Solidarität, Identität und Humanismus bei Frantz Fanon
Solidarität im Widerspruch?
Der Theoretiker Frantz Fanon mit seinem breiten Hintergrund, etwa als Psychologe, Antirassist, Antikolonialist oder Antifaschist, ist seit Jahrzehnten ein Bezugspunkt gesellschaftlicher Debatten – auch im iz3w. Was hilft uns sein Werk bezüglich aktueller Auseinandersetzungen etwa um Themen wie Solidarität oder Identitätspolitik?
Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza durch den Krieg der israelischen Armee haben zu immer stärkeren Spannungen und Zerwürfnissen geführt. Zunehmend wird der Kampf gegen Antisemitismus und derjenige gegen Rassismus gegeneinander ausgespielt. Mehr noch: Vielfach wirkt es, als sei Solidarität nur mit ausschließlich der einen oder anderen Seite möglich. Demgegenüber gilt es, ein Verständnis von Solidarität zu entwickeln, das sich gegen eine bloße Aufteilung in scheinbare Gegensätze wendet: also etwa Solidarität mitden Opfern des Massakers vom 7. Oktober und gegendie Netanyahu-Regierung, zugleich mitder palästinensischen Zivilbevölkerung und gegendie Hamas.
Für so ein ambiguitätsbewusstes Verständnis von Solidarität bietet sich ein Blick auf die Schriften des Arztes und antikolonialen Widerstandskämpfers Frantz Fanon an. Bereits in iz3w 407 hat die langjährige Mitarbeiterin Fanons, die algerische Jüdin Alice Cherki, auf die humanistische Grundhaltung Fanons hingewiesen – gerade mit Blick darauf, dass Fanon oftmals als ein Gewährsmann für die Legitimation von Gewalt herangezogen wird. So wurde Fanon fälschlicherweise gar als Apologet der Hamas interpretiert; eine gravierende Fehlannahme, der Cherki, aber auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung der letzten Jahre dezidiert widersprechen.