»Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze«

Rezensiert von Mirko Maschewsky

25.02.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 413

Diese Aussage des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD) aus dem Jahr 1981 wird im Podcast Grauzone Pott zitiert, um aufzuzeigen, wie die rassistischen und gegen links gerichteten Anschläge, Morde und Pogrome Anfang der 90er-Jahre im wiedervereinten Deutschland ideologisch bereits in den 80er-Jahren in Westdeutschland vorbereitet wurden. So wurde auch schon mal während der sozialliberalen Koalition (SPD und FDP) unter Schmidt 1982 ein Gesetz diskutiert, das »Rückkehrmigration« fördern sollte, um der ‚Überfremdung‘ Herr zu werden. Der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU) sagt 1985: »Es strömen die Tamilen zu Tausenden herein, und wenn sich die Situation in Neukaledonien zuspitzt, dann werden wir bald die Kanaken im Land haben.« Und die Bild-Zeitung titelte Anfang der 90er »Das Boot ist voll!« – ein Slogan, der nicht nur rechts, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft sehr gut ankam und vor allem von der Union beständig reproduziert wurde.

Die Bild-Zeitung titelte Anfang der 90er »Das Boot ist voll!«

Damals – wie heute wieder – bereitet die radikalisierte politische Mitte rassistische und klassistische Gewalt vor. Außerdem entfesselt diese Mitte Gewalt gegen das, was das Demokratische an einer parlamentarischen Demokratie ausmacht: das linke außerparlamentarische Engagement. Damit war und ist die politische Mitte verantwortlich für auf der Straße erstochene schwangere migrantisierte Frauen, im Schlaf angezündete Obdachlose und totgetretene fünfzehnjährige Punks. Da organisierte Nazis und zuvor unbescholtene Bürger*innen eben genau das Programm der radikalisierten Mitte ausführen, müssen dann auch rassistische, klassistische und gegen links gerichtete Attentate von dieser politischen Mitte, von Polizei und Justiz möglichst geleugnet und vertuscht werden. Sonst würde ja allen klar, dass aus Diskursen auch Taten folgen. Auch dies wird bei Grauzone Pott in der historischen Phase der 80er-Jahre nachgezeichnet. Doch Oury Jalloh als Beispiel für unzählbare andere Fälle lehren uns, dass sich an dieser Verantwortungsabwehr nichts geändert hat.

Der Podcast Grauzone Pott umfasst fünf Episoden, die 2025 produziert wurden. Zurzeit wird an einer zweiten Staffel gearbeitet, für die Zeitzeug*innen und Menschen gesucht werden, die zu den 1980ern, neonazistischer Gewalt oder migrantischer Selbstorganisation forschen. Zu empfehlen ist der Podcast allen, die an antirassistischen und antifaschistischen Themen interessiert sind.

Grauzone Pott beleuchtet die bisher unbeachtete Geschichte von migrantischem Widerstand und neonazistischer Gewalt im Ruhrgebiet der 1980er und 1990er Jahre.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 413 Heft bestellen
Unsere Inhalte sind werbefrei!

Wir machen seit Jahrzehnten unabhängigen Journalismus, kollektiv und kritisch. Unsere Autor*innen schreiben ohne Honorar. Hauptamtliche Redaktion, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit halten den Laden am Laufen.

iz3w unterstützen