Hundert Wörter Schnee von Franzobel rezensiert

Nordpol­entdecker mit Ödipus­komplex

Rezensiert von Vroni Heitmeier

19.08.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 410

»Der Nordpol war ein Vaterersatz« – zumindest für den Entdecker Robert E. Peary, der unbedingt als erster Mensch den Nordpol erreichen wollte. Peary ist die Hauptfigur des Romans Hundert Wörter für Schnee von Franzobel. Weitere Protagonist*innen sind zunächst einige seiner Begleiter*innen, darunter seine Frau Josephine, Frederick Cook, sein »Diener«, Matthew Henson oder John Verhoeff. Im Roman geht es um die Nordpolexpeditionen Pearys; und dabei wird auch die Begegnung zwischen den forschenden Amerikaner*innen und grönländischen Indigenen thematisiert: die diversen Culture Clashs sowie der, man kann es nicht anders sagen, Verrat Pearys an dieser kulturellen Gruppe, indem er ihnen sowohl einige ihrer Heiligtümer stiehlt sowie sechs von ihnen – Qissuk, Minik, Niktuq, Atangana, Aviaq und Uisaakassak – unter falschen Versprechungen nach Amerika holt. Sie sind die anderen Protagonist*innen des Romans. In den USA werden sie von Franz Boas, einem der Begründer der Anthropologie, zur Schau gestellt, rassistischen Vermessungen ausgesetzt und – als wäre das nicht genug – ihre Leichname nach ihrem Tod seziert und nach einem vorgetäuschten Begräbnis im Naturhistorischen Museum konserviert.

Die Inuit werden vom Erzähler als »Steinzeit­menschen« bezeich­net

Dies sind alles wahre Begebenheiten und angesichts ihrer Ungeheuerlichkeit definitiv einer literarischen Verarbeitung wert. Allerdings lässt die Umsetzung etwas zu wünschen übrig. Der Autor Franzobel versucht zwar, eine kritische Perspektive auf die Geschehnisse einzunehmen und zum Teil gelingen ihm tiefergreifende, etwa sozioökonomische Beobachtungen – zum Beispiel, dass erst die Amerikaner*innen den Inuit die Armut gebracht hätten, weil sich dieses Gefühl erst in Relation zu ihrem scheinbar unendlichen Besitz und Essensvorrat einstellte. Dann aber fährt er fort, als hätte es diese Einsichten nie gegeben. Der eigentlich kritisch-reflektierte, allwissende Erzähler zeichnet sich immer wieder durch fehlende Kritik an rassistischem und evolutionistischem Denken aus – und macht sich stellenweise sogar aktiv über Bräuche der Inuit lustig.

Obwohl Franzobel versucht, den jeweiligen Ethnozentrismus beider Seiten zu kontrastieren, indem er zwischen den unterschiedlichen Perspektiven einiger Amerikaner*innen wie auch einzelner Inuit springt, wird diese »neutrale« Perspektive wiederholt zerstört: zum Beispiel, wenn die Inuit vom Erzähler als »Steinzeitmenschen« bezeichnet werden – und nicht etwa von einer der Romanfiguren. Dadurch verliert das Buch leider an kolonial-kritischer Schlagkraft, welche der historische Stoff eigentlich hergibt.

Vroni Heitmeier

Franzobel: Hundert Wörter für Schnee. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025. 528 Seiten, 28 Euro.

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