Stand von Schah Reza Pahlavi Anhänger*innen in Frankfurt im September 2025 mit Plakaten der Eltern (sein gleichnamiger Vater und seine Mutter Farah Diba)
Frankfurt im September 2025: Anhänger*innen des Schah Reza Pahlavi (Mitte oben). Im Vordergrund die Eltern (sein gleichnamiger Vater und seine Mutter Farah Diba) | Foto: conceptphoto.info CC BY 4.0

Iranische Diaspora im Krieg 2026

Politik, Pahlavi und progressive Linke

Seit Ende 2025 wird die Islamische Republik Iran von einer neuen Protestwelle erschüttert. Mit den militärischen Angriffen durch die USA und Israel seit dem 28. Februar 2026 spitzt sich die Lage nun weiter zu. Ein Regimesturz scheint trotzdem in weiter Ferne. Was macht das mit der iranischen Diaspora?

von Bijan Razavi und Geschin Moradi

17.04.2026

Auch wenn die Islamische Republik seit 2017 regelmäßig von Aufständen erschüttert wird, hat die Situation Ende 2025 eine neue Qualität. Selbst die konservativen Bazaris in Teheran beteiligten sich an Streiks, obwohl sie bisher traditionell als Stütze des Regimes galten. Die Proteste gelten als die größten in der Geschichte der Islamischen Republik. Nicht nur die Protestierenden vor Ort, sondern auch Angehörige der weltweiten iranischen Diaspora hofften, dass die verhasste Mullah-Herrschaft nun endlich ein Ende finden könnte. Auch in Deutschland ging man auf die Straße, forderte die Regierung auf, den Druck auf das Regime zu erhöhen. Letzteres schaltete bald die Kommunikationskanäle ab. Es folgte ein Massaker, dessen Brutalität selbst die Massenhinrichtungen von 1988 und die Niederschlagung der Aban-Proteste 2019 in den Schatten stellte. Iraner*innen in der Diaspora bangten um Freund*innen und Angehörige im Land – und fühlten sich von der internationalen Gemeinschaft alleingelassen.

Als der Konflikt am 28. Februar 2026 in einen offenen Krieg überging, wurden zentrale Führungsfiguren des Regimes gezielt getötet. Ein Zusammenbruch des Regimes blieb dennoch aus. Das System lebt weiter und ist durch die Revolutionsgarden weiterhin handlungsfähig, auch wenn zentrale Machtfragen ungeklärt sind. Gleichzeitig verdeutlicht der Verlauf des Krieges eine bekannte Dynamik: Nicht nur die politischen und militärischen Eliten leiden unter seinen Folgen. Für die Bevölkerung bedeutet der Krieg eine doppelte Bedrohung: die Repression durch den eigenen Staat und die Folgen militärischer Angriffe von außen.

»Nicht nur die Protestierenden vor Ort, sondern auch Angehörige der weltweiten iranischen Diaspora hofften, dass die verhasste Mullah-Herrschaft nun endlich ein Ende finden könnte.«

Das ist kein Zufall. Die Islamische Republik hatte Jahrzehnte Zeit, sich militärisch vorzubereiten, auch durch die gezielte Verlagerung militärischer Infrastruktur in zivile Räume. Gleichzeitig reicht die militärische Strategie des Regimes weit über die eigenen Grenzen hinaus. Angriffe in der gesamten Region fordern auch dort zivile Opfer. Doch die brutalste Gewalt richtet sich weiterhin nach innen. Die Welt blickt auf geopolitische Konflikte, doch der Krieg des Regimes gegen die Bevölkerung bleibt überwiegend unsichtbar. Für die Menschen vor Ort ist er jedoch die größte Bedrohung.

Trump wechselte in seinen Verlautbarungen zwischen Regimesturz und Verhandlungen. Diese Ambivalenz birgt Gefahren für die Menschen in Iran: mit seinen Aufrufen, sie sollten sich »ihre Institutionen zurückholen«*, brachte er sie indirekt mit den bevorstehenden Angriffen in Verbindung. Sollte es jetzt nicht zum Sturz der Regierung kommen, könnte das schlimmste Szenario für die Bevölkerung eintreten: Das Regime würde sich wie schon so oft an den Menschen im Land rächen. Die parallel zum Krieg weiter ansteigenden Hinrichtungen sprechen diesbezüglich bereits eine deutliche Sprache.

Bruchlinien der Diaspora

Währenddessen fragmentieren sich die Proteste in der Diaspora zunehmend. Es sind Konfliktlinien, um die schon lange gestritten wird. Sie treten immer dann zu Tage, wenn das Regime besonders vulnerabel erscheint. Zuletzt war dies der Fall bei der Jina-Mahsa-Amini-Bewegung 2022/23. Es geht zum einen um die Frage, wie das Regime gestürzt werden kann – durch Diplomatie und Sanktionen, durch Revolution von innen oder durch militärische Intervention? Aber es geht auch darum, wie ein freier Iran eigentlich aussehen sollte. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach einer geeinten, handlungsfähigen Diasporaopposition. Sie soll die Stimmen der Menschen in Iran trotz des abgeschalteten Internets in die Welt tragen und ihre jeweiligen Regierungen zu einem entschlossenen Vorgehen gegen das Regime bewegen. Große Teile der regimekritischen Diaspora teilen den Wunsch, angesichts des brutalen Massakers, ein möglichst schnelles Ende der Islamischen Republik herbeizuführen – und ihre Ohnmacht zu überwinden.

So schart sich ein Großteil der öffentlich wahrnehmbaren Teile der Diaspora um Reza Pahlavi. Der älteste Sohn des gleichnamigen 1979 gestürzten Schahs gilt ihnen als zukünftiges Staatsoberhaupt – und das ohne jeglichen demokratischen Aushandlungsprozess. Im Zentrum der Bewegung stehen Akteur*innen, die offen die Restauration der Monarchie anstreben. Als iranisches Pendant zur extremen Rechten sind sie geprägt von der Sehnsucht nach autoritären Verhältnissen und Rassismus. Sie verbreiten bisweilen orgiastische Gewaltfantasien, die sich gegen Minderheiten und Linke richten. Dabei ist Pahlavi selbst nur eine Projektionsfläche für aggressiv nationalistische und autoritäre Sehnsüchte. Es geht seinen Anhänger*innen nicht um die Auseinandersetzung mit seinem politischen Programm, sondern um die Wiederherstellung der glorreichen imperialen Vergangenheit.

Die Unterstützung für Reza Pahlavi ist nicht nur Ausdruck politischer Hoffnungslosigkeit

Dazu trägt der »Kronprinz«, wie ihn selbst nicht-monarchistische Medien gerne nennen, durch seine vage Rhetorik von Freiheit und Demokratie bei. Es fehlt zudem eine klare Distanzierung von den Verbrechen seines Vaters, die auch von seinen Anhänger*innen inzwischen offen geleugnet werden. Er schafft es außerdem nicht, politische Allianzen mit anderen Fraktionen der Diaspora zu schließen, um den Pluralismus der Diaspora wie auch in Iran demokratisch abzubilden.

Kritisiert wird er vor allem für seinen autoritären Umgang mit den nationalen Minderheiten. Ihnen droht er bereits jetzt mit der zukünftigen iranischen Armee, sollten sie die »territoriale Integrität«* Irans in Frage stellen, zuletzt etwa der Coalition of Political Forces of Iranian Kurdistan, einem Bündnis kurdischer Parteien in Iran. Er zeigt sich zudem strategisch offen gegenüber zentralen Machtapparaten des Regimes und setzt auf deren zukünftige Integration – sogar die der Revolutionsgarden.

Autoritäre Rechte, autoritäre Linke

Die Unterstützung für Reza Pahlavi ist einerseits Ausdruck politischer Hoffnungslosigkeit, muss aber andererseits auch als Teil einer internationalen Entwicklung gesehen werden, in der autoritäre und nationalistische Denkmuster als Antworten auf die endlosen Krisen an Einfluss gewinnen. In diesem autoritären Denken wird die ersehnte Einheit im Kampf gegen die Islamische Republik nicht durch aktive Bündnispolitik und den Versuch erreicht, gemeinsame Strategien auszuhandeln, sondern durch – wie für die extreme Rechte üblich – die Unterordnung unter den Willen eines Führers.

Währenddessen konzentriert sich ein Großteil der Linken ausschließlich auf die USA und Israel, was angesichts des Auftretens von Trump und seiner Drohung, Iran »in die Steinzeit zu bomben«, auch verständlich ist. Doch ihre Proteste richteten sich primär gegen das Eingreifen »westlicher Imperialisten«, stellenweise sogar gegen die Sanktionierung des Regimes. Der Krieg der Islamischen Republik gegen die eigene Bevölkerung, sowie die jahrzehntelange islamistisch-imperialistische Einmischung in nahezu alle Staaten der Region, ist vielerorts nicht mal mehr eine Fußnote wert. Stattdessen betätigen sich iranische und nicht-iranische Linke im Schulterschluss mit Gruppen, die traditionell zu den Verteidiger*innen des Regimes gehörten. Gegen den Siegeszug autoritärer Vorstellungen in der iranischen Community setzen sie keine aktive Bündnisarbeit, sondern nur ihre eigene Version des Autoritarismus. Sie lehnen Reza Pahlavi und seine Anhänger*innen als »Marionetten« Israels oder der USA ab, bedienen also lieber verschwörungsideologisch-antisemitische Muster, anstatt fundiert Kritik an Pahlavi zu üben, und an den politischen Kontinuitäten, die er verkörpert.

Die Einsamkeit der progressiven Linken

Progressive Linke und Demokrat*innen in der iranischen Diaspora stehen daher vor mehreren Herausforderungen: Wie lässt sich der Kampf gegen das Regime so breit wie möglich aufstellen, um die Menschen in Iran zu unterstützen? Und wie sollen sie mit autoritären, nationalistischen und rassistischen Tendenzen innerhalb der eigenen Reihen umgehen? Die Auseinandersetzungen in der Diaspora kosten Kraft, doch es braucht Aufmerksamkeit für die Vorkommnisse in Iran. Aktivist*innen verschaffen kritischen Stimmen Gehör, die es aus dem Land schaffen, unterstützen Angehörige und Freund*innen hier und vor Ort. Gleichzeitig müssen sie der Kälte und Ignoranz Deutschlands standhalten.

In Iran selbst sieht es, Stand Anfang April 2026, nicht nach einem Sturz des Regimes in Teheran aus. Die Aufstände im Land werden weitergehen, trotz aller Gewalt die das im Untergang befindliche Regime mobilisieren kann. Wenn die Diaspora ein effektives Mittel sein will, den Ruf der Menschen Irans nach Freiheit und Demokratie zu unterstützen, heißt das auch, sich den eigenen Problemen zu stellen und zu lernen, sich selbst als demokratische Bewegung zu organisieren. Das heißt auch, den autoritären Kräften in der Diaspora den Kampf anzusagen.

Bijan Razavi ist politischer Bildner mit dem Schwerpunkt Antisemitismus und arbeitet freiberuflich zu den Themen Rassismus, Rechtsextremismus und Iran.

Geschin Moradi engagiert sich bei Generation Azadi und als Kurdin aus Iran beschäftigt sie sich mit Islamismus, (innermigrantischem) Rassismus, Antisemitismus sowie migrationsbezogenen Themen.

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