»Eine der größten Ungerechtigkeiten unserer Zeit«
Workshop zu Klimagerechtigkeit vom Transborders Camp in Nantes
Audiobeitrag von Lars Springfeld
04.09.2025
Teil des Dossiers Festung Deutschland
Vielen in Deutschland bleibt die Flutkatastrophe im Sommer 2021 in Erinnerung. 135 Menschen starben alleine im Ahrtal, insgesamt 195 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Katastrophen in dieser Größenordnung ereignen sich in Niger Jahr für Jahr. Zwischen August und Oktober leidet der Sahelstaat unter extremen Überschwemmungen. 2024 wurde die Existenz von mehr als 40.000 Haushalten zerstört. Doch von solchen Folgen des Klimawandels außerhalb Europas erfährt man in Europa in der Regel nur wenig.
Im August 2025 hat das transnationale Netzwerk Afrique-Europe-Interact einen Workshop zum Thema Klimagerechtigkeit organisiert. Aktivist*innen aus Niger, Mali, Togo und Guinea berichteten, wie die Menschen in Westafrika schon heute mit den Folgen des Klimawandels leben. Was ist hier die Verantwortung Europas? Können die Betroffenen auf Kompensationszahlungen für Schäden und Verluste hoffen? Oder bringen diese vielmehr neue Probleme mit sich?
Skript zum Audiobeitrag
südnordfunk #136 – Erstausstrahlung am 2. September 2025
Mamadou Bolly Keira: Vor einigen Wochen rief mich mein Bruder aus Guinea an. Er sagte, ein Viehzüchter sei gekommen und wolle sich auf unserem Land niederlassen. Sie haben das kategorisch abgelehnt. Denn manchmal haben die Viehhirten ihre Herde nicht vollständig unter Kontrolle.
Sprecher: Mamadou Bolly Keira lebt in Deutschland und stammt aus Guinea. Er erzählt seine Geschichte auf einem Workshop zum Thema Klimagerechtigkeit auf dem Transborder Summer Camp in der Nähe von Nantes. Etwa 500 Personen sind zum Transborder Summer Camp gekommen. Sie engagieren sich gegen Grenzen und für Bewegungsfreiheit – in verschiedenen europäischen Ländern und darüber hinaus. Der Workshop zu Klimagerechtigkeit wird organisiert vom Netzwerk Afrique-Europe-Interact.
Keira: Nun, zunächst hat der Herr woanders gesucht, aber keinen Platz für seine Tiere gefunden. Dann ist er wiedergekommen und hat sich mit den Kühen auf unserem Land niedergelassen. Es gab eine große Diskussion. Schließlich habe ich mit dem Herrn gesprochen. Ich wollte wissen, warum er mit einer Herde von 800 Rindern gekommen ist. Warum will er sich hier niederlassen?
Sprecher: Normalerweise sei er mit seiner Herde weiter östlich unterwegs, berichtet der Besitzer der Rinder. Dort habe es immer genug Wasser gegeben. Aber jetzt seien die Seen und Flüsse vertrocknet. Ohne ausreichend Wasser würden die Tiere sterben.
»Warum gab es früher Wasser im Überfluss und jetzt keines mehr?«
Keira: Der Herr sagte, er lebt von den Kühen. Er hat 16 Kinder. Alle ernährt er durch die Viehzucht. Ich habe ihn gefragt, warum es früher Wasser im Überfluss gab und es jetzt zu einer bestimmten Jahreszeit kein Wasser mehr gibt. Er wusste es nicht. Er konnte mir nicht erklären, warum das so ist. Ich persönlich weiß, das ist eine der Folgen der Klimaerwärmung.
Sprecher: Mamadou Bolly Keiras Geschichte ist kein Einzelfall. Längst spüren die Menschen in Westafrika die Folgen des Klimawandels in ihrem Alltag. Und das, obwohl sie mit am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben. Daran erinnert Oumarou Mfochivé, der zu Klimaschulden und Reparationen forscht. Hinter dem Klimawandel verstecke sich eine der größten Ungerechtigkeiten unserer Zeit.
Klimakrise auf dem Land und in den Städten
Sprecher: In der Diskussion um den Klimawandel ist oft von Loss and Damages die Rede, von Verlusten und Schäden. Die Frage eines Entschädigungsfonds und wer für die Finanzierung aufkommen soll, ist eine der Streitfragen internationaler Klimaverhandlungen. Währenddessen erfahren wir in Deutschland wenig darüber, wie groß die durch den Klimawandel verursachten Schäden außerhalb Europas sind.
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Moctar dan Yaye: In Niger gab es im Jahr 2024 mindestens 217 Tote durch Überschwemmungen in zwei Monaten zwischen August und Oktober. Es gab über 46.000 zerstörte Wohnungen, mindestens 16.000 getötete Rinder, mindestens 90 zerstörte Schulgebäude und 22.000 Tonnen vernichtete Ernten.
Sprecher: Im Nachbarland Mali sieht die Lage nicht besser aus. Diory Traoré aus Mali betont auf dem Trans Border Camp die indirekten Folgen des Klimawandels für die Bauern und Bäuerinnen.
Diory Traoré: Früher hatten die Bauern ihr eigenes Saatgut. Es war von guter Qualität. Jetzt, mit dem Klimawandel, müssen sie anderes Saatgut nutzen, das schneller wächst, in zwei bis drei Monaten. Und mit dem neuen Saatgut brauchen die Bauern zusätzlich bestimmte Dünger. Ohne den Dünger bringt es keinen Ertrag.
Sprecher: Nicht nur chemische Dünger, auch Pestizide sind ein großes Problem für die Gesundheit der Menschen.
Traoré: Eine indirekte Folge des Klimawandels sind Fehlbildungen bei Neugeborenen. Wegen der Kargheit der Böden benutzen die Bauern vermehrt chemische Produkte, um eine gute Ernte zu erreichen, wie Herbizide und Pestizide (Unkraut- und Schädlingsvernichtungsmittel). Die armen Bauern können ihr eigenes Gemüse, ihre eigene Ernte nicht mehr essen, weil sie durch diese Produkte belastet ist.
Sprecher: Anders als in Europa lebt in Westafrika ein Großteil der Bevölkerung direkt von der Landwirtschaft. In Niger sogar mehr als 80 Prozent der Bevölkerung. Damit ist der Klimawandel für viele eine existenzielle Frage des Überlebens. Bisher konnten sich die Bauern und Bäuerinnen auf den jährlichen Wechsel zwischen Trocken- und Regenzeiten verlassen. Das ist heute anders, wie Razakou Aboubakari aus Togo berichtet.
Razakou Aboubakari: Normalerweise beginnt die Regenzeit im März und endet im Oktober. Das wissen die Bauern. Sie beginnen ihre Aussaat im März. Aber heute passiert es, dass der Regen nicht wie geplant im März kommt. In diesem Fall müssen die Bauern warten. Oder es regnet zu viel und die Bauern fragen sich, ob sie jetzt aussähen sollen oder später. Sie sind in dieser Situation verunsichert.
38 Milliarden Euro deutsche Klimaschulden
Sprecher: Was können wir tun? Im Workshop wird die Frage anhand dreier Forderungen diskutiert: Erstens, Kompensationen für Schäden und Verluste. Zweitens, die Anerkennung historischer Verantwortung der Industriestaaten. Und drittens, ein gerechter Zugang zu Wasser und Land sowie Ernährungssouveränität. Insbesondere die Forderung nach Kompensationszahlungen wirft weitere Fragen auf. Werden die Hauptverursacher*innen des Klimawandels jemals für ihre Klimaschulden bezahlen? Diory Traoré ist skeptisch.
Diory Traoré: Seit Beginn der Diskussion über den Klimawandel sprechen wir über die Rückzahlung von Klimaschulden. Aber bis jetzt habe ich nicht gehört, dass die Verursacherstaaten irgendetwas bezahlt hätten. Wir reden und reden darüber, aber es wird nichts umgesetzt.
»Bis jetzt habe ich nicht gehört, dass die Verursacherstaaten irgendetwas bezahlt hätten.«
Sprecher: Oumarou Mfochivé hat im Rahmen einer Forschungsarbeit berechnet, wie viel Deutschland Kamerun wegen historischen Klimaschäden schuldet. Mit eingerechnet sind hier die Umweltfolgen der deutschen Kolonialherrschaft. Sein Ergebnis: rund 38 Milliarden Euro deutsche Klimaschulden. Aber wie und an wen sollte Deutschland dieses Geld bezahlen?
Oumarou Mfochivé: Wie kann das Geld zurückgezahlt werden und wer wird es bekommen? Wer profitiert davon? An diesen Fragen müssen wir arbeiten. Wird das Geld wirklich bei den Menschen ankommen, die am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden? Sehr wichtig ist hier auch die Frage der Korruption. Wir müssen uns über die Grenzen von Entwicklungshilfezahlungen bewusst sein. Denn sie entsprechen oft nicht den Erwartungen der Bevölkerung und sind in der Regel keine Spenden, sondern Kredite. Sie müssen mit hohen Zinsen zurückgezahlt werden und halten so die Bevölkerung in einer illegitimen Verschuldung.
Geteilte Verantwortung für Klimaschäden und Ernährungssouveränität
Sprecher: Auch andere warnen vor einer in erster Linie entwicklungspolitischen Debatte um Kompensationszahlungen. Bereits jetzt gebe es eine Art Kompensation, nicht in Form von Geld, aber in Entwicklungsprojekten, merkt ein Teilnehmender kritisch an. Beliebt seien »kleine exotische Aktivitäten«, wie Plastik aufsammeln am Strand. Aber das große Ganze gerate dabei aus dem Blick: die notwendige Transformation unserer Lebensweise angesichts des Klimawandels – sowohl in Afrika, als auch in Europa. Das sieht Razakou Aboubakari ähnlich.
Aboubakari: Ich bin bei mir zu Hause und Europa bezahlt mich dafür, mein Haus zu putzen. Genau das passiert heute in Togo. Es gibt ein staatliches Unternehmen, sie haben junge Leute eingestellt und bezahlen sie, um in den Stadtvierteln Plastikmüll aufzusammeln. Solche Strukturen verhindern, dass die Regierungen, dass afrikanische Staatschefs selbst Verantwortung übernehmen. Man kann mich nicht dafür bezahlen, mein Haus zu putzen, das ist eine Beleidigung. Stattdessen brauchen wir ein Bewusstsein für den Klimawandel, damit auch wir mit den multinationalen Unternehmen auf Augenhöhe über Lösungen verhandeln können.
Sprecher: Aboubakari findet, dass die Bevölkerung und insbesondere die Regierungschefs in Afrika selbst Verantwortung übernehmen sollen. Währenddessen fallen Diory Traorés Schlussworte ernüchternd aus: Fast alle Krisen unserer Zeit hängen mit der Klimakrise zusammen. Aber ein Ausweg, im Sinne einfacher Antworten, ist nicht in Sicht.
Klar ist: Es bleibt widersprüchlich, Klimagerechtigkeit innerhalb der bestehenden wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu verhandeln. Das zeigen bereits die jährlichen Klimakonferenzen. Neben Kompensationszahlungen für Schäden und Verluste und einer Anerkennung historischer Verantwortung dürfen die Forderungen nach einem gerechten Zugang zu Wasser und Land sowie Ernährungssouveränität nicht aus dem Blick geraten. Denn sie weisen über die bestehenden Verhältnisse hinaus. Selbstorganisierte ökologische Landwirtschaft und selbstbestimmte Ernährung – das ist auch eine Absage an eine Lebensweise, in der die Befriedigung von Grundbedürfnissen nur auf Kosten anderer Menschen und der Natur möglich ist.