Wird der Indo-Pazifik endgültig zum Pulverfass?
Mit der Aufrüstungsspirale im Südchinesischen Meer steigen die geopolitischen Spannungen für die Philippinen
Audiobeitrag von Aljoscha Hartmann
02.11.2025
Während diesen Sommer über die militärische Supermacht China auch in deutschen Medien viel berichtet wurde, fällt der Blick nur seltener auf die Nachbarstaaten, die am meisten von der Außenpolitik der Volksrepublik betroffen sind: die ASEAN Staaten und Japan. Japan schraubt wegen der wachsenden Spannungen mit China und Nordkorea seine Verteidigungsausgaben massiv hoch. Und auch die Philippinen sind von der Rüstungsspirale ergriffen. Wird der Indo-Pazifik endgültig zum Pulverfass?
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Erstausstrahlung im südnordfunk am 4. November 2025
südnordfunk: Am 26. Oktober verkündeten im Rahmen des ASEAN Gipfels in Kuala Lumpur Japans neue Premierministerin Sanae Takaichi und der philippinische Präsident Ferdinand Marcos Junior eine verstärkte Kooperation im Indo-Pazifik, auch oder gar vor allem im Bereich der Sicherheitspolitik. Die japanische Premierministerin thematisierte dabei auch die Streitigkeiten der Nachbarländer mit der Volksrepublik China um Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer.
Sie blieben jedoch – zumindest beim öffentlichen Teil des Gipfels – eher Randthema. Vielmehr wurde auf das Verhältnis zur USA geblickt, nachdem Trump angereist war, um der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen Malaysia und Kambodscha beizuwohnen. Damit ist den ASEAN Staaten ein geopolitischer Drahtseilakt erstmals gelungen, doch die Anwesenheit der neuen Premierministerin Japans und ihr Agieren zusammen mit dem Präsident der Philippinen weisen auf die Bedeutung hin, welche eine potenzielle Konfrontation mit der Volksrepublik China dabei innehat.
Lange schon wird ein militärischer Angriff der Volksrepublik China auf Taiwan befürchtet, was die USA als Partner und damit auch ihre Verbündeten wie die Philippinen und Japan in einen Krieg mit der Volksrepublik hineinziehen könnte. Beide Länder sehen sich inmitten eines bilateralen Konfliktes zwischen China und Japan, und auch sie rüsten auf. Die Sicherheit der ASEAN Staaten wie Vietnam und die Philippinen hängt dabei stark ab von der japanischen Außenpolitik und Japans Verhältnis zu China und den USA. Der südnordfunk sprach mit Beobachter*innen aus den Philippinen und Japan über Verteidigung, Aufrüstung und mögliche Eskalationen im Pazifischen Raum.
Georgi Engelbrecht: Politisch ist die Situation sehr angespannt, und die Philippinen befinden sich mitten drin. Deshalb haben die Philippinen auch manchmal direkte bilaterale Gespräche mit China geführt. In einigen Fällen war das erfolgreich, in anderen Fällen war es nur Gerede ohne klare Ergebnisse. Im Moment sehe ich tatsächlich ein fragiles Gleichgewicht, aber immerhin ein Gleichgewicht. Das Problem ist, dass China ständig die Grenzen austestet, indem es philippinische Boote mit Wasserwerfern angreift und auf vielfältige Weise Druck auf die Philippinen ausübt. Von philippinischer Seite aus muss man ein langfristiges Spiel spielen.
»China testet ständig die Grenzen aus, indem es philippinische Boote mit Wasserwerfern angreift.«
Sprecher: So beschreibt Georgi Engelbrecht von der NGO Crisis Group die aktuelle geopolitische Lage der Philippinen. Die Crisis Group setzt sich für friedliche Lösungen zu geopolitischen Konflikten ein.
Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass die Regierung für das laufende Jahr eine Erhöhung der Militärausgaben um 12,3 Prozent beschlossen hat, um im Rahmen der Regierungspolitik des aktuellen Präsidenten Ferdinand Marcos das philippinische Militär zur territorialen Verteidigung auszustatten mit dem Ziel, die philippinische Kampfstärke an die seiner Nachbarstaaten heranzuführen. Dabei geht es nicht nur um die Verteidigung der von der Volksrepublik China beanspruchten Seegebiete der Philippinen. Es geht auch um eine Aufrüstung in Reaktion auf einen möglichen Angriff der Volksrepublik China auf die nah gelegene Insel Taiwan. Zugleich versucht die Regierung in den Philippinen mit der Aufrüstung auch einen Spagat, wie es Georgi Engelbrecht beschreibt:
Georgi Engelbrecht: Sie müssen es klug anstellen, denn die öffentliche Meinung ist China gegenüber wegen der maritimen Aggression auf See weiterhin sehr kritisch. Gleichzeitig will die Öffentlichkeit aber auch keinen Krieg, keinen Konflikt.
Sprecher: Mit der Erhöhung des Verteidigungsbudgets vor allem mit Blick auf die Situation rund um Taiwan stehen die Philippinen nicht alleine da. Um genau zu sein, gibt es im Pazifik aktuell fast keinen Staat, der nicht aufrüstet. Das zeigen die Zahlen zu den Verteidigungsausgaben, welche Narushige Michishita bei einem Gespräch mit Radio Corax in der japanischen Hauptstadt Tokio vorlegt. Er ist Dozent am National Graduate Institute in Tokio und spricht über die Erhöhung des japanischen Verteidigungsbudgets. Michishita unterrichtet Sicherheitspolitik, war als Experte für das japanische Verteidigungsministerium tätig und ist Mitglied des Atlantikrats, des einflussreichen pro-NATO-Thinktanks für Sicherheitspolitik.
Narushige Michishita: Eine Sache, die wir tun, ist die Stationierung von Raketenabwehrsystemen. Japan hat bisher mehr als 21 Milliarden Euro für die Raketenabwehr ausgegeben. Das ist viel Geld, aber angesichts der Ernsthaftigkeit der Bedrohung, der wir ausgesetzt sind, denke ich, dass es eine gute Investition ist.
Sprecher: Allein im Jahr 2024 hatte in Japan die regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) das Verteidigungsbudget um 21 Prozent angehoben. Für die nächsten fünf Jahre ist ein weiterer Anstieg um 60 Prozent geplant. Neben der Anschaffung der ballistischen Raketen sollen auch Streitkräfte der japanischen Selbstverteidigungskräfte, der SDF, auf die südwestlichste Inselkette nahe Taiwan verlagert werden. Das ist die Folge des Beschlusses des japanischen Parlaments aus dem Jahr 2022, die sogenannte kollektive Verteidigung von Taiwan in enger Abstimmung mit der USA als Aufgabe der SDF zu definieren. Ein Beschluss, den die seit über 50 Jahren regierende Liberaldemokratische Partei durchbrachte, nachdem sie 2016 schon eine solche kollektive Verteidigung für Südkorea durch das Parlament brachte. Dieser Beschluss verdoppelte effektiv die Zahl möglicher Einsatzgebiete, wie Narushige Michishita ausführt:
Narushige Michishita: Japans Entscheidung, seine Verteidigungsausgaben in fünf Jahren fast zu verdoppeln, macht Sinn, weil es jetzt zwei Operationsgebiete abdecken muss: die Koreanische Halbinsel und die Taiwanstraße.
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Philippinische Küstenwache im Hafen von Manila 2016 | Foto: RoyKabanlit | CC BY-SA 4.0 -
Teresa Magbanua - Schiff der Philippine Coast Guard | Foto: Piet Sinke | CC BY-NC-SA 2.0
Sprecher: Für die Verteidigung Taiwans wird Japan zwei Dinge tun: Erstens wird es den US-Streitkräften wichtige Operationsbasen zur Verfügung stellen, und zweitens wird es, falls der japanische Ministerpräsident dies entscheidet, eigene Streitkräfte einsetzen. Die Rolle der USA bei der militärischen Eskalation liegt dabei in der Geschichte des Landes begründet, so die Präsidentin der New Diplomacy Initiative, einer NGO mit Sitz in Tokio:
Seiyo Satura: Unser Militär ist kein Militär, sondern es sind Selbstverteidigungskräfte. So erklären wir das. Japan kann uns verteidigen, aber keine anderen Länder angreifen. Wir sagen, Japan ist ein Schutzschild, und die USA agieren mit ihren Streitkräften als Speerspitze. Wenn die USA überall hin können, dann kann Japan in unserem Hoheitsgebiet bleiben und uns verteidigen. Das ist die traditionelle Struktur unserer Sicherheitspolitik.
Sprecher: Diese Sicherheitsarchitektur hatten die USA nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut, um die Ausbreitung des chinesischen und nordkoreanischen Kommunismus einzudämmen. Der Fokus lag dabei auf Nordkorea – eine Gefahr, die bis heute in Japan sehr ernst genommen wird, schließlich können potenziell mit Nuklearsprengköpfen ausgestattete Raketen aus Nordkorea in zehn Minuten Tokio erreichen. Doch, so Saruta:
»Jede Sicherheitsentscheidung, die in Japan getroffen wird, geschieht im Grunde wegen China.«
Seiyo Satura: China ist, wie Mr. Trump sagt, der größte Konkurrent der USA. Deshalb müssen wir uns wirklich um China kümmern. Jede Sicherheitsentscheidung, die in Japan getroffen wird, geschieht im Grunde wegen China. Nicht nur wegen der Bedrohung durch China gegenüber Taiwan, das sehr nah an Okinawa liegt. Deshalb schaffen wir viele Verteidigungsbasen in Okinawa. Aber wir haben auch Gebietsstreitigkeiten um die Senkaku-Inseln, wir nennen sie Senkaku, aber sie nennen sie Diaoyu-Inseln. Aber wir haben dort Gebietsstreitigkeiten, die auch zum Gebiet der Präfektur Okinawa gehören. Und dann gibt es auch historische Konflikte. Japan hat während des Zweiten Weltkriegs China, Südkorea und Nordkorea überfallen. Deshalb gibt es bis heute Konflikte darüber, wie wir auf den Krieg zurückblicken.
Sprecher: Entsprechend wendete sich die japanische Sicherheitspolitik nach den 90er Jahren zunehmend ab von dieser klassischen Vorstellung der Allianz mit der USA und die Bereitschaft Taiwan auch militärisch zu Verteidigen spiegelt die Verlagerung der wahrgenommenen Bedrohung der japanischen Sicherheitspolitik von Nordkorea zur Volksrepublik China wieder. Es ist eine Entwicklung, die sich gerade durch den ganzen Pazifik zieht, bei dem militärische Bündnisse sich gegen eine Ausdehnung des Einflusses der Volksrepublik China neu aufstellen. Wie Georgie Engelbrecht von der Crisis Group berichtet, ist diese Bedrohung auch der wichtigste Sicherheitspolitische Faktor für die philippinische Regierung: Denn sie könnte auch im Rahmen ihrer Sicherheitspartnerschaft mit der USA in einen Krieg um Taiwan hineingezogen werden.
Georgi Engelbrecht: Falls es zu einem Konflikt um die Taiwanstraße kommt und die USA Taiwan unterstützen wollen und die Verbündeten um Hilfe bitten, dann haben die Philippinen sich nicht wirklich klar gemacht, was sie genau tun wollen. Denn es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wie weit sie gehen sollten.
Sprecher: In dieser Lage ist es kein Wunder, das auch neue Bündnispartner*innen gesucht werden – und genau deshalb spielt Japan für die aktuelle Politik der Philippinen eine zunehmende Rolle.
»Japan ist seit langer Zeit ein enger Partner der Philippinen.«
Georgi Engelbrecht: Japan ist seit langer Zeit ein enger Partner der Philippinen. Und seit ich hier bin, etwa seit 2010, hat Japan eine sehr wichtige Rolle bei der Unterstützung des Friedensprozesses innerhalb der Philippinen gespielt und Entwicklungshilfe geleistet. Ein paar Jahre später, ich glaube 2013, begann Japan auch, die philippinische Küstenwache immer stärker zu unterstützen. Und als Marcos 2022 Präsident der Philippinen wurde, beschleunigte sich diese Beziehung, denn es gab weiterhin kontinuierliche Entwicklungshilfe. Gleichzeitig weitete sich die maritime Zusammenarbeit mit der Küstenwache stark aus.
Sprecher: Diese Verbindungen mit Japan sind auch ein Nebenprodukt der japanischen Sicherheitspolitik, welche - wie Narushige Michishita berichtet - eine Bündnispolitik in ganz Ostasien vorsieht, mit dem Ziel, das Machtgleichgewicht in der Region zu halten. Dabei sind die Philippinen, Vietnam, Australien, Indien und die ASEAN-Länder wichtige Partner. Japan investiert in diese Länder, vor allem militärisch, um ihre jeweilige Verhandlungsposition gegenüber die immer stärker werdende Volksrepublik China zu erhalten.
Georgi Engelbrecht: Nach der Wahl von Marcos Junior zum Präsidenten, treffen hier zwei Strömungen aufeinander: Zum einen ist die japanische Regierung bereit, in die Region zu investieren, und zum anderen sind die Philippinen sehr daran interessiert, ihre Verteidigungsbeziehungen über die USA hinaus auszubauen, weil man unter Trump nicht wirklich spekulieren kann und die Sicherheitsbeziehungen erweitert werden mussten.
Sprecher: Gleichzeitig nutzen diese Länder die Situation aber auch aus, um profitable Handelsbedingungen mit der Volksrepublik zu erzielen – und so auch die Philippinen, vor allem noch unter der 2022 zu Ende gegangenen Präsidentschaft von Rodrigo Duterte. Duterte sitzt aktuell wegen Verbrechen gegen die Menschheit, darunter Mord, Folter und Vergewaltigungen, welche unter seiner Präsidentschaft verübt wurden, in Den Hague beim Internationalen Strafgerichtshof im Gefängnis, wo ihm der Prozess gemacht wird. Auch unter der aktuellen Präsidentschaft von Ferdinand Marcos spielen die Handelsbeziehungen zur Volksrepublik für die philippinische Wirtschaft eine wichtige Rolle. Dieses Problem hat aber auch Japan, denn China ist der größte Handelspartner des Landes. Ohne die Einbindung in die US-Sicherheitspolitik gäbe es also eigentlich keinen Grund, in einen Konflikt mit dem großen Nachbarn zu geraten. Seiyo Saruta von der japanischen NGO „New Diplomacy Initiative“ spricht in diesem Zusammenhang von:
Seiyo Satura: Heiße Wirtschaft, aber kalte Politik.
Sprecher: Die Zielrichtung der aktuellen »kalten Politik« ist – wie auch schon gegen Nordkorea - die Abschreckung des jeweils anderen Landes vor einen militärischen Erstschlag. In Japan war es Shinzō Abe, der nach seiner Amtszeit als Premierminister als erster ehemaliger Staatschef öffentlich äußerte, dass, sollte es einen Krieg um Taiwan geben, Japan sich militärisch beteiligen werde. Laut Narushige Michishita ist es genau diese Position, die China von einem Angriff auf Taiwan abhalten soll:
Narushige Michishita: China übt also im Grunde psychologischen Druck auf Taiwan aus. Und Taiwan könnte nachgeben. Wir wissen es nicht. Aber um das zu verhindern, zeigen wir unser Engagement, damit die Menschen in Taiwan sich gegen den chinesischen Druck behaupten können.
Sprecher: Und deswegen wird seit einigen Jahren von den Befürworter*innen einer Aufrüstung in Japan gezielt die Bereitschaft zum Krieg in der Bevölkerung erhöht.
Narushige Michishita: Was wir tun, ist, ein gutes Gleichgewicht zwischen Aufklärung und Abschreckung der Bevölkerung zu finden. Und ich denke, der Ukraine-Krieg hat uns eine einzigartige Gelegenheit gegeben, die Menschen zu sensibilisieren. Russland, unser Nachbar, hat einen großen Krieg begonnen. Und niemand dachte, dass Putin ein netter Mensch ist, aber alle dachten, dass er ein rational kalkulierender Führer ist. Und wir dachten: Oh nein, wie kann das passieren? Wenn es in Russland passiert, kann es auch in Nordkorea passieren. Es kann in China passieren. Wir wollten die japanischen Bürger nicht auf diese Weise aufklären, aber es war ein so natürlicher, einzigartiger Lernprozess.
Sprecher: Allerdings wird diese an einem Bündnis mit den USA orientierte Abschreckungstaktik auch von deren Vertreter*innen, wie Michishita, relativiert:
Narushige Michishita: Wir meinen die Verteidigung von Taiwan ernst. Aber auf eine gewisse Weise geht es nicht um die Verteidigung Japans, richtig? In einer Extremsituation könnten wir uns entscheiden, Taiwan nicht zu verteidigen und damit durchkommen. Aber wir sagen das nicht, denn das würde das unsere Abschreckung untergraben.
Sprecher: Trotz all dieser Verschiebungen ist aber die Aufrüstungsspirale noch abwendbar. Auch Narushige Mischishita ist sich unsicher, ob die Japaner*innen aktuell einen Krieg unterstützen würden
Narushige Michishita: Das wäre sehr schwierig. Wir wissen es nicht.
Sprecher: Als zuletzt Shinzō Abe die japanische Bereitschaft zum Krieg signalisierte, hatte es eine vor allem studentische Protestbewegung gegeben, welche den pazifistischen Gedanken wieder stärken wollte. Im Kontext dieser Bewegung entstand 2015 auch die New Diplomacy Initiative - sie ist inzwischen zur wichtigsten Stimme für eine alternative Sicherheitspolitik geworden. Die Stärke der Bewegung begründet die Präsidentin der New Diplomacy Initiative, Seiyo Saruta, mit der spezifischen Geschichte Japans im Zweiten Weltkrieg:
Seiyo Satura: Die japanischen Menschen sind aufgrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs sehr pazifistisch. Aus dieser Erfahrung heraus haben wir eine sehr starke Einstellung für Frieden und insbesondere gegen Atomwaffen.
Sprecher: Gerade aus dieser Geschichte ergibt sich ein Dilemma, denn es ist eigentlich keinesfalls selbstverständlich, dass es überhaupt Einsatzgebiete für die SDF außerhalb des eigenen Landes gibt, wie Narushige Michishita erwähnt:
Narushige Michishita: Wenn man die Verfassung liest, steht dort, dass das verfassungswidrig ist. Ich denke also, dass wir die Verfassung ändern müssen. Das ist meine persönliche Meinung.
Sprecher: Mit dieser Position, die Verfassung zu ändern, gehört Narushige Michisita aktuell zu einer Minderheit im Land. Denn obwohl kulturell bedingt in der japanischen Gesellschaft vergleichsweise wenig öffentlich über Politik gestritten wird, befürworten viele Japaner*innen immer noch den Artikel 9 der Nachkriegsverfassung, der den Krieg als Mittel der Politik und die Existenz eines eigenen Militärs verbietet. Die Existenz der SDF sowie ihr Mandat zur kollektiven Verteidigung von Südkorea und Taiwan zeigen indes, wie weit sich die Politik der Regierung vom Grundgedanken der Verfassung bereits entfernt hat. Einen ähnlichen Widerspruch sieht Georgi Engelbrecht von der Crisis Group auch in den Philippinen bei der Frage ob das Land zur Verteidigung Taiwans bereit wäre:
Georgi Engelbrecht: Was die konkreten Maßnahmen betrifft, wird es kompliziert, denn der Präsident der Philippinen hat gesagt, dass die Philippinen sich nicht an Aktionen gegen China beteiligen werden – wenn ich mich richtig erinnere. Und ich denke, das ist Teil der Debatte, denn es gibt hier Gruppen, die kritisch sind, sogenannte progressive oder linksgerichtete Gruppen. Sie fürchten, dass die Philippinen wegen des Bündnisses in einen Krieg um Taiwan hineingezogen werden könnten, der nicht einmal für die eigene Sicherheit wichtig ist.
Sprecher: Nur, wie die Alternative eigentlich aussehen soll, das ist deutlich weniger klar. Für die Philippinen sieht der Experte der Crisis Group Georgi Engelbrecht vor allem vor dem Hintergrund der erratischen US-Politik unter Donald Trump, in den diplomatischen Beziehungen zur Volksrepublik China einen Faktor:
Georgi Engelbrecht: Was die Beziehungen zwischen den Philippinen und China betrifft, so muss man natürlich den Dialog fortsetzen. Solange China das Gefühl hat, dass die Philippinen die Diplomatie nicht aufgegeben haben, ist das irgendwie ein Gewinn. Und wenn China weiterhin zum Dialog bereit ist, ist das auch ein Pluspunkt.
Sprecher: Andererseits braucht es ihm zu Folge für die Philippinen aber auch starke Allianzen zu anderen Bündnispartnern, jenseits der USA:
Georgi Engelbrecht: Und ich denke, Japan und die Philippinen sind beide Länder, die Diplomatie betonen. Vielleicht können beide auch, z.B. gemeinsam mit Australien oder Südkorea, daran arbeiten, Beijing zu zeigen, dass bestimmte Handlungen nicht hilfreich sind und dass diese Länder bereit sind, sich zur Wehr zu setzen, aber nicht zu hart.
Sprecher: Allerdings entscheidet bisher die Regierung relativ unwidersprochen über die Außenpolitik, denn die Eskalation im Pazifik spielt aus gutem Grund in der Innenpolitik eine Nebenrolle.
Georgi Engelbrecht: Und der durchschnittliche Filipino wird sich wahrscheinlich nicht allzu sehr darum kümmern, denn für sie sind im Moment vor allem wirtschaftliche Fragen, Jobs, Sicherheit und dergleichen am wichtigsten.
Sprecher: In Japan sieht die Diskussion – vor dem Hintergrund der langen pazifistischen Tradition – ganz anders aus. Die NGO New Diplomacy Initiative hat eine beachtliche Stellung als Gegenpol zur Regierungspolitik unter den Oppositionsparteien und schlägt vor, über einen breiten Austausch – von offiziellen staatlichen Stellen über internationale Treffen von Expert*innen bis hin zu transnational stattfindenden Gesprächen zwischen Bürger*innen – ein verflochtenes diplomatisches Netz aufzubauen, das für einen echten Interessenausgleich zwischen allen Akteuren im ostasiatischen Pazifikraum genutzt werden kann. Dazu gehören auch Krisenmechanismen zur Deeskalation zwischen China und Japan sowie eine Politik der Kooperation.
Vor dem Hintergrund der historischen Schwäche der seit 1955 fast durchgehend regierenden LDP böte sich damit eigentlich eine Chance, Japans sicherheitspolitische Rolle in der sich neu formierenden Weltordnung auch von links zu diskutieren. Stattdessen wird die Regierung der LDP derzeit vor allem von rechts unter Druck gesetzt, in Gestalt der Sanseito-Partei. Diese hat mit ihrer Antimigrationspolitik im Juli einen beachtlichen Wahlerfolg erzielt. Sanseito fordert eine noch stärkere Erhöhung der Verteidigungsausgaben und positioniert sich offen für eine nukleare Aufrüstung Japans. Auch die dank einer Minderheitsregierung gewählte neue Premierministerin der LDP Sanae Takaichi steht für eine Fortsetzung der Aufrüstung zur Abschreckung. Damit wird das Land vorerst weiter Teil jener Rüstungsspirale im Pazifik bleiben, die die Region immer näher an den offenen Krieg treibt. Das Donald Trump die Sicherheitsallianz mit Japan schon zu seinem Amtsantritt kritisiert hatte und im Sommer erst Strafzölle gegen Japan verhängt hatte, macht die Lage wegen der japanischen Abhängigkeit von der USA noch volatiler. Auch von dieser Abhängigkeit sollte sich Japan laut Seiyo Saruta von der New Diplomacy Initiative loslösen:
Seiyo Satura: Wenn wir allein wären, hätten wir überhaupt keine Probleme mit China. Die japanische Denkweise ist, dass wir stark von den USA abhängig sind. Deshalb müssen wir Teil des Konflikts sein. Das ist ein Widerspruch in sich. Um Sicherheit zu suchen, befinden wir uns in einer gefährlichen Position. Das ist die aktuelle Situation.
Shownotes - Aufrüstung im Indo-Pazifik
Pulverfass Südchinesisches Meer - Ohne ein regionales Friedens- und Kooperationsabkommen droht die Destabilisierung (RosaLux - PDF)
Konfliktherd Südchinesisches Meer - Ein Beitrag von Peter Franke im Südostasienmagazin Teil I und Teil II