Verflochtene Erinnerungen
Wie (ausgerechnet) im Humboldt Forum Erinnerungskultur gelingt
Das Projekt »Verflochtene Erinnerungen« setzt sich im Berliner Humboldt Forum mit der Erinnerung an die Shoah und den deutschen Kolonialismus auseinander. Als historischer Ort zählt das Humboldt Forum zu den Ausgangspunkten beider betreffenden Verbrechen. Kann hier eine Erinnerung an den Kolonialismus sowie an die Shoah vermittelt werden, die in die Zukunft weist?
Einem 2024 erschienenen Buch gibt der Historiker Hanno Hochmuth den Titel »Berlin. Das Rom der Zeitgeschichte«. Er meint, wer sich mit der Geschichte der Antike beschäftigt, muss nach Rom reisen, aber wer wichtige historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts, wie den Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, den Holocaust, die deutsche Teilung oder den Mauerfall verstehen möchte, macht sich nach Berlin auf.
Wenn Berlin das Rom der Zeitgeschichte ist, ist das Humboldt Forum das Kolosseum. An keinem anderen historischen Ort in Deutschland verflechten sich so viele zeitgeschichtliche Diskurse. Möglich wurde die Teilrekonstruktion des Berliner Schlosses, das heute das Humboldt Forum beherbergt, durch den Lobbyisten Wilhelm von Boddien, durch einen Bundestagsbeschluss von 2002 und durch einen Freundeskreis, der nicht vor Spender*innen aus der extremen Rechten zurückschreckte. Das imposante Schlossgebäude im Zentrum Berlins ist nicht nur ein Veranstaltungsort oder Museum, sondern auch ein konstruierter Erinnerungsort. Es ist eine Arena zur Aushandlung gesellschaftlicher Diskussionen.
Als Machtort stand das Schloss für antidemokratische Politik, Imperialismus, Militarismus und Antisemitismus
Bereits vor seiner Eröffnung stand das Humboldt Forum aufgrund seines unreflektierten Umgangs mit den Exponaten aus den Beständen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst in der Kritik (iz3w 366). An der Frage der Verstrickung dieser Institutionen in koloniale Verbrechen entzündete sich eine Debatte über die bis dato in der Gesellschaft wenig präsente Erinnerung an den deutschen Kolonialismus. Denn die in der Mitte Berlins prominent zur Schau gestellten Artefakte lassen sich teilweise auf koloniale Raubzüge und andere gewaltvolle Kontexte zurückführen. Die preußisch-imperiale Schlossarchitektur befeuert die Kritik zusätzlich.
Ein herrschaftlicher Ort als Ort der Bildung?
Seit einigen Jahren spiegelt sich die Auseinandersetzung mit diesen Fragen sehr deutlich im Programm der Institution. Man bemüht sich insbesondere um Kooperationen mit Vertreter*innen der sogenannten Herkunftsgesellschaften, um neue, multiperspektivische Strategien des Umgangs mit Sammlungsbeständen zu erarbeiten (iz3w 396). In diesem Zusammenhang steht auch das Großprojekt »Kollaboratives Museum« des Ethnologischen Museums und Museums für Asiatische Kunst, das eine Vielzahl von Kooperationen mit Partner*innen weltweit ermöglicht. In diesem Rahmen startete 2023 auch das Bildungsprojekt »Verflochtene Erinnerungen. Spuren des Kolonialismus und der Shoah im Berliner Schloss und den Ethnologischen Sammlungen«.
Anlass des Projekts war die Feststellung, dass das Humboldt Forum sich zwar stark für die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus einsetzte, dabei aber weitgehend ausgeblendet wurde, dass auch die Verbrechen des Holocausts in den historischen Ort des ehemaligen preußischen Schlosses eingeschrieben sind. Als Machtort stand das Schloss für antidemokratische Politik, Imperialismus, Militarismus und Antisemitismus. Dieser Status blieb ihm auch nach dem Abdanken des Kaisers Wilhelm II. 1918 und während des Nationalsozialismus erhalten. Im Schloss wurde mittels der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Gesellschaft) und ihrer Institute Wissenschaft gefördert, gemanagt und durchgeführt, die sowohl in kolonialen Rassismus als auch in antisemitische Theorien mündete und mörderische Konsequenzen hatte.
Ziel von »Verflochtene Erinnerungen« ist es, die im Humboldt Forum (auch verdeckt) präsenten Diskurse und Aushandlungsprozesse gesellschaftlichen Erinnerns aufzugreifen. Dabei werden sie gemeinsam mit Partner*innen aus Israel (Roey Zeevi), Ruanda (Assumpta Mugiraneza), Jamaika (Imani Tafari-Ama) und Namibia (Tuli Mekondjo) sowie mit Menschen aus der Berliner Stadtgesellschaft, der Stiftung Humboldt Forum und dem Museumspublikum diskutiert. Das Projekt stellt allerdings kein Forschungsprojekt dar, sondern hat das Ziel, am Standort Humboldt Forum für Jugendliche und Erwachsene Bildungsformate zu entwickeln.
Kulturgüter erinnern an die reichsdeutsche …
Die Exponate evozieren Erzählungen von Dehumanisierung, Verlust und Traumata
Beim Projekt »Verflochtene Erinnerungen« geht es nicht nur um die Geschichte der angeeigneten Artefakte und des Schlosses. Diese dienen zwar als Ausgangspunkt und Fundament des Projekts, aber der Blick geht auch in die Gegenwart. Ein Hintergrund dafür ist, dass die Cultural Belongings (Kulturgüter) in Ethnologischen Museen als Mittler von Beziehungen verstanden werden können. Die Exponate evozieren Erzählungen von Dehumanisierung, Verlust und Traumata. Sie lassen sich nur multiperspektivisch in ihrer Komplexität verstehen und vermitteln. Bei allem Schmerz, der bei der Auseinandersetzung mit den Cultural Belongings eine Rolle spielt, birgt diese auch das Potential Räume zu öffnen, in denen solidarisches Erinnern möglich ist und von Rassismus und von Antisemitismus betroffene Menschen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die methodische Verankerung im Konkreten bei gleichzeitiger Offenheit für multiple Geschichten erwies sich als essentiell für das Bildungsprojekt. Trotz schwieriger Rahmenbedingungen angesichts des politischen Rechtsrucks in Deutschland und zunehmender Polarisierung in der Linken schreckten die Teilnehmenden nicht vor den großen Menschheitsfragen zurück.
Roey Zeevi führt das am Beispiel seiner langjährigen Arbeit in der israelischen Gedenkstätte in Yad Vashem aus: »Mein Hauptanliegen ist nicht die Geschichte an sich. Es geht darum, den Lehrern Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie ihren Schülern die Erinnerung an den Holocaust nahebringen können, so dass sich die Schüler am Ende Fragen stellen – moralische Fragen, würde ich sagen, alle menschlichen Fragen – und dass diese Begegnung für sie geistig, emotional und moralisch bedeutsam sein wird.«*
Die interdisziplinäre Gruppe aus Bereichen wie Kunst, Soziologie, Wissensvermittlung oder Pädagogik traf sich im Sommer 2024 im Humboldt Forum, um sich gemeinsam den Ort und die ethnologischen Sammlungen für eine inklusive Erinnerungs- und Vermittlungsarbeit anzueignen. So wurden Cultural Belongings wie etwa Fruchtbarkeitspuppen aus Namibia, jemenitische Kippot und Beutekunst von Maroons aus Surinam gemeinsam im Depot aus jüdischer und postkolonialer Perspektive befragt.
Die Teilnehmenden diskutierten, wie im Kontext verschiedener Genozide Menschlichkeit abgesprochen wird und wie später eine Re-Humanisierung trotz nichtwiedergutmachbarer Verluste vermittelt werden kann. Imani Tafari-Ama äußerte sich dazu wie folgt: »Die Entmenschlichung war in diesem Sinne vollständig. Und wenn ich Roey zuhöre, wie er über die Shoah und die Gräueltaten an Juden spricht, dann gab es damals auch eine konzertierte Amnesie in Bezug auf die Menschlichkeit der jüdischen Menschen. Und wenn man dann an die Geschehnisse in Ruanda denkt, wenn man Assumptas Bericht hört, dann gab es auch die Rationalisierung, dass der andere kein Subjekt ist. Unser gemeinsamer Nenner ist also das Bedürfnis nach einer Re-Humanisierung auf der Grundlage unserer Trauma-Erfahrung. Und das ist eine sehr mächtige Sache, wenn es darum geht, Respekt für Unterschiede zu entwickeln. Denn selbst, wenn wir nicht dieselben Wurzeln und dieselbe Geschichte haben, können wir erkennen, dass wir diesen gemeinsamen Faden des Traumas haben, das wir zu überwinden versuchen.«
… und nationalsozialistische Geschichte
Die Beteiligten entwickeln Bildungsformate, die – anhand von Exponaten in Ausstellungen, an Orten im Humboldt Forum und durch Biografien – die Verflechtungen für junges und erwachsenes Publikum deutlich machen. Ausgewählt wurde etwa die im Ethnologischen Museum im Raum »Koloniales Kamerun« stehende Skulptur der kamerunischen Königinmutter Naya. Sie war im Jahr 1905 von dem deutschen Kolonialoffizier Hans Caspar Gans Edler Herr zu Putlitz aus dem Palast der Hauptstadt Koms geraubt und anschließend an das Museum übergeben worden. Die Skulptur war dann gemeinsam mit anderen Objekten Bestandteil einer nationalsozialistischen Propagandaausstellung, der »Deutschen Kolonial-Ausstellung« im Jahr 1933. Diese Ausstellung war ein kolonialpolitisches Großereignis, das es seit dem Ende des Kaiserreichs nicht mehr gegeben hatte und der Versuch der kolonialrevisionistischen Bewegung, sich dem NS-Regime anzupassen. In Berlin besuchten 240.000 Menschen die Ausstellung. Als Wanderausstellung mit insgesamt elf Orten im Reich sahen sie am Ende 854.000 Besucher*innen. In der Wanderausstellung lag der Fokus auf den Deutschen als »Volk ohne Raum«, während die Menschen in den ehemaligen Kolonien dehumanisiert wurden und die Gebiete als »Raum ohne Volk« dargestellt wurden. Hervorgehoben wurden die Errungenschaften »deutscher Arbeit« in den zu »Unrecht« verlorenen Kolonien sowie das deutsche Soldatentum von Kolonialverbrechern wie Franz Ritter von Epp, Paul von Lettow-Vorbeck, Carl Peters und Hermann von Wissmann.
Die Entmenschlichung, Enteignung und Vernichtung der deutschen Juden und Jüdinnen durch die Gesetze und die Bürokratie des NS-Staats lässt sich im Museum anhand einer kleinen präkolonialen Goldfigur aus Costa Rica erzählen. Sie stellt ein Mensch-Tier-Mischwesen dar und war ursprünglich eine Grabbeigabe. Das damalige »Völkerkunde Museum« bezog sie in der NS-Zeit aus einer Pfandleihanstalt. Dort befand sich ab 1939 der Gold- und Silberbesitz zehntausender durch das NS-Regime systematisch ausgeplünderter Juden und Jüdinnen. Im Mai 1941, fünf Monate bevor der erste der insgesamt 61. Deportationszüge mit Berliner Juden und Jüdinnen zur Vernichtung in den Osten aufbrach, bot die Zentralstelle der Berliner Pfandleihanstalt dem Museum die Goldfigur aus Costa Rica zum Kauf an. Das Ausmaß an durch den NS-Staat geraubtem Gold und Silber sowie die Vernichtung an Menschen ist so groß, dass bis heute nur wenige Nachfahren der Vorbesitzer ausgemacht werden konnten. Ihre Geschichten fehlen, wie es Roey Zeevi im Podiumsgespräch im Humboldt Forum mit dem Satz »I want my Jews back« unterstrich.*
Die Verknüpfung kolonialrassistischer und antisemitischer Wissenschaft wird durch den Eugeniker und nationalsozialistischen ‚Rassenhygieniker‘ Eugen Fischer (1874-1967) deutlich (iz3w 331). Fischer führte bereits 1908 rassistische Forschung zur Vererbungslehre in der damaligen Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« (Namibia) durch. Später leitete er das verbrecherische Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie in Berlin Dahlem, war 1933 bei der Bücherverbrennung Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität und gemeinsamer Redner mit Josef Goebbels und sorgte für die Entlassung jüdischer Wissenschaftler*innen. Bei den Senatssitzungen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) ging er als Senator in dem benachbarten Berliner Schloss ein und aus. Die Generalverwaltung der KWG zog dort bereits 1922 in neue und repräsentative Räume, in denen Sitzungen und die jährlichen Hauptversammlungen stattfanden und auch das Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht nutzte die ehemalige kaiserliche Immobilie als Sitz.
Unter Gottes Gnaden?
Abschluss und Verbindung der historischen Diskurse um die ausgestellten Kulturgüter, die Rolle der Wissenschaft, Antisemitismus und Rassismus zur Berliner Gegenwart 2025 bildet die kritische Auseinandersetzung mit der Kuppel und dem Kreuz auf dem Dach des Humboldt Forums. Von den circa 120 Millionen Euro Spenden des Fördervereins Berliner Schloss sind nicht nur der Nachbau der Barockfassade, sondern auch die weit sichtbare Kuppel und die sie umgebenden Prophetenfiguren bezahlt worden. Um die Kuppel befindet sich ein blauweißes Spruchband mit Forderung der Unterwerfung aller Menschen unter das Christentum: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.« Mit der Verknüpfung zweier Bibelstellen signalisierte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) sein Gottesgnadentum und seine ablehnende Haltung gegenüber der Revolution von 1848 und ihrer demokratischen Ideen. Das Kreuz und der Spruch betonten den Herrschaftsanspruch der Hohenzollern, richteten sich gegen die Demokratie, aber auch gegen die jüdische Bevölkerung Preußens.
Seit der Wiederanbringung von Spruchband und Kreuz wird dieser Akt von Juden und Jüdinnen, aber auch von säkularen Kritiker*innen und dekolonialen Aktivist*innen fortwährend beanstandet. Außerdem bekunden Indigene Partner*innen, deren Cultural Belongings im Humboldt Forum ausgestellt sind, wie sehr sie unter der christlichen Missionierung und der damit einhergehenden Zerstörung Indigener kultureller Praktiken gelitten haben. Die Verbindung zwischen dem Kreuz auf der Kuppel, dem hegemonialen Spruch, den Geschehnissen am historischen Ort sowie den Sammlungen, die von kolonialen und nationalsozialistischen Verbrechen erzählen, verdeutlichen die verflochtenen Geschichten und Erinnerungen.
Die genannten Verflechtungsbeispiele sind Bestandteil einer Führung für Erwachsene und eines Workshops für Schüler*innen im Humboldt Forum. Beide Formate befinden sich derzeit in der Konzeptions- und Testphase und sollen bald öffentlich angeboten werden. Darüber hinaus lebt das Kooperationsprojekt durch das Engagement der Teilnehmenden weiter. Alle internationalen Partner*innen äußerten den Wunsch, auf Grundlage der Erkenntnisse des Austauschs an ihren jeweiligen Wirkorten eigene Formate zu entwickeln. So ist für Oktober 2025 eine Begegnung im Rahmen des »Dekolonialen Wochenendes« in Kigali (Ruanda) geplant, an der auch Roey Zeevi aus Israel teilnehmen soll. Mittelfristig ist vorgesehen, die Zusammenarbeit zu »Verflochtenen Erinnerungen« auch unter Beteiligung von Schüler*innen weiterzuführen.
Bei aller berechtigten Kritik am Humboldt Forum eröffnen diese Perspektiven eine Chance auf die Komplexifizierung von Erinnerungsdiskursen – trotz oder gerade wegen der historischen Bürde, die auf dem rekonstruierten Schloss und den darin ausgestellten Raubgütern lastet.
Patrick Helbers Artikel in der Zeitschrift für Ethnologie:
Intertwined Memories-Patrick-Helber
Patrick Helber ist Kurator für Bildung und Vermittlung im Ethnologischen Museum und im Museum für Asiatische Kunst in Berlin. Andrea Scholz ist Kuratorin für transkulturelle Zusammenarbeit im Ethnologischen Museum und Museum für Asiatische Kunst in Berlin. Der Artikel ist auch auf Englisch erschienen in: Journal for Social and Cultural Anthropology (Vol. 150 Nr. 2).