Das neue Proletariat des Digitalzeitalters
Geisterarbeit
Künstliche Intelligenz wird von Datenarbeiter*innen hergestellt und betrieben. Bei der Frage, wer sie sind und wie sie arbeiten, ist der Blick in den Globalen Süden unerlässlich.
In den Fortschrittserzählungen über die Digitalisierung ist viel die Rede von revolutionären Erfindungen, wie generativer Künstlicher Intelligenz (KI), modern ausgestatteten Büros und genialen Stanford-Studenten, die mit Google die wichtigste Suchmaschine der Welt erfanden. Kein Platz ist in diesen Erfolgsgeschichten hingegen für jene Menschen, die mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass ein KI-gestütztes Programm wie ChatGPT überhaupt funktionieren kann. Oder die dafür sorgen, dass in deutschen Supermärkten der Einkauf über Kameras verfolgt wird, damit die Produkte an der Kasse nicht mehr gescannt werden müssen: das Datenproletariat in den Ländern des Globalen Südens.
Dabei bildet das händische Tagewerk dieser Arbeiter*innen das Rückgrat unserer smart daherkommenden Welt. Denn wer genau hinschaut, sieht: »Künstliche Intelligenz ist weder künstlich noch intelligent«, wie die australische KI-Forscherin Kate Crawford sagt. Dies gilt für alle Formen der KI und damit auch für das Tool, welches inzwischen viele von uns bei der Arbeit, im Alltag oder im Studium nutzen: ChatGPT. Wie die meisten Systeme, auf denen das KI-Label klebt, beruht dieser Chatbot auf Maschinellem Lernen. Algorithmen analysieren hierbei riesige Datenmengen und erkennen Muster, aus denen sie statistische Wahrscheinlichkeitsmodelle ableiten. ChatGPT berechnet auf dieser Grundlage, welche Worte in welchen Kontexten statistisch gesehen aufeinanderfolgen, und bildet daraus Sätze, die wir für unsere Hausarbeit oder das Bewerbungsschreiben verwenden. Damit ChatGPT nicht zusammenhanglos daherredet, sondern die gewünschten Dinge sagt, muss es mit den richtigen Daten gefüttert werden.
Für diese Arbeit braucht es Menschen. Der Erfolg von KI-Tools beruht allerdings nicht nur darauf, dass diese oft gut wissen, was sie antworten müssen, sondern auch darauf, dass sie wissen, was sie nicht sagen dürfen: Nichts Anstößiges, nichts Verletzendes, nichts Gewalttätiges. Das weiß ChatGPT aber nur, weil Menschen es dem Programm beigebracht haben. Und zwar Menschen, die in erster Linie in Ländern des Globalen Südens leben, zum Beispiel in Indien oder Kenia.
Ihre tägliche Arbeit besteht darin, Daten für das Training von ChatGPT zu klassifizieren. Dafür müssen sie tausende Seiten mit all den Dingen lesen, die die Nutzer*innen nicht zu Gesicht bekommen sollen: Kindesmissbrauch, Folter, Vergewaltigungen und Hinrichtungen. Für die Datenarbeiter*innen ist die Arbeit sehr belastend, mitunter sogar traumatisch. Eine angemessene psychologische Betreuung von Arbeitgeberseite aus gibt es nicht.
Datenarbeit ist prekär
Dass wir Nutzer*innen die Datenarbeiter*innen aus dem Globalen Süden nicht wahrnehmen, ist kein Zufall. Die Konzerne sorgen vielmehr bewusst dafür, dass die Wertschöpfungsketten in der Datenökonomie undurchsichtig bleiben. Zwischen den Nutzer*innen und den Datenarbeiter*innen besteht zum einen ein komplexes Geflecht an Konzernen, Subunternehmern und Dienstleistern. Zum anderen müssen die Arbeitskräfte Verschwiegenheitsklauseln unterschreiben. Sie dürfen zuhause nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Jedes Wort nach außen kann laut Arbeitsvertrag zu empfindlichen Strafen führen. Damit wird ihnen auch die Möglichkeit genommen, ihre traumatischen Erfahrungen aufzuarbeiten. Der andere Grund für ihre Unsichtbarkeit ist das Totschweigen durch die großen Tech-Konzerne. Selbst auf Nachfrage geben weder Google noch Meta oder Amazon bekannt, wie viele solcher Datenarbeiter*innen sie beschäftigen. Und weil diese Menschen nicht wahrgenommen werden und die Tech-Konzerne keine Auskunft über sie geben, spricht eine wachsende Zahl von Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus dem Globalen Süden von Geisterarbeiter*innen.
Unklar ist bis heute, wie viele Geisterarbeiter*innen weltweit für die Tech-Konzerne tätig sind. In ihrem 2023 veröffentlichten Bericht über die Branche schätzt die Weltbank ihre Zahl auf 154 bis 435 Millionen. Die Internationale Arbeiterorganisation der Vereinten Nationen (ILO) ist zurückhaltender. Ihre Entwicklungsökonomin Uma Rani geht von dutzenden Millionen Geisterarbeiter*innen aus. Hauptursache für die schwere Kalkulierbarkeit sei die Intransparenz der Branche.
Einsatzfelder in der digitalen Ökonomie
Unumstritten ist, dass OpenAI, Microsoft, Google & Co. ein neues globales Prekariat hervorgebracht haben, das ein wichtiges Zahnrad im Getriebe ihrer globalen Wertschöpfungskette geworden ist. Die Einsatzfelder der Geisterarbeit beschränken sich nicht nur auf die vielfältigen KI-Angebote. Ein weiteres Beispiel sind Sprachassistenzsysteme. Die in den vergangenen Jahren in Millionen von Haushalten eingezogenen Smart Speaker wie Alexa von Amazon oder der Apple Home können ihre Befehle nur deshalb so reibungslos ausführen, weil Datenarbeiter*innen den Algorithmus trainieren, indem sie Gespräche nachhören und transkribieren.
Ein weiterer Treiber des Booms der Datenarbeit: selbstfahrende Autos. Damit ein selbstfahrendes Auto in der Lage ist, Schlaglöcher und Baustellen zu erkennen, Verkehrsschilder und Ampeln zu lesen oder Tiere und umherwehende Plastiktüten von Fahrrädern und Autos zu unterscheiden, bringen Menschen im Globalen Süden Maschinen manuell bei, wie Bäume oder rote Ampeln aussehen.
Andere wichtige Einsatzfelder sind zum einen die kommerzielle Content-Moderation, also die Überprüfung, ob Posts den Gesetzen oder Vorgaben einer Plattform entsprechen, und zum anderen Microwork-Plattformen. Crowd- oder Microwork-Plattformen haben sich als ein besonders effizientes und kostengünstiges Modell des Tech-Outsourcings etabliert. Konzerne übermitteln hierbei ihre Aufträge an die Plattformen, die diese an die Arbeiter*innen weitervermitteln und dafür eine Gebühr einbehalten. Zu den klassischen Aufgaben zählen etwa das Sortieren und Annotieren von Daten. Die Arbeit auf diesen Plattformen ist geprägt von extremer Flexibilität: Das Vertragsverhältnis mit der Plattform dauert mitunter nur wenige Sekunden an, je nachdem wie lange die Datenarbeiter*innen für die Erledigung der Tätigkeit benötigen. Dementsprechend groß ist die Unsicherheit für die indischen und afrikanischen Arbeiter*innen.
Krankenversicherung, Altersvorsorge oder Urlaubsgeld für die Datenarbeiter*innen? Fehlanzeige! Ihre Bezahlung: unterirdisch. In Kenia liegt der durchschnittliche Stundenlohn für KI-Arbeit auf Microwork-Plattformen bei umgerechnet knapp über einem Euro. Bezieht man die unbezahlten Tätigkeiten, wie die zeitraubende Jobsuche auf den Plattformen, mit ein, bleiben umgerechnet nicht einmal 90 Euro-Cent. Untersuchungen der ILO zeigen zudem, dass ein beträchtlicher Teil der online geleisteten Arbeit von den Auftraggeber*innen nicht akzeptiert wird. Dabei werden angebliche Mängel teilweise nur vorgeschoben, um sich der Bezahlung zu entziehen. Die Crowdworker*innen gehen in diesen Fällen gänzlich leer aus. Crowdworker*innen werden deswegen auch zu Recht als die Tagelöhner*innen des Digitalzeitalters bezeichnet.
Neokoloniale Einbindung im Weltmarkt
Diese Problematik macht verständlich, warum sich 2024 afrikanische Content-Moderator*innen in einem Brief an den damaligen US-Präsidenten Joe Biden wandten und ihre Arbeitsverhältnisse mit moderner Sklaverei verglichen. Die Verortung der Ausbeutung dieser Menschen im Kontext des historischen Kolonialismus ist berechtigt. Während sich die Kolonisatoren bis Ende des 19. Jahrhunderts mittels physischer Gewalt Menschen in die Sklaverei zwangen, sind es heute Armut und Arbeitslosigkeit, die die Menschen in die Hände der Outsourcing- und Tech-Konzerne treiben. Wirtschaftliche Verhältnisse also, die ihrerseits ein Produkt des Kolonialismus und dessen fortwährenden Abhängigkeiten sind. Indien etwa, das bevölkerungsreichste Land der Erde, hat beim Bruttoinlandsprodukt inzwischen zwar die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien eingeholt und sich den Rang der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt erobert. Beim aktuellen Human Development Index der Vereinten Nationen (HDI), der weitere Faktoren wie die Lebenserwartung bei der Geburt, das Bildungsniveau sowie das Pro-Kopf-Einkommen einbezieht, rangiert Indien allerdings auf Platz 130 von 193.
Die Datenarbeiter*innen aus dem Globalen Süden nehmen wir nicht wahr
Kenia wiederum ist zwar die siebtgrößte Ökonomie Afrikas, rangiert jedoch auf dem HDI mit Platz 143 sogar noch 13 Plätze hinter Indien. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt nach Angaben des größten Arbeitgeberverbandes des Landes bei 67 Prozent. Die Tech-Konzerne wissen diese Not für sich zu nutzen. Immer mehr Menschen rutschen in die Gig-Economy ab. Sie fahren Uber-Taxis, arbeiten für Lieferdienste oder verdingen sich als Datenarbeiter*innen. Die Pandemie hat diesen Prozess beschleunigt, aber auch die kenianische Regierung ist mitverantwortlich für diese Entwicklung. Präsident William Ruto hat in seinem Land Rahmenbedingungen geschaffen, die den Interessen der Tech-Konzerne und Outsourcing-Firmen weit entgegenkommen.
Die negativen Auswirkungen gehen weit über die Ausbeutung der Betroffenen hinaus. In die hohe Qualifikation der Crowdworker*innen im Globalen Süden haben viele dortige Regierungen umfangreiche Mittel investiert – in der Erwartung, die Investitionen würden später einen Beitrag für die wirtschaftliche Modernisierung ihrer Länder darstellen. Die sich an der Ausbeutung bereichernden Tech-Milliardäre verheizen jedoch einen Großteil der sehr gut ausgebildeten (IT-)Fachkräfte und konterkarieren damit das zeitgemäße Versprechen, wonach Bildung für die Gesellschaften des Globalen Südens der Königsweg sei, um aus Armut und Ungleichheit herauszukommen. Aus Studien der ILO geht hervor, dass in den Jahren 2022 und 2023 in Indien beispielsweise nahezu alle outgesourcten KI-Arbeiter*innen Universitätsabschlüsse haben. Für die Arbeiter*innen auf Microwork-Plattformen betrug die Zahl 94 Prozent.
Länder wie Indien, die massiv in Bildung investierten, insbesondere in die Ausbildung von Fächern wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, müssen nun mit ansehen, wie diese gut ausgebildeten Arbeitskräfte von ausländischen Tech-Konzernen und Outsourcing-Firmen für niedrigqualifizierte Tätigkeiten eingesetzt werden. Mit anderen Worten: Die Digitalisierung erfüllt das Entwicklungsversprechen nicht.
In Subsahara-Afrika sind die zweite Zielgruppe der Outsourcing-Firmen Menschen, die in Slums wohnen, zum Beispiel im südwestlich von Nairobi gelegenen Kibera, das als der zweitgrößte Slum der Welt gilt. Über eine Millionen Menschen leben hier dicht an dicht. Es herrschen Not und Armut. Wie die arbeitslosen Uni-Absolvent*innen, so sind auch diese Menschen oftmals bereit, alles für einen Job zu tun. Die Tech-Konzerne machen keinen Hehl daraus, dass sie sich diese Notsituation zunutze machen. Mehr noch. Sie brüsten sich sogar damit: »We employ the unemployable.« Diese Aussage bekommen die Betroffenen immer wieder auf der Arbeit zu hören.
Für Apple, Meta, Amazon, Microsoft und Google, die zu den größten Exporteuren von Datenarbeit in den Globalen Süden gehören, ist das Outsourcing ein einträgliches Geschäft. Ihre Gewinne sind geradezu schwindelerregend. Mit 100 Milliarden US-Dollar liegt Google an der Spitze, gefolgt von Apple mit fast 97 Milliarden US-Dollar. Amazon bildet mit 60 Milliarden Dollar das Schlusslicht. Wie gut es um das Unternehmen aus Seattle bestellt ist, zeigt sich daran, dass sie ihre Gewinne in nur einem Jahr um 86 Prozent steigern konnten. Während die gesamten Staatseinnahmen von EU-Ländern wie Portugal oder Griechenland noch knapp über dem Gewinn von Google liegen, nehmen zwölf EU-Staaten deutlich weniger ein; von Ländern des Globalen Südens ganz zu schweigen. Die Gewinne von Google und Apple übertreffen die Einnahmen Kenias um das Fünffache. Viele Tech-Arbeiter*innen wollen diese prekären Arbeitsbedingungen nicht mehr hinnehmen.
Widerstand formiert sich
In Nairobi, dem auch »Silicon Savannah« genannten afrikanischen Hub für Geisterarbeiter*innen, regt sich Gegenwehr. Im Jahr 2022 brachen Betroffene erstmals ihr Schweigen und machten ihre niedrigen Löhne, undurchsichtigen Einstellungspraktiken und traumatischen Arbeitsbedingungen durch Tech-Konzerne und Outsourcing-Firmen öffentlich. Nachdem den Betroffenen von der ortsansässigen Outsourcing-Firma, die die Vorwürfe bestreitet, gekündigt wurde, reichten sie Klage sowohl gegen das Unternehmen als auch gegen den eigentlichen Auftraggeber Meta ein. In einer weiteren Klage wird dem kenianischen Unternehmen und Meta vorgeworfen, einen Betroffenen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus Südafrika nach Kenia gelockt und dann gefeuert zu haben, als er sich gewerkschaftlich organisieren wollte. Vor Gericht unterstützt werden sie dabei von der kenianischen Staranwältin Mercy Mutemi. Die Rechtsanwältin hat keine Scheu, die Schuldigen beim Namen zu nennen: »Big Tech wird heute auf den geschundenen Rücken und Seelen der afrikanischen Jugend aufgebaut. Diese Menschen haben gelitten und Meta hat davon profitiert. Sie haben die Sozialen Medien sauber gehalten, damit der Konzern Milliarden verdienen kann. Als Dank wurden ihre Rechte mit Füßen getreten.« Obwohl Meta alle Verantwortung von sich weist, entschied das kenianische Gericht, dass Mark Zuckerbergs Konzern der grundsätzliche Arbeitgeber der Geisterarbeiter*innen war, da er die Prozesse und Standards vorgegeben und auch die Moderationssoftware gestellt habe, welche den Arbeitsalltag bestimmen.
Die Gerichtsverfahren sind dabei nur eine Form des Widerstandes. 150 kenianische Arbeiter*innen gründeten 2023 etwa die African Content Moderators Union, um ihre Interessen besser durchzusetzen. Sie fordern vor allem eine formale Untersuchung der Arbeitsbedingungen in den Unternehmen und bessere gesetzliche Rahmenbedingungen für die Branchen. Das soll über die Ländergrenzen hinweg gelten, die den Kontinent in 55 Länder aufteilen. So wollen sie vermeiden, dass die Konzerne ihre Arbeit in solche afrikanischen Länder auslagern, in denen laxe Gesetze für diese Branche gelten.
In ihrem Kampf für Gerechtigkeit werden die Geisterarbeiter*innen auch von Nichtregierungsorganisationen aus Europa bestärkt. Die britische NGO Foxglove unterstützt den Kampf der Tech-Arbeiter*innen und deren Gerichtsverfahren. Ihr Ziel: Meta, Google & Co. sollen belastende Tätigkeiten zukünftig nicht mehr in den Globalen Süden auslagern, sondern die dafür notwendigen Arbeiter*innen direkt bei sich anstellen und damit die volle Verantwortung übernehmen. Klar ist aber auch: Verbesserungen vor Ort allein genügen nicht. Es bedarf zudem der Regulierung und Haftbarmachung in den Ländern, in denen die Auftraggeber, sprich: die Tech-Konzerne, sitzen. Bedauerlicherweise stehen dort die Zeichen auch im Digitalzeitalter weiter auf die Deregulierung der Wirtschaft.