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Riace im Frühsommer 2024 - Wohin die Wolken ziehen | Künster*in: unbekannt - Foto: bildertexten

»Città Futura«: Es war einmal ein italienisches Bergdorf

Fotoreportage: Riace in Süditalien ist solidarisch mit Geflüchteten

von Martina Backes

04.12.2025

Das Bergdorf Riace im süditalienischen Kalabrien wurde weltberühmt. Der Bürgermeister Domenico (Mimmo) Lucano und seine Mitstreiter*innen hatten eine migrationsfreundliche Politik betrieben – das sprach sich schnell herum unter Migrant*innen und Geflüchteten, die in Italien keine Offenheit und viele Restriktionen erfuhren. Nach Mimmos verlorenem Prozess gegen Salvini wirkte das Willkommensdorf wie in Schockstarre. Das hat sich nun wieder gewandelt.

Seit Ende der 1990er-Jahre hat Riace solidarisch Geflüchtete aufgenommen und eine Utopie gelebt: In Werkstätten und Läden fanden Einheimische und Zugereiste bezahlte Arbeit – inmitten einer migrationsfeindlichen Zeit unter Salvini. Im Gegenzug für eine Wohnung und 250 Euro im Monat arbeiteten die Geflüchteten in vielerlei Initiativen – unter anderem in verlassenen Olivenhainen, Obst- und Weinbergen. Die Finanzierung kam aus Rom: 35 Euro pro Tag pro Person. Etwa 800 Migrant*innen lebten zu Hochzeiten in dem knapp 2.000 Einwohner*innen zählenden Ort.

Vor allem wurde Riace zum Gegen­modell zu den menschen­unwürdigen Flüchtlings­lagern.

Die lokale Bevölkerung von Riace stellte schon vor der Aufnahme der Geflüchteten die Frage: Wie kann die Zukunft des Dorfes aussehen, während die junge Generation Riace verlässt – auf der Suche nach Arbeit und einem Leben in den urbanen Zentren. Seit 2000 ist fast die Hälfte der Bevölkerung der ländlichen Regionen Kalabriens abgewandert. Auch in Riace verfiel der alte Dorfkern nach und nach, Häuser standen leer. Die abgeschiedene Lage machte klar: Der Tourismus alleine, auf den viele strukturschwache Kommunen in Kalabrien setzen, wird das Dorf nicht retten und nicht beleben können – es liegt zu weit ab von den touristischen Zentren einer der südlichsten Regionen in Süditalien.

Gegenmodell und Utopie

Historisch bedingt gibt es in Süditalien durchaus Erfahrungen mit der kommunalen Existenzfrage, wie ein Ort in abgeschiedener Lage eine Zukunft mit Gemeinwesen planen kann. Vor allem in Kalabrien lebt bis heute eine albanisch-sprachige Minderheit, genannt Arbëreshë. Sie besiedelte kurz vor Mitte des 15. Jahrhunderts infolge der Osmanischen Invasion auf dem Balkan einige Bergdörfer nicht fernab der Region, in der auch das heutige Riace liegt. Schon damals waren viele italienische Dörfer am Rande ihrer Existenz und die aus Albanien Geflüchteten – vor allem eine bäuerliche Landbevölkerung – brachten neues Leben in die Region.

Im Jahr 1998 veränderte die Ankunft eines Bootes mit kurdischen Migrant*innen die Geschichte des Dorfes. In den folgenden Jahren belebte der Zuzug junger Menschen und Schutzsuchender aus aller Welt Riace als einen von Abwanderung schwer betroffenen Ort. Mit Hilfe von Fördermitteln für die Aufnahme konnten Arbeitsplätze geschaffen werden. Vor allem wurde Riace zum Gegenmodell zu den menschenunwürdigen Flüchtlingslagern. Es ist bekannt, dass geflüchtete Erntehelfer*innen in Süditalien für miserable Bezahlung arbeiten und unter unzumutbaren Bedingungen in improvisierten Barackensiedlungen wohnen. Die Arbeit, etwa auf Orangenplantagen, ist nicht immer frei vom Einfluss der Ndrangheta.

Ein Dorf wird (welt-)berühmt

Nachdem Wim Wenders den Kurzdokumentarfilm »Il Volo« (Der Flug, 2010) gedreht hatte und auf einer Veranstaltung zum 20. Jahrestag des Mauerfalls vor laufender Kamera sagte, nicht der Mauerfall sei die wahre Utopie, sondern das, was in Riace geschehe, kamen solidarische Menschen angereist – Solidaritätstourismus im Kleinen (zum Beispiel riace.oeko-und-fair.de). Bald folgten Reporter*innen weltweiter Medien, die das Bergdorf meist als Vorzeige-Willkommensort für eine migrationsfreundliche Lokalpolitik lobten. Auch der Freie Radiosender Radio AUT, der 1977 vom Anti-Mafia-Aktivisten Peppino Impastato in Terrasini in der Provinz Palermo gegründet wurde, ist im Dorfbild von Riace präsent.

Die Aufnahme von Geflüchteten war kein Verbrechen

Obwohl sich in Riace ein bescheidenes, aber immerhin mögliches Leben für Einheimische und Zugezogene entwickelte, Häuser restauriert und Geschäfte eröffnet wurden, setzte 2018 eine Welle der Repression gegen den Bürgermeister Domenico Lucano ein, bekannt als Mimmo. Es kam 2022 zu einem skandalösen Prozess, und Mimmo wurde zu über 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Finanzmittel aus Rom zur Unterstützung der Geflüchteten wurden eingestellt und die vom ehemaligen Minister Matteo Salvini unerwünschten Aufnahme- und Integrationsprojekte geschlossen. So erlitt Riace einen schweren Schlag. Die Gemeinde entleerte sich nach und nach, die allermeisten Geflüchteten hatten sich wieder auf den Weg gemacht.

Ende gut - alles offen

Allerdings: 40 Migrant*innen blieben und beschlossen, gemeinsam mit einigen engagierten Einwohner*innen, den Rückschlag nicht einfach hinzunehmen. Nur wenige der damaligen Werkstätten sind im Mai 2024 noch in Betrieb – besser: im Wartezustand – ohne zu wissen, was kommt. Unter anderem eine Malwerkstatt, die kleine Erinnerungstafeln an eine bessere Zeit für die wenigen Tourist*innen anbietet, die 2024 noch den Weg nach Riace finden.

Doch Riace bleibt am Ball. Initiiert wird eine Crowdfunding-Kampagne. Sie soll helfen, mit Veranstaltungen das weltoffene Erbe des Dorfes wieder zu beleben. Bereits im Herbst 2023 wurden die Urteile gegen Mimmo aufgehoben, er kandidierte erneut, jetzt für die Grün-Linke Allianz (Alleanza Verdi e Sinistra).

Kurz vor den Wahlen hielt das Dorf den Atem an. Wird Mimmo wiederkommen? Am 10. Juni dann wird der doppelte Sieg des migrationsfreundlichen Bürgermeister Domenico Lucano bekanntgegeben. Er gewinnt eine Doppelwahl zum EU-Parlamentarier (in ganz Italien erhielt er 190.000 Stimmen) und zum wiedergewählten Bürgermeister von Riace. 2025 schließt der Oberste Gerichtshof das Verfahren gegen Mimmo ab: Die Aufnahme von Geflüchteten war kein Verbrechen. Eine Zukunft mit denen, die ankommen, ist wieder gestaltbar. Die damals gepflegten Obstgärten müssen nicht wieder verfallen. Inzwischen hat das Dorf einen neuen Zunamen: Es wird in den Medien als »Città Futura« beschrieben.

Die Handyfotos von Martina Backes dokumentieren das nahezu menschenleere Willkommensdorf Riace im Zustand des Wartens im Frühsommer 2024 kurz vor den Europawahlen.

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