»Die Schwarze Bevölkerung hat das nicht vergessen«
Interview zur Reconstruction Era in den USA
Amerikanische Museen sind unter Druck: Nach Trumps Executive Order vom März 2025 soll alles entfernt werden, was mit »‘Race‘-zentrierter Ideologie« zu tun hat. Das National Center for Civil and Human Rights in Atlanta aber eröffnete im Januar eine Ausstellung zur Reconstruction Era. Mit Michael Hochgeschwender, Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte und Kulturanthropologie sprachen wir darüber, was die Reconstruction war und warum die Erinnerung daran so umkämpft ist.
iz3w: Die Reconstruction Era taucht im medialen Diskurs über die Situation in den USA immer wieder als Referenz auf. Wie würden Sie diese Epoche erklären?
Michael Hochgeschwender: Die Reconstruction Era ist die Zeit zwischen etwa 1865 und 1877 in den USA. Sie bezieht sich auf die Wiedereingliederung der Südstaaten, der sogenannten Konföderierten Staaten von Amerika, die 1861 aus der Union ausgetreten waren, was den Amerikanischen Bürgerkrieg ausgelöst hat. Nach dem Sieg der Union, der Nordstaaten, steht man nun vor der Frage, wie man die abgefallenen Südstaaten wieder in die Union eingliedern kann und was mit den circa vier Millionen ehemals Versklavten geschehen soll. Man unterscheidet bei der Reconstruction im Groben drei Phasen: Die sogenannte Presidential Reconstruction war die erste Phase von 1865 bis 1867. Andrew Johnson, Nachfolger des ermordeten Abraham Lincoln, versucht, die Politik von Lincoln weiterzuführen, aber auch eigene Schwerpunkte einzubringen, vor allem mit Blick auf einen moderaten Umgang mit den einstigen Konföderierten, um die Südstaaten möglichst friedlich wieder in die USA einzugliedern. Das scheitert allerdings auch an der Unnachgiebigkeit der Südstaatenpolitiker, die nach Washington zurückkommen und so tun, als sei gar nichts passiert. Sie setzen sich einfach wieder ins Repräsentantenhaus und den Senat, neben die siegreichen Nordstaatler.
Ab 1867, nach dem Wahlsieg der radikalen Republikaner bei den Zwischenwahlen von 1866, durch die Andrew Johnson als Präsident vom Kongress praktisch entmachtet wurde, kommt es zur Congressional Reconstruction, in der die radikalen Republikaner den Ton angeben. Die Congressional Reconstruction war dann stärker durch ein Bestrafen der Südstaaten motiviert. Auch die Frage der Integration der befreiten Sklav*innen wurde entschiedener angegangen als unter Andrew Johnson. Diese zweite Phase ist eigentlich das, was Menschen mit der Reconstruction verbinden. Vor allem im Süden der Vereinigten Staaten ist diese Phase sehr verrufen, weil sie mit dem Versuch einherging, durch ein Bündnis zwischen weißer Unterklasse und befreiten Schwarzen, den Republikanern die dauerhafte Vorherrschaft im Süden zu ermöglichen.
Das rief dann einen Backlash hervor…
Die zweite Phase der Reconstruction löst konterrevolutionären Terror aus. Der entstand bereits in der Presidential Reconstruction, 1866 etwa fand das Massaker von New Orleans statt. Doch in der zweiten Phase kommt es zu einer ganzen Reihe von Massakern an Schwarzen und republikanischen Politikern wie Wählern im Süden. Beim Massaker in Colfax County werden 1873 über 100 Menschen getötet. Und es entsteht der Ku-Klux-Klan zur Wiederherstellung weißer Vorherrschaft im amerikanischen Süden. Dagegen geht die Bundesregierung vor, 1868 bis in die 1870er Jahre kommt militärische Gewalt zum Einsatz, besonders nach dem Wahlsieg des republikanischen Politikers Ulysses S. Grant, dem früheren Oberkommandierenden der Unionsstreitkräfte. Der Ku-Klux-Klan wird zerschlagen und auch die damit verbundenen Organisationen.
Doch dann war es auch schon wieder vorbei?
1872 setzte ein, was die Südstaaten-Rechte gerne als Redemption bezeichnet, die Erlösung, und zwar von der Vorherrschaft der weißen Republikaner aus dem Norden und den Schwarzen Politikern. Und diese Redemption, die dritte Phase, zieht sich dann bis 1877 hin. Die Bundestruppen aus dem Norden ziehen sich allmählich aus dem Süden zurück und die sogenannten Bourbonen übernehmen die Macht. Die härtesten konservativen Kräfte kommen im Süden zurück und entmachten bis 1885 zunehmend die Schwarze Minderheit. Den Schwarzen Wählern wird das Wahlrecht entzogen, wo immer die Redemption erfolgreich ist, und sie werden aus der Politik verdrängt.
1876 kommt es zur Wahl auf Bundesebene. Diese Wahl ist berühmt dafür, dass es vermutlich die korrupteste Wahl in den USA war. Beide Parteien haben sich danach in den Hinterzimmern zusammengesetzt und einen Kompromiss geschlossen: Die Demokraten gestehen den Republikanern die Präsidentschaft zu. Dafür sollten alle Bundestruppen aus dem Süden zurückgezogen werden. Das ist das Ende der Reconstruction. Der Bund verliert jeden Zugriff auf den Süden, in dem faktisch ein demokratisches Einparteiensystem entsteht, in dem Schwarze Wähler systematisch vom Wahlrecht ausgeschlossen werden.
Woran sieht man heute die Nachwirkungen der Reconstruction Era in den USA?
Man sieht, dass trotz des 14. Amendments, also des Zusatzartikels zur US-Verfassung, der nach dem Bürgerkrieg hinzugefügt wurde, und der die Gleichbehandlungsklausel enthält, immer noch in Politik und Gesellschaft um die Frage gerungen wird, wie mit der Schwarzen Bevölkerung umgegangen wird. Was ist die soziale und kulturelle Rolle der Schwarzen Minderheit in den USA? Durch die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 60er Jahre und die darauffolgende Desegregation hat sich im Süden viel getan. Nichtsdestotrotz war es eine verzögerte Eingliederung der befreiten Schwarzen Bevölkerung in die Gesellschaft, um fast hundert Jahre. Das waren auch hundert Jahre Gewalt: Allein zwischen 1880 und 1920 sind im Süden 3.200 Schwarze Männer rituell gelyncht worden. Diese Lynchmorde waren in der Regel nicht spontan, sondern als Exekution vor Massenpublikum geplant, mitunter wurden anschließend die Körperteile als Souvenir verkauft. So muss man sich die Gewaltkultur im amerikanischen Süden vorstellen. Die Schwarze Bevölkerung hat das nicht vergessen. Rassismus gibt es in den USA bis heute überall.
Heute ist auch die Erinnerung an die Reconstruction Era umkämpft. Was stecken für Interessen hinter verschiedenen Narrativen über diese Zeit?
Ein zentrales Narrativ ist das der sogenannten Lost Cause-Ideologie, die eng mit Vorstellungen von White Supremacy verbunden ist. Sie behauptet, dass der Süden im Bürgerkrieg nicht für die Aufrechterhaltung der Sklaverei kämpfte, sondern für Freiheit und Selbstbestimmung der Einzelstaaten. Figuren wie der Konföderierten-General Robert E. Lee werden in diesem Zusammenhang heroisiert. Zeitgleich erstarkt der 1915 wiedererwachte zweite Ku-Klux-Klan. Das Narrativ setzt sich durch: Eigentlich hat der Süden für eine gerechte Sache gekämpft, mit ‚Rasse‘ und Sklaverei hat das alles überhaupt nichts zu tun, sondern es ging um unser Recht, die Verfassung so auszulegen, wie sie gedacht war. Es handelt sich um den sogenannten Strict Constructionism.
»Allein zwischen 1880 und 1920 sind im Süden 3.200 Schwarze Männer rituell gelyncht worden.«
Das zweite Narrativ ist das der verpassten Gelegenheiten: dass auch die radikale Reconstruction nicht radikal genug war – dass sie weder eine Landreform noch die Gleichberechtigung der Schwarzen Bevölkerung gebracht hat. Das ist das Narrativ der Roten oder Radikalen Republikaner.
Und dann gibt es noch ein drittes Narrativ, das fragt: Was hätten wir denn tun sollen? Denn unter den Bedingungen der liberalen Garantie des Privateigentums, das tief in die amerikanische Identität eingewoben ist, ist eine Enteignung von Großgrundbesitzern nicht vorstellbar. Das ist das liberal-konservative Narrativ, denn die Heiligkeit des Eigentums war das Zentraldogma des Liberalismus.
Ich würde es so sehen: Letztlich scheiterten alle Versuche des Ausgleichs, und zwar von beiden Seiten. Im Norden wollte man Rache und Strafe, im Süden beharrte man darauf, immer Recht gehabt zu haben. Beide Seiten haben sich extrem starrsinnig verhalten und dieser Starrsinn wird bis heute weitergetragen. Ansonsten aber war nach Ansicht der weißen Mehrheit im Norden und im Süden die nationale Rekonziliation nur auf Kosten der Schwarzen Minderheit denkbar.