»Ich habe großes Vertrauen in die Syrische Bevölkerung«

Sara Almir von Swaadna Al Souriya über friedensstiftende Basisarbeit in Syrien

Audiobeitrag von Eva Gutensohn

02.09.2026

Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 befindet sich Syrien in einer fragilen Übergangsphase. Präsident Ahmed al-Sharaa hat die alte Verfassung ausgesetzt und regiert seither mit einer Interimsregierung. Ungeklärt sind die Rechte religiöser und ethnischer Minderheiten, die Integration der kurdisch geführten SDF-Milizen ins syrische Militär, sowie eine neue Verfassung. Vereinzelt kommt es weiterhin zu Kämpfen, die wirtschaftliche Lage bleibt für die meisten Syrerinnen schwierig, und noch immer gibt es keine strafrechtliche Aufarbeitung der Verbrechen der Assad-Ära. In diesem fragilen Umfeld arbeiten lokale Organisationen wie Swaadna Al Souriya mit den Menschen, die unter dem Krieg am meisten gelitten haben: Frauen und Kinder. Sara Almir, Geschäftsführerin von Swaadna erzählt, wie sich ihre Arbeit mit traumatisierten Frauen und Kindern seit dem Umbruch verändert hat – und was es braucht, damit aus dem Ende des Krieges auch wirklich Frieden wird.

Skript Audiobeitrag - Die Syrische Friedensorganisation Swaadna

Erstausstrahlung am 1. September 2026 im südnordfunk #148

 

südnordfunk: Wie sieht eure Arbeit bei Swaadna aus?

Sara Almir: Während der Revolution waren wir eine Gruppe von Aktivistinnen. 2014 entstand die Idee von Swaadna – der Grundgedanke war, dass die Syrerinnen selbst die Aufgabe haben, die Situation in Syrien zu verändern, und dass sie selbst diesen Wandel für ein besseres, würdevolles und freies Leben der syrischen Bevölkerung anführen müssen. So haben wir in belagerten Gebieten wie dem östlichen Umland von Damaskus, in Yarmouk, im südlichen Umland von Damaskus und in Homs unsere Arbeit angefangen, mit Ernährungssicherheit, Nothilfe und psychosozialer Unterstützung für Kinder sowie Bildungsangeboten für Kinder, die die Schule abgebrochen hatten. Nach einer Weile merkten wir, dass wir langfristig und nachhaltig arbeiten müssen, auch wenn die Lage in Syrien das sehr schwer machte. Denn wir wurden zwei- oder dreimal vertrieben, etwa aus Ost-Ghouta, aus Beit Sahem und dem südlichen Umland von Damaskus, auch unser Team in Homs wurde vertrieben. Wir blieben dann einige Jahre in Idlib und im Umland von Aleppo, verteilen uns aber jetzt, nach der Befreiung, wieder über ganz Syrien. Nach 2016 entwickelte Swaadna eine Strategie mit klar definierten humanitären Bereichen für die Gemeinschaftsentwicklung: Bildung, Schutz, Frauenförderung und Ernährungssicherheit – das sind bis heute unsere Hauptbereiche. Nach der Befreiung haben wir den Wiederaufbau als weitere Priorität hinzugefügt, denn das ist ein echtes Bedürfnis der syrischen Gesellschaft.

Syrische Frauen gestalten Wandel und Wiederaufbau

Sprecherin: Mehr als ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes zeichnen aktuelle Experteneinschätzungen ein Bild von vorsichtigem, aber fragilem Fortschritt. Nach über 50 Jahren Diktatur und 13 Jahren Bürgerkrieg sei das erste Jahr des Übergangs komplex und unvollkommen gewesen – das Land stabilisiere sich aber erkennbar, so etwa Charles Lister vom Middle East Institute: Die syrische Küste habe sich von der instabilsten Region Anfang 2025 zur ruhigsten in der zweiten Jahreshälfte entwickelt, auch Anschläge und Opferzahlen des IS seien 2025 deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig warnen Beobachter*innen vor drei ungelösten Krisenherden: der Integration der kurdisch geführten SDF in die syrische Armee, den Unruhen in der Drusen-Region Sweida und den Spannungen mit Israel.

Wirtschaftlich bleibt die Lage dramatisch: Der jahrelange Krieg hat die syrische Volkswirtschaft auf einen Bruchteil ihrer früheren Größe schrumpfen lassen. Nach Weltbank-Berechnungen sank das reale BIP zwischen 2010 und 2022 um knapp 53 Prozent; anhand von Nachtlichtdaten wurde für 2010 bis 2023 sogar ein Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität um rund 84 Prozent geschätzt. Zugleich sind Armut, Inflation, Währungszerfall und der Wiederaufbaubedarf weiterhin enorm.

Warum Bildung Frieden schaffen kann

südnordfunk: Ihr arbeitet viel mit traumatisierten Frauen und Kindern. Was macht ihr konkret?

Sara Almir: Alle Syrer*innen haben den Krieg miterlebt, aber die Kinder waren besonders stark betroffen – viele haben mindestens einen Elternteil verloren, sehr viel Gewalt miterlebt, ihr Zuhause verloren, wurden mehrfach vertrieben, sind aus der Schule herausgefallen. Dazu kommen die Armut und Probleme innerhalb der Familien. Auch die Frauen sind stark betroffen, aber wir konzentrieren uns insbesondere auf die Kinder, weil wir glauben, dass Kinder unsere Zukunft sind. Wenn wir für sie sichere Orte schaffen und sie dabei unterstützen, mit dem Erlebten umzugehen und zu verstehen, was um sie herum passiert ist, können wir gemeinsam einen besseren, sichereren Weg finden. Wenn Kinder die Schule verlassen, haben wir beobachtet, dass Jungen zu bewaffneten Gruppen gehen und Mädchen von Frühverheiratung oder Kinderarbeit bedroht sind – all das hat schlimme Folgen. Unsere Arbeit besteht darin, sie zurück in die Schule und Bildung zu bringen, ihnen sichere Räume zu bieten und lokale Fachkräfte weiterzubilden, damit sie qualifiziert mit Kindern in Kriegsgebieten arbeiten können – das erfordert besondere Sensibilität, man muss wissen, wie man spricht und handelt. Wir unterstützen sie durch psychosoziale Programme und Theaterarbeit dabei, ihre Schwächen zu überwinden. Bei den Frauen arbeiten wir nicht nur in unserem Bildungszentrum, sondern unterstützen sie auch durch wirtschaftliche Programme, soziale Stärkung und im Gesundheitsbereich. Die Arbeit mit Frauen finde ich sehr interessant und hoffnungsvoll, weil wir da diese Energie spüren, auch unter den schwierigsten Bedingungen zu arbeiten.

südnordfunk: Was für ein Bild von Frieden, welche Vorstellung von Frieden haben die Kinder? Gerade, nachdem sie einen Großteil ihres Lebens in einer Kriegssituation mit viel Gewalt und ohne Vertrauen verbracht haben – haben sie überhaupt eine Vorstellung, was Frieden sein kann?

Sara Almir: Ja, die Kinder denken die ganze Zeit über ihre Realität und ihr Umfeld nach, und sie drücken Frieden auf ihre Weise aus. In der psychosozialen Arbeit machen wir Übungen zu »sicheren Orten« und dazu, was Frieden für die Kinder bedeutet. Die meisten sagen, Frieden sei die Familie, die Eltern, ein gutes Zuhause. Manche zeichnen die Schule oder unser Zentrum – den Ort, an dem sie Unterstützung und gute Fürsorge gefunden haben, wo sie ihre Gefühle und Gedanken frei und ohne Angst ausdrücken können. Wenn man Erwachsene nach Frieden fragt, sprechen sie über Konflikt, Krieg, Gemeinschaft und gute Beziehungen – die Kinder aber sprechen über ihr unmittelbares Umfeld: ihre Familie, ihre Freund*innen, ihre Lehrer*innen.

südnordfunk: Wie wichtig ist Bildung für einen langfristigen Frieden?

Sara Almir: Bildung ist für jede Gesellschaft sehr wichtig, um sich zu entwickeln und Frieden zu erreichen, denn Unwissenheit führt oft zu irrationalem Verhalten. Wir sehen viele Herausforderungen in ländlichen Gemeinschaften, wo der Anteil gebildeter Menschen gering ist. Bildung kann die Hoffnung und den Blick der Menschen auf die Zukunft erweitern und die Beziehungen zwischen ihnen verbessern. Wenn wir uns auf Bildung konzentrieren, geht es darum, gebildete, qualifizierte Menschen zu finden, die ihre Gemeinschaften führen können, ihre Ressourcen und Fähigkeiten besser nutzen, ihre Umwelt und Familien schützen und mit anderen zusammenarbeiten können.

Versöhnung in Syrien: Dialog statt Spaltung

südnordfunk: Ein großes Problem – so wurde es zumindest in unseren Medien vermittelt – sind die Konflikte zwischen den verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen, die durch den Krieg noch stärker gegeneinander aufgebracht wurden. Wie versucht ihr, diese Rachegedanken und diesen Hass aus den Köpfen der Menschen zu bekommen?

»Die Wurzel des Konflikts in Syrien ist politisch – nicht sektiererisch, religiös oder ethnisch.«

Sara Almir: Swaadna wurde von Anfang an von Mitgliedern aus verschiedenen ethnischen Gruppen und Regionen Syriens gegründet – wir sind also selbst ein Beispiel dafür, wie Syrer*innen zusammenarbeiten können. Wir wissen, dass es sektiererische und ethnische Spannungen in Syrien gibt, aber wir haben ein tieferes Verständnis dieser Themen: Wir sind überzeugt, dass die Wurzel des Konflikts in Syrien politisch ist – nicht sektiererisch, religiös oder ethnisch. Und wir kennen die Rolle des Assad-Regimes bei der Verbreitung von Hassrede in Syrien. Aus diesem Verständnis heraus arbeiten wir von Anfang an gleichermaßen mit allen Syrer*innen – ohne Diskriminierung, wir decken die Bedürfnisse aller ab. Nach der Befreiung haben wir außerdem begonnen, Dialogsitzungen zwischen verschiedenen Gruppen zu planen und Aktivitäten zu entwickeln, die unterschiedliche Communities zusammenbringen – zum Beispiel wählen wir bei vielen Projekten bewusst Teilnehmende aus verschiedenen Gruppen aus, damit sie gemeinsam arbeiten und erkennen, dass sie dieselben wirtschaftlichen und politischen Interessen teilen. Doch echte Versöhnung zwischen den Syrer*innen in unterschiedlichen Regionen erfordert mehr – sie muss vom Staat selbst getragen werden. Wir brauchen einen glaubwürdigen Weg der Transitional Justice, der alle Täter*innen aus allen Lagern während des Krieges verfolgt, und nationale Dialogräume für alle Syrer*innen – geführt vom Staat, nicht von Swaadna oder einer anderen Organisation. Wir tun unser Bestes, aber für die Versöhnung zwischen den Communities braucht es größere, staatlich geführte Anstrengungen.

Gruppenfoto mit Kindern bei Swaadna in Syrien
Die Kindern der Organisation Swaadna zeigen stolz ihre Kunst | Foto: Mohammad Al-Hajjar

Was Syrien für dauerhaften Frieden und eine gerechte Zukunft braucht

Sprecherin: Genau die Konfliktlinien, die Sara Almir anspricht, gelten laut internationalen Beobachter*innen als die größten Risiken für Syriens weiteren Weg: neben der SDF-Integration vor allem die Gewalt in Sweida. UN-Generalsekretär António Guterres betonte zuletzt die Notwendigkeit, Syriens Souveränität zu wahren, Verantwortlichkeit für Gewalt sicherzustellen und alle Gemeinschaften des Landes zu schützen.

südnordfunk: Was ist deiner Meinung nach eure Stärke als relativ kleine Organisation im Vergleich zu den großen internationalen NGOs? Was könnt ihr, was diese nicht können?

Sara Almir: Ich glaube, Basisorganisationen können sehr viel bewirken, weil sie lokal verankert sind – sie haben ein tieferes Verständnis für die Herausforderungen und Möglichkeiten in ihren Gemeinschaften. Wir sprechen die Sprache der Menschen, verstehen sie und können klar und verständlich mit ihnen kommunizieren – das schafft eine starke, gute Beziehung zur Gemeinschaft, was für große, internationale NGOs nicht so leicht möglich ist. Lokale Organisationen haben außerdem mehr Bewegungsfreiheit: Die meisten Organisationen, die von außerhalb Syriens kommen, bleiben in Damaskus und trauen sich kaum, etwa nach Aleppo oder ins Umland von Deir ez-Zor zu fahren. Als Syrerin bin ich überall in Syrien gewesen – an der Küste, in Aleppo, im Umland von Aleppo, in Idlib, in Deir ez-Zor, überall, wo meine Arbeit es erfordert hat. Wir haben dieses Netzwerk an Beziehungen und kennen unser Land. Ich denke, Basisorganisationen haben auch ein tieferes Verständnis für die Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaften und dafür, welche Lösungen und Alternativen wirklich passen würden – das ist unsere Stärke.

südnordfunk: Was braucht Syrien für einen dauerhaften Frieden?

Sara Almir: Das Wichtigste und der erste Schritt für die Syrer*innen ist ein Staat, der für alle Syrer*innen nach Recht und Gesetz regiert wird. Erst danach kann man für weitere Rechte kämpfen, für mehr Freiheiten und so weiter. (...) Das Zweite ist ein glaubwürdiger Weg der Transitional Justice, der wirklich alle Täter*innen verfolgt, die während des Krieges Verbrechen begangen haben – nicht nur die des Assad-Regimes. Und dem alle Syrer*innen vertrauen können. Das würde verhindern, dass Syrien in einen Bürgerkrieg oder in erneute gewaltsame Konflikte abgleitet.

südnordfunk: Was erwartest du von westlichen Ländern?

Sara Almir: Sie müssen verstehen, dass wir nicht einfach nur sektiererische oder ethnische Gruppen sind – wir können uns politisch ausdrücken, und die Wurzel unserer Konflikte ist politisch. Das Problem, das wir lösen müssen, betrifft das politische System und die Form des Staates. Die westlichen und europäischen Länder müssen den Willen der Syrer*innen respektieren und die Menschenrechte so gut wie möglich unterstützen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass westliche Länder, allen voran die USA, gar nicht so viel Einfluss in Syrien haben, wie man denken könnte. Ich wünschte, sie würden mehr tun als nur humanitäre Hilfe – also auch die politischen, nationalen Anliegen der Syrer*innen unterstützen.

»Basisorganisationen können sehr viel bewirken, weil sie lokal verankert sind.«

Sprecherin: Trotz allem gibt es auch handfeste Anzeichen für Wandel: Seit Dezember 2024 sind rund 1,6 Millionen Geflüchtete und knapp zwei Millionen Binnenvertriebene nach Syrien zurückgekehrt. Auch die Arbeit von Swaadna trägt Früchte, wie Sara berichtet.

Sara Almir: 2016 haben wir in der Stadt Homs mit Kindern gearbeitet, in einem belagerten Viertel namens al-Waer. Der Name eines Kindes in dem psychosoziales Unterstützungsprogramm war Ahmed. Ahmed war sehr gewalttätig, kam mit einem Messer in die Schule und fügte sich manchmal selbst Verletzungen zu, weil er so viel Folter im Krieg miterlebt hatte. Einmal griff er sogar die Betreuerin an und riss ihr den Hijab herunter. Die Betreuerin begegnete ihm friedlich und brachte ihm bei, wie man kommuniziert und zusammenarbeitet. Nach zwei Sitzungen ließ er sein Messer zu Hause. Er hatte eine sehr starke Persönlichkeit und begann, die anderen Kinder zu »führen« – statt sie zu Kämpfen außerhalb der Schule anzustiften, begann er, sie zum Singen zu bringen. Er hatte eine schöne Stimme und gründete einen kleinen Chor. Sie sangen traditionelle und sogar revolutionäre Lieder in der Schule. Am Ende des Programms war Ahmed viel weniger wütend als zu Beginn, er baute friedliche Beziehungen zu den anderen Kindern auf – und behielt seine starke Persönlichkeit, nutzte sie aber jetzt für gute Dinge.

Und dann gibt es die Geschichte eines Mädchens – ihr Name war Safa. Sie kam mit acht Jahren zu uns ins Bildungszentrum, als wir sie wiedertrafen, war sie 15. Sie war dem Zentrum sehr dankbar, weil sie durch uns in die Schule zurückkehren konnte und jetzt die Sekundarschule besucht. Sie hatte mit ihrem Vater gesprochen, der eigentlich wollte, dass sie nicht weiter zur Schule geht – aber sie überzeugte ihn, dass sie ihre Bildung fortsetzt, statt zu heiraten. In der Gegend, wo Mädchen oft schon mit 12 Jahren verheiratet werden, ist das eine großer Errungenschaft. Ich hatte das Gefühl, dass wir wirklich etwas bewirkt haben, weil sie sich in diesem Alter dagegen entschieden hat.

südnordfunk: Was gibt neben diesen schönen Geschichten Hoffnung für die Zukunft Syriens?

Sara Almir: Die Syrerinnen selbst. Nach dem, was in den letzten 60 Jahren in Syrien passiert ist, hätte niemand erwartet, dass die Befreiung so verhältnismäßig gewaltarm verlaufen würde. Ich weiß, dass wir diese Herausforderung überwinden und den Wandel wirklich anführen können. Es gibt äußere Faktoren, die die Politik in Syrien mitbestimmen – Israel, die USA, die Türkei, sogar arabische Länder mischen sich ein –, aber ich glaube, die Syrer*innen werden sehr hart dafür kämpfen, den Staat aufzubauen, von dem sie träumen. Ich denke, es braucht auch nach dem Krieg noch sehr viel Zeit, um wirklich zu heilen.

Eva Gutensohn sprach für den südnordfunk mit Sara Almir im August 2026.

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