Den Hass überwinden

Friedensarbeit von Parents Circle in Israel und Palästina

Audiobeitrag von Eva Gutensohn

11.05.2026

Sie alle haben jemanden verloren – und kämpfen trotzdem für Frieden. Das Parents Circle Families Forum bringt seit fast dreißig Jahren israelische und palästinensische Menschen zusammen, die durch den Nahostkonflikt Angehörige verloren haben. Der Beitrag von Eva Gutensohn gibt drei Mitgliedern eine Stimme: der israelischen Aktivistin Robi Damelin Damelin, der Palästinenserin Laila Alsheikh Alsheikh und der in Berlin lebenden Israelin Vered Berman Berman. Sie erzählen von persönlichem Verlust, von der Arbeit an Schulen und in Dialoggruppen, von Vergebung als innerem Befreiungsakt – und von der Überzeugung, dass Frieden nicht von Regierungen verordnet werden kann, sondern in der Zivilbevölkerung wachsen muss.

Skript Audiobeitrag - Friedensarbeit von Parents Circle

Erstausstrahlung am 5. Mai 2026 im südnordfunk #144

 

Robi Damelin: Mein Name ist Robi Damelin und ich bin dem Parent-Circle beigetreten, nachdem ich mein Sohn David verloren hatte. Er wurde von einem palästinensischen Scharfschützen getötet.

Sprecherin: Vered Berman Berman lebt in Berlin und kam über Umwege zum Parents Circle. Ihre so genannte »Eintrittskarte« in die Organisation war ebenfalls ein persönliches Schicksal.

Vered Berman: Meine Mutter ist bei einem Selbstmordattentat in Jerusalem ums Leben gekommen. Im Jahr 2003, im Juni. Ich war neun Monate vorher aus Israel weggegangen. Und 20 Jahre später, im Sommer 2023, bin ich Parents Circle beigetreten.

Sprecherin: Laila Alsheikhʼs Geschichte beginnt früher – mit einem Leben unter Besatzung, mit Checkpoints und Einschränkungen, die für Palästinenser*innen Alltag sind.

Laila Alsheikh: Ich bin dem Parents Circle beigetreten, nachdem ich meinen Sohn Qusay verloren hatte. Er war 2002 sechs Monate alt, als israelische Soldaten in jener Nacht in unser Dorf kamen und Tränengas einsetzten; dadurch wurde er sehr krank. Als wir versuchten, ihn in ein Krankenhaus in Bethlehem zu bringen, hielten uns die israelischen Soldaten mehr als fünf Stunden lang auf, und als wir schließlich das Krankenhaus erreichten, sagte der Arzt, es sei zu spät, um sein Leben zu retten.

Sprecherin: Robi Damelin stellte sich drei Jahre nach dem Tod ihres Sohnes eine Frage, die sie nicht mehr schlafen ließ.

»Wenn ich verstehe, warum er meinen Sohn getötet hat, kann das der Beginn eines Gesprächs sein.«

Robi Damelin: Sie haben den Mann gefasst, der ihn getötet hat. Und das stellte mich vor ein riesiges Dilemma. Denn ich hatte mich für den Frieden eingesetzt und von Versöhnung gesprochen. Jetzt kam eine Bewährungsprobe. Meine ich wirklich, was ich sage? Nach drei Monaten habe ich einen Brief an die Eltern des Mannes geschrieben, der ihn getötet hat. Zwei Palestinenser aus unserer Gruppe haben den Brief dann überbracht.

Sprecherin: Die Antwort, die zurückkam, war kein Zeichen der Versöhnung. Der Mann, der David getötet hatte, schrieb, sie sei verrückt und solle seine Familie in Ruhe lassen. Zehn Menschen habe er getötet, um Palästina zu »befreien«. Und trotzdem war Robi Damelin nicht enttäuscht.

Robi Damelin: Ich wusste von seinen Eltern, dass er als kleines Kind mit ansehen musste, wie sein Onkel von der israelischen Armee getötet wurde. Dann verlor er noch zwei weitere Onkel im zweiten Aufstand. Ich glaube, er ist auf einen Weg der Rache geraten. Das bedeutet nicht, dass ich irgendeiner Gewalt das Wort rede. Aber es bedeutet, wenn ich verstehe, warum, dann kann das der Beginn eines Gesprächs sein.

Der Parents Circle war nach dem 7. Oktober eine Insel von Empathie und Mitgefühl.

Sprecherin: Das Parents Circle Families Forum – kurz PCFF – ist eine Organisation aus israelischen und palästinensischen Angehörigen, die durch den Konflikt Familienmitglieder verloren haben. Gegründet 1995, zählt es heute über 850 Mitgliedsfamilien. Keine Partei. Kein politisches Programm. Nur Menschen, die wissen, was Verlust bedeutet – auf beiden Seiten. Und seit dem 7. Oktober 2023 sind noch mehr dazugekommen.

Robi Damelin: Über 80 neue Mitglieder. Das ist fast ein Wunder, wenn man bedenkt, wie kurz das alles erst zurückliegt.

Vered Berman: Der 7. Oktober hat mich zum einen sehr hart retraumatisiert. Und zum anderen in eine Realität reingeworfen, in der alle erwarten, dass man sich für eine Seite entscheidet. Und da hat Parents Circle, da haben wir uns oft online getroffen, gerade in der ersten Zeit danach. Das war so eine Insel von Empathie und Mitgefühl.

Sprecherin: Der Parents Circle hat zwei Büros: eines in Tel Aviv, eines in Beit Dschala im Westjordanland. Er wird von zwei Frauen geleitet. Die Arbeit des Parents Circle ist zutiefst menschlich: Begegnung statt Theorie, Schmerz statt Parole. Über Jahre besuchten palästinensische und israelische Mitglieder in Tandems Schulen. Eine palästinensische Person, eine israelische. Sie erzählen, was sie verloren haben.

Vered Berman: Es ist ganz schön schwer, einen Menschen weiter zu dehumanisieren oder weiter als nicht menschlich zu sehen, wenn man ihm in die Augen schaut und der Person von dem eigenen Verlust erzählt. Und noch schwerer ist es, wenn die Person – der angebliche Feind, der weniger als Mensch angesehen wird – zusammen mit einer von unserer Seite die Geschichte erzählt.

Sprecherin: Robi Damelin beschreibt, was passiert, wenn man in eine jüdische Schulklasse geht und sie fragt, wer jemals mit einer Palästinenser*in ein wirkliches Gespräch geführt hätte.

Robi Damelin: Es wird wahrscheinlich eine einzige Person in der Klasse sein. Wer spricht arabisch? Vielleicht noch eine. Wer war schon im Ausland? Wahrscheinlich fast alle. Und da beginnt man zu begreifen, wie abgeschnitten sie voneinander sind. Und genau das ist unsere Arbeit, diese Abgeschnittenheit zu überwinden. Denn dieses voneinander Abgeschnittensein erzeugt Angst, Angst vor dem anderen. Und aus dieser Angst wird Hass. Und aus dem Hass wird Gewalt.

Sprecherin: Seit drei Jahren darf der Parents Circle nicht mehr an israelische Schulen. Der Bildungsminister hat es verboten. Die offizielle Begründung: Die Organisation verherrliche Terrorismus, weil sie gemeinsam mit Palästinenser*innen trauert. Die eigentliche Begründung, sagt Vered Berman Berman, hat die Regierung unfreiwillig selbst verraten.

Vered Berman: Wenn die Soldaten Palästinenser*innen als Menschen sähen, wären sie schlechtere Soldaten. Deshalb dürfen wir nicht mehr in Schulen rein. Dagegen gehen wir immer wieder vor Gericht.

Sprecherin: Neben den Schulbesuchen gibt es Dialoggruppen – mononationale und binationale. Eine Frauengruppe. Workshops. Vorträge. Online-Treffen, seit der 7. Oktober die physische Begegnung unmöglich gemacht hat. Und einmal im Jahr: die gemeinsame Gedenkzeremonie.

Vered Berman: Sie findet jedes Jahr an dem nationalen Gedenktag für gefallene Soldaten und Terroropfer statt. Im Jahr 2023 im Yarkon Park in Tel Aviv mit über 15.000 Zuschauer*innen.

Sprecherin: Heute wird die Adresse erst am Morgen der Veranstaltung bekanntgegeben. Die Atmosphäre in Israel ist zu gefährlich geworden.

Vered Berman: Letztes Jahr war eine richtig gewaltvolle Demonstration und Attacke auf eine Synagoge in Ra'anana, wo Besucher*innen von dieser Zeremonie wirklich verprügelt wurden.

Sprecherin: Ein Mitglied des Parents Circle, ein junger Krankenpfleger namens Tamam, wurde von der israelischen Armee erschossen. Ein anderer bekannter Friedensaktivist im Westjordanland von einem gewalttätigen Siedler ermordet. Die Friedensarbeit hat ihren Preis.

Reif für den Friedensnobelpreis

Sprecherin: Eines der wichtigsten Schlagwörter bei Parents Circle ist: Vergebung. Das klingt im Kontext dieses Konflikts fast wie eine Provokation. Ist sie die Voraussetzung für jede Friedensarbeit im Parents Circle?

Robi Damelin: Es gibt keine Klausel zur Vergebung, wenn man den Parents Circle beitritt. Alle müssen sich zur Gewaltlosigkeit bekennen, zur Versöhnung und zum Ende der Besatzung. Vergeben, das ist eine ganz persönliche Entscheidung.

Sprecherin: Und eine schwierige, denn viele wissen nicht einmal, wem sie vergeben sollen. Der Täter oder die Täterin ist oft ebenfalls tot. Die Verantwortung diffus. Der Schmerz bleibt konkret.

Robi Damelin: Wenn man ehrlich darüber nachdenkt: Wie viele Palästinenser*innen wüssten überhaupt, wem sie vergeben sollen? Sie wissen ja meistens nicht, wer ihre Angehörigen getötet hat.

Sprecherin: Für Laila Alsheikh wurde Vergebung dennoch zu einem persönlichen Ankerpunkt. Sie erzählt von einer Begegnung mit einem ehemaligen hochrangigen Offizier der israelischen Armee.

Laila Alsheikh: Er war in meiner Region stationiert und er hat einem palästinensischen Auto mit sechs Kindern den Weg ins Krankenhaus versperrt. Es war so schwer für mich ihm zuzuhören.

Sprecherin: Aber dann erzählte der Mann weiter. Als sein eigener Sohn krank wurde und er ihn ins Krankenhaus fahren wollte, stoppte ihn ein Wächter. In diesem Moment verstand er, was er den Palästinenser*innen angetan hatte. Er verließ die Armee. Wurde dafür inhaftiert. Gründete danach eine Organisation, um das Leben der Palästinenser*innen zu verbessern.

Laila Alsheikh: Ich schaute ihn an und sagte: Danke, dass du mir diesen Teil deiner Geschichte erzählt hast. Und ja, es ist so schwer für mich. Aber gleichzeitig möchte ich dir dafür danken, dass du den Mut und die Würde hattest, vor mir zu sprechen. Und jetzt kann ich vergeben – weil ich verstehe, dass du versuchst, dieser Besatzung ein Ende zu setzen.

Vered Berman: Mein Leid ist riesengroß. Ich habe meine Mutter auf eine brutale, ungerechte Weise viel zu früh verloren. Aber es ist nicht größer als das Leid von der Palästinenserin, die ihre Mutter oder ihren Bruder oder Familienangehörigen so brutal verloren hat.

Sprecherin: Vergebung, das wird im Gespräch mit diesen drei Frauen deutlich, ist kein Vergessen. Kein Kapitulieren vor dem Unrecht. Es ist etwas anderes.

Laila Alsheikh: Vergebung ist für mich so wichtig, weil sie mich frei fühlen lässt. Sie hilft mir, mein Leben weiterzuleben. Und sie gibt mir einen besseren Blick auf das, was ich tue.

»Vergebung macht mich frei. Sie hilft mir, mein Leben weiter­zuleben.«


Sprecherin: Der Nahostkonflikt bzw. der Krieg zwischen Israel und benachbarten Ländern oder Terrororganisationen besteht, seit es den Staat Israel gibt. Aber es schien noch nie so schwer wie jetzt, nach dem 7. Oktober und dem darauffolgenden massiven militärischen Vorgehen Israels, bei dem zehntausende – vor allem Zivilist*innen starben, noch an einen dauerhaften Frieden zu glauben, der beiden Bevölkerungen gerecht würde. Laila Alsheikh, Robi Damelin und Vered Berman zweifeln aber keine Sekunde daran.

Vered Berman: Ich bin der festen Überzeugung, dass es kommt, dass wir diesen Frieden erreichen. Krieg ist menschengemacht, Besatzung ist menschengemacht, Frieden ist auch menschengemacht. Das ist jetzt keine Naturgewalt, die wie so ein Tsunami über uns kommt. Die Frage ist nicht: Ist Frieden möglich? Frieden ist möglich und Frieden wird kommen. Die Frage ist nur: Wann wird er kommen – und wie viele Tote bis dahin?

Sprecherin: Robi Damelin, die aus Südafrika stammt und die Zeit der Apartheid erlebt hat, zieht einen anderen historischen Vergleich.

Robi Damelin: Als ich 1967 nach Israel kam, hätte mir damals jemand gesagt, dass in Südafrika Schwarze und Weiße eines Tages gemeinsam in einem Raum sitzen und eine Wahrheits- und Versöhnungskommission abhalten würden. Ich hätte gesagt, der spinnt. Aber genau das ist passiert. Wir suchen die Mandelas, die Gandhis, die Martin Luther Kings. Sie müssen einfach kommen. Natürlich glaube ich daran. Hoffnung ist ein ganz wesentlicher Teil jedes Friedensprozesses und diese Hoffnung habe ich.

Politische Vorträge allein reichen nicht. Die langfristige Vision ist, einen Rahmen für einen Versöhnungsprozess zu schaffen, der bereitsteht, wenn irgendwann ein politisches Abkommen unterzeichnet wird. Denn wenn wir die Menschen an der Basis nicht in das Ende eines Konflikts einbeziehen, dann können wir bestenfalls auf einen Waffenstillstand hoffen.

»Wenn wir die Menschen an der Basis nicht einbe­ziehen, können wir bestenfalls auf einen Waffen­stillstand hoffen.«

Sprecherin: Diese Basisarbeit versucht der Parents Circle zu etablieren. Vered Berman nennt aber zwei Projekte, die zeigen, wie die Grundlagen für Frieden in den vergangenen dreißig Jahren gestört wurden: eine israelisch-palästinensische Sesamstraße, die Anfang der 2000er-Jahre zweimal ausgestrahlt wurde – und dann verboten. Und ein gemeinsam von einem israelischen Psychologen und einem palästinensischen Historiker erarbeitetes Geschichtsbuch, das israelische und palästinensische Narrative nebeneinanderstellt.

Vered Berman: Das wurde 2008 herausgegeben und in einem Pilotprojekt in der Westbank und in Israel freigegeben – für ein Jahr – und prompt wieder verboten. Mittlerweile ist dieses Buch auf alle möglichen Sprachen übersetzt worden. Man kann damit weltweit arbeiten, aber nicht in der Westbank und nicht in Israel.

Sprecherin: Was es also bräuchte: Friedensbildung in Schulen. Medienpräsenz. Begegnung. Und Geld für Grassroots-Arbeit, die die israelische Regierung gerade äußerst ungern fördern will. Dabei ist es laut Parents Circle nur ein kleiner Schritt, den es bräuchte. Das miteinander in den Dialog gehen.

Laila Alsheikh: Die Wut und der Hass könnten enden, wenn wir uns zusammensetzen, einander mit Empathie zuhören, den Hintergrund jedes Einzelnen verstehen und uns in die Lage des anderen versetzen.

Vered Berman: Meine Fantasie ist, dass alle die gleichen Rechte haben. Mir ist es ganz egal, ob das jetzt ein jüdisches Land ist oder ein muslimisches – ich würde Religion eh da raushalten. Mir wäre es wichtig, dass die 14 Millionen Menschen, die da leben – ungefähr zur Hälfte israelisch, also jüdisch, und zur Hälfte palästinensisch – dass sie da alle in Frieden, in Sicherheit und in Freiheit leben können.

Sprecherin: Robi Damelin will nicht zum Schweigen gebracht werden. Auch nicht von denen, die ihr Bild im Hisbollah-Fernsehen gezeigt haben. Als Feindbild.

Robi Damelin: Was kann mir noch passieren? Ich denke nicht an Gefahr. Und ich habe vor nichts Angst.

»Krieg ist menschen­gemacht, Besatzung ist menschen­gemacht – Frieden ist auch menschen­gemacht.«

Sprecherin: Der Parents Circle arbeitet weiter. Die jährliche Gedenkzeremonie fand an einem geheimen Ort statt, ausgestrahlt in alle Welt. Zehntausende haben zugeschaut. Mehr als je zuvor wollten kommen. Und in Deutschland haben Vered Berman und andere Gleichgesinnte den Freundeskreis Deutschland gegründet – um die Botschaft in einen Diskurs zu tragen, in dem sie dringend gebraucht wird.

Vered Berman: Dass Frieden möglich ist, hat uns die Geschichte immer wieder gezeigt. Dass ich hier als Enkelkind von Holocaust-Überlebenden in Deutschland sitzen kann und frei darüber reden kann – ist ein Beweis dafür.

Laila Alsheikh: Frieden bedeutet für mich Gleichheit, Sicherheit, ein normales Leben für mich, für meine Familie, für alle Menschen, die in diesem Land leben

Ein Beitrag von Eva Gutensohn.

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