Zwischen Bolsonarismo und schrumpfenden Budgets
Feministische Organisationen in Brasilien kämpfen ums Überleben
Brasiliens Feminist*innen sind stark: sie waren mit verantwortlich für die Abwahl Bolsonaros, kämpfen weiter gegen den Rechtsruck, gründen und führen NGOs und Initiativen – letzteres bisher auch mithilfe deutscher und US-amerikanischer EZ-Gelder. Doch diese Budgets sinken seit letztem Jahr abrupt. Gleichzeitig erstarkt der Antifeminismus. Was macht das mit der progressiven Zivilgesellschaft?
Antifeminismus in Brasilien: Gewalt gegen Frauen auf Rekordniveau
Die Zahlen sind alarmierend und brutal: 2025 gab es in Brasilien 1.470 gemeldete Feminizide, die höchste Zahl der letzten zehn Jahre und ein trauriger Beleg, dass Gewalt gegen Frauen und queere Menschen in einem gesellschaftlichen Klima rechter Hetze zunimmt. Die reale Ziffer dürfte noch deutlich höher liegen. Weit über die Hälfte der Opfer sind Schwarze Frauen (2024: 67 Prozent). Vertreter*innen eines Schwarzen und intersektionalen Feminismus machen schon lange darauf aufmerksam: Zahlen wie diese gehören zum Alltagsrassismus in Brasilien, dem Schwarze Frauen überdurchschnittlich schwer ausgesetzt sind. Zwar gibt es institutionalisierte feministische Programme, doch von denen fühlen sich gerade Schwarze Frauen, Indigene Frauen, Transpersonen und Frauen, die in den Peripherien der Megametropolen ihren Alltag stemmen, nicht angesprochen oder repräsentiert. Feministische Kämpfe thematisieren deshalb auch häufig asymmetrische Machtverhältnisse und strukturelle Diskriminierung. Die feministische Bewegung in Brasilien ist stark, doch der Antifeminismus erlebt einen Aufwärtstrend. Das brasilianische Justizministerium bestätigt, dass im Schnitt vier Frauen am Tag ermordet werden. Es zeigt sich: Die gesellschaftliche Hetze hat reale Folgen für Leib und Leben der weiblich und queer gelesenen Bewohner*innen Brasiliens.
Es ist der Bolsonarismo, wie man die aktuelle rechte Bewegung in Brasilien nennt, der auch nach Ende der Amtszeit von Präsident Jair Bolsonaro (2019-2023) fortlebt und auf ein breites gesellschaftliches Fundament baut. Die Bewegung propagiert ein rassistisches Frauenbild von weißen Frauen am Herd – ganz im Sinne der traditionellen Kernfamilie, häufig religiös verbrämt. Feminismus und Genderfragen gelten als Feindbild, als links, und werden aufs Schärfste bekämpft.
»Der Bolsonaro-Effekt hält an«
Zwar wurde Jair Bolsonaro im Jahr 2025 vom Obersten Gericht wegen des Versuchs eines Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft verurteilt, doch der rechte Spuk ist noch lange nicht vorüber: Es ist Wahljahr, und Flávio Bolsonaro, der Sohn des ExPräsidenten, wird im Oktober gegen den amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva antreten. Er vertritt eine ähnliche Ideologie wie sein Vater. Aber es besteht Hoffnung: Aktuellen Umfragen nach führt Lula mit 40 Prozent gegenüber Bolsonaro Junior – und vor allem kann das Land auf eine starke feministische Bewegung bauen. Bei der Abwahl Bolsonaros im Jahr 2022 hatten sich Frauen vieler verschiedener Bewegungen unter dem Slogan »Ele não!« (Nicht DER!) zu gemeinsamen Demonstrationen zusammengetan. Ihr Protest bildete die Indigene und Schwarze Bewegung ab, aber auch Arbeiter*innen, Intellektuelle und zahlreiche Wissenschaftler*innen. Es war auch ihr Verdienst, dass ein politischer Machtwechsel möglich war. Das stimmt optimistisch, dass ein weiterer Wahlerfolg für die Rechten dieses Jahr verhindert werden könnte.
Dekolonial informiert: Feministische Entwicklungszusammenarbeit auf dem Prüfstand
Im März 2023 gab es andernorts aus feministischer Perspektive Gründe für Optimismus. Damals wurde in Deutschland das Konzept der Feministischen Entwicklungspolitik des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) lanciert. Außenministerin Annalena Baerbock und die Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit Svenja Schulze vertraten gemeinsam das fortschrittliche Papier. Man hätte meinen können, sie hätten von Schwarzen Feminist*innen wie Lélia Gonzales gelernt. Es stellte Machtstrukturen der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) in Frage, brachte dekoloniale Ansätze ins Spiel und weitete den Feminismusbegriff auf Intersektionalität aus. Die Lebensbedingungen marginalisierter Gruppen sollten durch international geförderte Projektarbeit verbessert werden. Das Ganze klang nach Dekolonialität und bewusster Wahrnehmung eigener Privilegien in den Industriestaaten, nach der viel zitierten Augenhöhe und sehr zeitgemäß.
Bei Partner*innen aus Brasilien stieß das Konzept auf ein positives Echo, allerdings mit einer gehörigen Portion Skepsis bezogen auf die Umsetzung und die mögliche Wirkung auf eigene Projektund Lebensrealitäten. Ana Gualberto, eine Schwarze Frau und Vertreterin der Organisation Koinonia brachte es damals auf den Punkt: »Der Text des BMZ klingt toll, aber man muss an die Umsetzung denken! Dafür brauchen wir Fristen, Daten, Zahlen, Maßnahmen. Sonst bleiben es nur schöne Worte. Wir werden anerkannt, und das ist toll, aber jetzt muss das umgesetzt werden. Wir sind der leeren Worte und Dokumente müde. Das Konkrete fehlt ganz oft bei diesen Dokumenten.«
Während die Budgets schrumpfen, haben sich inzwischen bei der staatlichen EZ andere Themen in den Vordergrund gedrängt – auch in der Bundesrepublik (siehe D4). Kolleg*innen aus Hilfswerken berichten von Besuchen mit brasilianischen Gästen bei politischen Entscheidungsträgerinnen im Parlament. Eine deutliche Abneigung gegenüber Genderfragen sei spürbar gewesen. Das Thema hätte nicht adressiert werden können. Auch politisch hat sich der Wind gedreht.
Bevorzugt ökonomisch: Wirtschaftsthemen dominieren die Entwicklungspolitik
So lassen sich in den diesjährigen Berichten der feministischen Entwicklungspolitik vor allem Projekte finden, die ins aktualisierte Gesamtschema der staatlichen Partnerschaft zwischen Deutschland und Brasilien passen. Weniger soziale Themen, mehr Wirtschaft: Die Frauenerwerbsquote in Lateinamerika und der Karibik lag 2021 bei rund 45 Prozent (in Deutschland bei 53,5 Prozent). In Brasilien unterstützte das BMZ die progressive Gleichstellungspolitik der Regierung, unter anderem durch die Unterstützung des neuen Gleichstellungsministeriums. Um die Erwerbsbeteiligung von Frauen zu stärken, hat die deutsche Entwicklungspolitik in Brasilien zudem gezielt die Karriereförderung von Frauen im Energiesektor unterstützt. Unter sozialen Bewegungen ist dies umstritten, da der Bau von Solarparks und der Ausbau von Windkraftanlagen häufig mit der Verdrängung lokaler und indigener Gemeinschaften von ihrem Land verbunden ist.
Marcia Lima von der brasilianischen NGO SOS Corpo in Recife, im Nordosten Brasiliens, ist Teil eines Kollektivs, das den Feminismus politisch und gesellschaftlich voranbringen will. Die Stärkung der Rechte von LGBTQIA+ Personen, die Bekämpfung von Gewalt und Homophobie, antirassistische Arbeit sowie die Förderung reproduktiver und sexueller Selbstbestimmung sind Teil ihrer Agenda. Ganz deutlich spürt die Organisation den Entzug US-amerikanischer Entwicklungsgelder nach Trumps Auflösung von USAID, aber auch den Rückgang der Unterstützung aus Deutschland. Das gefährdet in Recife und an anderen Orten Brasiliens progressive Politik und Bildung sowie die Stärkung von Frauenrechten massiv. Marcia drängt darauf, dass diese Nachricht in den deutschen Diskurs eingebracht werden muss. Denn der Bolsonaro-Effekt hält an. Er bringt radikale Katholik*innen, Evangelikale, weiße Angehörige der Oberschicht und andere Gruppen zusammen, die gemeinsam Kampagnen gegen die progressive Zivilgesellschaft fahren.
»Es kann nicht die Aufgabe marginalisierter Bewegungen allein sein, die Folgen von Antifeminismus, sozialem Rückzug und gekürzter Entwicklungsfinanzierung aufzufangen.« Das bekommen auch genderqueere und trans Personen zu spüren. Zum 18. Mal in Folge ist Brasilien weltweit das gefährlichste Land für trans Personen. Gleichzeitig ist die queere Bewegung in kaum einem Land so sichtbar in der Politik, Kultur und Musik. Auch in diesem Bereich sind progressive NGOs und Bewegungen aktiv. Auch sie sind von einer gesicherten Finanzierung abhängig – und die bricht aktuell zusammen. Das wird dramatische Folgen haben, in Brasilien und weltweit.
Der Bolsonaro-Effekt hält an: Folgen für Brasiliens Zivilgesellschaft
Der CIVICUS Bericht bringt es für Frauenrechtsbewegungen weltweit so auf den Punkt: »Laut UN-Women kämpften im April 2025 rund 90 Prozent der Frauenrechtsorganisationen mit Finanzierungslücken, Hilfsangebote für Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt wurden eingeschränkt. Die Hälfte der Organisationen fürchteten, bald ihre Arbeit einstellen zu müssen.« Die Folgen werden vielfach prognostiziert: UNAIDS erwartet in den kommenden vier Jahren 6,3 Millionen AIDS-bedingte Todesfälle. Laut Deutscher Stiftung Weltbevölkerung ist die Müttersterblichkeit dieses Jahr erstmals nach 20 Jahren wieder gestiegen – nachdem sie zuvor um fast 50 Prozent gesunken war. Dies sind nur zwei Bereiche, in denen feministisch informierte und queersensible Entwicklungszusammenarbeit Fortschritte mit vorangetrieben hatte.
Es bleibt zu hoffen, dass die Fähigkeit brasilianischer Feminist*innen, starke Bündnisse zu schmieden und solidarisch zusammenzustehen, ihnen auch bei der Bewältigung dieser schwierigen Situation helfen wird. Doch es kann nicht die Aufgabe marginalisierter Bewegungen allein sein, die Folgen von Antifeminismus, sozialem Rückzug und gekürzter Entwicklungsfinanzierung aufzufangen. Dekoloniale Solidarität bedeutet deshalb nicht, feministische Kämpfe im Globalen Süden zu unterstützen, wenn es politisch passt – sondern ihre Perspektiven dauerhaft zum Ausgangspunkt gemeinsamer Veränderung zu machen.
Entwicklung neu denken
Angesichts der inhärenten Widersprüche einer Feministischen EZ, die umfassende Gendergerechtigkeit nicht mit antikapitalistischen und anti-imperialen Anliegen zusammendenkt, ist es aus dekolonial-feministischer Perspektive naheliegend, neue emanzipatorische Modelle aus dem Globalen Süden wie Buen Vivir, Ernährungssouveränität, post-extraktivistische Zukünfte, selbstbestimmte nachhaltige Entwicklung, Pluriversum oder Ubuntu aufzugreifen. Nicht zufällig entstehen in kommunitären, indigenen oder bäuerlichen Bewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika eher systemverändernde Analysen von Gendergerechtigkeit. In ihren Kämpfen verbinden sie Gender intersektional mit Armut, informeller Arbeit, Kriegen, ökologischer Zerstörung, Hunger und Schulden – weil die Themen ohnehin verflochten sind. Aus dieser Perspektive kritisieren sie wirtschaftliche Entwicklungspläne, weil darin Genderungleichheit ausgeklammert wird, oder die Pläne gar selbst auf ihr basieren: Riesige Kohlebergwerke in Südafrika und Indien, gigantische Ölförderung im Amazonasgebiet Ecuadors oder agroindustrielle Monoplantagen in Kolumbien und Kenia werden getragen von unbezahlter Care-Arbeit, erschöpfter Arbeitskraft sowie überstrapazierten Zeitbudgets von Frauen.
Dekolonial-feministische Ansätze hinterfragen das Konzept ‚Entwicklung‘
Dekolonial-feministische Forscher*innen plädieren deshalb für gesellschaftsverändernde Ökonomien, die eine Daseinsvorsorge und soziale Infrastruktur für alle bereitstellen können. Ein Beispiel dafür wäre das Dorf Mala Jin in Qamischli/ Nordostsyrien, wo Frauenbefreiung mit demokratischen Entscheidungsstrukturen und nachhaltigem Wirtschaften gelebt wird. Feministische Strömungen im Bündnis La Via Campesina fordern Land, Wald, Gewässer und nachhaltiges Wissen als Commons zu verteidigen und von subalternen Frauen zu lernen. WoMin schlägt eine post-extraktivistische Zukunft vor, die sich an indigenen Gemeinschaften und Graswurzelbewegungen für gerechten Wandel anlehnt, und fragt: Wer wird letztlich den Zugang zur erneuerbaren Energie haben? Besteht die geschlechtsspezifische Unterdrückung fort? Kann gerechte Transformation überhaupt in einem auf unendliches Wachstum ausgerichteten Wirtschaftsmodell stattfinden? Wie gehen wir mit den Folgen von Kolonialismus und ökologischen Langzeitschäden um?
Die Kämpfe zusammenbringen
Momentan werden in Deutschland Klima-, Gender- oder Antidiskriminierungspolitik sowie Verteilungsgerechtigkeit zurückgedrängt. Die Themen Verteidigung und Zeitenwende sind omnipräsent. Gleichzeitig gibt es auch ein wachsendes Interesse bei jungen Menschen an Theorie und Praxis von Degrowth, gerechter Weltwirtschaft, Care-Ökonomie, sozial-ökologischer Transformation und Geschlechterdemokratie. Daher sollten feministisch-dekoloniale Ansätze jenseits der EZ transnationale Bündnisse mit Bewegungen und Aktivist*innen für inklusiv-gerechte und nachhaltige Gesellschaften stärken. Zudem gilt es, sich mit Klimaaktivist*innen, Friedens- und Antimilitarismusinitiativen, (post-)migrantischen, antirassistischen und antifaschistischen Organisationen, Gewerkschaften sowie progressiven religiösen Gruppen zu vernetzen. Nicht die Anpassung marginalisierter Frauen an bestehende Entwicklungsmodelle ist zentral, sondern die gemeinsame Transformation jener gesellschaftlichen Verhältnisse, die Ungleichheit, Ausbeutung und ökologische Zerstörung hervorbringen.