Solidarität vor Ort
Unterwegs mit der Frauenrechtsorganisation medica mondiale
Das Narrativ der Feministischen Außen- und Entwicklungspolitik bezeichnet nicht nur eine politische Reformbestrebung. Es eröffnet auch die Frage, welches Verständnis von Feminismus und internationaler Zusammenarbeit damit verbunden ist – und wie feministische Ansätze Machtverhältnisse, Gewalt und gesellschaftlichen Wandel in den Blick nehmen.
Content Note: Sexualisierte Gewalt, Trauma
»Feminismus bedeutet, Machtverhältnisse zu hinterfragen und zu verändern«
Mit dieser Agenda setzt sich die Frauenrechtsorganisation medica mondiale seit 1993 gegen sexualisierte Gewalt und für Geschlechtergerechtigkeit ein. Die Frauenrechtsorganisation engagiert sich in ehemaligen Kriegs- und Krisengebieten wie Kosovo, Afghanistan, der DR Kongo oder in Irak. Das kann man mit unterschiedlichem Hintergrund machen. medica mondiale steht für einen Feminismus, der nicht ‚nur‘ die Folgen von sexualisierter geschlechtsspezifischer Gewalt vor Ort bekämpft, sondern auch deren Ursachen verändern möchte.
Das ist zentral, denn in patriarchalen Verhältnissen ist die Handlungsmacht ungleich verteilt. Patriarchale kapitalistische Gesellschaftsstrukturen begünstigen Männer durch einen erleichterten Zugang zu Ressourcen und Macht. Diese Ungleichheit befördert Diskriminierung von und Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie andere benachteiligte Gruppen. Laut dem Deutschen Institut für Menschenrechte gehört Gewalt gegen Frauen weltweit zu den häufigsten Menschenrechtsverletzungen. Sie tritt in unterschiedlichen Formen auf – von psychischer und körperlicher Gewalt bis hin zu sexualisierter Gewalt.
Besonders deutlich wird dies in bewaffneten Konflikten. Sie verschärfen Ungleichheiten und erhöhen das Risiko für Frauen, Mädchen und queere Menschen, Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt zu werden. Diese Gewalt wird gezielt eingesetzt, um Menschen einzuschüchtern, zu demütigen und Gemeinschaften zu destabilisieren.
Für medica mondiale bedeutet intersektionaler Feminismus deshalb geschlechtsspezifische Gewalt nicht nur als individuelles Problem, sondern als Resultat gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu verstehen. Für eine nachhaltige Problemlösung müssen diese verändert werden. Das schließt die konkrete Unterstützung vor Ort keinesfalls aus.
Kriege enden, Traumata bleiben
Die beschriebenen gesellschaftlichen Machtverhältnisse bestimmen nicht nur das Risiko, Gewalt zu erfahren. Sie beeinflussen auch, wie Menschen einen Umgang mit den Folgen von Gewalt finden können. Ein feministisches und soziopolitisches Trauma-Verständnis versteht Trauma (als starke psychische Erschütterung, die auch unterbewusst wirkt) nicht nur individuell. Es fragt, in welchem Kontext Gewalt stattgefunden hat und welche strukturellen Folgen die Gewalt für Betroffene und Gemeinschaften hat.
Wie Menschen mit Gewaltfolgen etwa in Kriegskontexten umgehen können, hängt auch vom sozialen Umfeld ab. Durch Unterstützung, Anerkennung und Solidarität können Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt in ihrer Selbstwirksamkeit gestärkt werden und Wege finden, mit den Folgen des Erlebten umzugehen. Werden Gewaltbetroffene hingegen ausgegrenzt, stigmatisiert oder selbst verantwortlich gemacht, kann dies die Folgen der Traumatisierung verstärken.
Gewalt gegen Frauen gehört zu den häufigsten Menschenrechtsverletzungen
Besonders nach sexualisierter Kriegsgewalt zeigt sich, dass Trauma nicht nur einzelne Menschen betrifft. Die Gewalt wird Individuen angetan, doch richtet sie sich in der Regel gegen ganze Gemeinschaften. Sie wird gezielt angeordnet, eingesetzt und geduldet, um Misstrauen zu schüren und bestehende Spannungen zu verschärfen oder zu instrumentalisieren. Dies war auch beim ersten Engagement von medica mondiale ab 1993 im ehemaligen Jugoslawien der Fall. Laut Schätzungen hatten bis zu 50.000 Frauen und Mädchen in Bosnien und Herzegowina sexualisierte Kriegsgewalt erfahren, im Kosovo waren es rund 20.000 Betroffene. Gewalt, Stigmatisierung und Ausgrenzung entfalten ihre Wirkung über das Konfliktereignis hinaus. Sie schwächen den sozialen Zusammenhalt, zerstören Vertrauen und belasten Individuen sowie das Zusammenleben über Generationen hinweg.
Aus diesem Verständnis heraus verbindet medica mondiale psychosoziale Trauma-Arbeit mit gesellschaftlichem Engagement. Mit den Partnerorganisationen werden Schutz- und Beratungsstrukturen aufgebaut und Überlebende sexualisierter Gewalt durch psychosoziale Angebote unterstützt. Des Weiteren geht es um gesellschaftliche Aufklärung und Sensibilisierung. Täter und Verursacher der Gewalt sollen strafrechtlich verfolgt werden, Überlebende Zugang zu Gerechtigkeit erhalten und Ansprüche auf Reparationen erlangen. Individuelle Unterstützung und die gesellschaftliche Veränderung gehören hier zusammen.
Resiliente feministische Strukturen
Die globalen Budgetkürzungen in der internationalen Zusammenarbeit erfolgen in einer Zeit, in der die Welt mit einer Rekordzahl an Konflikten, Vertreibungen und humanitären Krisen konfrontiert ist. Weltweit nimmt die Zahl bewaffneter Konflikte zu, immer mehr Menschen sind auf der Flucht und die humanitären Bedarfe wachsen. Davon sind besonders Frauen und Mädchen betroffen. Im Jahr 2024 lebten rund 676 Millionen Frauen und Mädchen in einem Umkreis von fünfzig Kilometern um ein Konfliktgebiet – das ist der höchste Wert seit den 1990er Jahren. Ausgerechnet jetzt sind Frauenrechtsorganisationen in Konflikt- und Postkonfliktregionen so unterfinanziert wie noch nie.
Zugleich gewinnen antifeministische Bewegungen weltweit an Einfluss. Hart erkämpfte Fortschritte bei den Rechten von Frauen und queeren Menschen werden infrage gestellt oder rückgängig gemacht. Frauenrechtsorganisationen und Aktivist*innen werden zunehmend eingeschüchtert und erleben physische, digitale und auch staatliche Gewalt.
Individuelle Unterstützung und gesellschaftliche Veränderung gehören zusammen
Die in der Vergangenheit erreichten Fortschritte bei der Geschlechtergerechtigkeit sind also nicht permanent. Sie müssen immer wieder verteidigt und erkämpft werden. Dabei entstehen nachhaltige Veränderungen nicht allein durch einzelne Projekte. Sie entstehen dort, wo Menschen sich organisieren, politische Forderungen stellen und gesellschaftlichen Wandel vorantreiben. Diese Arbeit erfährt in der klassischen Entwicklungszusammenarbeit häufig zu wenig Aufmerksamkeit und Unterstützung.
medica mondiale versteht feministische Zusammenarbeit als langfristiges politisches Versprechen und bündelt diesen Ansatz unter dem Begriff Feminist Action.. Neben Gewaltprävention und individueller Hilfe geht es um die politische Handlungsmacht feministischer Akteur*innen. Dazu gehört die Unterstützung von Frauenrechtsorganisationen, Netzwerken und Bewegungen, die Interessenvertretung (Advocacy), Vernetzung oder Kampagnen betreiben. Ebenso wichtig ist es, ihre Widerstandskraft (Resilienz) zu stärken. Deshalb ist die Förderung von Teams und Organisationen durch Fortbildungen, Angebote zur Selbst- und Kollektivfürsorge sowie zur Fürsorge für Mitarbeitende (Staff Care) ein sozialer Fortschritt. So können die hohen beruflichen Belastungen langfristig bewältigt werden.
Machtverhältnisse hinterfragen
Feministische internationale Zusammenarbeit bedeutet auch zu hinterfragen, wie gefördert wird. Denn auch in Förderbeziehungen spielen Machtverhältnisse eine Rolle. Klassische Fördermodelle geben häufig vor, welche Themen wichtig sind, wie Erfolg gemessen wird und welche Berichtsanforderungen erfüllt werden müssen. Feministische Vermittlerorganisationen (Intermediary Organisation) setzen demgegenüber auf langfristige Partnerschaften und Vertrauen. Dazu gehören neben der Projektarbeit und -finanzierung weitere Ansätze, wie beispielsweise die Grundfinanzierungen (Core Funding), die Organisationen flexibel für Personal, Miete oder strategische Weiterentwicklung einsetzen können. Ebenso wichtig sind Brückenfinanzierungen (Bridge Funding) für finanzielle Lücken. Ergänzend ergeben in Krisensituationen kurzfristig bereitgestellte Mittel Sinn, um Schutzmaßnahmen, Sicherheitsvorkehrungen und andere situationsspezifische Bedarfe umzusetzen.
Letztlich geht es um gesellschaftlichen Wandel. Um diesen mitzugestalten, schaffen Frauenrechtsorganisationen Schutzräume, dokumentieren Menschenrechtsverletzungen, zeigen sowohl die Perspektiven von Betroffenen und Überlebenden auf als auch die Anerkennung der Problematik sexualisierter Kriegsgewalt – und sie unterstützen deren Strafverfolgung und Reparationsmechanismen. Zudem sind sie häufig unter den Ersten, die sich autoritären Entwicklungen entgegenstellen. Wenn Frauenrechtsorganisationen ihre Arbeit einschränken müssen, geht viel verloren.
Eine feministische internationale Zusammenarbeit sollte Frauenrechtsorganisationen und feministische Bewegungen also langfristig und verlässlich begleiten. Dabei bleibt die außerstaatliche Zusammenarbeit feministischer zivilgesellschaftlicher Organisationen trotz der Finanzengpässe stabil. Sie ist nicht an wechselnde Regierungsprioritäten gebunden und kann langfristige Partnerschaften aufbauen und die Machtverhältnisse hinterfragen.