Autoritär, patriarchal und gewaltförmig
Frauengesundheit und Bevölkerungspolitik in Indien und China
Reproduktive Gesundheit wird sowohl in Indien wie auch in China unter dem Primat der jeweiligen Bevölkerungskontrollpolitik gedacht. Was bedeuten die unterschiedlichen Biopolitiken in den zwei Ländern für Gesundheitsversorgung und reproduktive Gerechtigkeit?
Der Weltbevölkerungsbericht 2023 belegte mit zwei sich überkreuzenden Linien, dass Indien China als bevölkerungsreichstes Land der Welt überholt hat. Diese Botschaft bestätigt sowohl das Narrativ ewigen Bevölkerungswachstums in Indien als auch das Narrativ der großen demographischen Wende in China. Tatsächlich hat jedoch auch in Indien längst die entscheidende Transition zur Stabilisierung der Bevölkerung stattgefunden, wenn auch mit großen Unterschieden zwischen den nördlichen und südlichen Bundesstaaten. Indien verzeichnet heute nur noch zwei Geburten pro Frau, geringere Kindersterblichkeit, längere Lebenserwartung und einen wachsenden Anteil der über 65-Jährigen im Landesdurchschnitt. Im Vergleich: In China schrumpft die Bevölkerung, seit es 2022 seine niedrigste Geburtenrate mit durchschnittlich 1,1 Geburten pro Frau erreicht hat.
Wenig verwunderlich lobt die UN-Familienplanungsorganisation UNFPA die beiden Regierungen wegen ihrer effektiven »Familienplanungs«-Politiken. Hinter den schlichten Bevölkerungsachsen der daten- und projektionsverliebten UNFPA steht allerdings eine Geschichte von politischen Zwängen, patriarchaler Gewalt und intersektionalen Ungleichheiten bei der Verletzung von sexuellen und reproduktiven Rechten.
Im Jahr 2021 rief die chinesische Regierung die Drei-Kind-Familie aus
Das brahmanische Patriarchat in Indien verband sich mit dem neomalthusianischen* Diktum – die Fruchtbarkeit der Armen vermehre die Armut und behindere wirtschaftliche Entwicklung – zu biopolitischer Gewalt. Sie zeigte sich in der massenhaften Enteignung von Reproduktivität durch Sterilisation von armen, wenig gebildeten Frauen auf dem Land.
In China manifestiert sich die biopolitische Macht als Bündnis zwischen dem konfuzianischen Patriarchat und autoritär-disziplinierender Staatlichkeit sowie dem Glauben an die Steuerung der (wirtschaftlichen) Ressource Mensch. Dieses Bündnis nimmt keine Rücksicht auf individuelle Rechte und setzt massenhaft Abtreibungen durch. In beiden Ländern resultierte die patriarchale Präferenz des männlichen Geschlechts in Abtreibungen weiblicher Föten. Dies bewirkt ein massives Geschlechterungleichgewicht bei den Geburten. In den 2000er-Jahren führte dies zu einem Männer»überschuss«, sodass Millionen Heiratswillige keine Frau finden konnten. Als Gegentrend verringerte sich jedoch aufgrund der ungewollt zölibatären Männer zuletzt die Geschlechterungleichheit bei der Geburt, in China von 121 auf 105 Jungen zu 100 neugeborenen Mädchen, und in Indien von 111 auf 108 Jungen mit dem üblichen Stadt-Land-Gefälle.
Hindu-Patriarchat und Neomalthusianismus
Die Kasten- und Klassenspezifik indischer Familienplanungsprogramme von den 1950er-Jahren bis heute hat – unterstützt von der internationalen Entwicklungszusammenarbeit – eine neomalthusianische Kontinuität. Über Jahrzehnte wurden in Camps auf dem Land im Minutentakt Massensterilisationen an armen, sozial marginalisierten Frauen aus niedrigen Kasten vorgenommen (iz3w 395). Ebenso betroffen waren Indigene (Adivasi) und Musliminnen, teils mit dramatischen gesundheitlichen oder gar tödlichen Folgen. Auch 2021 waren noch drei Viertel der Frauen, die Verhütung praktizierten, sterilisiert. 43 Prozent davon waren unter 25 Jahre alt, fast zwei Drittel der Frauen bekamen eine finanzielle »Kompensation« für den Eingriff, 20 Prozent von ihnen hatten keine Ahnung, dass Sterilisation eine dauerhafte Methode der Verhütung ist. Je mehr Beratung zur Familienplanung stattfindet und je weniger gebildet und ärmer Frauen sind, desto häufiger entscheiden sie sich für »effektivere«, nämlich dauerhafte Methoden der Verhütung wie Sterilisation oder Spiralen. Im Zuge der Neoliberalisierung der Wirtschaft und der Hinduisierung der Politik fällt die gezielte Sterilisation bestimmter Gruppen besonders auf: Adivasi, die auf ressourcenreichem Land leben, und Muslime, die von der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP vor allem im Norden des Landes als »Andere«, »Unerwünschte« und »Migrant*innen« definiert werden und denen die Staatsbürgerschaft verweigert wird.
Die fortdauernde Sterilisationsoffensive, die vor allem ländlichen, armen Frauen Wahlfreiheit nimmt, anstatt sie zu geben, ist eingebettet in ein behördliches Anreiz- und Sanktionssystem. Dadurch wurde das System ökonomisiert. Immer noch im Geiste von Malthus wurde 2021 in Uttar Pradesh ein Gesetz zur »Zwei-Kind-Norm« verabschiedet, welches Personen mit mehr als zwei Kindern bestraft, indem sie nicht für politische Gremien in den Dörfern kandidieren dürfen. Das Interesse an Geburtenkontrolle hat hier Vorrang vor basisdemokratischer Partizipation. Es zielt stark auf muslimische Bürger*innen, die für die hohe Geburtenrate des Bundesstaates verantwortlich gemacht werden.
Femtech-Apps sollen die fehlende Gesundheitsberatung ersetzen
Die Häufigkeit von Gebärmutterentfernungen in einigen indischen Bundesstaaten in den 2010er-Jahren belegte auf erschreckende Weise die Unterwerfung von als niedrigkastig definierten Frauen. Seitdem die staatliche Krankenversicherung die chirurgische Entfernung der Gebärmutter finanziell übernimmt, ging deren Zahl schlagartig hoch. Die Frauen – mehrheitlich auf dem Land und aus unteren Kasten – litten unter gynäkologischen Beschwerden, die sie etwa als Tagelöhnerinnen auf dem Feld behinderten. Ihre Beschwerden wurden von einer rücksichtslosen medizinischen Wachstumsbranche verwertet: Trotz anderer Therapiemöglichkeiten rieten ihnen korrupte Mediziner*innen mit der Androhung eines hohen Krebsrisikos, sich in privaten Kliniken die Gebärmutter entfernen zu lassen. Wenn die Versicherung die Kosten nicht übernahm, waren die Frauen hoch verschuldet.
Konfuzianismus und autoritärer Staat
Auch in China erzählen Bevölkerungskontrollprogramme eine nicht endende Geschichte von Zwängen, Bevormundung und Abstrafung von nicht-politikkonformem Reproduktionsverhalten. Die Ein-Kind-Familie war eine zutiefst patriarchale Biopolitik. Die Frauen trugen wegen des Mangels an Sexualaufklärung und Verhütungsmitteln durch häufige Abtreibungen zu einem späten Zeitpunkt und durch Sterilisationen das Gros der Lasten. Die Ein-Kind-Politik hatte jedoch ein Element sozialer Gerechtigkeit, weil Familien auf dem Land mit einer erstgeborenen Tochter sowie ethnische Minderheiten wie etwa die Uigur*innen ausgenommen waren. Inzwischen hat sich aber zum einen eine Klassendifferenzierung etwa zwischen migrantischen Arbeiterinnen und qualifizierten Gutverdienenden durchgesetzt. Zum anderen gibt es nun eine massive Diskriminierung ethnischer Minderheiten. Uigur*innen werden mit eugenischer und rassifizierender Gewalt wegen zu vieler Kinder interniert und brutalen Geburtenkontrollzwängen unterworfen.
Gleichzeitig ist Abtreibung jedoch bis heute eine sehr verbreitete Geburtenkontrollmethode. Die Präferenz hat sich dabei von gut gebildeten städtischen Frauen zu weniger gut gebildeten Frauen (auf dem Land und in der migrantischen Arbeiterschaft) verschoben. Da nichteheliche Sexualität im Zuge der Individualisierung und Urbanisierung der Gesellschaft stark zugenommen hat, treiben junge Frauen häufig vor der Heirat ab, aber auch ältere verheiratete Frauen, die bereits ein Kind haben.
Seit in China die demographische Dividende, also der Pool von Menschen im erwerbsfähigen Alter schmilzt, während die Zahl der Alten und damit das Betreuungsproblem schnell wächst, hat die Regierung eine rabiate Kehrtwende hin zu geburtenfördernder Politik gemacht. Mit der gleichen autoritären Anmaßung wie sie zuvor Verbote verkündete, propagiert sie seit 2013 eine Zwei-Kind-Politik als »qualitativ hochwertige« demographische Steuerung. Sie beklagt Individualismus und einen mangelnden Familiensinn, was sich in sinkenden Heiratsquoten und einer steigenden Scheidungsrate äußert. Tatsächlich wird erneut ein ökonomisches Problem – dieses Mal Arbeitskräftemangel – als demographisches definiert. Demographische Daten werden als Teil der wirtschaftlichen Entwicklung veröffentlicht, Quantität und Qualität der Bevölkerung gelten als Mittel zum Zweck des Wirtschaftswachstums. Entsprechend stellt der Staat ökonomischen Aufschwung und Wohlstand für alle als Gegenleistung für die bevölkerungspolitische Bevormundung in Aussicht.
Die Resonanz auf diese pronatalistischen Steuerungsversuche war mickrig: Wegen der hohen Lebenshaltungs- und Bildungskosten entscheiden sich immer mehr junge Paare, unverheiratet und kinderlos zu bleiben. Absurderweise rief die Regierung daraufhin 2021 die Drei-Kind-Familie aus, flankiert von Lobeshymnen auf die Familie, Einführung einer Warteperiode vor Scheidungen, Eheanbahnungsprogrammen, Einschränkung von Abtreibungen, Verbot von Leihmutterschaft und Bildungsversprechen für das dritte Kind. Doch immer mehr junge Bürger*innen verweigern sich dem Hineinregieren in ihre Körper und in ihre Reproduktion und leben einfach sexuelle und reproduktive Freiheit. Als Zuspitzung des Rückzugs aus dem System von Patriarchat, kapitalistischem Markt und biopolitischem Autoritarismus entstand eine radikal-feministische Streik-Bewegung, der Jinü-Feminismus. Er verweigert – ähnlich der 4B-Bewegung in Süd-Korea – Sex mit Männern, Heirat, Gebären und kosmetische Chirurgie, um Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu gewinnen und gesellschaftliche Normen zu missachten.
Die Gesundheitsarbeit krankt
In China ist der Fachkräftemangel im Gesundheitssektor ein heißes Thema. Ärzt*innen und Pflegekräfte fehlen auf dem Land und in den öffentlichen Einrichtungen. Hier sinkt die Qualität der medizinischen Versorgung, weil das qualifizierte Personal in Städte und private Einrichtungen abwandert. Wegen des Betreuungsnotstands in der alternden Bevölkerung will die Regierung Betreuungskräfte aus ärmeren Ländern in der Region importieren, um die Versorgung zu sichern.
Indische Gesundheitsarbeiterinnen arbeiten für ein minimales Honorar
Diese Frauenarbeit soll zu Dumpinglöhnen mithilfe migrantischer Arbeitskräfte stattfinden. Zusätzlich sollen Digitalisierung und Care-Plattformen helfen, den Pflegenotstand zu managen.
In Indien stellt die Aneignung unbezahlter Arbeit von Frauen als »soziale Aktivistinnen« eine andere Form der Landnahme von Frauen- körpern aus niedrigen Kasten und Klassen dar. 6,5 Millionen indische Kindergärtnerinnen, Schulköchinnen, Geburtshelferinnen und Gesundheitsarbeiterinnen managen seit 1975 in »Sozialarbeits«programmen Mangelernährung und unzureichende Gesundheitsversorgung auf dem Land. Der Clou dabei ist, dass diese Frauen »freiwillig«, sprich: für die Ehre und ein minimales »Honorar« arbeiten. Einen Arbeitsvertrag, Arbeitsrechte und soziale Absicherung haben sie nicht, sondern lediglich die Hoffnung, einmal in ein Beschäftigungsverhältnis übernommen zu werden.
Hauptaufgabe der ASHAs, der Gesundheitsarbeiterinnen, ist es, Krankenhaus- statt Hausgeburten einschließlich Vor- und Nachbetreuung zu arrangieren, wobei in den Krankenhäusern nach der zweiten Geburt in der Regel eine Sterilisation angeboten wird. Im Laufe der Zeit bekamen die Kindergärtnerinnen und ASHAs immer mehr Aufgaben zugeteilt, wie Beratung zur Familienplanung und die Erhebung von Daten dazu in den Dörfern. Standen diese Sozialprogramme zu Beginn unter dem Vorzeichen von Community Development, so stellen sie in der neoliberalen Politik nur noch einen Faktor der Kostenersparnis im ländlichen Gesundheitssektor dar.
Gleichzeitig verlassen jährlich Tausende examinierte Pflegekräfte private Colleges. Allerdings werden sie bei hohen Gebühren für die Studierenden oft nicht primär für den Bedarf im indischen Gesundheitswesen ausgebildet, sondern um als hochqualifizierte Pflegekräfte in wohlhabendere Länder mit besseren Einkommenschancen abzuwandern. Mit der steigenden globalen Nachfrage nach Pflegekräften und der Rekrutierung durch private Vermittlungsagenturen entscheiden sich viele junge Frauen, aber auch 10 bis 20 Prozent Männer, wegen der guten Migrationsoptionen für den Beruf. Dass sie in der Pflege, Beratung und Betreuung vor Ort fehlen, wird in Indien ebenso wenig diskutiert wie die internationale Kostenteilung, dass Qualifikationen im Land teuer vermittelt, aber dann in OECD-Ländern genutzt werden.
Der Markt übernimmt das
Verhütung und Kinderkriegen wurden sowohl in Indien als auch in China mit der Durchkapitalisierung der Gesellschaften zunehmend in Märkte eingebunden und technologisch gemanagt. Dabei wurde – abgestimmt mit den politischen Regimen – neoliberal immer mehr an die individuelle Eigenverantwortung verwiesen. Viele Kliniken bieten in China In-Vitro-Fertilisation (IVF, Befruchtung im Reagenzglas) und andere reproduktive Technologien als pronatalistische Methoden zur Unterstützung von Geburten an. In Indien entwickelte sich mit dem Boom von Leihmutterschaft ein riesiger Markt von reproduktiven Technologien. Nach dem Verbot der Leihmutterschaft im Jahr 2015 wurden IVF-Kliniken unter dem Thema der Behandlung (sozial stigmatisierter) Unfruchtbarkeit weiter normalisiert.
Digitales Schnupperabo
Drei Monate schnuppern, lesen, schmökern.
Ein neues Kapitel des Zugangs zu sexuellen und reproduktiven Rechten unter neoliberalen Bedingungen wird mit der Digitalisierung aufgeschlagen: Femtech sind Apps, die mit Self-Tracking den eigenen Körper, den Zyklus, Menstruationsbeschwerden, Fortpflanzungsmöglichkeiten, Schwangerschaftsverläufe und die Entwicklung des Embryos verfolgen. Ihr Anspruch ist, durch Wissen zu empowern und Selbstbestimmung zu fördern. Mit ihrer Hilfe sollen Frauen ihre reproduktive Gesundheit selbstverantwortlich managen können. Diese Apps haben in Indien und China Millionen Nutzerinnen und sie sollen die fehlende Gesundheitsberatung ersetzen. Junge Frauen fühlen sich vor allem durch die populären Zyklus-Apps »menstrual alphabetisiert«. Dabei wird eine Vielzahl persönlicher und intimer Daten generiert, die ohne Zustimmung der Nutzer*innen an Dritte, wie Unternehmen im Gesundheitssektor, Pharmakonzerne oder Paar-Vermittlungsagenturen, aber auch an Behörden weitergegeben werden. Gebildete junge Frauen in urbanen Regionen sind Pionierinnen dieser stark von Algorithmen gesteuerten Körperüberwachung und Verhaltensoptimierung. Mit der massenhaften Verbreitung von Smartphones folgen aber auch ländliche, weniger gebildete und wohlhabende Bevölkerungskreise.
Hinter der Scheinneutralität digitaler Technologien fällt in China auf, dass die Apps im patriarchalen Duktus ihre Nutzerinnen eher als (potentielle) Mütter adressieren denn als selbstbestimmte Subjekte. Außerdem landen auch diese Daten gewiss im Social Credit System, also Chinas digitalem, zunehmend totalitären Überwachungsregime individuellen Verhaltens. Hier wird digital und technologisch gesteuertes, politisch konformes Verhalten eingeübt, das den Anschein von Selbst- statt Fremdkontrolle und von Empowerment beinhaltet.