KI, Macht und Arbeit

Wozu brauchen wir sie?

von iz3w redaktion

16.12.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 412
Teil des Dossiers KI und globale Ungleichheit:

Künstliche Intelligenz (KI) verändert Berufe, Unternehmen und Branchen in einem atemberaubenden Tempo. Ist das eine technische Revolution? Dietmar Dath (Kritik am KI-Begriff) schreibt etwas nüchterner, dass KI zuerst einmal verschiedene Computerprogramme bezeichnet. Sie unterscheiden sich qualitativ. Welche Varianten von KI sich durchsetzen und welche nicht, bildet die Herrschaftsverhältnisse ab.

Der KI-Chatbot ChatGPT sagt über sich selbst: »KI bezeichnet Systeme oder Programme, die Aufgaben erledigen, die normalerweise menschliche Intelligenz erfordern, wie Lernen, Probleme lösen, Muster erkennen oder Entscheidungen treffen. KI nutzt Daten, Algorithmen und Rechenleistung, um Muster zu finden, Vorhersagen zu treffen oder Handlungen zu steuern.«

Georg Seeßlen findet im Einleitungsartikel, die Frage ist eher: »Wozu zum Teufel brauchen wir sie?« Dazu nennt er drei Antworten und räumt ein, »keine mag uns besonders gefallen«. Sie entstehen aus einer militärischen, kapitalistischen und sozialen Logik. Und mit der sozialen Logik ist etwa das Bedürfnis nach Überwachung gemeint.

Ein Mitarbeiter aus unserer Dossier-Arbeitsgruppe, Mirko Maschewsky, sieht in seinem Artikel (Wie uns die instrumentelle Vernunft digital beherrscht) sogar eine Tendenz auf dem Vormarsch, die der kritische Theoretiker Herbert Marcuse »Der eindimensionale Mensch« nannte: ein Kapitalismus, in dem Manipulation und Konformismus lückenlos wirken. KI-Anwendungen legen da noch eine Schippe drauf. Für das Exekutieren herrschaftsförmiger Entscheidungen werde künftig KI verantwortlich sein.

Die Regulationstheoretiker Etienne Schneider und Felix Syrovatka fragen sich mit Blick auf die Ökonomie, ob mit KI ein neues Akkumulationsregime kommt (»KI könnte eine neue Schlüssel­technologie sein«). KI könnte dafür eine neue Schlüsseltechnologie sein. Das passe zur aktuellen Digitalisierung der Produktionsverfahren.

Fred Kiefer aus unserer Dossier-Arbeitsgruppe verdient sein Geld als Programmierer. Er erkennt im Branchenumfeld der Programmierung in KI noch keine neue Schlüsseltechnologie. Echte Zeiteinsparungen durch KI sind in seinem Arbeitsalltag noch gering. Er bezweifelt, dass KI derzeit hier unterm Strich spektakulär nützlich ist – obwohl sie schon routinemäßig eingesetzt wird. KI sei derzeit noch zu unzuverlässig um einen spürbaren Abbau von Arbeitsplätzen auszulösen.

Sven Hilbig (Das neue Proletariat des Digital­zeitalters) die Aufmerksamkeit wieder auf die internationale Ebene: Real wird KI von Datenarbeiter*innen hergestellt und betrieben. Diese arbeiten oft in den Ländern des Globalen Südens. Sind sie das Proletariat des Digitalzeitalters? In Indien oder Kenia sind die Klickarbeiter*innen oft hoch qualifiziert, schlecht bezahlt und arbeiten westlichen Konzernen zu.

In unserer Arbeitsgruppe legte Fred Wert darauf, dass die Arbeitswelt komplex ist. Gerade die indische IT-Branche produzierte sehr unterschiedliche Qualität. Es gibt dort nicht nur die genannten Klickarbeiter*innen, sondern auch erfahrene, hochqualifizierte Entwickler*innen. Letztere wandern häufig aus. Noch gibt es sehr viele digitale ‚Bullshit-Jobs‘ – werden sie bald der KI-bedingten Automatisierung zum Opfer fallen?

Klick­arbeit

KI selbst produziere schon systembedingt Bullshit. Im Bereich der Arbeitswelt, etwa beim Programmieren, kann man einen Prozentsatz davon herausfiltern, mehr nicht. Wenn man sich dieser Problematik bewusst sei, könne man damit arbeiten, meint Fred. Die KI-Systeme machen oder plappern nach einstellbaren Parametern das, was man hören will: Damit sind sie super Arbeitskräfte. Und damit können sie Arbeitsplätze ersetzen, in denen es hauptsächlich um Bullshit geht. Marketing etwa könne KI genauso gut und besser produzieren als Menschen.

Rahel Lang weist auf die KI-unterstützte Produktion von Ausgrenzung hin (KI und auto­matisierte Systeme im Asyl­verfahren). KI und automatisierte Systeme werden in Asylverfahren sowie bei Grenzkontrollen eingesetzt. Technologien erfassen entlang der Fluchtrouten Daten. Bei späteren Asylbewerbungen können Algorithmen diese verwenden, um automatisierte Entscheidungen über eine mögliche Abschiebung zu treffen.

KI spielt also überall in viele Lebensbereiche hinein. Im Dossier blicken wir zudem auf die politische Regulierung in der Europäischen Union. Ein Autorenteam weist darauf hin, dass KI die Kluft zum Globalen Süden vertiefen kann. Am Beispiel des jüngsten EU-Afrika Gipfeltreffens fällt die Bilanz einer fairen Handelsbeziehung betreffend KI bescheiden aus. Dossier-Arbeitsgruppenmitglied Georg Lutz kommentiert, dass es bei aller Umwälzung eine Konstante in der KI-Ökonomie gibt: Oben bleibt oben und unten bleibt unten (Künstliche Intelligenz wälzt alles um?).

Zuletzt verlangt Elke Wittich einen bewussten Umgang mit KI, zum Beispiel in den Sozialen Medien (Mit Ki sprechen). Als sich die Autorin einmal zu sehr über die Lügen von ChatGPT aufgeregt hat, zwingt sie den Bot zu einer ehrlichen Entschuldigung, bei der Zerknirschung spürbar ist. Wir haben in der KI-Arbeitsgruppe also viel gelernt und hoffen, dass das Dossier auch den Leser*innen Aufklärung und Unterhaltung verschafft.

die redaktion

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