Tourismus und Klassenfrage
Bettenburg und Belle Époque
Alle möchten verreisen, doch wer kann und will sich was leisten? Die Tourismusindustrie ist durch das Phänomen des Massentourismus in die Kritik geraten. Dabei wird übersehen, dass Tourismus schon immer eine Klassenfrage war, in der Habitus, finanzielle Ressourcen und Status eine große Rolle spielen. Und Urlaubsreisen gehen immer auf Kosten von Anderen. Mal mehr, mal weniger.
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde es Mode, auf Bildungsreise zu gehen. Adlige und Reiche machten sich auf, um Kultur und Kunst der europäischen Nachbarländer zu erkunden – den Rhein entlang oder nach Wien, Paris, Rom oder Venedig. Erst im 19. Jahrhundert etablierten sich genormte Angebote an Vergnügens- oder Erholungsreisen. Die Ziele wurden ausgefallener, die Italienreise genügte nicht mehr. Nun ging es mit dem Orient-Express nach Istanbul oder mit dem Dampfschiff nach Ägypten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog es das wohlhabendere Bürgertum für mehrere Wochen Sommerfrische in die mondänen Seebäder. Auch das Proletariat erkämpfte sich nach dem Ersten Weltkrieg das Recht auf (bezahlten) Urlaub, Kuraufenthalte und Wanderfahrten. Doch schon Ende des 19. Jahrhunderts war es nicht allein das Bürgertum, das Europa bereiste. Hinzu kam eine klassenbewusste, international organisierte Gemeinschaft, die solidarische Netzwerke aufbaute: Seien es Wochenendausflüge zusammen mit Vereinen wie den Naturfreunden oder Kurzreisen mit der Familie mit der Eisenbahn. Mitte des 19. Jahrhunderts folgten erste Pauschalreisen, die Arbeiter*innen zu einem organisierten Urlaub verhalfen. Diese Reiseform besteht bis heute. So ist der umstrittene Begriff des Massentourismus von Beginn an mit der proletarischen Klasse verbunden. Schließlich wurde der bezahlte Urlaub von den Gewerkschaften im 20. Jahrhundert hart erkämpft.
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