch die Partnerländer im Globalen Süden zu unterstützen.

»Es handelt sich also tatsächlich um einen etwas transforma­tiveren Ansatz, wenn alles gut läuft.«

Mit dem Pariser Abkommen hat sich dies deutlich geändert. Zunächst einmal muss auch das Partnerland ein Ziel im Rahmen des Pariser Abkommens haben, es hat also ein eigenes Reduktionsziel, das es erreichen muss. Und damit entsteht ein anderer Anreiz für ein Partnerland als potenzieller Verkäufer von Emissionszertifikaten. Warum: Wenn ein Land alle billigen Emissionsminderungen verkaufen würde, würde es sein eigenes Ziel nicht mehr erreichen. Es handelt sich also tatsächlich um einen etwas transformativeren Ansatz. Wenn alles gut läuft.«

Sprecher: So optimistisch Jakob Graichen hinsichtlich der neuen institutionellen Änderungen im Pariser Abkommen ist, so skeptisch steht Michael Bloss, Mitglied des Europäischen Parlaments für Bündnis 90/Die Grünen, diesen gegenüber.

Michael Bloss: »Das Problem ist, dass uns die historischen Erfahrungen zeigen, dass wir eigentlich nie wirklich über eine echte CO-Abscheidung sprechen, wenn man bedenkt, was beim Kyoto-Protokoll passiert ist. Das war eine Menge – man nannte es „heiße Luft“. Also viele Schlupflöcher, die im Grunde zu noch mehr CO₂-Emissionen führten als eigentlich angenommen.«

Sprecher: Mit der heißen Luft haben sich über die vergangenen 30 Jahre zahlreiche Forschungsinstitute auseinandergesetzt. Die meisten schwanken in ihrer Analyse, sie sehen einige Potenziale, aber auch viele offene Fragen. Das World Resource Institute etwa vertritt zwar eine differenzierte Position: Es fordert strenge soziale Sicherungsmaßnahmen, Transparenz und Beteiligungsrechte. Auch empfiehlt es, das Carbon Credit Projekte – also Projekte, die Emissionszertifikate abwerfen –  einen Beitrag zum Klimaschutz einer Region leisten sollen. Allerdings nicht mit dem Ziel, die eigenen Emissionen auszugleichen oder zu kompensieren.

Bleibt jedoch die Frage, wie diese Beteiligungsrechte gesichert werden können. Nach einer Durchsicht von Rechtsdokumenten und Interviews mit Fachleuten in der Demokratischen Republik Kongo kommt das CIFOR Institut* zu folgendem Schluss: Regierungen und internationale Akteure betrachten eine inklusivere Beteiligung an Kohlenstoff-Projekten, die Zertifikate als handelbare Ware abwerfen, als einen wichtigen Erfolg. Doch indigene und zivilgesellschaftliche Akteure stehen der Einbeziehung in die Entscheidungsfindung weiterhin skeptisch gegenüber. Gesetzgeberische Bemühungen sollten die Einbeziehung aller Interessengruppen stärken. Dazu Daniel Sesay von Namati über seine Erfahrungen mit Gemeinden in Sierra Leone:

Daniel Sesay: »Früher unterschrieb der Chief – als der Vorsteher der Gemeinde – einfach eine Vereinbarung. Die Menschen sahen lediglich, dass ein Unternehmen kam, um auf ihrem Land zu arbeiten. Sie gingen davon aus, dass ihr Chief dieses Land abtreten würde. Doch mit Inkrafttreten des Gesetzes über traditionelle Landrechte musste die Gemeinschaft konsultiert werden – es reichte nicht mehr aus, nur mit ihr zu sprechen, sondern sie musste konsultiert werden und sie musste ihre Zustimmung geben.

»Das Gesetz schreibt vor, dass 60 Prozent der Gemeinschaft oder der landbe­sitzenden Familie zustimmen müssen.«

Und das Gesetz schreibt vor, dass 60 Prozent der Gemeinschaft oder der landbesitzenden Familie zustimmen müssen, bevor die Investition umgesetzt werden darf. Außerdem verpflichtet das Gesetz die Investor*in oder die Person, die auf dem Land arbeiten will, dazu, ihre Pläne offenzulegen – alle Informationen über ihr Unternehmen, was sie vorhat und wie sich dies auf die Gemeinschaften auswirken wird.«

Sprecher: Obwohl dieses bestehende Gesetz dies klar formuliert, musste die Gemeinde ihre Rechte erst aktiv einfordern. Unterstützung bekam sie dabei von der zivilen Organisation Namati. Gemeinsam setzten sie sich für gerechtere Bedingungen im Kohlenstoff-Projekt ein und verhandelten diese neu – wie Daniel erzählt.

Daniel Sesay: »Wir hatten eine Zeit lang ein großes Hin und Her. Die beiden großen Streitpunkte waren der prozentuale Anteil an den Einnahmen und der Ausschuss, der die Einnahmen der Gemeinde verwalten sollte – also die Frage, wie die Einnahmen der Gemeinde verwendet werden sollten. Was den prozentualen Anteil betrifft, forderten die Gemeinden anfangs 60 Prozent für sich, 30 Prozent für das Unternehmen und zehn Prozent für die Regierung. Wir hatten drei Treffen, bevor wir diese Frage klären konnten. Drei Treffen mit hin und her, Gegenangebot, Angebot, Gegenangebot, Angebot, Gegenangebot, bis wir uns schließlich auf 40 Prozent für die Gemeinde, zehn Prozent für die Regierung und 50 Prozent für das Unternehmen einigen konnten.«

Leitlinien für mehr Gerech­tigkeit

Sprecher: Der Sonderfall Sierra Leone zeigt uns, dass Kohlenstoffmärkte sowohl den Gastgemeinden als auch den Projektentwickler*innen zugutekommen könnten, wenn die richtigen rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Das ist zumindest die Hoffnung; die Zukunft wird zeigen, ob es tatsächlich funktioniert. Für Namati ist es wichtig, dass neben der Verteilung potenzieller Gewinne unbedingt die Grundsätze der Fairness beachtet werden müssen. Doch was bedeutet das im Einzelnen?

David Arach: »Der erste Grundsatz ist die Achtung der Rechte der Gemeinschaften auf Land und Wasser. Wir wissen, dass viele Akteure vor allem Gewohnheitsrechte zu untergraben scheinen, wenn das Land nicht dokumentiert ist und die Gemeindemitglieder keinen Eigentumsnachweis haben. Wir wissen, dass Gewohnheitsrechte untrennbar mit dem Land verbunden sind, und in vielen Ländern des afrikanischen Kontinents werden zunehmend Gesetze erlassen, um diese Gewohnheitsrechte anzuerkennen und zu schützen. Dieser Grundsatz soll also alle Projektinitiatoren dazu anhalten, diese Rechte zu respektieren.

Wenn Sie also mit Gemeinschaften zusammenarbeiten – unabhängig davon, ob deren Landrechte registriert sind oder nicht –, respektieren Sie bitte deren Rechte und beziehen Sie sie im Rahmen der freiwilligen, vorherigen und informierten Zustimmung mit ein. Garantieren Sie eine sinnvolle Entscheidungsfindung. Gemeinschaften haben das uneingeschränkte Recht, zu verhandeln, Bedingungen festzulegen und rundweg Nein zu sagen, wenn ihnen etwas nicht gefällt, oder Ja, wenn sie es wollen. Dies eröffnet nun auch eine breitere Diskussion.«

Eileen Wakesho: » Der erste Grundsatz ist die gerechte Aufteilung der Gewinne. Bei Projekten, die Land beanspruchen, spielen die Gemeinden eine zentrale Rolle. Das ist der Kern der Sache. Es gibt eine Reihe von Punkten, die beachtet werden müssen. Einer davon ist einfach die Anerkennung, dass Gemeinden keine Begünstigten sind, sondern Interessengruppen. Und Interessengruppen erhalten nicht nur Vorteile, sondern auch einen Anteil.

Der zweite Grundsatz, den wir vertreten: Informationen müssen weitergegeben werden, damit die Gemeinden fair verhandeln können. Sie können nicht fair verhandeln, wenn Informationen unter den Tisch fallen. Alle Kürzungen müssen auf den Tisch gelegt werden, damit die Gemeinden Bescheid wissen und dann verhandeln können. Und Gemeinden müssen unterstützt werden, um sicherzustellen, dass sie fair teilnehmen können. Ein Teil dieser Unterstützung muss aus unabhängiger technischer und rechtlicher Beratung bestehen, damit die Gemeindemitglieder die Rechtslage selbstständig nachvollziehen können. Denn wir wollen auch nicht, dass ein Unternehmen selbst diese Dienstleistung erbringt. Deshalb fordern wir auch, dass den Gemeinden tatsächlich unabhängige rechtliche und technische Unterstützung gewährt wird. Wir wollen in der Lage sein, den Markt zu verstehen – angesichts seiner technischen Komplexität.«

David Arach: »Der andere Punkt ist: Es müssen Durchsetzungsmechanismen geschaffen werden, um die Gemeinden selbst zu schützen und ihre Interessen zu wahren. Die Gemeinschaft sollte also über Mechanismen und Mittel verfügen, um die Projektträger zur Rechenschaft zu ziehen, falls beispielsweise eine Vereinbarung besteht und der Projektträger diese nicht einhält. Keine Bezahlung für Umweltverschmutzung. Emissionszertifikate dürfen nicht als bequeme Ausrede für externe Unternehmen oder Regierungen dienen, um sich einer aktiven Minderung ihrer eigenen Treibhausgasemissionen zu entziehen. Ich denke, genau hier liegt der Streitpunkt, und genau hier stellt sich die ethische Frage.«

Saubere Luft dank Emissions­zertifikat?

Sprecher: Die derzeit gültigen Regeln garantieren vielerorts, wie etwa in Tansania, nicht automatisch eine Praxis für das versprochene Win-Win-Ergebnis. Organisationen im Globalen Norden verfügen aufgrund eines auf bestimmte Weise strukturierten Marktes über mehr Informationen oder müssen diese nicht offenlegen. Daher haben sie die Verhandlungsmacht über Preise und Bedingungen, unter denen die Menschen ihr Land nutzen dürfen. Kritische Stimmen bemängeln, dass die auf der COP26 (2021 in Glasgow) beschlossenen Regeln unter bestimmten Bedingungen die Übernahme eines Teils der Emissionsgutschriften aus dem Clean Development Mechanism (CDM) erlauben. Viele dieser Zertifikate sind fragwürdig und ihre ökologischen und sozialen Effekte zweifelhaft. Dadurch können Länder Emissionsminderungen anrechnen, die auf Projekten beruhen, die bereits vor vielen Jahren entwickelt und teilweise schon lange umgesetzt wurden. Nicht das Alter des Projekts allein ist das Problem. Die Emissionsminderungen wurden häufig bereits in der Vergangenheit erzielt und deshalb schaffen sie kaum zusätzliche Anreize für neue Klimaschutzmaßnahmen.

Bei Emissions­zertifikaten geht es nicht nur um saubere Luft. Es geht um Wälder, um Gemeinschaftsland, um Verträge und um Zustimmung. Es geht darum, wer Zugang zu Informationen hat, wer aus einer Position der Stärke heraus verhandelt – und wer nicht. Ob zukünftige CO-Märkte zu einem sinnvollen Instrument für den Klimaschutz werden, hängt nicht nur davon ab, wie viel CO₂ gebunden wird, sondern auch davon, ob Rechte geachtet werden, Vereinbarungen transparent sind und lokale Gemeinschaften wirklich mitreden können.

David Arach: »Keine Bezahlung für Umweltverschmutzung. Emissionszertifikate dürfen nicht als bequeme Ausrede für externe Unternehmen oder Regierungen dienen, um sich einer aktiven Minderung ihrer eigenen Treibhausgasemissionen zu entziehen. Ich denke, genau hier liegt der Streitpunkt, und genau hier stellt sich die ethische Frage.«

Shownotes

Die Interviews führten Eunice Nangobi und Tim Damman.

Der Beitrag »Saubre Luft ernten« ist eine Podcast-Kooperation zwischen dem Witness Radio Uganda und dem südnordfunk, dem Radioprogramm des iz3w, und Radio Dreyeckland in Freiburg. Die Recherchen fanden in Rahmen eines ASA Austauschprogramms statt.

 

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