Violencia Feminina von Mani Vaz

Auf einen Tee in Südindien

Die Geschlechterverhältnisse in der Landwirtschaft ändern sich

Geschlechterrollen prägen Lebenswege – auch in indigenen Gemeinschaften in Südindien. Das Adivasi-Tee-Projekt arbeitet mit lokalen Organisationen des Netzwerks Adivasi Munnetra Sangam für interkulturellen Austausch und globale Gerechtigkeit. Deren Afternoon Tea Podcast lädt auch zum Dialog über Geschlechter­gerechtigkeit ein.

von Lisa Baumann und Robert Marscheider

03.08.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 416
Teil des Dossiers Feministisch betrachtet

Geschlechter­gerechtigkeit im Dialog

Im Afternoon Tea Podcast des Adivasi-Tee-Projekts sprechen Menschen aus den Nilgiri-Bergen in Südindien über Geschlechterrollen, Arbeit, Gesundheit und gesellschaftlichen Wandel. Im Zentrum stehen persönliche Erfahrungen. Entwicklungszusammenarbeit wird dabei als Austausch verstanden: Menschen aus Indien und Deutschland kommen ins Gespräch, hören zu, hinterfragen eigene Perspektiven und suchen gemeinsam nach Antworten.

Im Mittelpunkt stehen Adivasi-Gemeinschaften in den Nilgiris. Adivasi ist eine verbreitete politische Selbstbezeichnung indigener Gemeinschaften in Indien. Mehr als 100 Millionen Menschen aus über 700 Gruppen zählen dazu. Viele der Gemeinschaften sind von Enteignung, Armut und eingeschränktem Zugang zu Bildung, Landrechten oder politischer Teilhabe geprägt – aber auch von Widerstand und Mobilisierung. In den Nilgiri-Bergen organisieren sich vier Adivasi-Gruppen – Paniya, Kattunayakan, Bettakurumba und Mullukurumba – seit den 1980er Jahren in der Bewegung Adivasi Munnetra Sangam (AMS). Diese ist aus friedlichen Protesten um Land und soziale Rechte hervorgegangen. Das Adivasi-Tee-Projekt (ATP) knüpft in Deutschland über Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit sowie fairen Handel an diese Zusammenarbeit an.

Bildung schafft neue Chancen

Wie eng Geschlechterrollen mit dem Wandel in der Arbeitswelt verbunden sind, machen die Gespräche deutlich. Bildung kann dabei für junge Frauen neue Möglichkeiten eröffnen – allerdings bestehen traditionelle Erwartungen fort: »Selbst wenn Mädchen Interesse am Lernen haben oder gerne auf eine Hochschule gehen oder in einem anderen Bezirk oder Bundesstaat studieren möchten, sind die meisten Eltern dagegen«, sagt Anitha, Ausbilderin im Adivasi-Krankenhaus Ashwini in Gudalur.

»Die Rahmen­bedingungen haben sich völlig verändert«

Auch der Übergang von der selbstversorgenden Subsistenz- zur Lohnarbeit verändert den Alltag. Maya, die nach einem Master in Development Studies heute im Bereich Public Health in Bangalore arbeitet, beschreibt diesen Wandel so: »Der Grund, warum wir arbeiten oder Geld verdienen, ist derselbe geblieben. Aber die Rahmenbedingungen haben sich völlig verändert.« Zugleich changieren die Erwartungen an die Einzelnen zwischen Wandel und Tradition. Frauen übernehmen weiterhin oft den Großteil der Sorgearbeit. Thulasi, Psychologin im Ashwini-Krankenhaus, erzählt von Verkäuferinnen, die früher von der Arbeit nach Hause gehen müssen, um den Haushalt zu erledigen und die Kinder abzuholen. Dass wirtschaftliche Eigenständigkeit dennoch neue Freiräume schaffen kann, zeigt die von Adivasi-Frauen gegründete Nähmanufaktur Urumala. Für Jaya bedeutet die Nähmanufaktur finanzielle Unabhängigkeit: »Früher musste ich mir Geld von anderen leihen. Heute habe ich mein eigenes Einkommen und muss niemanden mehr um Geld bitten.«

Wenn Rollen Männer belasten

Die Gespräche zeigen aber auch, dass starre Geschlechterrollen nicht nur Frauen belasten. Ajith, Arzt im Ashwini-Krankenhaus, berichtet von zunehmender Alkoholabhängigkeit und Suiziden unter Männern. Frauen suchen häufiger Unterstützung und sprechen über ihre Gefühle. Viele Männer bleiben dagegen mit ihren Problemen allein. Er führt das auch auf den Verlust sozialer Gemeinschaften zurück: Großfamilien leben heute seltener zusammen, viele junge Menschen ziehen für Ausbildung oder Arbeit weg, Kontakte verlagern sich auf soziale Medien. »Der Hauptgrund für Suizid ist fehlende soziale Unterstützung«, sagt er. Modernisierung schafft Möglichkeiten, geht aber auch mit Entfremdung einher. Das Nachdenken über bestehende Rollenbilder zeigt, dass sie Menschen einschränken können.

Modernisierung schafft Möglichkeiten, aber auch Entfremdung Geschlechter­gerechtigkeit ist daher ein prominentes Thema bei den Gesprächen: »Feminismus ist kein Konzept, das exportiert werden kann. Es ist ein Dialog, eine gemeinsame Suche nach Gerechtigkeit«, heißt es zu Beginn der 33. Folge des Afternoon Tea Podcasts mit dem Titel »On the way to Gender Equality?«. Dabei kommen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen ins Gespräch und suchen gemeinsam nach Wegen für mehr Gerechtigkeit. Am Ende steht keine fertige Lösung, sondern der Wunsch: Geschlechterrollen dürfen nicht länger festlegen, wer studieren darf, wer Fürsorge übernimmt, wer stark sein muss oder wer sich Hilfe holen darf. »Wir sprechen nicht jeden Tag offen mit jedem über all diese Dinge. Es könnte eine lange Reise werden«, sagt Anitha. Dass diese Reise notwendig ist, darin sind sich alle Beteiligten einig. Ob in Indien, Deutschland oder anderswo – die Mechanismen von Geschlechterrollen sind erstaunlich ähnlich. Und noch eines zeigen die Gespräche: Veränderung beginnt dort, wo wir einander zuhören.

Lisa Baumann ist Kulturanthropologin und Bildungsreferentin im Adivasi-Tee-Projekt.
Robert Marscheider ist Sozialarbeiter und ehrenamtlicher Mitarbeiter im Adivasi-Tee-Projekt.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 416 Heft bestellen
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