»Die Menschen wollen das aktuelle politische System abschaffen«
Albaniens Bevölkerung im Protest gegen den Ausverkauf des Landes
Audiobeitrag von Florian Laurösch
01.08.2026
Albanien erlebt eine seiner größten Protestbewegungen mit Teilnehmenden aus nahezu allen politischen Lagern: Sie nennen sich die Flamingo Revolution. Das zündende Ereignis für die Proteste seit Mai 2026 war ein ungenehmigter Baustart in einem der artenreichsten Schutzgebiete des Mittelmeers. Die Lagune von Narta bei Zvërnec ist Heimat der namensgebenden Flamingos, aber auch unzähliger anderer mehr oder weniger stark bedrohter Tierarten.
Schon seit 2021 sollte der Bau eines Flughafens in Vlora tausende Touristen nach Albanien befördern. Durch türkisch-schweizerische Beteiligung soll der Tourismus im günstigen Süden Albaniens ausgebaut werden. Auch dieses Bauprojekt stößt auf rechtlichen sowie zivilen Widerstand. Auf der Insel Sazan und in der Lagune begannen im Mai erste Baumaßnahmen für das Luxusresort mit etwa 10.000 Hotelzimmern. Investor ist ein Unternehmen der Tochter und des Schwiegersohns des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Die Antwort auf das Prestigeprojekt für Ivanka Trump und Jared Kushner ist der Protest unter dem Motto: »Albania is not for sale«. Die nahezu comichafte Vorstellung ein Luxushotel in einem Naturschutzgebiet zu bauen und Aktivist*innen mit privaten Sicherheitsleuten zu räumen wurde im Frühling dieses Jahres Realität.
Um zu verstehen, welche Rolle die albanische Regierung, die Europäische Union und die größte Protestwelle Albaniens aktuell spielen, sprach der südnordfunk mit Gresa Hasa, Forscherin an der Universität Graz. Sie untersucht die Europäisierung und die rechtsstaatliche Reform in Albanien und dem Westbalkan. Joni Vorpsi ist Arten- und Umweltschutzaktivist aus Tirana, der mit der Organisation PPNEA* Teil der Protestbewegung ist.
Skript Audiobeitrag - Flamingo-Revolution und Massenproteste in Albanien
Erstausstrahlung am 4. August 2026 im südnordfunk #147
Joni Vorpsi: »Seit mehr als einem Monat jetzt protestieren wir in Tirana, aber die Proteste haben sogar schon früher begonnen. Die Proteste vor Ort auf dem Baugelände wollten die Aufmerksamkeit und den illegalen Baustart stoppen – sie sind schon seit Anfang Mai vor Ort. Viele dieser Proteste kamen in albanischen Medien gar nicht wirklich vor. Wir hatten Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu bekommen, bis zu dem Vorfall, bei dem ein Einwohner vor Ort innerhalb der Baustelle mitgezogen und misshandelt wurde. Durch den Clip auf Social Media explodierten dann auch die Demonstrationen in Tirana. Also stellten sich die Leute der Arroganz und der fehlenden Transparenz entgegen, die sie aus dem sozialen und anderen Bereichen in Albanien kannten. Sie gingen auf die Straße um all das zu beenden.«
Sprecher: Auch Hasa beschreibt die angestaute Wut im Land, die sich nun in den Protesten ausdrückt. Aus der Erfahrung der letzten Jahre zeige sich für die albanische Bevölkerung, für wen die sogenannte Sozialistische Partei Albaniens von Edi Rama Politik mache.
»So geht das Geld an eine winzige ökonomische Elite, die eng mit der politischen Elite verzahnt ist.«
Gresa Hasa: »Zum ersten Mal in den 35 Jahren seit dem Fall des kommunistischen Regimes in Albanien 1991 legen Menschen ihre Streitigkeiten beiseite und fokussieren sich auf ein gemeinsames Thema: auf die semi-autoritäre Regierung. Diese Regierung treibt die Zerstörung der Umwelt und von Naturschutzgebieten voran – wie in Zvërnec, der Vjosa Narta Lagune und auf der Insel Sazan. Doch das ist nicht alles. Auch kulturelles Erbe und geschützte historische Sehenswürdigkeiten werden zerstört. So kann das Land dann an die Oligarchen des Landes verkauft werden, und so geht das Geld an eine winzige ökonomische Elite, die eng mit der politischen Elite verzahnt ist. Diese Regierung dient den Reichen dazu, noch reicher zu werden, während die 99 Prozent im Land um ihr Auskommen kämpfen müssen.«
Sprecher: Sowohl Hasa als auch Vorpsi sprechen immer wieder vom etablierten Narrativ rund um das Bauprojekt und die Massenproteste. Aus Sicht der Aktivist*innen würden Nachrichten bewusst auf die unerschlossene Insel Sazan fokussieren, um an Orten abseits der Berichterstattung – etwa am Ufer der Lagune - illegal Tatsachen mit Baumaschinen zu schaffen. Die Insel Sazan hat keinen Süßwasserzugang und ist aufgrund von Munition im Meer und auf der Insel schwer zu bebauen. Bereits der Bau des Flughafens in Vlora stieß 2021 auf massive Kritik. Wegen Rechtsstreitigkeiten sind touristische Flüge nach Vlora auch im Sommer 2026 gestrichen.
»Die Regierung hat gegen jegliche Auflagen der beteiligten Behörden verstoßen.«
Joni Vorpsi: »Erstens wurde durch das Projekt in Vjos-Narta klar, dass auch andere Projekte in Schutzgebieten durch die Regierung vorgeschlagen und vorangetrieben wurden. Der Flughafen in Vlora war ein ebenso kontroverses Projekt*, auf das die Öffentlichkeit auch im Ausland aufmerksam wurde, als das EU Parlament den Bau stoppte Und trotz all der Kritik änderten die Behörden ein Gesetz zu Schutzgebieten, sodass eine Bebauung möglich wurde. *Schon jetzt gibt es Vorschläge für neue Projekte. Schlussendlich wurden die albanische Öffentlichkeit, der wissenschaftliche Konsens und die EU Behörden schlichtweg ignoriert. Die Regierung hat gegen jegliche Auflagen der beteiligten Behörden verstoßen. Sie hat nicht wirklich überlegt gehandelt, als sie den Vlora International Airport vorangetrieben hat, aber sie steht jetzt unter weit mehr Druck wegen dieses Bauvorhabens. Und aus diesem Druck heraus glauben wir, dass die Regierung und die Medien sich auf die Insel Sazan fokussieren. Eine Debatte über die infrastrukturelle Erschließung der Insel entfernt andere fragwürdige Bauprojekte wie den Flughafen und viele mehr aus der öffentlichen Wahrnehmung.«
Ablenkungsnarrativ
Sprecher: Die Menschen in Albanien sollen, so Vorpsi, vom Kern des Bauprojekts in der Lagune und des Flughafens abgelenkt werden. Die Investor*innen können dann ungestört ihre Bauprojekte umsetzen, während über die mögliche Bebauung auf Sazan gesprochen wird. Dieses Ablenkungsnarrativ fördert das Misstrauen in die Regierung und in die Institutionen des Landes. Auf die Frage hin, wo die Hoffnungen der Bewegung liegen, erklärt Joni Vorpsi, dass die neuen Parteien wie die frei übersetzte »Gemeinsame Bewegung« ANMERKUNG: Die Lëvizja Bashkë (Gemeinsame Bewegung) ist eine neue, linksgerichtete Partei in Albanien, die sich für soziale Gerechtigkeit, Arbeitnehmerrechte und den Kampf gegen Korruption einsetzt. Sie grenzt sich von den traditionellen Machteliten ab. auch Hoffnungsträger sind, sollten sie ihre Position gegen illegale Bauprojekte weiterhin beibehalten:
Joni Vorpsi: »Wenn dieses Thema weiterhin präsent bleibt, wenn die jungen Parteien bei ihrer Position gegen die Bebauung bleiben und dabei, dass die Schutzgebiete erhalten bleiben sollen und die natürliche Landschaft vor Ort durch Albanien verwaltet werden soll, also nicht in ein Tourismusresort verwandelt werden soll, dann wird die Unterstützung für sie wachsen. Weil die Leute genug haben von diesen Entwicklungsprojekten, die einfach nicht nachhaltig sind. Wir haben einen einzigartigen Protest auf der Straße, bei dem die Leute klar sagen, dass sie genug von Beton und genug vom Eindringen in Naturschutzgebiete haben. Das ist die rote Linie – und die so einzufordern, das haben wir die letzten 35 Jahre nicht probiert.
Wer sich an diese Versprechen längerfristig hält, wird Unterstützung finden. Doch dieser Standpunkt ist nicht einfach zu verteidigen, denn die ausbeuterischen Interessen sind immer stark. Manchmal stehen diese Schutzgebiete mit individuellen Interessen, vermeintlich größeren Ideen oder einer anderen Vision für Albanien im Konflikt.«
Sprecher: Der Blick in die Zukunft ist vorsichtig optimistisch. Die Bewegung blickt ebenso hoffnungsvoll auf einen Beitritt zur Europäischen Union. Die Bedingungen dafür stehen klar im Konflikt mit den geplanten Bauprojekten und der vorherrschenden Politik:
Gresa Hasa: »Ja, es fühlt sich an, als gäbe es eine riesige Schere zwischen dem, was formell als Erfolgsgeschichte nach außen getragen wird, wenn es um die Erweiterungspläne der EU um Albanien geht, und dem, was wirklich vor Ort passiert. Insbesondere seit der Wahl – in Albanien wurde im Mai 2025 das Parlament gewählt - kann das Land als Einparteienstaat angesehen werden. Aktuell macht die Bevölkerung Albaniens ihre Arbeit und geht auf die Straße, um mit ihren Grundrechten auf freie Meinungsäußerung und Teilhabe die Regierung zur Verantwortung zu ziehen. Jetzt ist es Zeit für Europäische Union, ihre Arbeit zu tun und diese Proteste zu unterstützen in der Forderung gegenüber der albanischen Regierung, mehr Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Stand jetzt: Es gab wenige Abgeordnete der regierenden Mehrheit, die sich von Ministerpräsident Edi Rama distanzierten. Nur wenige kritisieren Rama für seine autoritären Praktiken, für seine Verstrickungen in organisiertes Verbrechen, für tiefgreifende Korruption. Die Lage ist sehr ernst.«
Sprecher: Die Flamingo-Protestbewegung ist weitreichender als ein reiner Artenschutzprotest. Die Teilnehmenden fordern ihre Vertretung im Parlament dazu auf, sich an die Gesetze der Europäischen Union und Albaniens zu halten. Und sie fordern vehement ihre demokratischen Grundrechte zur Teilhabe ein:
»Über einen Monat gab es illegale Arbeiten mit Baggern, LKWs, ohne jegliche Genehmigung«
Joni Vorpsi: »Das erste ist, dass wir zuversichtlich auf die Demonstrierenden schauen. Was in Albanien gerade passiert, ist vielversprechend. Die Leute sagen sehr klar, sie wollen keine neue Stadt in einem Naturschutzgebiet. Und der Druck von der Straße ist sehr wertvoll, gerade auch, um ein Signal an die Investor*innen zu senden. Auch für sie ist es an der Zeit, sich zu überlegen, ob sie sich diesen Menschen entgegenstellen wollen, denn das wird kein einfacher Weg für die geplanten Projekte. In diesem Fall ist das Projekt wie eine Art Türöffner, weil weitere Projekte geplant sind und wenn dieses eine klappt, werden weitere folgen. Das heißt: Die Motivation der Menschen, dieses Projekt und damit viele nachfolgende zu stoppen, ist sehr groß, auch um unser nationales Naturerbe zu schützen. Mit Blick auf die Institutionen sind wir dennoch sehr enttäuscht. Über einen Monat gab es illegale Arbeiten mit Baggern, LKWs, ohne jegliche Genehmigung mitten im Naturschutzgebiet. Sie haben die Dünen abgeflacht, den Wald abgeholzt, das Sumpfgebiet trocken gelegt, und das alles, ohne ein Eingreifen der Sicherheitsbehörden. Sie haben sogar öffentlich darüber gelogen, was sie mit der Natur anstellen.«
Wer protestiert, will bleiben
Sprecher: Die Enttäuschung gegenüber albanischen Institutionen ist groß. Durch das Versprechen auf Besserung bei einem EU-Eintritt organisiert sich die Bevölkerung auf den heißen Straßen im albanischen Sommer. Wie sich die Menschen den Prozess zu einem neuen Albanien vorstellen, zeichnet Hasa anhand der bisherigen Forderungen nach:
Gresa Hasa: »Sie fordern alle auf, sich untereinander zu organisieren. Gleichzeitig wollen sie externe Unterstützung, sodass ein demokratisches Land aufgebaut werden kann. Die Menschen auf der Straße sagen, wir wollen Albanien nicht verlassen. Wir wollen nicht migrieren. Wir wollen nirgendwo anders hin. Wir wollen hier bleiben. Das ist unser zu Hause. Wir wollen die Demokratie schützen. Wir wollen Naturschutzgebiete erhalten. Wir wollen unsere historischen und kulturellen Denkmäler retten. Einerseits suchen die Menschen neue Formen der Führung. Sie wollen das aktuelle politische System abschaffen und hinter sich lassen. Auf der anderen Seite wollen sie insbesondere das sozioökonomische System kippen. Dieser Protest ist der Widerstand gegen ein chronisch kapitalistisches System, in dem die Verstrickung aus ökonomischer und korrupt politischer Macht der Oligarchie und informellen Gruppen klar ist. Diese Gruppen sind so stark miteinander verwoben, dass man kaum identifizieren kann, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Das ist ein Protest gegen die aktuelle Staatsvereinnahmung.«
Sprecher: Die Bewegung will laut Hasa das Beziehungsgeflecht von Wirtschaftsakteuren und den politischen Milieus im Land entwirren. Sie sieht den Willen nach einem Albanien ohne weitreichende Korruption, das die kapitalistische Ausbeutung des eigenen Landes hinter sich lässt. Die Menschen seien bereit, sich trotz Repression von Polizei, privaten Sicherheitskräften und der Politik gegen weitere Jahre des Ausnutzens durch einige Wenige zu stellen. Albaniens Bevölkerung geht nun seit über sechs Wochen trotz andauernder Hitze zu zehntausenden auf die Straßen und zeigt, wie trotz unterschiedlicher politischer Einstellung ein mehr oder weniger klassenbewusster antikapitalistischer Protest aussehen kann. Die Flamingos bleiben nicht einfach im Schlamm stehen und erstarren.