Ein Kinderwagen steht auf der rechten Bildseite in einem grauen Hausflur mit Blickrichtung zur Eingangstür.
Buggy-Garage in der Großstadt | Foto: Dennis Skley CC BY-ND 2.0

Kinderkriegen im Kapitalismus

Für sich, gegen und mit­einander

Es geht darum, die Widersprüche und Differenzen der Welt nicht zu überwinden oder zu versöhnen – sondern sie herauszuarbeiten. Statt zu versuchen, sie aufzulösen, sollten wir sie als Elemente der Wahrheit anerkennen und ernst nehmen. In diesem Sinne dreht sich die erste Episode unserer neuen Rubrik der Alltagskritik um das Kinderkriegen im Kapitalismus.

von Mirko Maschewsky

12.12.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 412

Wenn ich nur mal kurz darüber nachdenke, fallen mir eine Menge guter, aber auch gruseliger Gründe ein, im Kapitalismus Kinder zu kriegen. Erstmal aus Selbstbestimmtheit gegen die religiöse, biopolitische und sonst wie patriarchale Fremdbestimmung. Aus dem Bedürfnis, sich selbst oder einander als liebende, sorgende und Sicherheit spendende Geschöpfe zu erfahren. Oder aus dem Bedürfnis, die Rolle eines Elternteils zu erfüllen und dann für den größten Teil des eigenen Erwachsenenlebens zu leben.

Auch eine Liebesbeziehung mit sich oder anderen Menschen, um die Ebene einer tiefgehenden Care-Beziehung zu erweitern, kann ein Grund fürs Kinderkriegen sein. Oder der Versuch, eine nicht funktionierende Liebesbeziehung zu retten oder überhaupt erst zu etablieren. Vielleicht auch die Hoffnung, sich selbst aus Süchten, anderem toxischen Verhalten oder aus der Sinnlosigkeit und Einsamkeit im Kapitalismus zu retten. Oder der Wunsch, alternative Elternschaftsmodelle zu erfahren und weiterzuentwickeln, und damit das regressive Modell der bürgerlichen Kleinfamilie zu überwinden.

Bälle­bad

Das Bedürfnis, Kinder in die Welt zu setzen, kann aber auch der Langeweile entspringen: um der leblosen Monotonie des Daseins – unter der Bedingung vielschichtiger Herrschaftsverhältnisse – zu entkommen. Vielleicht will man der ganzen heteronormativen Kackscheiße auch einen Menschen entgegensetzen, der unter anständigen Homos aufgewachsen ist. »Heteronormative Kackscheiße und Homos« sind hier natürlich austauschbar gegen alle möglichen anderen Begriffspaare wie »Spießerscheiße und Pöbelpunks«, »imperiale Lebensweise und Klimakleber*innen« oder »eurozentrische Sichtweise und Menschen mit Migrationsgeschichte aus dem globalen Süden«.

Blut und Boden sind der Grund, aus patriotischer Begeisterung Kinder zu kriegen

Der Wunsch nach eigenen Kindern kann aber auch von ganz bestimmten Vorstellungen geleitet sein: man wünscht sich einen Jungen und bricht in Tränen aus, wenn das Kind nicht das hegemoniale Geschlecht hat. Von Familie, Gesellschaft und Staat wird man überhaupt erst vollständig als ‚Frau‘ oder ‚Mann‘ anerkannt, wenn man sich erfolgreich fortgepflanzt hat. Auch weil Gott, Allah, das Karma, der Mann im Mond oder die ‚Natur‘ sagen, dass Menschen – vor allem aber solche mit Uterus – Kinder kriegen sollen. Dazu gehört auch, dass ohne Hetero-Beziehung (mit Kindern) die eigene Heterosexualität angezweifelt werden kann, was mancherorts nicht ungefährlich ist.

Fußball­platz

Im Kapitalismus sind Kinder auch mit Besitz und Leistung verknüpft: Kinder wollen, um allen anderen zu zeigen, dass man erfolgreich darin war, die eigene Arbeitskraft in Konkurrenz zu verkaufen – sich Kinder deshalb leisten können – und nicht etwa zu behindert, zu alt oder auf eine andere Art zu ‚unwert‘ zu sein. Blicke ich über den Tellerrand des globalen Nordens in Länder ohne Rentensysteme, dann ist aber auch das ökonomische Absichern im Alter ein verdammt guter Grund, Kinder zu bekommen. Das gilt übrigens auch für wenig oder gar nicht sozial abgesicherte Menschen im globalen Norden, welche in den ganzen lustigen Hochausbeutungsjobs arbeiten müssen. Die Besitzenden mit Firma, Haus und anderem Eigentum sichern durch Kinder wiederum, dass die eigene Macht und Privilegien nicht einfach sozial umverteilt, sondern ordnungsgemäß in Blutlinie weitergegeben werden.

Nicht zuletzt sichern Kinder die eigene ,Rasse‘, Ethnie oder Kultur vor dem vermeintlichen Aussterben und davor, den hegemonialen Platz in der Welt zu verlieren. Blut und Boden sind der Grund, aus patriotischer Begeisterung Kinder zu kriegen. Kinder, die hierzulande dann zu schwarz-rot-gold gestreiften Männchen werden sollen, die im Erwachsenenalter noch immer mit Bällen spielen. Oder sie werden zu den nächsten Staatsbediensteten, die Abschiebungen durchsetzen, oder zu Drohnen-Pilot*innen, die ihre Massenvernichtungswaffen über dem globalen Süden abwerfen, um die liberale Freiheit für die gesamte Menschheit zu ,verteidigen‘.

Doppel­haus­hälfte

Mir alleine fallen bestimmt auch ein paar Gründe ein, im Kapitalismus keine Kinder zu kriegen. Naja gut, neben der Tatsache, dass ich Vater einer wunderbaren 24-jährigen Tochter bin, habe ich vor etwa zehn Jahren eine Vasektomie machen lassen. Dies nicht nur, um bei Heterosex ohne Kondome verhüten zu können, sondern auch, um mir in einem fiktiven Jahr 2030 von einem etwas furchteinflößenden, schlecht gelaunten jugendlichen Menschen nicht völlig zu Recht vorwerfen zu lassen, dass ich ihn in den Klimakollaps, den heraufziehenden globalen Faschismus und den antifeministischen Rollback hineingezeugt habe.

Menschen haben aber auch andere Gründe. Wieder Selbstbestimmung: sich nicht von Gott, Staat und Patriarchat einreden lassen, dass es der eigene Job sei, Kinder zu bekommen. Zentral ist hier das Patriarchat, denn mit dem Kinderkriegen wird man den Anforderungen binär-geschlechtlicher Herrschaft gerecht. Menschen sagen auch Nein zu eigenen Kindern aus der Angst, Freundschaften und Beziehungen zu killen und sich sozial zurück zu ziehen. Um nicht allein oder zu zweit ein erstmal vollkommen fremdbestimmtes entpolitisiertes Leben zu führen.

»Das Bedürfnis, Kinder in die Welt zu setzen, kann aber auch der Lange­weile entspringen: um der leblosen Monotonie des Daseins – unter der Bedingung vielschichtiger Herrschafts­verhältnisse – zu entkommen.«

Mirko Maschwesky, 2025

Puller­party

Auch auf die unbezahlte Ausbeutung von Carearbeit muss man keinen Bock haben. Für manche weiblich gelesenen Menschen bedeuten Kinder auch das Ende der Karriere – weil Kind und Job einfach schlecht zusammengehen. Außerdem werden Kinder im aktuellen Diskurs als nervig und ätzend dargestellt, weshalb es »kinderfreie Zonen« braucht, in der die eigene Konsumidentität ungestört von Kindern – und auch von den betreuenden Müttern – ausgelebt werden kann.

Auch die Erkenntnis, dass Kinder im Kapitalismus das Bedürfnis nach einem unvergänglichen Privateigentum erfüllen sollen, kann gegen das Kinderkriegen sprechen. Vermögen und Konsumgüter sind vergänglich und letztere müssen aufgrund der kapitalistischen Produktionsweise immer wieder durch neue ausgetauscht werden. Kinder sollen das kapitalistisch-metaphysische Bedürfnis nach unvergänglichem, nie langweilig werdendem Konsum befriedigen, den einem niemand mehr wegnehmen kann.

Killerbabys

Die Birthstrike-Bewegung etwa lehnt Kinderkriegen ab, weil die Klimakrise die Endlichkeit der planetaren Lebensgrundlage der Menschheit aufzeigt: Aus dieser Perspektive sterben für jedes Kind im Laufe seines Lebens zehntausende Lebewesen. So wird im globalen Norden ein ungeheures Ausmaß an Gewalt gegen Tiere, Pflanzen und die Biosphäre ausgeübt. Europäer*innen verbrauchen laut dem Global Footprint Network 2024 pro Jahr 46.900m² planetaren Lebensraum pro Mensch – in Afrika sind es noch immer 8.400m².

Berechtigt ist die Kritik, dass unter den Bedingungen kapitalistischer Produktion und imperialer Lebensweise für jedes Kind ein beträchtlicher Anteil planetaren Lebensraums dauerhaft verseucht wird. Die Ideologie dahinter ist die christlich-kapitalistische Prämisse aller liberalen Freiheit: Herrenrasse Mensch. Nach dieser ist die Menschheit nicht nur uneingeschränkt dazu berechtigt, sondern sogar dazu verpflichtet, alle anderen Lebewesen bis hin zu deren Auslöschung für den Selbstzweck des zügellosen Wachstums kapitalistischer Ökonomie auszubeuten.

Villa Kunterbunt

Existiert ein Ausweg aus diesen Widersprüchen? Nope, sorry Leute, nicht auf der Ebene negativer Dialektik, also auf der Ebene des Erkennens, Herausarbeitens und Aushaltens von Widersprüchen. Der Ausweg besteht meiner Ansicht nach jedoch in einer Praxis, die ich kollektive Selbstbestimmung nennen würde: Die Menschheit kann sich als Gesamtheit, alle einzelnen Menschen gemeinsam, der Widersprüche des Kinderkriegens im Kapitalismus bewusstwerden, um folgend darüber zu diskutieren wie zu entscheiden – und dabei die Bedürfnisse aller vergangenen, jetzigen und zukünftigen Lebewesen auf diesem Planeten in ihre Entscheidungen mit einzubeziehen.

Dafür müssen wir uns auf Augenhöhe organisieren, also vorbei an allen herrschaftstragenden Institutionen. Eine gemeinsame materielle Basis der Menschheit muss für die Realisation getroffener Entscheidungen geschaffen werden. Denn kollektive Selbstbestimmung bedeutet nicht nur gemeinsam hierarchiefrei Entscheidungen nach dem Konsensprinzip zu suchen, sondern die Realisierung dieser Entscheidungen auch aus einem gemeinsamen Pool materieller Ressourcen verwirklichen zu können.

Hier gilt jedoch die Einschränkung, dass ein mit der gesamten Menschheit getroffener Konsens – obwohl dieser selbst erarbeitet wurde – dem Individuum später psychisch als objektive Gewalt gegenübertreten kann. Deshalb muss es immer die Option geben, sich individuell gegen den gemeinsamen Konsens zu entscheiden – und im Zuge dessen einen neuen gemeinsamen Bewusstwerdungs-, Diskussions- und Entscheidungsprozess in Gang zu setzen.

Mirko Maschewsky arbeitet im iz3w.

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 412 Heft bestellen
Unsere Inhalte sind werbefrei!

Wir machen seit Jahrzehnten unabhängigen Journalismus, kollektiv und kritisch. Unsere Autor*innen schreiben ohne Honorar. Hauptamtliche Redaktion, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit halten den Laden am Laufen.

iz3w unterstützen