Zwischen Gropiusstadt und Techno
Rezensiert von Patrick Helber
10.06.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 415
Aria Abers Debütroman Good Girl (2025) erzählt autofiktional, rauschhaft und rasant die Geschichte von Nilab, einer jungen deutsch-afghanischen Frau, die in der Neuköllner Gropiusstadt in einem heruntergekommenen Plattenbau lebt: »Wir wurden in einen Albtraum aus brutalistischem Beton und Arbeitslosigkeit geschleudert, eingeengt in einem vierzehnstöckigen Gebäude.« Als Tochter von Anahita und Karim, Geflüchteten aus Afghanistan, denen in Deutschland die berufliche Anerkennung verwehrt wurde, kämpft sie mit Rassismus, Sexismus und Armut. Sie versucht sich daraus zu befreien, indem sie ihre Herkunft verschweigt und den unverfänglichen Namen Nila annimmt: »Meine Eltern kommen aus Griechenland, was eine Lüge war, sich aber nach einer angemessenen Erklärung für mein dunkles und südländisches Gesicht und meine unordentlichen Locken anhört. Manchmal sagte ich, dass ich aus Kolumbien kam; manchmal stammte ich aus Spanien oder Israel.« Ihr wichtigster Flucht- und Schutzort ist der »Bunker«, ein Berliner Technoclub, den sie mit ihren Freund*innen oft besucht. Neben ihrem engen Zuhause sowie einem Festival in Mecklenburg-Vorpommern und einem Ausflug nach Venedig ist der »Bunker« der Hauptschauplatz des Romans. Mit seinen ekstatischen und unendlichen Nächten bildet er eine eigene abgeschlossene Welt und erinnert an den Berliner Kultclub Berghain. In dieser Heterotopie mit eigenen Normen begehrt sie auf gegen die gesellschaftliche Erwartung, ein »good girl« oder »dokhtare khub« zu sein. Gegen das Nine-to-Five-Leben im Reihenhaus, gegen das, was ihre Eltern eigentlich in diesem Land erreichen wollten.
Sie begehrt auf gegen die gesellschaftliche Erwartung ein »good girl« zu sein
Abers packender und gut zu lesender Roman wurde zuerst in den USA veröffentlicht. Insbesondere der Schriftsteller Marlow, in den sich Nilab verliebt, verkörpert als egozentrische und sadistische Figur die stereotypischen Erwartungen mancher US-amerikanischer Leser*innen an Berlin als Stadt von Techno, Drogen und rauschhaftem Sex. Die im Text eingestreuten Referenzen zu Platon, Franz Kafka, Roland Barthes und anderen Klassikern verankern den postmigrantischen Coming of Age Roman im Kanon. Neu für ein Erstlingswerk auf internationaler Bühne ist die kritische Auseinandersetzung mit dem rassistischen Terror in Deutschland seit 2000. Diesen thematisiert Aber in einer Mischung aus historischen Fakten und Fiktion. Sie versetzt die rassistischen Morde an muslimisch gelesenen Menschen direkt nach Neukölln in die afghanische Community, deren Zwängen Nilab entfliehen will, und konfrontiert ihre Protagonistin so mit widersprüchlichen Gefühlen.