Menschen mit zugeklebten Mündern, darüber: "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" dazu: "Ist es gut?" "Ist es schlecht?"
© Birgit Weyhe/avant-verlag

»Es ist wichtig, nicht zu schweigen«

Ein Interview mit der Comic­autorin Birgit Weyhe

Die Comicautorin und -zeichnerin Birgit Weyhe legt nach »Madgermanes« (2016), »Unterm Birnbaum (2019), »Lebenslinien« (2020) und »Rude Girl« (2021) eine neue Graphic Novel vor. In »Schweigen« erzählt sie deutsche Biographien in Argentinien.

von Patrick Helber

11.06.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 409

Patrick Helber: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich in Ihrem historischen Comic mit unterschiedlichen deutschen Biographien im Argentinien des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen?

Birgit Weyhe: Ich bin gegen Ende meiner Arbeit an «Rude Girl” von dem argentinischen Sozialwissenschaftler Pablo Turnes und der Übersetzerin Lea Hübner gefragt worden, ob ich Interesse hätte, ein Comic über Elisabeth Käsemann zu machen. Ich habe mich dann eingelesen und fand, dass dieser Geschichte noch einmal Gehör verschafft werden könnte. Gleichzeitig bin ich bei meinen ersten Recherchen auf Jeanette Heufelders Biographie von Ellen Marx gestoßen. Es war für mich interessant und neu, dass es diese vielen Verbindungen zwischen Argentinien und Deutschland gab. Daher wollte ich früher ansetzen als bei der Junta (Militärdiktatur) und Elisabeth Käsemann, zumal sich deren Geschichten dann ja kreuzten.

Die Wahlplakate der FDP von 1949 fordern einen Schlussstrich unter die Entnazifizierung.
© Birgit Weyhe/avant-verlag

Ihre Kapitelüberschriften lauten »Schweigen« und »Beschweigen«. Was bedeutet es zu schweigen und was haben die beiden Formen der Kommunikation gerade mit Deutschland und Argentinien zu tun?

Es gibt ja auch noch die Kapitel »Erinnern«, »Verschweigen« und »Überleben«. Damit beziehe ich mich auf die verschiedenen Ausprägungen von »Schweigen« als Kommunikationsform. Und es kann nötig sein, um die erlittenen Traumata auszuhalten. Es ist wichtig, nicht zu schweigen, sonst könnten wir uns nicht an Vergangenes erinnern. Aus Scham oder Schuld kann etwas beschwiegen werden und wenn etwas verschwiegen wird, dann machen wir uns schuldig. Alle diese Aspekte sind Teil der hier dargestellten Beziehung zwischen den beiden Ländern und den beiden Protagonistinnen. Und wer das genauer verstehen möchte, sollte das Buch lesen.

»Ich kann durch Abstraktion in der Zeich­nung Dinge verdeut­lichen, die sprachlich fast nicht zu ertragen sind«

Die Protagonistinnen sind die beiden Frauen Ellen und Elisabeth, deren Schicksale durch die Militärdiktatur in Argentinien verbunden sind. Was schätzen Sie am Comic als Mittel, um Verflechtungsgeschichte zu erzählen?

Comics können durch die Verflechtung von Bild und Text auf zwei Ebenen gleichzeitig kommunizieren. Das macht dieses Medium für mich so reizvoll. Ich kann also auf der Bildebene Kontinuitäten herstellen, während die Handlungsebene in einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort spielt. Ich kann durch Abstraktion in der Zeichnung Dinge verdeutlichen, die sprachlich fast nicht zu ertragen sind, etwa Folter und Vergewaltigung. Zusätzlich habe ich hier durch die verschiedenen Farben ein Leitsystem geschaffen, damit es einfacher ist, sich in den vier Erzählebenen zu orientieren.

Sie nutzen häufig das Abzeichnen von Originalquellen, wie beispielsweise des Plakats der FDP aus dem Jahr 1949, das einen »Schlußstrich« unter der Entnazifizierung fordert. Wie gehen Sie bei der Recherche vor, wo finden Sie die Quellen und welche Rolle spielen sie für Sie beim Erzeugen eines authentischen Erzählrahmens?

Wenn ich ein neues Projekt beginne, dann halte ich mich während der Arbeit möglichst viel in dessen Bezugsrahmen auf. Das heißt, ich konsumiere so viel es geht zum Kontext. Ich lese Romane, Sachbücher, Bildbände, höre Podcasts, sehe Filme, gehe in Ausstellungen und Museen. So ist mir beispielsweise durch das Museo Evita Perón in Buenos Aires klargeworden, dass ich das, was ich davor zu ihr an Information im Buch hatte, dringend erweitern muss; dass es eine sehr viel größere Ambivalenz in dieser Person gibt, als ich zuvor begriffen habe. Dort habe ich auch wahnsinnig viel Bildmaterial zu ihr gefunden. Durch dieses Abzeichnen der Originalquellen komme ich und damit auch die Leser*innen etwas näher an die Zeit heran.

Ihre Handlung erstreckt sich von der Weimarer Republik bis ins frühe 21. Jahrhundert und deckt beinahe die komplette deutsche und argentinische Zeitgeschichte ab. Was hat Sie dazu bewegt, den Handlungsfluss immer wieder für längere Kontextteile zu unterbrechen?

Bei meinen Workshops und Lesungen an Schulen und Universitäten ist mir aufgefallen, dass Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend weniger Kontextwissen mitbringen, was politische und historische Zusammenhänge betrifft. Ich habe auch bei meinen eigenen Töchtern mitbekommen, dass Geschichte häufig anders unterrichtet wird als noch zu meiner Schulzeit und manches, was ich noch pauken musste, heute unter den Tisch fällt. Dazu kommt in diesem Fall, dass auch die argentinische Geschichte recht komplex ist und nicht davon ausgegangen werden kann, dass alle Lesenden das immer parat haben. Daher dienen diese Passagen der Einordnung. Gleichzeitig verweben sich die Kontextteile im Laufe des Buches immer mehr mit den Biographien und es wird deutlich, dass sich Kontext und Handlung nicht trennen lassen.

Schweigende Familie und Baum mit Hakenkreuz-Wurzeln. Text: Aufgewachsen mit und in dem bleiernen schweigen der Familien und der gesamten deutschen Gesellschaft
© Birgit Weyhe/avant-verlag

Sehen Sie in den komprimierten und sehr anschaulichen historischen Kontextteilen auch Lehrer*innen als Zielgruppe, die gemeinsam mit Schüler*innen und Ihrem Comic arbeiten könnten?

Ja, auf jeden Fall. Dieses Buch sehe ich wirklich als Sachbuch und wünsche mir sehr, dass es auch im Bildungsbereich genutzt wird, zumindest passagenweise.

»Rude Girl«, ein biographischer Coming-of-age-Comic über eine Schwarze Germanistin, war komplett kollaborativ erarbeitet und stellt auf einem sehr hohen Niveau Ihre und die Gedanken Ihrer Schwarzen Protagonistin beim Erzählen dar. Wie war die Erfahrung bei dieser Art des Schreibens und Zeichnens?

»Für mich ist Erinnerung zu einem Akt des Wider­stands geworden«

Es stimmt nicht ganz, dass »Rude Girl« komplett kollaborativ entstanden ist. Ich habe mehrere lange Interviews mit Priscilla geführt und diese dann alleine zu Szenen und Dialogen geformt, mir eine Struktur ausgedacht (inklusive der Metaebene) und lediglich die einzelnen Kapitel von Priscilla kommentieren lassen. Ich hatte tatsächlich eine stärkere Kollaboration angefragt, aber Priscilla wollte, dass es mein Buch ist und sie nur durch die Kommentare kurz auftaucht. Zudem war lange nicht klar, ob sie anonym bleiben möchte oder nicht. Es kam dann zu einer Zwischenlösung. Dieses Projekt war besonders und hat Spaß gemacht, weil es für mich ein Lernprozess war. Ich habe ein Kapitel gezeichnet, sie hat es kommentiert, ich habe es gezeichnet und versucht aus dem Gesagten Dinge für den weiteren Verlauf des Buches umzusetzen, beispielsweise die Hautfarbe. Ich wusste daher bis kurz vor Abschluss des Buches nicht, was und wie es genau sein wird.

Warum haben Sie sich diesmal dafür entschieden, auf diese Metaebene beispielsweise unter Einbezug von Partner*innen aus Argentinien zu verzichten?

Jedes Projekt hat seine eigene Struktur und Idee. Nur weil es für »Rude Girl« funktioniert hat, muss es nicht für alle meine Bücher funktionieren. Die beiden Protagonistinnen aus »Schweigen« sind nicht mehr am Leben. Ihre Verwandten sind durch die Ereignisse traumatisiert und haben ein Recht auf ihre Privatsphäre. Ich habe mit beiden Familien Kontakt gehabt und Angehörige getroffen und sie haben vorab das fertige Buch vorgelegt bekommen. Eine Kollaboration hätte außerdem in diesem Fall sehr viele Menschen beinhaltet. In Anbetracht dieser Tatsachen habe ich mich für ein gänzlich anderes Konzept entschieden.

Haben Sie sich mit Zeichner*innen und Comics aus Argentinien beschäftigt, die sich mit dem ‚Verschwinden‘ der Menschen während der Militärdiktatur auseinandersetzen?

Tatsächlich nein. Ich habe sehr, sehr viele Romane gelesen, aber mit Bedacht keine Comics. Aus zweierlei Gründen. Zum einen wollte ich grafisch eine eigene Strategie finden. Zum anderen hatte Pablo Turnes, der mit der Projektidee an mich herangetreten ist, mir gesagt, er fände es interessant, die Geschichte nicht aus argentinischer, sondern einmal aus deutscher Sicht erzählen zu lassen. Das habe ich getan.

Bereits früh im Comic taucht das starke Bild eines Baums als Metapher für die deutsche Nachkriegsgesellschaft auf, dessen Wurzeln zahlreiche Hakenkreuze im Boden darstellen. Welche Verbindungen sehen Sie zwischen den Ereignissen im Comic und der jüngsten Gegenwart in Deutschland und Argentinien?

Ich habe 2021 mit den ersten Recherchen zu »Schweigen« begonnen. Seitdem hat sich die Welt bestürzend verändert. Für mich ist Erinnerung zu einem Akt des Widerstands geworden. Wir dürfen nicht zulassen, dass Unrecht verschwiegen und vergessen wird. Das nützt nur den Tätern und Populisten dieser Welt. Geschichte und Identitäten sind komplex und müssen verstanden werden. Verkürzungen machen dagegen den Weg frei für Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung. Dagegen möchte ich mich wenden und hoffe, dieses Buch kann einen Beitrag dazu leisten.

Das Interview führte Patrick Helber.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 409 Heft bestellen
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