Adenike Oladosu steht in einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift »The Ecofeminist« auf einem Feld, im Hintergrund stehen einige weitere Personen
Die Aktivistin Adenike Oladosu setzt sich auch für Geschlechtergerechtigkeit ein | Foto: A. Oladosu

»Erwachsene müssen Jugendlichen etwas zutrauen«

Interview mit der Klima­aktivistin Adenike Oladosu

Die Klimabewegung erreichte ihren Höhepunkt um die Jahre 2018– 2020 mit den großen Fridays for Future-Protesten. Die Bewegung erfasste schnell zahlreiche Länder auf allen Kontinenten und politisierte eine ganze Generation nachhaltig. Adenike Oladosu initiierte die nigeriansche FFF-Bewegung, heute forscht sie für das Institut für Nachhaltigkeit in Potsdam. Wir haben mit ihr über die Entwicklung der Klimabewegung gesprochen.

Das Interview führte Nina Piening

21.10.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 411
Teil des Dossiers Generation Z in Aufruhr

iz3w: Hast du das Gefühl, dass Stimmen junger Menschen in Nigeria und Afrika gehört werden?

Adenike Oladosu: Junge Menschen werden sich bewusst, dass unsere Zukunft wichtig ist. Sie können Druck auf die Verantwortlichen ausüben, indem sie protestieren, sie zur Rechenschaft ziehen und ihnen zeigen: Es kann nicht einfach so weitergehen wie bisher, dass Erwachsene Entscheidungen für alle treffen. Nur weil wir die Führungskräfte von morgen sind, müssen wir nicht auf morgen warten. Die Dinge haben sich also in gewisser Weise geändert, sodass ich sagen würde: Ja, ich habe das Gefühl, dass uns jetzt mehr zugehört wird.

Was hat sich verändert?

Sagten Kinder früher, sie hätten in der Schule gelernt, dass der Klimawandel real ist, entgegneten Erwachsene: »Nein, das stimmt nicht. Ihr wisst nicht, wovon ihr sprecht.« Aber nach einiger Zeit mussten sie den Kindern zustimmen, weil sie beispielsweise wegen der Hitze nicht mehr im Haus schlafen konnten. Damit beginnt die Veränderung.

»Globale Solidarität kann nicht unterdrückt werden«

Erwachsene müssen jungen Menschen zutrauen, dass sie wissen, was sie wollen und wofür sie kämpfen.

Ich nahm 2019 als nigerianische Jugenddelegierte an der UN-Klimakonferenz in Madrid teil – das war das erste Mal, dass junge Menschen aus Nigeria dabei waren. Von der Regierung unterstützt konnten wir unsere Stimme in der globalen Klimapolitik erheben. Das hat den politischen Entscheidungsträger*innen bewusst gemacht, dass wir da sind, um sie für jede ihrer Entscheidungen zur Rechenschaft zu ziehen. Dadurch haben wir jetzt zum Beispiel auch Fonds, welche die Jugend- und Klimabewegungen unterstützen.

Das klingt, als wäre die Klimabewegung sehr erfolgreich. Gab es von Seiten der nigerianischen Regierung keine Widerstände?

Die Bewegung war für die Regierung zunächst eher eine Bedrohung. Sie forderte, dass die Regierung aufhört, Profite auf Kosten des Klimas zu machen. Die Regierung wollte weitermachen wie bisher. Aber sie können laute Stimmen und globale Solidarität nicht unterdrücken. Deshalb ist Solidarität so wichtig.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass die nigerianische Regierung einen Gesetzesentwurf zum Klimawandel hatte, der schon sehr lange vorlag. Als wir 2021 den öffentlichen Druck erhöhten, mussten sie diesen Gesetzentwurf unterzeichnen – den Climate Crisis Act 2021.

Wie fing dein Aktivismus an?

Ich bin im nigerianischen Bundesstaat Benue, bekannt als »food basket« des Landes, zur Schule gegangen. Ich habe gesehen, wie sich der Klimawandel mit Überschwemmungen, Dürren oder extremen Temperaturen auf die Landschaft auswirkt. 2018 las ich einen globalen Bericht über den Klimawandel, was meine Gesellschaft für Klimagerechtigkeit braucht und was ich beitragen könnte. Das brachte mich zum Nachdenken. Dann stieß ich auf die Bewegung Fridays for Future und sah dort, wie ein junger Mensch nicht nur einen Protest, sondern einen Schulstreik starten konnte. Wenn Greta das konnte, warum sollte ich das nicht auch können?

Und dann hast du dich der Bewegung angeschlossen?

Ja, ich wollte Gestalterin des Wandels sein, den meine Gesellschaft braucht. Als ich anfing, sagten mir viele Leute, dass das in Nigeria nicht funktionieren würde, weil es für junge Menschen so schwierig sei, sich Gehör zu verschaffen. Aber ich wollte, dass junge Menschen sich als Entscheidungsträger*innen sehen – und das hat funktioniert. Die Bewegung ist für alle da, die sich als Kräfte des notwendigen gesellschaftlichen Wandels sehen.

Wo fängt Wandel für dich an?

Ich sehe Zusammenhänge verschiedener Probleme in der nigerianischen Gesellschaft. Zum Beispiel beim Problem der Kinderheirat: Junge Mädchen, die eigentlich zur Schule gehen sollten, werden aufgrund von klimabedingter Ernährungsunsicherheit verheiratet. Ich sehe auch Zusammenhänge mit unserer Initiative zur Regeneration des Tschadsees. Als ich 2019 begann, für die Auswirkungen der Schäden am Tschadsee zu sensibilisieren, wurde mir nicht geglaubt. Deshalb ist Bewusstseinsbildung so wichtig. Du kannst ein Problem nicht lösen, wenn du nicht weißt, dass es existiert. Und das ist das Schöne an dem, was junge Menschen im Klimaschutz bewirken können.

Worum geht es beim Tschadsee?

Der Tschadsee ist mittlerweile um 90 Prozent geschrumpft. Das hat Auswirkungen auf die angrenzenden Länder: Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun. In Nigeria ist der Nordosten, Borno, am stärksten betroffenen. 10,7 Millionen Menschen sind zu Klimavertriebenen geworden, weitere 2,5 Millionen Menschen benötigen dringend humanitäre Hilfe. Die Lage ist ernst: Der See trocknet weiter aus und die Sahelzone breitet sich mit unvorhersehbaren Folgen aus. Die Menschen verlieren täglich ihre Lebensgrundlage und sind gezwungen, ihre Gemeinden zu verlassen. Das nutzen terroristische Gruppen wie die Boko Haram aus, um diese Menschen dazu zu bringen, sich ihnen anzuschließen.

»Der Klimawandel nimmt Menschen ihre Menschlichkeit«

Frauen sind von dieser Krise noch stärker betroffen. Ich sehe einen engen Zusammenhang zwischen der klimabedingten Verschlechterung der Lebensbedingungen, psychischer Belastung und dem Rückgang der Frauenrechte: Wenn es zu Dürren kommt, werden junge Mädchen in die Ehe verkauft. Sie müssen auch weite Strecken zurücklegen, um Wasser zu holen – bis zu vier oder sechs Stunden pro Tag. Insgesamt verbringen Frauen in Subsahara-Afrika 40 Milliarden Stunden im Jahr mit der Wassersuche. Diese Zeit hätten die Frauen für Bildungs- oder Umweltaktivitäten nutzen können. Auch deshalb setze ich mich seit langem dafür ein, dass Maßnahmen zur Regeneration des Sees ergriffen werden.

Deshalb bezeichnest du dich auch als »Eco-Feminist«?

Ja. Es geht darum, einen sicheren Raum für Frauen zu schaffen: das betrifft die Bereitstellung von Ressourcen für Frauen, aber auch die Förderung von Frauen in Führungsrollen. Aufgrund bestimmter soziokultureller Normen haben Frauen oft kein Recht auf Landbesitz. Ihnen dieses Land zu geben oder mit traditionellen Entscheidungsträgern darüber zu sprechen, war für uns ein entscheidender Schritt, um dieses Bewusstsein zu schärfen und die Sichtbarkeit von Frauen als Gestalterinnen des Wandels zu erhöhen.

Die globale Aufmerksamkeit für Klimaproteste hat wieder abgenommen. Wie erklärst du dir diese Entwicklung?

Die Massenproteste 2018 haben dazu beigetragen, dass die Politik ihre Aufmerksamkeit auf den Klimawandel richtete, denn zuvor sprach niemand über dieses Thema. Ja, derzeit gibt es keine Proteste in gleichem Ausmaß, aber ich glaube nicht, dass junge Menschen nicht mehr aktiv sind. Wahrscheinlich haben sie ihre Aktivitäten verlagert, wie zum Beispiel auf Forschung, Gespräche mit Politiker*innen oder die Mitarbeit in NGOs. Ich zum Beispiel habe an den Protesten teilgenommen, aber jetzt beforsche ich, wie wir daraus lernen können. Wenn wir nur eine einzige Strategie verfolgen, funktioniert das möglicherweise nicht. Es ist besser, eine Strategie eine Zeit lang anzuwenden und dann zu einer anderen überzugehen. Vielleicht kehren wir nach einigen Jahren wieder zur Strategie der Massenproteste zurück – es würde mich nicht überraschen, wenn es in den nächsten Jahren wieder dazu käme.

Fühlst du dich als Person aus dem Globalen Süden, welche die Folgen des Klimawandels bereits drastischer erlebt, im Globalen Norden gehört?

Wenn die Menschen aus dem Globalen Norden überhaupt nicht zuhören würden, wäre ich nicht hier in den deutschen Instituten und Stipendienprogrammen. Viele wissen, dass sie sich weltweit solidarisch mit uns zeigen müssen, zumindest in bestimmten Bereichen, wie Sponsoring, Unterstützung von Projekten oder Forschung. Doch andere Aspekte, wie die Eindämmung der Gasförderung im Globalen Süden, sind schwer zu erreichen. Die internationalen Unternehmen kümmern sich nicht um die Umwelt und ihre Handlungen schaden Millionen von Menschen im Globalen Süden.

Menschen im Globalen Norden werfen uns im Globalen Süden vor, dass unsere Bevölkerung zu groß sei und dies die Klimakrise verursache. Aber in Afrika, einem ganzen Kontinent, verursachen wir nur drei Prozent der globalen Emissionen. Es ist nicht unsere Bevölkerung, die zur Klimakrise beiträgt, aber wir sind davon betroffen. Wenn es zu Überschwemmungen kommt, sind die Menschen gezwungen, ihre Gemeinden zu verlassen, in denen ihre Vorfahren seit Jahrhunderten gelebt haben. Niemand möchte ein Flüchtling werden. Es passiert einfach, dass der Klimawandel Menschen aus ihrer Heimat vertreibt und ihnen ihre Arbeit und Existenzgrundlage nimmt. Er nimmt ihnen ihre Menschlichkeit. Das sind die Aspekte, die der Globale Norden noch nicht versteht. Deshalb sagen wir Nein zu fossilen Brennstoffen, Nein zum Ausbau der Gasversorgung und Nein zu nicht nachhaltigen Aktivitäten!

Das Interview führte Nina Piening (iz3w).

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 411 Heft bestellen
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