Noch bis vor fünf Jahren stand das Thema Klimaschutz ganz oben auf der politischen Agenda. Eine junge Generation strömte am Freitag aus den Klassenzimmern und Hörsälen und füllte die Straßen. Heute ist davon wenig zu sehen. Dabei waren der Klimawandel und seine Folgen selbst von konservativen Eliten in konkret umsetzbaren Strategien und Gesetzestexten wie der CO2-Steuer oder dem Green Deal der EU anerkannt und bearbeitet worden. Warum sind diese Konzepte im Zeichen der Vielfachkrise zum finanziellen und politischen Steinbruch verkommen?
Wir sind »am Ende der optimistischen Verheißungen«
Sighard Neckel hat mit Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation ein Buch vorgelegt, in dem an dieser Frage gearbeitet wird. Der Untertitel beschreibt dabei die Arbeitsgrundlage am passendsten, während der Titel Katastrophenzeit vermutlich aus Marketinggründen gewählt wurde. Die Klimakrise führt zu Katastrophen, sie ist aber zunächst ein schleichender Prozess, der gerne verdrängt wird. Das zeigen die Aufmerksamkeitszyklen der letzten fünf Jahrzehnte: Umwelt- und Klimathemen rückten in den 1970ern immer wieder in den Fokus, in den 80ern verschwanden sie, gewannen dann in den 90ern erneut an Aufmerksamkeit, nur um sich gleich wieder zu verabschieden. Die Wachstumsideologie war hegemonial.
Heute sind wir laut Neckel »am Ende der optimistischen Verheißungen«. Wir kommen der immer engeren Taktung der Schockmomente kaum mehr hinterher. In einer solchen Situation auf Verzicht zu setzen, bereitet laut Neckel das Scheitern einer ökologischen Gesellschaftsreform vor. Sie wäre schlicht sozial ungerecht. Es geht ihm stattdessen darum, auf Grundlage klarer Analysen »Koalitionen und Bündnisse über Klassenmilieus hinweg möglich zu machen«, welche die Basis einer sozial-ökologischen Transformation sein können.
Es geht nicht darum, SUV-Fahrer*innen leiden zu lassen, sondern solche Autos nicht mehr herzustellen
Diese soll laut Neckel durch einen Infrastruktursozialismus gewährleistet werden. Ein fundamentalökonomischer Umbau gesellschaftlicher Infrastruktur würde die Bevölkerung mitnehmen und schnell positive Veränderungen zeigen. Das lässt sich anschaulich im Verkehrs- und Bausektor durchdeklinieren. Auf den Punkt gebracht: Es geht nicht darum, SUV-Fahrer*innen leiden zu lassen, sondern solche Autos nicht mehr herzustellen und Alternativen in den Vordergrund zu schieben. Wer zum Thema einen fundierten und aktuellen Überblick haben will, ist mit dem Buch gut bedient.