Ein Street-Art-Werk zeigt ein in blau gehaltenes Inneres eines Computerchips, auf dem die Einzelteile miteinander verkabelt sind. Um den Chip selbst, ist noch das Mauerwerk dargestellt, dass in der Mitte ein Loch hat.
»Beware! The Matrix ist real« | Foto: arbyreed CC BY-NC-SA 2.0

KI und Ungleich­heit

Wie der Globale Süden abgehängt wird

Künst­liche Intel­ligenz entwickelt sich rasant und hinter­lässt weltweit Spuren. So wird auf ver­schieden­en E­benen danach ge­rufen, sie sozial ver­träglich zu gestalten. Eine dieser Ebenen sind die inter­national­en Be­ziehung­en.

von Stefan Brocza, Laurenz Brocza und Gernot Fiebiger

11.12.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 412
Teil des Dossiers KI und globale Ungleichheit:

Fragt man ChatGPT, den weltweit beliebtesten KI-Assistenten, welche Auswirkung KI auf den Globalen Süden hat, erhält man folgende Antwort: »Die Auswirkungen von KI auf den Globalen Süden sind komplex und zweischneidig. Sie reichen von enormen Chancen für Entwicklung bis zu Risiken, die bestehende Ungleichheiten verschärfen können.« Es folgt eine sehr allgemeine Übersicht über Chancen, Risiken und Herausforderungen.

Der Janus­kopf

Grok, der KI-Chatbot aus dem Hause Musk, ist auf dieselbe Frage schon auskunftsfreudiger: »Künstliche Intelligenz (KI) hat das Potenzial, globale Ungleichheiten zu mildern oder zu verschärfen – insbesondere im Globalen Süden. Während der Globale Norden die Mehrheit der KI-Entwicklungen dominiert und von wirtschaftlichen Vorteilen profitiert, steht der Globale Süden vor einer ambivalenten Realität: Chancen für Inklusion und Wachstum, aber auch Risiken wie Abhängigkeit, Umweltschäden und soziale Disruptionen«. Grok verweist weiter auf eine Prognose der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, wonach KI bis zum Jahr 2030 bis zu 1,7 Billionen US-Dollar zum BIP des Globalen Süden beitragen könnte. Das funktioniere vor allem durch Effizienzgewinne in Sektoren wie Landwirtschaft und Gesundheit. Um diese Effekte noch weiter zu verstärken, werden Partnerschaften (z. B. mit den USA) empfohlen, die den Süden in die KI-Wertschöpfungskette einbinden und Abhängigkeiten von westlichen Modellen reduzieren.

Diese Empfehlung ist fragwürdig. Normalerweise wird als Folge der Einbindung in westliche Wertschöpfungsketten genannt, dass sie Abhängigkeit schafft (anstatt reduziert). Als negative Auswirkung führt Grok dann auch an, dass KI bestehende Ungleichheiten verstärkt: Der Norden kontrolliere immerhin 90 Prozent der KI-Forschung. Hohe Kapitalkosten und grundlegende Infrastrukturmängel (insbesondere in Subsahara-Afrika) würden zudem die Nutzung von KI behindern. Und schließlich drohe eine »neue koloniale Ordnung«, in der der Globale Süden zuarbeitet und Rohstoffe liefert, aber wenig profitiert.

Global­er Kraft­akt not­wendig

Dass die schöne neue KI-Welt nicht unbedingt zu mehr Gleichheit und Gerechtigkeit, und schon gar nicht zu mehr Wohlstand für alle führen wird, macht der jüngst von der UN-Handels- und Entwicklungsorganisation (UNCTAD) veröffentlichte »Technologie- und Innovationsbericht 2025« deutlich. Künstliche Intelligenz ist laut UNCTAD zwar auf dem besten Weg, bis 2033 ein globaler Markt mit einem Volumen von 4,8 Billionen Dollar zu werden – das entspricht in etwa der Größe der deutschen Wirtschaft. Gleichzeitig warnt der Technologie- und Innovationsbericht 2025 vor der zunehmenden Ungleichheit in der KI-Landschaft. Der Bericht zeigt, dass nur 100 Unternehmen, überwiegend aus den Vereinigten Staaten und China, hinter 40 Prozent der weltweiten privaten Investitionen in Forschung und Entwicklung stehen. Das weist auf eine erhebliche Machtkonzentration hin.

Der Norden kontrolliert 90 Prozent der KI-Forschung

Gleichzeitig seien 118 Länder – zumeist aus dem Globalen Süden – von den globalen KI-Governance-Diskussionen gänzlich ausgeschlossen. UNCTAD-Generalsekretärin Rebeca Grynspan unterstrich bei der Präsentation des Berichts die Bedeutung, »gemeinsam einen globalen Rahmen für Künstliche Intelligenz zu schaffen«. Um nicht abgehängt zu werden, sollten insbesondere Entwicklungsländer laut UNCTAD drei zentrale Hebel stärken: Infrastruktur, Daten und Kompetenzen. Allerdings stellt sich hier die Frage, ob UN-Organisationen und Länder des Globalen Südens einen solchen Wandel bewerkstelligen können.

Neben nationalen Maßnahmen ruft UNCTAD zu einer stärkeren internationalen Zusammenarbeit auf, um die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz zu steuern. Der Bericht schlägt die Einrichtung einer gemeinsamen globalen Infrastruktur vor. Diese solle allen Ländern gleichberechtigten Zugang zu Rechenleistung und KI-Werkzeugen ermöglichen. Zudem empfiehlt UNCTAD die Einführung öffentlich einsehbarer Rahmenstandards für KI, ähnlich den bestehenden ESG-Standards (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung), um Transparenz und Rechenschaftspflicht zu stärken.

»Die Geschichte zeigt: Technologischer Fortschritt treibt das Wirtschaftswachstum an, sorgt aber nicht automatisch für gerechte Einkommensverteilung oder inklusive menschliche Entwicklung«, betonte Grynspan und fordert, Menschen in den Mittelpunkt der KI-Revolution zu stellen.

Global­er Kom­pass?

Einen global verhandelten Völkerrechtstext in diesem wichtigen Zukunftsfeld gibt es bereits. Die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) hat auf ihrer Generalversammlung im November 2021 eine Empfehlung zur Ethik Künstlicher Intelligenz angenommen. Der Fokus liegt dabei auf den Belangen der ärmsten Staaten und Fragen der internationalen Zusammenarbeit.

Auch die so genannten »Low and Middle Income Countries« (Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen) stehen im Fokus, da sie in der Debatte über die Ethik der KI bislang unterrepräsentiert waren. In Anbetracht der Vernachlässigung lokalen Wissens, eines kulturellen Pluralismus und des Anspruchs globaler Fairness im Umgang mit den positiven und negativen Auswirkungen von KI-Technologien, ist diese Gewichtung mehr als bedenklich.

Die Empfehlung zeichnet sich aus durch klar definierte ethische Werte und Prinzipien, ihre Menschenrechtssprache und durch konkrete Ziele und Gestaltungsaufgaben für die UNESCO-Mitgliedstaaten. Sie erfüllt somit alle Voraussetzungen für einen globalen Kompass, betreffend eine verantwortliche KI-Entwicklung und -Nutzung.

In Politikbereichen wie Folgen für die Arbeitswelt, den Gesundheits- oder den Bildungssektor gibt die Empfehlung konkrete Vorschläge für den ethischen Einsatz von KI. Gleichzeitig werden bisherige ‚blinde Flecken‘ des KI-Rechts angesprochen: die Interessen des Globalen Südens, geschlechtsspezifische Vorurteile, Diskriminierung oder Fragen der Nachhaltigkeit.

Und die EU?

Die Europäische Union ist verglichen mit den USA und der Volksrepublik China eher eine ‚Mittelmacht‘ in KI-Entwicklung. Vergleichsweise ambitioniert erscheint sie in der politischen Regulierung des Felds. Die EU geht mit ihrer Initiative zum AI Act (Künstliche-Intelligenz-Gesetz) einen Schritt, um den Einsatz von KI zu regeln. Die Gestalt und das Gelingen des Regulierungsversuches sind noch offen.

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Wie positioniert sich die EU aktuell zu Fragen der internationalen KI-Regulierung? Hier bietet es sich an, einen Blick auf den jüngsten Kontakt der EU mit der Afrikanischen Union (AU) zu werfen. Ende November fand in Angolas Hauptstadt Luanda das EU-Afrika Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs statt. Die Vertreter*innen von insgesamt fast zwei Milliarden Menschen in 80 Staaten – die zudem über 40 Prozent der UN-Mitglieder darstellen – sprachen über eine engere politische und wirtschaftliche Partnerschaft. Die Abschlusserklärung umfasst 49 Abschnitte auf zehn Seiten. Lediglich ein Abschnitt beschäftigt sich dabei mit dem Thema »digitale Transformation« und nur in der letzten Zeile dieses Absatzes wird KI erwähnt: Man wolle eine »menschenzentrierte und vertrauenswürdige Künstliche Intelligenz, die die Rechte an geistigem Eigentum respektiert«.

Zudem wird die Existenz der »AU Digital Transformation Strategy« und der »EU International Digital Strategy« begrüßt. Liest man diese beiden Strategien in Hinblick auf KI, kehrt rasche Ernüchterung ein: In der 53-seitigen Strategie der AU findet man KI wieder nur auf einer Seite. Und auch da wird sie nur als »emerging technology« neben »blockchain«, »Internet of things« und »3D printing« erwähnt.

Und was die Internationale Digitalstrategie der EU angeht, so wird bei näherer Lektüre rasch klar, worum es dabei geht: Neben dem Aufbau einer ‚regelbasierten Weltordnung‘ im digitalen Bereich im Einklang mit EU-Werten soll durch Investitionen in KI-Fabriken in Partnerländern die Position der EU und ihrer Mitgliedstaaten abgesichert werden. Das alles klingt weniger nach einer strahlenden Zukunft und mehr nach der Perpetuierung altbekannter Machtverhältnisse.

Stefan Brocza ist Experte für Europarecht und internationale Beziehungen; Laurenz Brocza ist KI-Consultant bei einem börsen-notierten US-amerikanischen IT-Dienstleister; Gernot Fiebiger ist Wirtschaftsjurist, Experte für EU Wettbewerbsrecht und beschäftigt sich mit aktuellen KI-Rechtsfragen.

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