»Frauen sollten sich selbst helfen können«
Interview mit der Stiftung der freien Frau in Syrien
Die Stiftung der freien Frau in Syrien (Weqfa Jina Azad a Sûrî) fördert die gesellschaftliche Teilhabe von Frauen und Kindern in Nord- und Ostsyrien. Im Interview berichten Mitarbeiter*innen vom Aufbau der Gesundheitsstrukturen in Kriegszeiten und den Zugangsmöglichkeiten zu Verhütung und Abtreibungen.
Judith Goetz: Wie hat die Gesundheitsarbeit der Stiftung in Rojava begonnen?
Melike Hassaf: Frauen brauchen als erstes ökonomische Grundlagen, Zugang zu Bildung und die Möglichkeit, Perspektiven zu entwickeln. Die Stiftung hat genau hier angesetzt. 2015 gab es noch kein richtiges Zentrum. Wir waren noch mitten in der Revolution. Niemand wusste, wann oder wo ein Gefecht stattfindet. Damals wurden die Kommunen gerade erst aufgebaut und so gingen wir von Haus zu Haus. Die Situation war sehr instabil. In dieser Zeit haben wir direkt in den Haushalten mit Erste-Hilfe-Ausbildungen begonnen. Die Frauen sollten in Notfällen ihren Kindern und sich selbst helfen können. Diese Selbstversorgung im eigenen Haushalt war zentral. Diese Arbeit führen wir bis heute weiter: Erste Hilfe, Selbstständigkeit, Eigenverantwortung für die Familie, aber auch für sich selbst.
Welche Rolle spielen Frauen im Gesundheitsbereich?
Viyan Ali: Gesundheit ist ein zentraler Bereich für die Gesellschaft und besonders in der Prävention übernehmen Frauen eine wichtige Rolle. Unsere Bildungsarbeit ist deshalb so bedeutend, weil Frauen einerseits fundamentale Aufgaben für die Gesellschaft übernehmen, andererseits aber – bedingt durch traditionelle Vorstellungen – kaum gesellschaftliche Anerkennung dafür erhalten.
»Ein Gesetz zur Regelung von Abtreibung gibt es nicht«
In unseren Weiterbildungen geht es auch darum, die historische Rolle der Frauen sichtbar zu machen. Früher gab es keine Ärzt*innen – Frauen sammelten Kräuter, lernten die Natur kennen, entwickelten Heilmittel. Sie wussten, welche Pflanzen gegen welche Krankheiten helfen, und gaben ihr Wissen weiter. Doch dieses Wissen wurde von Männern unterdrückt und es war verboten, es weiterzugeben. So wurden Frauen über Jahrhunderte systematisch aus dem Gesundheitsbereich ausgeschlossen. Mit der Revolution haben wir diese Rolle der Frauen im Gesundheitsbereich zurückerobert und gestärkt.
Welche Möglichkeiten gibt es für Frauen in Rojava, im Gesundheitsbereich tätig zu werden?
Viyan Ali: Wir bieten berufliche Ausbildungen an, zum Beispiel zur Gesundheitshelferin. Damit können Frauen finanziell unabhängiger werden. Für uns ist es zudem wichtig, dass Frauen lernen, sich von patriarchalen Denkmustern zu lösen.
In allen Städten, in denen wir arbeiten, gibt es Krankenstationen, Gesundheitszentren und Ärzt*innen, mit denen wir kooperieren – darunter Gynäkolog*innen und Kinderärzt*innen. In Derik haben wir eine Klinik speziell für Frauen und Kinder eröffnet. Viele Frauen auf dem Land sind sehr arm und können sich die Fahrt in die Städte nicht leisten, um medizinische Versorgung zu erhalten. Deshalb haben wir begonnen, Medikamente zu sammeln und in die Dörfer zu fahren. Unsere Ärzt*innen besuchen die Frauen direkt, besonders Schwangere. Aber auch für einfache Untersuchungen wie Blutdruckmessungen.
Wie sieht die Arbeit im Gesundheitsbereich weiter aus?
Sultan Xusho: In den größeren Städten haben wir Gesundheitszentren aufgebaut, etwa in Hesekê. Von dort aus koordinieren wir die anderen Standorte. Wir unterstützen unsere Mitarbeiterinnen bestmöglich. Denn die tägliche Arbeit mit den Sorgen und Nöten anderer Frauen wirkt sich auch auf die eigene Persönlichkeit aus. Wer selbst Schwierigkeiten hat, kann keine gute Arbeit leisten. Deshalb versuchen wir, jede Woche in ein anderes Zentrum zu fahren, um zu sehen, wie es läuft und persönlichen Kontakt zu halten.
Wie steht es um reproduktive Rechte und Abtreibung in Rojava?
Melike Hassaf: Wir bieten Aufklärung rund um Schwangerschaft, Geburt, Gesundheit und Verhütung. Es ist besser, sich vor einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen, als eine Abtreibung vornehmen lassen zu müssen. In Qamişlo oder Hesekê gibt es Gynäkolog*innen, die kostenfrei Medikamente und Verhütungsmittel zur Verfügung stellen. Auch in Apotheken sind Kondome erhältlich. Wir verteilen sie besonders an arme Frauen. Aber: Wenn ein junges Mädchen in eine Apotheke geht, um Kondome zu kaufen, spricht sich das oft schnell herum oder sie wird schief angeschaut. Das ist also auch ein gesellschaftliches Problem.
Ein Gesetz zur Regelung von Abtreibung gibt es nicht. Es liegt im Ermessen der Ärzt*innen. Manche lehnen Abtreibungen ab – zum Beispiel aus religiösen Gründen. Nach medizinischer Auffassung sollte nach vier Monaten nicht mehr abgetrieben werden, es sei denn, die Gesundheit der Schwangeren ist gefährdet.
In der Praxis ist der Zugang entscheidend – also ob es Ärzt*innen gibt, die bereit sind, Abbrüche durchzuführen. Wenn Frauen verheiratet sind, ist es eher selten, dass sie abtreiben, da es gesellschaftlich schwierig ist. Was wir jedoch häufiger sehen, sind junge, unverheiratete Frauen, die schwanger werden und abtreiben wollen, damit niemand davon erfährt und sie nicht ermordet werden. Sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe können aufgrund der anhaltenden patriarchalen Denkweisen nach wie vor lebensgefährlich sein. Wenn wir von solchen Fällen erfahren, unterstützen wir die Frauen. Bei verheirateten Frauen unterstützen wir eher dabei, dass sie das Kind behalten – es sei denn, es gibt gesundheitliche Risiken oder andere ernste Gründe für den Abbruch.