Entwicklung oder Enteignung?
Ugandische Gemeinden kämpfen mit den Folgen deutscher Investitionen
Audiobeitrag von Lisa Binder und
Tonny Katende
30.06.2025
Land is not for sale – das Land ist nicht käuflich – so sagte einmal der ugandische Präsident Museveni anlässlich einer Fabrikeröffnung. Und doch ist Uganda aktuell einer der weltweiten Hotspots von Landnahmen, auch als Landgrabbing bekannt. Das teils lückenhafte Landrechtssystem bietet nicht allen die gleiche Sicherheit: Die Regierung verschafft Investoren Zugang zu Land, oft auf Kosten der Bevölkerung. Zwei Fälle zeigen auf, wie deutsche Unternehmen in Prozesse investitionsbasierter Landkonflikte verwickelt sind. In einem Fall geht es um Kaffee für den Export, in dem anderen um eine Forstplantage, mit der CO2-Zertifikate für den globalen Kohlenstoffmarkt produziert werden.
Skript zum Audiobeitrag »Entwicklung oder Enteignung«?
südnordfunk Sendung #134 – Erstausstrahlung am 1. Juli 2025
Rose Adongo*: »Ich erntete gerade zusammen mit meinem Mann und meinen Kindern Mais auf unseren 15 Hektar Land. Da sah ich eine Gruppe von Leuten, die in unsere Richtung kamen. Diese Gruppe wurde von Mugisa angeführt. Der trug ein Gewehr, während andere Männer Stöcke hielten. Aus Angst rannten wir alle weg in verschiedene Richtungen. Auch ich rannte. Aber Mugisa holte mich ein, befahl mir, mich auf den Boden zu setzen und fragte mich, warum wir auf dem Land der Forstgesellschaft graben.«
Sprecherin: Erfahrungen wie das hier beschriebene Erlebnis einer ehemaligen Bewohnerin der heutigen Kikonda Holzplantage sind keine Einzelfälle. Viele ugandische Gemeinden sind mit der bitteren Realität überraschender und gewaltsamer Landnahmen und schwerer Menschenrechtsverletzungen konfrontiert, wenn sich ausländische Unternehmen in ihrer Nachbarschaft niederlassen. Die Vertreibungen werden oft von exzessiver Gewalt und Selbstjustiz begleitet.
Rose Adongo: »Später brachte er drei weitere Frauen dorthin und befahl uns, einer nach der anderen, ins Gebüsch zu gehen. Dort trafen wir auf Männer, die uns zu sexuellen Handlungen zwangen.«
Sprecherin: Der im Interview erwähnte Mann namens Mugisa gehört der ugandischen Polizei an. Er wurde als eine der führenden Figuren bei den Vertreibungen bezeichnet, die stattfanden, als das deutsche Unternehmen Global Woods von der Regierung Ugandas beauftragt wurde, das Kikonda-Aufforstungsprojekt zu übernehmen.
Der Fall Mubende - Konflikte um das Gebiet der Kaweri-Kaffeeplantage zwischen der Neumann Kaffee Gruppe und lokalen Gemeinden
Ein weiteres berühmtes Beispiel ist der Landkonflikt zwischen der Kaweri-Kaffeeplantage - einer Tochtergesellschaft der deutschen Neumann Kaffee Gruppe - und Gemeindemitgliedern im Bezirk Mubende. Der Fall hat aufgrund der dokumentierten Menschenrechtsverletzungen und gewaltsamen Zwangsräumungen traurige Berühmtheit erlangt. Rund 4.000 Menschen in vier Dörfern waren davon betroffen.
Es ist ein heller Montagmorgen, und wir machen uns auf den Weg in den Südwesten des Landes, um den Landrechtsverteidiger Peter Kayiira Baleke zu treffen. Er führt uns zu einigen Personen, die von Enteignungen im Zuge der Gründung der Kaffeeplantage betroffen waren. Der heute 63-jährige Baleke hat mehr als ein Drittel seines Lebens damit verbracht, für Gerechtigkeit für seine 2001 vertriebene Gemeinde zu kämpfen.
»Es sollte die erste Kaffeeplantage ihrer Art werden und die größte in Afrika.«
Peter Kayiira Baleke: »Wir wurden im Juni 2001 informiert. Genau genommen erhielten wir am 11. Juni 2001 einen Brief, der besagte, dass das Land, auf dem wir wohnten und uns niedergelassen hatten, an ein großes Unternehmen verkauft worden war: An die Neumann Kaffee Gruppe, die dieses Land in eine Kaffeeplantage umwandeln wollte. Es sollte die erste ihrer Art werden und die größte Kaffeeplantage in Afrika. Unseres Wissens gehörte dieses Land jedoch dem Katikiro - dem Premierminister des Königreichs Buganda - und war Teil der offiziellen Ländereien. Unsere Familie lebte seit Ende der 1890er Jahre auf diesem Land. Also bereits zur Zeit des Uganda-Abkommens von 1900, das die Vermessung allen Landes zur Folge hatte.«
Sprecherin: In Uganda gibt es vier verschiedene Landbesitzsysteme, die sich teilweise widersprechen. Und Land kann sich sowohl in privatem als auch in kommunalem Besitz befinden. Dadurch entstehen Lücken, die von mächtigen Akteuren leicht ausgenutzt werden können. Die ugandische Verfassung von 1995 räumt Menschen, die seit vielen Jahren unangefochten auf demselben Land leben, bestimmte Rechte ein – darunter das Recht auf Entschädigung.
In Mubende gibt es zudem Unstimmigkeiten über den Grenzverlauf zwischen zwei Grundstücken. Mitglieder der lokalen Gemeinde beanstanden, dass die Kaffeeplantage mehr als nur die vorgesehene Parzelle umfasst.
Peter Kayiira Baleke: »Nach den Informationen, die wir erhalten haben, sollte die Plantage den Landblock 99 umfassen. Als die vorbereitende Vermessung durchgeführt wurde, wurde jedoch auch ein Teil von Block 103 eingeschlossen. Wir meldeten diese Übertretung, wurden aber vom Büro des Bezirksbeauftragten abgewiesen, obwohl wir alle Dokumente vorlegen konnten.«
Sprecherin: Der Kampf der Vertriebenen um ihr unrechtmäßig enteignetes Land und eine gerechte Entschädigung für ihr zerstörtes Eigentum begann bereits im Jahr 2001. Unter anderem griffen sie auf das ugandische Justizsystem zurück: Im Jahr 2003 reichten mehr als 400 Betroffene eine Zivilklage ein - gegen den Staat Uganda und gegen die Kaweri Coffee Plantation Ltd. Dieser Prozess dauert bis heute an.
Die Hamburger Neumann Kaffee Gruppe GmbH - kurz NKG - zu der die Plantage als Tochterunternehmen gehört, hat sich von den gewaltsamen Räumungen distanziert. In einer Stellungnahme zu einer Schrift der Nichtregierungsorganisation Public Eye heißt es:
»Der von Public Eye erwähnte Landrechtsfall Kaweri Coffee Plantation Ltd. in Uganda beschäftigt uns bereits seit 20 Jahren und wir bedauern sehr, dass es dort nach wie vor nicht zu einer befriedigenden Lösung für alle Seiten gekommen ist. Kaweri, ein Tochterunternehmen der Neumann Kaffeegruppe, hat im Jahr 2001 vom ugandischen Staat eine Fläche gepachtet, in der Annahme, dass es sich um Land frei von Ansprüchen jeglicher Art handelt. Anwohnerinnen und Anwohner des Geländes, die umgesiedelt wurden, erhielten nachweislich Kompensationen. Einzelne Bewohnerinnen und Bewohner – denen teilweise nicht bewusst war, dass sie an Orten lebten, die an Orten lebten, die zur Liegenschaft gehörten – verweigerten einen Umzug und schlugen die Kompensationszahlungen aus. Diese Menschen wurden ohne Kenntnis der NKG oder Kaweri gezwungen, das Land zu verlassen. Die NKG bedauert bis heute das Vorgehen gegenüber diesen Familien zutiefst.«
Sprecherin: In der sehr ausführlichen »Chronologie der Ereignisse um die Kaweri Coffee Plantation – 2000 bis 2025« erklärt die Neumann Kaffee Gruppe auf ihrer Website, dass alle gesetzlich vorgeschriebenen Entschädigungen gezahlt worden seien. Offiziell dokumentiert sind 166 Entschädigungszahlungen, die angeblich vom alten Eigentümer vor der Pachtung des Geländes durch das Unternehmen gezahlt wurden. Die Vertriebenen und unterstützende Nichtregierungsorganisationen wie FIAN sprechen jedoch von über 4000 Menschen, die für die Plantage von ihrem Land vertrieben wurden. Das Unternehmen besteht außerdem darauf, von den gewaltsamen Vertreibungen nichts gewusst zu haben.
-
Einige der betroffenen Bewohner der Kaweeri Kaffeeplantage während eines Interviews mit dem Team des Witness Radio | Foto: Witness Radio Uganda -
Fred Kamya, ein lokaler Anführer in Kyankwanzi, spricht im Namen der Gemeinde während eines Treffens, bei dem es um Missstände im Zusammenhang mit der Landübernahme durch Global Woods geht | Foto: Witness Radio Uganda
»Die Regierung hatte unser Land bereits ohne unsere Zustimmung an den Investor vergeben.«
Peter Kayiira Baleke: »Vor all diesen Ereignissen sahen wir, zwischen Februar und April 2001, oft mehrere große Fahrzeuge durch unser Land fahren. Damals wussten wir nicht, was vor sich ging. Wir hatten keine Ahnung, dass ein Investor es auf unser Land abgesehen hatte. Erst während der Zwangsräumungen wurde mir die Sache klar. Ich erkannte das Logo auf diesen Fahrzeugen als das der Plantagengesellschaf. Das bestätigte mir, dass sie hinter all dem steckte. Ich erinnere mich auch daran, dass in diesen Fahrzeugen Leute saßen, die Bodenproben aus unseren Gärten entnahmen, aber wir dachten, das seien Fachleute der Regierung. Was wir damals nicht wussten: Die Regierung hatte unser Land bereits ohne unsere Zustimmung an den Investor vergeben. Dann, im Juni 2001, erhielten unsere lokalen Autoritäten den Brief der Regierung, in dem wir aufgefordert wurden, unser Land bis zum 31. August zu räumen.«
Sprecherin: Die Anwohner*innen hatten also kaum zwei Monate Zeit, um auf die drohende Räumung zu reagieren.
Peter Kayiira Baleke: »Die Armee setzte die Anweisungen aus dem Brief durch und vertrieb die Menschen brutal.«
Sprecherin: Das Militär, die Polizei und politische Autoritäten schlossen sich zusammen, um das Vorhaben von Kaweri Coffee zu unterstützen und die Räumungen durchzuführen. Dabei nahmen sie keine Rücksicht auf die Gemeinden, die sie eigentlich schützen sollten. Die Art und Weise, wie die lokale Bevölkerung des Landes enteignet wurde, ist einer der gewaltvollsten Vorfälle der letzten Jahrzehnte.
Nakayinga Rose Mary: »Die Armee kam und forderte uns auf, unser Land innerhalb von drei Tagen zu räumen. Wir wurden nicht gefragt, ob wir der Landvergabe zustimmen. Stattdessen erklärten sie, dass der Investor unser Land will, ohne dass Menschen darauf leben. Und sie warnten uns, sie würden uns erschießen, wenn wir es nicht räumen. Sie haben uns weder ausgezahlt noch entschädigt, und uns blieb nichts anderes übrig als zu gehen. Das war eine schmerzhafte Erfahrung, denn wir konnten nirgendwo hin.«
Sprecherin: Zu denen, die uns Herr Baleke vorstellt, gehört auch Nakayinga Rose Mary, eine Frau mittleren Alters, die seit den 1980er Jahren auf dem Land ansässig war.
Nakayinga Rose Mary: »Wir haben alles verloren, das wir uns aufgebaut hatten. Plantagen, Land, Häuser – und alles wegen des Investors. Ich bin jetzt alt und sollte meinen Ruhestand genießen. Stattdessen flehe ich immer noch um eine Entschädigung für mein Land, das ich mit meinem hart verdienten Geld erworben hatte und das mir vor über 20 Jahren genommen wurde.«
»Kikonda Forest Reserve« - Aufforstungsprojekt der Firma Global Woods International AG
Sprecherin: Nicht weit von Mubende entfernt wurden in einer weiteren Gemeinde im Bezirk Kyankwanzi, im Jahr 2002 über 10.000 Menschen von ihrem Land vertrieben. Das in Deutschland ansässige Unternehmen Global Woods International AG war von der ugandischen Regierung beauftragt worden, das Aufforstungsprojekt »Kikonda Forest Reserve« zu realisieren. Vorgesehen war die Anlage einer größeren kommerziellen Holzplantage und eines kleineren Naturschutzgebiets.
Zu den Vertriebenen, gehört der 59-jährige Viivi Fredrick. Im Laufe der Jahre hat er eine Reihe von Angriffen überlebt, von denen er glaubt, dass sie von Personen aus dem Umfeld der Kikonda-Farm verübt wurden.
Viivi Fredrick: »2014 wurde ich von Arbeitern der Global Woods AG angegriffen. Sie installierten einen Draht über den kleinen Weg, den ich auf dem Heimweg nutze. Ich stürzte und brach ich mir das Bein. Ich erstattete Anzeige bei der Polizei, aber es passierte nichts. Auch 2018 wurde ich auf dem selben Weg angegriffen. Sie schlugen und schnitten mich. Wie Sie sehen können, hatten sie die Absicht, mir den Hals abzuschneiden und töteten mich fast. Nur durch Gottes Gnade, habe ich überlebt und kann davon berichten.«
Sprecherin: Das bewaldete Land, auf dem sich das Kikonda-Projekt befindet, gehörte der Nationalen Forstbehörde von Uganda lange vor der Anlage der Plantage. Der Großteil des Gebietes wurde jedoch schon immer von den lokalen Gemeinschaften aus über 30 Dörfern genutzt. Mit der Ankunft von Global Woods hat sich die Situation für diese Menschen drastisch verändert. Holz wird nun in Monokulturen angebaut. Für den in der Plantage gespeicherten Kohlenstoff werden Ausgleichszertifikate verkauft. Den ehemaligen Nutzer*innen des Landes wird der Zugang jedoch verwehrt.
Herr Viivi gehört zu den Anwohnenden, die sich bereits in den 1990er Jahren in dem Wald niedergelassen hatten. Er hat daher nach der ugandischen Verfassung Anspruch auf das Land oder zumindest auf eine Entschädigung. Er sagt, die hier lebenden Menschen hätten früher Steuern an die Regierung gezahlt, die ihre Anwesenheit damit offiziell anerkannt habe.
Viivi Fredrick: »Trotz dieser Gewalt rettet uns niemand. Das Unternehmen lässt sich nicht aufhalten.
Sprecherin: Herr Viivi führt seine Auflistung der durch die Angestellten der Firma verübten Gewalttaten fort: »Junge Mädchen wurden von den Arbeitern des Unternehmens beim Brennholz sammeln im Wald vergewaltigt. Das Vieh der Leute wurden gestohlen und geschlachtet. Wer sich wehrt wird angegriffen und geschlagen. Wir wurden zwar von dort vertrieben, aber einige von uns gehen immer wieder zurück, weil das die Orte sind, an die wir unsere Tiere zum Grasen und Trinken führen. Wenn sie uns finden, konfiszieren sie unser Vieh und zwingen uns, 20.000 ugandische Schilling pro Tier zu zahlen. Auch unsere Ernte - Mais und Bohnen - wird von den Arbeitern der Firma gestohlen.«
Die Global Woods AG hatte einen langfristigen Pachtvertrag über mehr als 12.000 Hektar Land in Zentraluganda. Gegründet wurde die AG von Manfred Vohrer, einem ehemaligen Grünen-Politiker im Europäischen Parlament. Global Woods AG stellt auf ihrer Website ein Firmenprofil vor, das ihre leitenden Werte auflistet. »Klimaschutz & Biodiversität«, »Wirtschaftliche Nachhaltigkeit«, »Internationale Verantwortung«, »Soziale Gerechtigkeit«, »Internalisierung externer Kosten« und »Transparenz & Innovation« werden dort aufgeführt. Zur angestrebten sozialen Gerechtigkeit heißt es dort:
»Landbewirtschafter:innen, die Ökosystemdienstleistungen erbringen, erhalten eine faire Vergütung. Global Woods besitzt keine Flächen im Globalen Süden, sondern arbeitet mit Landbesitzer:innen über Pachtverträge oder direkte Finanzierungen. So profitieren die lokalen Akteure unmittelbar vom wirtschaftlichen Erfolg.«
Das Unternehmen bekennt sich nach eigenen Angaben also zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz sowie zu sozialer Gerechtigkeit. Doch wo bleiben diese hohen sozialen Werte, wenn es um die Vorwürfe von Mitgliedern der Gemeinden in der Nachbarschaft der Plantage geht?
Obwohl Global Woods die Folgen seiner Tätigkeit für die lokalen Gemeinden nie kommentiert hat, wurde das »Kikonda Forest Reserve« Projekt schließlich an ein ugandisches Unternehmen verkauft. Laut Land Matrix, einer unabhängigen globalen Landüberwachungsinitiative, ist der Käufer Nile Fibreboard Limited, der regionale Marktführer in der Holzwertschöpfung. Die Firma gehört zu einer Unternehmensgruppe, die in Ostafrika mehr als 20.000 Hektar bepflanzte Wälder verwaltet. Den örtlichen Gemeinden zufolge setzen sich die Verstöße auch mit der neuen Eigentümerin fort.
Die deutsch-ugandische Wirtschaftspartnerschaft
Sprecherin: Die ugandische Regierung heißt die Investitionen ausländischer Unternehmen mit billigem Land, reduzierten Stromtarifen und niedrigen Steuern willkommen. In einer öffentlichen Rede verteidigte der Präsident Ugandas, Yoweri Kaguta Museveni, die Politik seiner Regierung und betonte, dass ausländische Investoren zum Wirtschaftswachstum beitragen.
Präsident Yoweri Kaguta Museveni: »Das Land steht nicht zum Verkauf. Was wir wollen, ist, dass ausländische Unternehmen ein Produkt herstellen, das wir hier brauchen und das vielleicht auch außerhalb gebraucht wird. Auch wenn ein Hersteller, der zum Beispiel Limonaden und Bier braut, keine Einkommenssteuer oder Körperschaftssteuer zahlt, produziert er eben Bier. Ihr Ugander mögt Bier, also seid ihr abends alle in den Bars und betrinkt euch, und auf jede Flasche wird eine Steuer erhoben. Ich bekomme also die Steuer, aber indirekt, nicht direkt.«
Sprecherin: Die langjährige deutsch-ugandische Wirtschaftspartnerschaft hat zu Investitionen in Höhe von mehreren Millionen Dollar in Uganda geführt. Diese sollen die wirtschaftliche Stabilität und die globale Wettbewerbsfähigkeit wichtiger Exportsektoren, wie Kaffee, Holz und Kohlenstoff. Das Kikonda Forest Reserve Projekt und die Kaweri Kaffeeplantage sind Zeugnisse der deutsch-ugandischen Zusammenarbeit im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung. Doch die Menschen vor Ort, die in erster Linie von diesen Investitionen profitieren sollten, merken nichts von dem proklamierten Erfolg. Beide deutschen Unternehmen werden mit Ereignissen in Zusammenhang gebracht, die Menschenrechtsverletzungen und Landnahmen zur Folge hatten und so viele Menschen in die Armut trieben.
»Das ist nicht der Fortschritt, den wir erwartet haben. Wenn uns etwas die Lebensgrundlage raubt, können wir das dann wirklich Entwicklung nennen?«
Kamya Fred: »Das ist nicht der Fortschritt, den wir erwartet haben. Wenn uns etwas die Lebensgrundlage raubt, können wir das dann wirklich Entwicklung nennen?«
Sprecherin: Das fragt sich Herr Kamya Fred, ein Gemeindevorsteher im Unterbezirk Kigando, in dem sich ein Teil der Kikonda Plantage befindet.
Kamya Fred: »Die Menschen leiden und niemand rettet sie. Unsere Tiere sterben, während andere beschlagnahmt werden und die Menschen können nicht mehr so glücklich leben wie zuvor. Mein Volk wurde von dem so genannten Investor in die Armut gestürzt, und als Anführer kann ich nicht zusehen, wie der Investor profitiert, während Anwohnende leiden, die ebenfalls von dem Projekt profitieren sollten. Ich werde erst glücklich sein, wenn die Menschen hier glücklich sind. Und Menschen können nicht glücklich sein, wenn sie nichts zu essen haben oder es sich nicht leisten können, für ihre Familien zu sorgen.«
Sprecherin: Auch Herr Kamya hat sein 20 Hektar großes Grundstück an das Unternehmen verloren. Er ist eine angesehene Persönlichkeit in der Gemeinde und vertritt die Menschen im Unterbezirk Kigando, darunter auch einige, die für die Kikonda Plantage vertrieben wurden. Er hat den Landraub und das durch die ausländische Investition verursachte Leid von Anfang an beobachtet.
Kamya Fred: »Eine Investition, die die Menschen daran hindert, ihr Land zu nutzen, die die Wasserquellen der Menschen vergiftet und ihre Aktivitäten kriminalisiert, ihre Häuser abfackelt, die Getreidespeicher zerstört und die produzierten Güter raubt, ist es nicht wert, als Fortschritt bezeichnet zu werden. Sowohl die Menschen, die vertrieben wurden, als auch die Nachbarn der Plantage weinen. Die Arbeiter des Unternehmens haben Ehen zerstört, weil sie unsere Frauen entführen und vergewaltigen. Sie schlagen Menschen und rauben sie aus, wenn sie durch die Wälder gehen. Ehrlich gesagt, wir haben keinen Frieden. Wir bedauern eine Investition dieser Art. Alles, was wir verlangen, ist Kompensation für das Land und die verursachten Schäden.«
Sprecherin: Die Straflosigkeit von Unternehmen ist eine globale Krise. Laut einer Zehn-Jahres-Studie des britischen Business & Human Rights Resource Centre wurden zwischen 2015 und 2024 weltweit mehr als 6.000 Angriffe auf Personen registriert, die sich dem Missbrauch durch Unternehmen widersetzten. Der Bericht »Defending Rights and Realising Just Economies« zeigt, dass viele dieser Angriffe auf Absprachen zwischen Unternehmen, Regierungen und anderen mächtigen Akteuren zurückzuführen sind. Oft sind staatliche Vertreter*innen wie Polizei und lokale Behörden die direkten Täter*innen.
Unklare Zukunft und globale Imbalance
Zurück in Mubende: Der Fall der Kaweri Kaffeeplantage ist noch immer schmerzlich ungelöst. Zwei Jahrzehnte später warten die Gemeinden, die vertrieben wurden, um Platz für ein deutsches Kaffeeimperium zu schaffen, immer noch auf Entschädigung, Gerechtigkeit und Anerkennung. Das Land bleibt in den Händen des Investors. Die Gewinne wachsen weiter, doch für die Betroffenen ist die Vergangenheit allgegenwärtig.
Sengabi Godfrey: »Wir können unsere Vergangenheit nicht zurückholen. Wir leiden noch immer und werden es auch weiterhin tun, da wir keine Hoffnung auf Besserung haben. Unsere Häuser wurden uns genommen. Unsere Zukunft wurde uns gestohlen. Sie erlauben uns nicht, Kaffee anzubauen und zu ernten. Sie haben Leute wegen des Kaffees verhaftet. Unsere Beziehung zum Unternehmen ist völlig gescheitert. Das Leben ist hart und anstrengend.«
Sprecherin: Die Fälle verdeutlichen ein generelles globales Ungleichgewicht. Die Gewinne aus der Produktion und dem Handel mit weltweit stark nachgefragten Gütern wie Kaffee oder Holz verbleiben noch immer hauptsächlich im Globalen Norden. Auch der freiwillige Handel mit Kohlenstoffzertifikaten ist in sich ein global ungerechtes System und stark umstritten. Kompensationsprojekte wie das Kikonda Aufforstungsprojekt befinden sich hauptsächlich in Ländern des Globalen Südens. Diese Länder sind für den kleinsten Anteil der weltweiten Emissionen verantwortlich, sollen aber dennoch den größten Teil der Last der Klimaschutzmaßnahmen tragen.
Dies ist nicht nur eine ugandische Geschichte. Es ist ein globales Muster, bei dem sich die Macht in den Händen einiger weniger konzentriert und die Kosten von denjenigen getragen werden, die sich am wenigsten wehren können. Angesichts des anhaltenden Einflusses ausländischen Kapitals auf den Globalen Süden stellt sich immer wieder die Frage, ob Gerechtigkeit möglich ist, wenn die Wirtschaft Vorrang vor den Menschen hat.
Shownotes
Abholzung, Einschüchterung, Landgrabbing: Wie Schweizer Agrarhändler als Plantagenbesitzer agieren - eine Recherche von Public Eye
Antwort der Neumann Kaffee Gruppe GmbH auf die Recherche von Public Eye beim Business & Human Rights Resource Center
Fallarbeit der Organisation FIAN Deutschland zum Fall der Kaweri Kaffeeplantage seit 2003
Firmenportrait der Global Woods International, Stand März 2025
Profil und Verkauf von Nile Fibreboard Ltd. laut Land Matrix, einer unabhängigen globalen Landüberwachungsinitiative
Defending rights and realising just economies: Human rights defenders and business (2015-2024) - ein Bericht des Business & Human Rights Resource Center