Unterm Radar: Krisen in Haiti, Mosambik, Südsudan & Myanmar
September / Oktober
Bandenkriminalität in Haiti: UN-Eingreiftruppe beschlossen
Die Gewaltspirale zwischen Banden, Staatsapparat und der Bevölkerung in Haiti zieht sich zu. Laut UN wurden seit Beginn der Dokumentation im Jahr 2022 mehr als 16.000 Menschen in Verbindung mit Bandenkriminalität getötet und weitere 7.000 verletzt. Als Reaktion auf die Gewalt, die von Gangs ausgeht, kommt es insbesondere von staatlicher, aber auch von ziviler Seite zu gewaltsamen Gegenreaktionen, die den Tod von weiteren 500 Personen – vermeintlichen Gangmitgliedern – zur Folge hatten.
Interview über die haitianische Krise mit Caridade Valcourt
Um die unkontrollierte Gewaltspirale zu unterbrechen, vereinbarten die UN Ende September eine Resolution zum Einsatz einer Gang Suppression Force (GSF). Der hohe Kommissar für Menschenrechte der UN, Volker Türk, ruft außerdem alle UN-Mitgliedsstaaten dazu auf, das Waffenembargo des Sicherheitsrates zu befolgen, um den illegalen Handel mit Schusswaffen und Munition nach Haiti zu verhindern. Die GSF soll die bislang von Kenia angeführte Multinational Security Support Mission (MSS) ablösen. Diese war wiederholt auf finanzielle und organisatorische Probleme gestoßen: Von den vorgesehenen 2.500 Einsatzkräften trafen insgesamt nur 1.000 in Haiti ein, die wiederum mangelnde Bezahlung und schlechte Ausstattung beklagten.
Schlussendlich fehlt es in Haiti vor allem an finanziellen Ressourcen. Human Rights Watch kritisierte schon vor einem Jahr, dass weder die haitianische Übergangsregierung noch die MSS oder Menschenrechtsaktivist*innen Zugang zu einem ausreichenden Budget hätten. *
Mosambik: 22.000 Menschen in Cabo Delgado vertrieben
Die Vertreibungskrise in Mosambik spitzt sich zu. Der bewaffnete Konflikt zwischen der islamistischen Miliz al-Shabaab und der mosambikanischen Regierung hält seit nunmehr acht Jahren an. Die nationalen Streitkräfte begegnen dem islamistischen Terror erfolglos auf rein militärischem Wege.
Eine erneute Offensive der Miliz in der Provinz Cabo Delgado – dem Krisenherd des Konfliktes – führte Ende September innerhalb einer Woche zur Vertreibung von über 22.000 Menschen. Im Jahr 2025 steigt die Zahl der Vertriebenen damit auf 100.000. Die Angriffe militanter Gruppen sind oftmals gezielt auf Zivilist*innen gerichtet, es kursieren Berichte über Morde, Entführungen und sexualisierte Gewalt und vor allem Kinder werden häufig zwangsrekrutiert.
Die Ursprünge des Konfliktes sind komplex. Laut einer Analyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung wurzelt der mosambikanische Bürgerkrieg in einem Geflecht von historischen, sozialen, politischen, religiösen und wirtschaftlichen Konfliktlinien. Der Historiker Eric Morier-Genoud hält ein unstetes Verhältnis des mosambikanischen Staates zu Religion für mitverantwortlich und hebt hervor, dass die Verwaltung in Cabo Delgado den Umgang mit dem Dschihadismus nicht früh und differenziert genug als politische Frage behandelt habe. Zusätzlich spielen (auch) ökonomische Aspekte eine Rolle: Cabo Delgado birgt enorme Erdgasvorkommen, an denen nicht zuletzt internationale Großkonzerne ein reges Interesse zeigen. *
Flutkatastrophe im Südsudan trifft kriegsgebeutelte Bevölkerung
Ab Mitte September kam es durch starke Regenfälle und den Anstieg des Nils im Südsudan zu schweren Überschwemmungen. Einer Schätzung des Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) zufolge betrafen diese rund 639.255 [o10] Menschen und führten zur Vertreibung von knapp 175.000 Menschen. Betroffen sind vor allem Regionen im Osten des Landes. 19 Personen sind bislang in den Fluten umgekommen, wichtige Infrastruktur, Gesundheitseinrichtungen, Wohnhäuser, Schulen und Acker wurden zerstört. Das OCHA verzeichnet zudem einen signifikanten Anstieg von Malariafällen, Atemwegsinfektionen und Unterernährung.
All das geschieht vor dem Hintergrund des anhaltenden Kriegs. Seit März kämpft das südsudanesische Militär gegen die White Army Miliz. In Folge dieses bewaffneten Konfliktes wurde Mitte September der Vizepräsident des Südsudan, Riek Machar, wegen Hochverrats angeklagt. Ein dysfunktionaler Staat, politische Machtkämpfe und Naturkatastrophen treffen in Südsudan aufeinander – zum Leid der Zivilgesellschaft. *
Myanmar und Bangladesch: Lage der Rohingya bleibt fatal
In Myanmar radikalisiert sich der Widerstand
»Eine Reise durch die Hölle«Drei geflüchtete Rohingya in Sri Lanka: Ein Protokoll
Bilder der GewaltDer Genozid an den Rohingya und die Medien
Seit dem Militärputsch im Jahr 2021 wird dem Konflikt um den Bundesstaat Rakhaing in Myanmar, sowie dem Genozid an den muslimischen Rohingya in der deutschen Medienlandschaft kaum mehr Beachtung geschenkt. Dabei bleibt die humanitäre Krise um diese Minderheit nach wie vor bestehen und erreicht immer neue Tiefpunkte.
Die Rohingya stehen noch immer im Spannungsfeld des bewaffneten Konfliktes zwischen der Militärregierung Myanmars und den militanten Gruppierungen rund um die Arakan Army. Das Militär nutzt in seiner Kriegsführung die Spannungen zwischen der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung und der muslimischen Minderheit der Rohingya aus. Es geht Kooperationen mit bewaffneten Rohingya-Gruppen ein, Rohingya-Zivilist*innen werden zwangsrekrutiert. Auch von der buddhistisch geprägten Arakan Army, die den Bundesstaat Rakhaing kontrolliert, geht immer wieder Gewalt gegen die Rohingya aus. So werden sie von allen Seiten in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, zur Arbeit gezwungen und haben keinen ausreichenden Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und humanitärer Hilfe.
Allein in diesem Jahr führte dies zur Flucht von über 150.000 Menschen in den Süden Bangladeschs. Auch dort verschlechtern sich ihre Lebensumstände. Es kommt zu Konflikten mit einheimischen Gemeinschaften und für viele gibt es keine Aussicht auf Arbeit und Bildung. Das Welternährungsprogramm der UN warnt aktuell vor einer drastischen Verschlechterung ihrer Lebenssituation in Bangladesch: Sollte die Organisation nicht bald aus ihrem Finanzierungsdefizit kommen, würden die Rohingya in eine fatale Ernährungskrise stürzen.
Eine derzeitige Rückführung der geflüchteten Rohingya nach Myanmar bleibt weiterhin aussichtslos und so bleiben sie, ob in Myanmar oder Bangladesch, mit Prekarität und der permanenten Gefahr für Leib und Leben konfrontiert.*