Munira Subašić an Rednerpult zum jährlichen Gedenken von Srebrenica
Munira Subašić spricht anlässlich des jährlichen Gedenkens an den Genozid von Srebrenica (2024) Foto: Anthony Kuhn gemeinfrei

Ein patriarchales Verbrechen

Der Genozid von Srebrenica

Am 11. Juli jährt sich der Beginn des Genozids in Srebrenica zum 30. Mal. Trotz Aufarbeitung, trotz Urteilen des Internationalen Strafgerichtshofs und eines neuen internationalen Gedenktags an eben jenem Datum bleibt die Erinnerung an den Genozid umkämpft. Von serbischer Seite wird er immer wieder geleugnet. Doch selbst wenn erinnert wird, folgt das Gedenken der patriarchalen Logik, die dem Verbrechen selbst innewohnt.

von Larissa Schober und Marlene Weck

11.06.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 409

In den gängigen medialen Erzählungen des Genozids ist er ein Verbrechen, dem Männer zum Opfer fielen. Die bosnisch-serbische Armee teilte ihre Opfer nach Geschlecht ein: Frauen und Kinder wurden separiert und in Bussen abtransportiert. Die zurückgebliebenen Männer wurden später unter dem Vorwand, sie seien alle potentielle Waffenträger, ermordet. Wie der gesamte Krieg wurde auch der Genozid von Srebrenica in der bosnisch-serbischen und serbischen Propaganda als notwendige Verteidigung dargestellt.

Während viele der Frauen den Genozid überlebten, wurde ihnen ihre Lebensgrundlage genommen. Die allermeisten von ihnen verloren viele Angehörige. Väter, Söhne, Großväter, Onkel, Cousins. Viele von ihnen waren schon früher im Krieg aus anderen ostbosnischen Orten geflohen und hatten bereits ihr Zuhause und ihre Sicherheit verloren. Diejenigen unter ihnen, die aus Srebrenica stammten, verloren sie jetzt.

Im ersten Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs (ICTY), in dem mit General Radislav Krstić einer der verantwortlichen Befehlsgeber für den Genozid verurteilt wurde, werden die zerstörerischen Konsequenzen der Verbrechen in ihrer patriarchalen Logik weitergedacht. Unter Hinzuziehung von zwei Psychotherapeutinnen argumentiert das Gericht, gerade weil die bosniakische Landbevölkerung in traditionell patriarchalen Strukturen lebte, sei es den hinterbliebenen Frauen schier unmöglich, ihr Leben ohne ihre männlichen Familienmitglieder wiederaufzubauen: »Die Auswirkungen dieser Ereignisse auf die bosnisch-muslimische Gemeinschaft von Srebrenica waren katastrophal. Die meisten Familien wurden zerstückelt und irreparabel zerrissen. […] In einer patriarchalischen Gesellschaft wie der, in der die bosnischen Muslime von Srebrenica lebten, hat die Eliminierung praktisch aller Männer es den bosnischen muslimischen Frauen, die die Übernahme von Srebrenica überlebt haben, fast unmöglich gemacht, ihr Leben erfolgreich wieder aufzubauen.«* Damit argumentiert das Gericht insbesondere gegen die Verteidigung des Angeklagten, die anbrachte, dass ein Genozid nicht vorliegen könne, wenn ‚nur‘ der männliche Teil der Bevölkerung ermordet wird.

Frauen kommen zumeist nicht vor

Doch die Wahrheit über das Verbrechen ist tatsächlich noch vielschichtiger: Es sind auch Frauen und Mädchen im Zuge des Genozids umgekommen. Auf dem zentralen Gedenkfriedhof finden sich die Gräber von 14 Frauen, die im Juli 1995 ermordet wurden. Das jüngste und das älteste Opfer, die auf dem Gedenkfriedhof in Potocari begraben liegen, sind beide weiblich: Die 94-jährige Saha Izmirlić starb an den unmenschlichen Bedingungen im UN-Compound, in dem aufgrund der Vertreibungen tausende Menschen Zuflucht gesucht hatten. Am 13. Juli wurde ein Mädchen auf dem Gelände tot geboren.

»Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke«

Ebenfalls auf dem Gedenkfriedhof begraben liegt Hasima Spiodić. Sie weigerte sich 1995, mit anderen Frauen und Kindern in die Busse zu steigen und versuchte stattdessen, wie viele Männer auch, zu Fuß zu entkommen. Gemeinsam mit einer Division der bosniakischen Armee versuchten tausende Menschen, durch die Wälder aus Srebrenica zu fliehen. Ihr Ziel waren bosniakisch kontrollierte Gebiete um die Stadt Tuzla, etwa 70 km entfernt. Doch nur den wenigsten gelang diese Flucht – nur etwa ein Drittel der Kolonne erreichte das sichere Gebiet. Alle anderen wurden unterwegs von serbisch-nationalistischen Schießkommandos ermordet. So auch Hasima. Die damals 22-Jährige wollte nicht von ihrem Mann und ihrem jüngeren Bruder getrennt werden. »Sie war sich bewusst, dass kaum einer von uns überleben würde. Sie hing sehr an mir, wir sind zusammen aufgewachsen«, erzählt ihr Bruder Hasib Spiodić in einem Interview mit der Nachrichtenseite Balkan Insight. »Sie sagte, sie wolle kein Leben ohne uns führen. Das wäre ja gar kein Leben. Wenn wir überleben, überleben wir alle.« Doch die beiden wurden auf dem Treck getrennt, Hasib gelang die Flucht nach Tuzla. Hasima und ihr Ehemann wurden in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1995 in den Wäldern erschossen. »Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke«, so Hasib.

Doch Frauen wie Hasima kommen in den vielen Artikeln und Gedenkreden, die Jahr für Jahr anlässlich des Jahrestags des Genozids gehalten werden, zumeist nicht vor. Voraussichtlich wird das auch am 30. Jahrestag in wenigen Wochen nicht anders sein.

Sexualisierte Gewalt als Kriegs­waffe

Ein weiterer Teil der Geschichte, der fast nie erzählt wird, betrifft ebenso vor allem die Frauen von Srebrenica: Der strategische Einsatz von sexualisierter Gewalt gegen die Zivilbevölkerung während des Bosnienkriegs. Bei den Vertreibungen der nicht-serbischen Bevölkerung aus den ost-bosnischen Gemeinden war Vergewaltigung eine der effektivsten Kriegswaffen, die die Zivilbevölkerung terrorisierte und in die Flucht schlug. Viele der geflüchteten Frauen, die sich im Juli 1995 in Srebrenica befanden, hatten bereits solche Gewalttaten überlebt.

Alle Frauen, die im Juli 1995 von Srebrenica in den UN-Compound etwas außerhalb der Stadt flohen, wussten, was ihnen drohte: »Als die serbischen Nationalisten den UN-Compound in Potočari einnahmen, in den wir in der Hoffnung auf vermeintliche Sicherheit aus der Stadt Srebrenica geflohen waren, hatte meine Mutter schreckliche Angst davor, von den Soldaten vergewaltigt zu werden. Sie beschmierte sich mit Dreck, vermied es den Soldaten jemals in die Augen zu schauen«, erzählt die Srebrenica-Überlebende Selma Jahić. »Wir hörten, wie die Soldaten nachts durch die Menge gingen und Frauen herausholten. Wir hörten die Schreie der Frauen. Selbst als Kind wusste ich, was diese Schreie bedeuteten, obwohl ich das Wort ‚Vergewaltigung‘ nicht verstand, das ich die Erwachsenen so oft hatte sagen hören. Gemeinsam mit zigtausenden anderen Menschen mussten wir zwei Nächte dort verbringen, bevor sie uns abtransportierten. Als wir dann in die Busse geladen wurden, hatten wir nur Angst. Angst, erschossen zu werden oder in Gefangenschaft zu kommen. Dabei hatten wir noch Glück, wir waren unter den ersten Transporten. Ich weiß nicht, wie es für jene war, die noch weitere Tage in Potočari bleiben mussten.«

Die Folgen dieser Taten sind schwerste und komplexe Traumatisierungen, die in den allermeisten Fällen neben gesundheitlichen Konsequenzen auch ökonomische Herausforderungen mit sich bringen. Viele Frauen sind so ohne eigenes Verschulden zu einem Leben voller Schmerz, Leid und Armut verurteilt worden. Anerkennung oder Entschädigung für dieses Leid bekommen sie selten – weder von Seiten der Täter, noch staatlicherseits (iz3w 383). Und auch in der Erinnerung an den Genozid von Srebrenica fehlten ihre Geschichten zumeist.

Gedenken wird weiblich gelesen

Als trauernde, schweigende Hinterbliebene sind Frauen im Gedenken an den Genozid hingegen omnipräsent. Unzählige Artikel, die zu Srebrenica veröffentlicht werden, sind mit einer trauernden Frau im Gräberfeld der Gedenkstätte bebildert. Anders als die Männer, die die grausamen Tage im Juli 1995 überlebten, werden die Frauen von Srebrenica selten als Überlebende geframt. Ihr Status ist jener der Hinterbliebenen. Sie sind Mütter, Schwestern, Ehefrauen. Von Männern. Dieser Effekt hängt einerseits mit der im ICTY-Urteil erwähnten patriarchalen Struktur in Bosnien selbst zusammen, andererseits ist er weit über Srebrenica hinaus omnipräsent: in der vergeschlechtlichten Erinnerungskultur an Massengewalt. Auch im Jahre 2025 greift noch viel zu oft eine simple Aufteilung: Frauen sind passive Opfer und sorgende Trauernde. Handlungsspielräume, selbst innerhalb der zugeschriebenen Opferrolle, bleiben im Diskurs meist Männern vorbehalten.

Tatsächlich sind es aber fast immer weiblich geführte Initiativen, die sich für Aufklärung von Verbrechen einsetzen und sich unermüdlich für Frieden engagieren: Es sind die Madres de Plaza de Mayo, die in Argentinien Aufklärung über die Verschwundenen fordern, nicht die Padres. Es sind die Women in Black, die sich weltweit für Frieden engagieren. Auch die bekannteste Interessenvertretung von Opfergruppen in Bosnien und Herzegowina folgt diesem Schema: Die Mütter von Srebrenica. Obwohl sie eine starke Lobby für Überlebende aufgebaut haben und zentral an den Kämpfen um ein würdiges Gedenken an alle Opfer des Genozids beteiligt sind, werden sie in der medialen Berichterstattung doch immer wieder in die stereotyp weibliche Rolle der schweigenden Trauernden zurückverwiesen.

Schweigen? Von wegen!

Dabei schweigen sie ganz sicher nicht. So ist es etwa der Lobby-Arbeit der Mütter von Srebrenica zu verdanken, dass der Gedenkfriedhof, auf dem die meisten Opfer des Genozids begraben sind, überhaupt existiert. Auch das von der internationalen Gemeinschaft finanzierte Gedenkmuseum Srebrenica Memorial Center, das heute eine zentrale Rolle in der Erinnerungslandschaft Bosniens einnimmt, kam vor allem auf Druck der Mütter zustande. Wichtig war ihnen dabei der Ort: Das Museum befindet sich in Teilen in der ehemaligen Batterie-Fabrik in Potočari, die 1995 den UN-Truppen als Hauptquartier diente. Es ist jener Ort, an dem viele Überlebende ihre Angehörigen zum letzten Mal gesehen haben.

Die Suche nach vermissten Frauen ist noch nicht ab­geschlossen

In ihrer Arbeit betonen die Mütter immer wieder, dass sich viele Überlebende des Genozids engagieren. Dabei ist es ihnen wichtig, Frauen sichtbar zu machen. Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Frauen im Juli 1995 in Srebrenica ermordet wurden, gibt es nicht. Die Mütter von Srebrenica haben jedoch eine Datenbank angelegt, die den gesamten Krieg (1992 bis 1995) für die Region Srebrenica abdeckt. Darin sind 570 getötete und vermisste Frauen aufgeführt. »Wir wollten, dass jede Frau, die getötet wurde, mit ihrem vollen Namen registriert und in unseren Unterlagen festgehalten wird. Die Suche nach vermissten Frauen ist noch nicht abgeschlossen«, sagte Munira Subašić, die Präsidentin der Mütter von Srebrenica im Interview mit Balkan Insight.

National­ismus ist männlich

Dass der Genozid ein nationalistisches Verbrechen ist, steht außer Frage. Nationalistischer Machterhalt ist dabei stets eng verflochten mit dem Sicherstellen von männlicher Dominanz. Die Imagination eines Volkes als homogene Gemeinschaft, die vor einer äußeren Bedrohung zu schützen sei, vermengt sich mit dem ideologischen Verweis der Frauen auf ihre traditionelle, untergeordnete Rolle. Die nationalistische Propaganda, die in den 1980ern den Jugoslawienkriegen vorausging, war voll von sexistischen Darstellungen der vermeintlich von barbarischen Feinden bedrohten, weiblich imaginierten Volkskörper. Diese Vorstellung ist nicht jugoslawienspezifisch, sondern zeigt sich immer wieder, heute etwa in rechter Propaganda. Die in nationalistischen Vorstellungen als angeblich althergebrachten und natürlich gedachten nationalistischen und patriarchalen Gesellschaften wurden historisch immer durch brutalste Gewalt eingeführt und abgesichert. In dieser im Kern gewaltsamen Vorstellung von homogenen ‚natürlichen‘ Gesellschaften ist der Genozid stets angelegt (siehe iz3w 403).

Nationalistische Ideologien gründen immer in einem patriarchalen Wertesystem, wie die Belgrader Soziologin Žarana Papić schon 1994, mitten in den Zerfallskriegen Jugoslawiens, in einem Essay über den serbischen Nationalismus feststellte: »All diese unglaubliche Irrationalität, die Grausamkeit und der Medienkrieg mit seinem Ziel, Desinformation zu verbreiten, basieren auf der zielbewussten Konstruktion (oder Heraufbeschwörung) einer aggressiven, dominanten und gewaltorientierten Männlichkeit. Diese dient als Voraussetzung und als Fundament der aggressiven nationalistischen Ideologie und ihrer politischen und militärischen Strategien.«

Dass unter diesen Bedingungen auch die Erinnerung an den Genozid von Srebrenica von patriarchalen Zuschreibungen durchzogen ist, sollte nicht verwundern. Für den 30. Jahrestag wäre es jedoch an der Zeit, diesen Fakt nicht weiter zu ignorieren, sondern sich damit auseinanderzusetzen und die gesamte, vielschichtige Geschichte des Genozids zu erzählen.

Larissa Schober promoviert zum Zusammenhang von Erinnerungskultur und Nationalismus und schreibt als Freie zu den Themen Osteuropa, Feminismus und Neue Rechte. Marlene Weck forscht zur juristischen Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg und ist Referentin bei der Frauenrechtsorganisation AMICA e.V.

Frau sitzend vorGedenktafel von Srebrenica
Gedenken ist weiblich Foto: Matieu Pons, 2021 / Unsplash

30 Jahre danach

Auch jenseits von Geschlechterstereotypen ist das Gedenken an Srebrenica noch immer umkämpft. Dabei sind die autoritären nationalistischen – und zumeist männlichen – Stimmen oft die lautesten. Eine der provokantesten ist Milorad Dodik, Präsident des seit Kriegsende serbisch dominierten Landesteils Republika Srpska. Seit Jahren droht Dodik damit, die Republika vom Rest des Landes abzuspalten. Zur Legitimation dieses Vorhabens, das eines der Kriegsziele der bosnisch-serbischen Seite von 1995 erfüllen würde, greift er auf eine revisionistische Geschichtspolitik zurück – und ist damit nicht allein.

Sowohl in Bosnien als auch in Serbien arbeiten sich hochrangige nationalistische Politiker*innen insbesondere am Begriff des Genozids ab: Dass es in Srebrenica zu Massakern kam, wird nicht geleugnet, dass diese ein Genozid waren, hingegen schon. Opferzahlen werden in Frage gestellt und gegen Verbrechen der bosniakischen Armee in der Region aufgewogen. In dieser Argumentation findet eine Täter-Opfer-Umkehr statt, die in frappierender Weise an den Umgang mit Überlebenden misogyner und sexualisierter Gewalttaten erinnert: Am Ende der Argumentationskette ist der Vorwurf des Genozids schlimmer als das Begehen eines Genozids.

Ende Februar dieses Jahres wurde Dodik von einem bosnischen Gericht wegen Verstößen gegen die bosnische Verfassung zu einer Haftstrafe verurteilt. Als Reaktion darauf eskalierte er seine sezessionistische Politik erneut. Unter anderem wurde gesamtstaatlichen Organisationen das Hoheitsrecht in der Republika abgesprochen, so kann etwa die Polizei dort nicht mehr agieren.

Bereits kurz nach dem Urteil schloss das Srebrenica Memorial Center vorübergehend – Srebrenica und das Museum liegen in der Republika Srpska. Es begründete den Schritt damit, dass es aufgrund der angespannten Lage die Sicherheit seiner (überwiegend bosniakischen) Besucher*innen nicht garantieren kann.

Mittlerweile ist das Museum wieder geöffnet und die Vorbereitungen für die Gedenkveranstaltung anlässlich des 30. Jahrestages laufen auf Hochtouren. Am 11. Juli werden fünf weitere Opfer, deren sterbliche Überreste im vergangenen Jahr identifiziert werden konnten, auf dem Gedenkfriedhof beigesetzt. Es bleibt abzuwarten, wie die Gedenkveranstaltung angesichts der wohl angespanntesten Lage seit vielen Jahren verlaufen wird.

Larissa Schober

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 409 Heft bestellen
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