Menschlichkeit kennt keine Grenzen
Warum meine Ankunft in Deutschland gelang
Fateme Hosseini ist als Geflüchtete aus Afghanistan gekommen. Die folgende literarische Geschichte erzählt, wie sie in Afghanistan eine Großmutter verloren und in Deutschland eine Oma gewonnen hat.
Die Unsicherheit in Afghanistan hat dazu geführt, dass ich die Liebe meiner Großmutter viel weniger erleben konnte, als ich es mir gewünscht hätte.
Die meisten unserer Verwandten sind in den Iran ausgewandert, und so konnte ich meine Großmutter nur alle paar Jahre für eine kurze Zeit sehen. Damals gab es noch keine Smartphones. Mein Wunsch, bei ihr zu sein und mit ihr zu leben, blieb unerfüllt.
Als ich 19 Jahre alt war, wurde mein Vater von den Taliban ermordet. Danach mussten auch wir Afghanistan verlassen. Meine Mutter und meine Brüder blieben im Iran, und ich kam mit meinem Mann und meinem Kind nach Deutschland.
Wir afghanischen Frauen lernen von klein auf Abhängigkeit. Abhängigkeit von Männern und in vielen Bereichen des Lebens auch von unseren Müttern und Großmüttern. Als ich nach Deutschland kam, war ich weit weg von diesem Rückhalt.
In Deutschland wurde mein zweites Kind geboren. Mit zwei kleinen Kindern war es sehr schwer, Deutsch zu lernen. In der Nähe unseres Hauses gab es die Matthäuskirche. Dort bin ich hingegangen und habe nach und nach Deutsch gelernt. Meine Kinder waren immer dabei – eins im Kinderwagen und das andere vier Jahre alt.
Dort habe ich B. kennengelernt.
Als ich B. kennenlernte, war sie bereits 81 Jahre alt. Heute ist sie 91 Jahre alt. Doch ihre Herzlichkeit, ihre Geduld und ihre Hilfsbereitschaft sind in all den Jahren unverändert geblieben.
B. war die Frau, die mir Deutsch beigebracht hat. Sie war sehr geduldig. Ich hatte nie ein schlechtes Gefühl, wenn meine Kinder Unruhe machten.
Nach dem Verlust meines Vaters und allem, was ich in Afghanistan erlebt hatte, ging es mir psychisch nicht gut. Mit zwanzig Jahren war ich hoffnungslos und hätte eigentlich Unterstützung gebraucht, um mit dem Schock über den Tod meines Vaters umgehen zu können.
B. war die erste Person, der ich meine Kinder anvertrauen konnte. Mein kleiner Sohn war damals vier Monate alt und mein älterer Sohn vier Jahre alt. Sie passte auf beide auf, damit ich meine Termine wahrnehmen konnte.
Zwischen uns entstand Vertrauen. Ich wusste, dass meine Kinder bei ihr in guten Händen waren.
Am ersten Kindergartentag meines älteren Sohnes kam sie mit mir mit. Als ich wieder zur Schule ging, kümmerte sie sich um meinen kleinen Sohn. Sie ging mit den Kindern auf den Spielplatz,
damit ich lernen und meine Aufgaben erledigen konnte.
Nicht nur bei der Kinderbetreuung war sie an meiner Seite. Auch beim Lernen half sie mir immer. Wenn ich Fragen für die Schule hatte, fragte ich sie. Manchmal denke ich, B. war mein persönliches ChatGPT. Egal welche Frage ich hatte, sie antwortete geduldig.
Vor Prüfungen las ich ihr denselben Text zehnmal oder noch öfter am Telefon vor. Sie hörte jedes Mal aufmerksam zu, korrigierte meine Fehler und machte mir Mut. Nie hatte ich das Gefühl, sie zu stören.
Wenn wir an ihrem Haus vorbeigingen, rief mein kleiner Sohn, als er gerade sprechen gelernt hatte: »Omas Haus!«
B. brachte meinem kleinen Sohn oft eine Brezel mit. Ich erinnere mich noch daran, wie er mit seinen gerade erst durchgebrochenen Zähnchen hineinbiss. Für uns war das unbezahlbar. Nicht wegen der Brezel selbst, sondern wegen der Liebe und Aufmerksamkeit, die dahinterstanden. Diese kleinen Gesten hatten für uns einen unschätzbaren Wert.
Ihr Verhalten war so herzlich, dass mich Lehrer*innen und Erzieher*innen mehrmals fragten: »Wie kann deine Oma deutsch sein und ihr seid Afghanen?«
Manche Menschen dachten, sie sei vielleicht einsam und deshalb nett zu uns. Aber das stimmte nicht. Sie hatte eine große Familie und nahm sich trotzdem Zeit für mich und meine Kinder.
Ich versuche, niemandem zur Last zu fallen. Aber B. gab mir immer das Gefühl, als würde sie sich freuen, uns helfen zu können.
Mein ganzer Integrationsweg in Deutschland fand mit ihrer Unterstützung statt: Deutsch lernen, Fahrradfahren lernen – etwas, das für viele Frauen in Afghanistan nicht möglich ist – sowie Autofahren und Schule.
Auch während der Trennung von meinem Mann, der nach Afghanistan zurückging, war sie da. Sie hörte einfach zu, ohne zu urteilen.
Die Kinder wurden größer und lebhafter. Wenn ich arbeiten musste, kam sie manchmal abends zu uns und passte auf sie auf. Mein kleiner Sohn tat ab und zu so, als würde er schlafen, damit Oma nach Hause ging und er noch fernsehen konnte. Natürlich wusste B. genau, dass er schummelte.
Sie war nicht nur bei Krankheit, Arbeit oder Schule für uns da. Sie war auch bei den schönen Momenten des Lebens an meiner Seite. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben auf ein Konzert ging – etwas, das für Frauen in Afghanistan nicht selbstverständlich oder oft gar nicht möglich ist –, blieb sie bei meinen Kindern, damit ich diesen Moment erleben konnte.
In diesen zehn Jahren haben wir so viel zusammen erlebt, dass es nicht in einen einzigen Text passt. Aber das Gefühl von Sicherheit, das sie mir und meinen Kindern gegeben hat, kann ich nicht mit Worten beschreiben.
Als ich beschloss, den Verein Frauenfreiheit e.V. zu gründen, wurde sie Mitglied, ohne überhaupt die Satzung zu lesen. Am Tag der Gründung kam sie vor mir an. Mit 91 Jahren stellte B. noch schnell die Stühle auf, damit ich mir keine Sorgen machen musste.
Am 8. März organisierten wir eine Mahnwache für die Frauen Afghanistans. Sie stand die ganze Zeit dort und hielt unsere Schilder in den Händen.
Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass sie krank ist. Meistens verschweigt sie mir solche Dinge, weil sie weiß, dass ich Angst davor habe, Menschen zu verlieren.
Zusammen mit meinem jüngeren Sohn besuchte ich sie im Krankenhaus. Ich werde den Gesichtsausdruck meines Sohnes nicht vergessen. Es war ein heißer Tag. Er stand neben seinem Fahrrad, und Tränen liefen über sein Gesicht.
Diese Tränen waren für uns wertvoll. Sie waren der Ausdruck von zehn Jahren Liebe und Fürsorge.
Natürlich kommen Tränen aus Traurigkeit. Aber tief in unserem Herzen waren wir auch dankbar. Dankbar dafür, dass wir eine Person haben, um die wir uns sorgen, wenn sie krank ist. Eine, die wir so sehr lieben, dass wir um sie weinen.
Wir hoffen immer noch, ihren 100. Geburtstag gemeinsam feiern zu können.
Mit dieser Geschichte möchte ich sagen, dass Migration für viele Afghaninnen und Afghanen keine Wahl ist. Sie ist eine Notwendigkeit. Wir verlassen unsere Heimat, unsere Familien und oft auch die Menschen, die wir lieben, nicht freiwillig.
Und gerade deshalb sind die Menschen so wichtig, die uns auf diesem Weg begleiten.
B. hat mir nicht nur geholfen. Sie hat mir und meinen Kindern die Liebe einer Großmutter geschenkt – eine Liebe, von der ich dachte, dass ich sie verloren habe.
Ich danke ihr dafür, dass sie unser Leben leichter gemacht hat, dass sie uns Sicherheit gegeben und gezeigt hat, dass Menschlichkeit keine Grenzen kennt.
Ich wünsche mir, dass ihre Geschichte gesehen wird. Nicht nur, damit sie meinen Dank spürt, sondern auch weil sie ein Vorbild für andere sein kann.
B. zeigt, dass man das Leben eines Menschen verändern kann, ohne reich oder berühmt zu sein – nur mit Zeit, Geduld, Respekt und Mitgefühl.
Sie ist ein Vorbild. Für mich, für meine Kinder und vielleicht für viele andere Menschen. Denn die Welt braucht mehr Menschen wie B. – Menschen, die ohne Erwartungen die Hand eines anderen halten und dafür sorgen, dass sich jemand in der Fremde ein Stück weniger allein fühlt.
Vielleicht können wir nicht die ganze Welt verändern. Aber wir können die Welt eines Menschen verändern. B. hat genau das getan.