»In der Vergangenheit dachten vor allem weiße Menschen, dass Schwarze Menschen natürlich nicht die gleichen Rechte haben können wie sie. Männer dachten, dass Frauen* ihnen natürlich untergeordnet seien. Und heute denken die Staatsbürger*innen des Globalen Nordens, dass Menschen aus dem Globalen Süden selbstverständlich an Grenzen gestoppt und abgeschoben werden dürfen.«
In Grenzen und Bewegungsfreiheit. Eine kritische Einführung befasst sich Fabian Georgi aus materialistischer Perspektive mit dem Projekt globaler Bewegungsfreiheit. Aber was bringt es, über offene Grenzen zu diskutieren, wenn wir gerade genau das Gegenteil erleben? Die Festung Europa steht für Stacheldrahtzäune, brutale Pushbacks, ausbleibende Seenotrettung, immer perfidere Asylrechtsverschärfungen und Abschiebungen. In diesem restriktiven Klima ist das Projekt offener Grenzen – oder gar keiner Grenzen – schnell als linkes Wunschdenken verschrien.
Migration entsteht als Widerstand gegen globale Ungleichheit
Georgi hält dagegen und analysiert die erstarkenden Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte im Kontext von Krisen, neoliberalen Umwälzungen und Repression. Gerade autoritäre Reaktionen von Staaten zeigen, wie verankert das Streben nach Bewegungsfreiheit in der heutigen Wirklichkeit ist. Migration entsteht als Widerstand gegen globale Ungleichheit. Die Idee globaler Bewegungsfreiheit ist aus den Praktiken und Kämpfen der Migration gespeist und hat ihren Ursprung nicht »an den WG-Küchentischen linker Aktivist*innen«.
Immer wieder kommt Georgi zu dem Schluss, dass eine emanzipatorische Version globaler Bewegungsfreiheit nicht ohne eine sozial-ökologische Transformation gelingen kann. Er verwendet deshalb viel Zeit darauf, die Funktion von Grenzregimen und Migrationsmanagement in der kapitalistischen Weltwirtschaft zu analysieren. Er benennt konkrete Strategien für praktisches Handeln »im Handgemenge von Freiraumpolitiken, Abwehrkämpfen und schrittweisen Reformen«, die die langfristigen Ziele von Bewegungsfreiheit und sozial-ökologischer Transformation nicht aus den Augen verlieren.
Das Buch ist dabei leider keinesfalls eine einfache Anleitung zum Abschaffen von Grenzen. Wer also gerne einen fertigen 5-Punkte-Plan hätte, sucht vergeblich. Die Einsicht, dass Bewegungsfreiheit nicht ohne ein Überwinden der kapitalistischen Weltwirtschaft zu erreichen ist – was ja wohl schon herausfordernd genug ist – sollte trotzdem nicht dazu führen, dass wir das Handtuch werfen. Bewegungsfreiheit funktioniert vielleicht nicht im Kapitalismus, aber wenn wir für Bewegungsfreiheit kämpfen und sie in anderen Kämpfen konsequenter mitdenken, stellen wir damit auch dem Kapitalismus ein Bein.