Genug für alle
Klimaschutz und Umverteilung können Hand in Hand gehen
Postwachstum würde für die meisten Menschen nicht Verzicht bedeuten, sondern das Gegenteil: bessere Versorgung, mehr Sicherheit, mehr Lebensqualität. Damit verbunden die Forderung: weniger Verschwendung bei denen, die im Überfluss leben, und mehr Erfüllung von Grundbedürfnissen für alle anderen.
Wenn Wachstumskritik angesichts weltweiter Armut als zynisch abgetan wird, wird ein zentraler Aspekt übersehen: Wachstum selbst ist Ausdruck einer kolonialen Kontinuität, die den Ökonomien des Globalen Südens weder gerecht wird noch zugutekommt. Postwachstum bündelt Kritiken an der hegemonialen Vorstellung, dass kontinuierliches Wirtschaftswachstum wünschenswert sei. Im Kern ist es ein Impuls für einen grundlegenden Umbau. Das Ziel ist, ein gutes Leben für alle innerhalb ökologischer Grenzen zu ermöglichen.
Ressourcenverbrauch korreliert stark mit Vermögen
Durch den Fokus auf Überkonsum erscheint Postwachstum zunächst wie ein Projekt des Globalen Nordens. Süd-Nord-Beziehungen und Kritik am Entwicklungsbegriff sind jedoch zentrale Themen. Für viele Regionen endete die koloniale Herrschaft nicht in einer umfassenden Unabhängigkeit, sondern wurde durch Schulden und Strukturanpassungsprogramme in wirtschaftliche Abhängigkeit überführt. Die systematische Verbilligung von Rohstoffen und Arbeitskraft zugunsten des Globalen Nordens prägt heute die Weltwirtschaft. Im herrschenden Diskurs wird Verantwortung für Armut und andere Folgen dieser asymmetrischen Handelsbeziehungen den betroffenen Ländern selbst zugeschrieben und an deren mangelnder wirtschaftlicher Entwicklung festgemacht.
Jedoch steckt in diesem wachstumsbasierten Entwicklungsbegriff selbst eine Ursache extremer globaler Ungleichheiten: Zwischen 1995 und 2021 entfielen 38 Prozent des weltweiten Vermögenszuwachses auf das reichste Prozent der Weltbevölkerung, während deren ärmere Hälfte nur zwei Prozent erhielt, so der World Inequality Report 2022. Dementsprechend ist die Forderung nach einer Abkehr vom Wachstumsparadigma kein Gegenprogramm zu Fortschritt und Wohlstand. Vielmehr geht es um eine demokratische Auseinandersetzung darüber, was wo wünschenswert, gerecht und möglich ist. So argumentiert auch das I.L.A Kollektiv, ein Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen: »Nicht weniger für alle, sondern ein Genug für alle.«
Wachstumsabhängigkeiten überwinden
Wirtschaftswachstum bezeichnet die Zunahme des Marktwertes aller Endprodukte und Dienstleistungen – am einflussreichsten gemessen durch das Bruttoinlandsprodukt. Hier fließen Waren und Dienstleistungen zur Erfüllung von Grundbedürfnissen, wie Nahrungsmittel, gleichermaßen ein wie solche, die sozial oder ökologisch weniger wünschenswert sind, etwa Rüstungsgüter oder Tabakprodukte. Währenddessen bleiben ökologische Gesundheit, Subsistenzwirtschaft, Sorgearbeit und Verteilungsgerechtigkeit unberücksichtigt. Das BIP macht jedoch nicht nur etwa immateriellen Wohlstand unsichtbar. Es trägt auch dazu bei, funktionierende Wirtschaftsformen außerhalb formaler Märkte zu entwerten und zu verdrängen.
Technische Innovationen zugunsten klimaneutraler Energieerzeugung sind vielversprechend – aktuelle Befunde stellen die Möglichkeit einer Entkopplung von Wirtschaftswachstum und ökologischen Folgen jedoch in Frage. Ein entscheidender Ansatz ist daher die Umverteilung weg von ressourcenintensiven Lebensstilen und hin zur Erfüllung von Grundbedürfnissen für alle. Dabei ist die Verankerung von Wachstum als Sachzwang ein zentrales Hindernis, um Entwicklung anders zu denken. Viele Ökonomien sind über Steuerarchitektur, Arbeitsmärkte und Geldsysteme strukturell auf kontinuierliches Wachstum angewiesen. Bleibt es aus, drohen steigende Arbeitslosigkeit, schrumpfende Steuereinnahmen und der Abbau öffentlicher Leistungen.
Postwachstum in globaler Perspektive bedeutet daher nicht nur Kritik des an Wirtschaftsleistung gekoppelten Entwicklungsbegriffs. Sondern auch die Überwindung von Wachstumsabhängigkeiten, insbesondere in den Ländern des Globalen Nordens, sodass eine stabile Grundversorgung dort nicht »auf Kosten anderer« geht. Neben der (globalen) Besteuerung von Vermögen sowie hoher Einkommen und Finanztransaktionen müsste eine wachstumsunabhängige Wirtschaftsweise insbesondere hohen Ressourcenverbrauch belasten. Auf nationaler Ebene könnte ein ernstzunehmendes Klimageld ein erster Schritt sein, welcher dann zu einem ökologischen Grundeinkommen ausgebaut werden müsste. Da Ressourcenverbrauch stark mit Vermögen korreliert, würden vor allem wohlhabendere Haushalte belastet, während ärmere Personen verhältnismäßig am meisten profitieren.
Das Prinzip könnte auch international angewendet werden. Einnahmen aus globaler Ressourcenbepreisung könnten in einen multilateralen Ausgleichsmechanismus fließen – etwa über UN-Strukturen – und gezielt an vulnerable Länder umverteilt werden. Die dadurch eingenommenen Mittel könnten konsequent zur Armutsbekämpfung, dem Ausbau der Grundversorgung sowie der Anpassung an ökologische Herausforderungen wie der Klimakrise verwendet werden. Um relevante Umverteilungseffekte zu erzielen, müsste die Belastung in einer entsprechenden Höhe anfallen.