»Das Angebot ist sehr begrenzt«
Interview mit Yasar Alameen über Gesundheitspflege in Libyen
Seit dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 ist Libyen von Bürgerkriegen geprägt. Als Transitland ist Libyen zu einem Ort der humanitären Krise geworden. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind dort derzeit 800.000 Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Entsprechend ist die Gesundheitsversorgung flächendeckend prekär. In besonderem Maß gilt das für Migrant*innen und Geflüchtete – gerade für Frauen. Wir sprachen darüber mit einer Frauenrechtsaktivistin im Land.
iz3w: Können Sie sich uns bitte vorstellen?
Yasar Alameen: Ich komme aus Libyen und befinde mich aktuell in Tripolis. Zurzeit arbeite ich als Kinderschutzbeauftragte bei UNICEF. Weiter bin ich Feminist*in und Aktivist*in für Frauen- und Kinderrechte in der MENA-Region, also der Region Naher Osten und Nordafrika. Dort arbeite ich als Expert*in für Kinderschutz. Ich bin außerdem CBC-Spezialist*in, das heißt »Community Based Care« – gemeindebasierte Betreuung. Daneben bin ich Mutter von zwei Kindern.
Es gibt ein Zitat von Innenminister Al Trabelsi: »Libyen ist kein Ort für persönliche Freiheiten. Wer Freiheit sucht, sollte nach Europa gehen!« Weiter hat er gesagt, dass Frauen sich nur noch in männlicher Begleitung im Land bewegen dürfen. Was bedeutet das?
Das Zitat hat das Leben der meisten Migrant*innen erschwert. Zusätzlich sollte man wissen, dass niemand in Libyen legal Asyl beantragen kann, weil das Land keine Flüchtlinge anerkennt. Sie gelten dann als Migrant*innen. Die Situation für Frauen wurde noch viel komplizierter – schon das normale Alltagsleben ist für die meisten Frauen und Mädchen sehr schwierig.
»Der Zugang zu reproduktiven Gesundheitsdiensten ist sehr schwierig«
Wie ist der Zugang zu reproduktiven Gesundheitsdiensten für geflüchtete Frauen in Libyen gegeben?
Wenn ich ehrlich sein soll, gibt es diesen Zugang nicht. Die meisten geflüchteten Frauen haben keine Dokumente, und diese sind erforderlich, um Zugang zu einer medizinischen Einrichtung zu erhalten. Es gibt nur noch wenige Anlaufstellen, an die sich geflüchtete Frauen wenden können und die sie gesundheitlich beraten oder versorgen. Dabei werden viele Frauen auf dem Weg durch die Wüste Opfer von geschlechtsspezifischer oder sexualisierter Gewalt. Das kann zu Schwangerschaften oder zu sexuell übertragbaren Krankheiten führen. UNICEF und UNHCR haben betreffende Kliniken in einigen Gebieten. Doch das Angebot ist sehr begrenzt. Der Zugang zu allem, was mit reproduktiver Gesundheit zu tun hat, ist sehr, sehr schwierig.
Das libysche Nachrichtenportal Hounna berichtete Ende Juli von einer 17-jährigen Äthiopierin, die aufgrund von Schwangerschaftskomplikationen verstarb. Der hochschwangeren Frau wurde wegen fehlender Dokumente der Zutritt zum Krankenhaus verwehrt. Was ist da los?
Wenn Frauen schwanger sind und keine legalen Dokumente haben, nehmen die meisten Krankenhäuser sie nicht auf.
Ist es im abgespalteten Osten Libyens anders? Gibt es eine Möglichkeit, dorthin zu gehen, um Zugang zu Gesundheitsdiensten zu erhalten?
Im Osten ist es ziemlich ähnlich und es gibt überall Internierungslager. Um von Tripolis nach Bengasi zu fahren, braucht man an die zwölf Stunden. Auf dem Weg riskieren die Menschen, festgenommen zu werden. Wenn man keine Papiere hat, besteht immer die Gefahr, in ein Internierungslager gebracht zu werden. Daher kommt Reisen für die meisten Migrantinnen nicht in Frage, da sie ohnehin versuchen, unterm Radar zu bleiben.
Zusätzlich wurden von der Regierung im Frühling internationale NGOs verboten und über Nacht geschlossen. Der Vorwurf lautet: »hostile support of migrants« – wörtlich übersetzt: die feindselige Unterstützung von Migrant*innen.
Der Vorwurf an die NGOs lautet, dass man versuche, Flüchtlinge und Migrant*innen in das Land zu integrieren. Vor allem durch den Krieg in Sudan war der Zustrom von Schutzsuchenden riesig und das Land ist überfordert. Dabei versuchen die NGOs mit Mühe und Not, basale Grundbedürfnisse zu sichern. Das kann keinen Zugang zur Schule oder zu Krankenhäusern ersetzen. Das ist das absolute Minimum an humanitärer Hilfe – keine Integration.
Die an der Regierung beteiligte Internal Security Agency (ISA) begründete das Verbot außerdem damit, dass einige NGOs gegen das islamische Recht verstießen. Was bedeutet das?
Der humanitäre Sektor arbeitet in einem Umfeld mit hoher Unsicherheit. Politische Veränderungen können über Nacht eintreten. Das macht die Situation für Kinder und Frauen in der Regel noch schwieriger. Das hat aber dazu geführt, dass die Organisationen Angst um Mitarbeitende bekamen und nicht zurückgekehrt sind. Das Verbot der internationalen NGOs wird die humanitäre Lage aber nachhaltig verschlechtern.
Können Sie sagen, warum die Beschränkungen gerade jetzt zunehmen?
Leider ist das Land nach dem Sturz von Diktator Gaddafi weiterhin instabil. Wir haben derzeit zwei verschiedene Regierungen und waren jahrelang ein Bürgerkriegsland. Die politische Lage kann sich über Nacht ändern, und wir brauchen stabile Strukturen wie NGOs, um die Versorgung sicherzustellen.
Die internationale Entwicklungszusammenarbeit finanziert die libysche Politik gegenüber Geflüchteten mit. Was wünschen Sie sich da?
Ich möchte, dass die hier genannten Frauen und Kinder wie auch die Männer einen würdevollen Zugang zur Grundversorgung haben. Wir haben zwar Anlaufstellen, die Bildungsangebote und psychosoziale Unterstützung bieten, auch einige Kliniken, aber das reicht nicht. Hilfe sollte auf der menschlichen Seite ansetzen, damit die Betroffenen auch wie Menschen behandelt werden. Dazu kommt etwas anderes: Weltweit kürzt man die humanitäre Hilfe und das hat unsere Arbeit fast zum Stillstand gebracht. In Libyen ist es besonders schlimm.
Sie sind vorübergehend auch in Deutschland und arbeiten mit der NGO AMICA zusammen. Was erhoffen Sie sich von dieser Zusammenarbeit?
Ich hoffe, mein Wissen darüber zu erweitern, wie Hilfe geleistet und besser für Frauenrechte eingetreten werden kann. Ich kenne die Arbeit von AMICA aus der Zeit, in der sie in Libyen tätig war. Sie unterstützt libysche Frauen im Umgang mit Fällen von geschlechtsspezifischer Gewalt und schult sie, sichere Räume für Betroffene im Land zu schaffen. Dieses Wissen möchte ich nach Libyen zurücktragen. Ich möchte einen konkreteren Ansatz finden, wie man für die Rechte der Frauen eintritt und wie man Safe-Spaces für sie schafft.
Welche Organisationen sollten jetzt unterstützt werden, um Ihre Arbeit zu fördern?
Nationale NGOs sind noch aktiv, aber die beschränken sich auf sehr wenige Anlaufstellen. Ich bin gerade dabei, meine eigene Frauenrechtsorganisation zu gründen. Es gibt nur eine Handvoll solcher Organisationen und die meisten richten sich nicht gezielt an Frauen oder sind nicht von Frauen geführt. Das möchte ich ändern und ich habe das Glück, andere Menschenrechtler*innen an meiner Seite zu haben, die den Schritt mit mir gehen.
Wenn Sie kleinere Ziele im Bereich Frauenrechte in Libyen nennen wollen – was könnte erreichbar sein?
Hoffentlich ein Frauenhaus, denn derzeit ist es illegal, ein solches zu betreiben. Und wenn ich »Frauenhaus« sage, meine ich kein Internierungslager, sondern einen Zufluchtsort, zu dem Frauen gehen können, wenn sie Hilfe brauchen – um wieder auf die Beine zu kommen. Nirgendwo in Libyen gibt es so eine Anlaufstelle für Frauen in Not. Das ist, glaube ich, mein wichtigster Wunsch. Und weil der Bedarf dringend da ist, bin ich sicher, dass dies erreichbar sein muss.