Von Ungerechtigkeit zu sprechen wäre zutreffender
Es ist heute üblich, von Generationengerechtigkeit zu sprechen. Auch Begriffe wie »soziale Gerechtigkeit« und »internationale Gerechtigkeit« tauchen regelmäßig im Kontext der Klimadiskussionen auf. Doch was steckt dahinter, wenn in diesem Zusammenhang von Gerechtigkeit gesprochen wird, während eigentlich Ungerechtigkeit zutreffender wäre? Das ist die zentrale Fragestellung, der 8 Autorinnen und 14 Autoren aus sehr verschiedenen Perspektiven im ca. 500 Seiten umfassenden Sammelband Klimaethik. Ein Reader nachgehen. Artikel bzw. Auszüge von Texten aus vier Jahrzehnten (von 1979 bis 2021) behandeln Fragen zu »Klimawandel als Gerechtigkeitsproblem«, dem »Verhältnis der Generationen«, der »Verantwortungen – individuell und kollektiv« bis hin zur »Klimagerechtigkeit im Kontext globaler Ungerechtigkeiten«. Damit spiegeln sie teilweise den geschichtlichen Hintergrund, vor dem sich parallel zur naturwissenschaftlichen auch die geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Klimathema vollzog. Der Anspruch des Bandes ist es, »eine repräsentative Auswahl einiger der einflussreichsten Arbeiten« auf dem Gebiet der Klimaethik zusammenzustellen. Dabei haben die Herausgeber bewusst versucht, Texte zu berücksichtigen, die »wichtige Fragen aufwerfen, die bisher jedoch nicht im Zentrum der Debatten über Klimaethik stehen – beispielsweise solche, die Kolonialismus, Rassismus und Sexismus im Zusammenhang mit der Klimakrise diskutieren«.
Der »Ort«, an dem Wissenschaft betrieben wird, bestimmt bekanntlich auch ihr Erkenntnisinteresse und ihre Perspektive mit.
Etwas ausgeglichener hätte allerdings die Auswahl der Autor*innen in Bezug auf ihre geographische Verortung sein können – nur zwei sind dem Globalen Süden, aber 16 allein den USA oder Großbritannien zuzuordnen. Und der »Ort«, an dem Wissenschaft betrieben wird, bestimmt bekanntlich auch ihr Erkenntnisinteresse und ihre Perspektive mit. Die Herausgeber weisen selbst darauf hin, dass bei der Auswahl der Texte »Leerstellen« auffallen: Zum Beispiel fehlt »der Diskursstrang, der kapitalismuskritische Analysen deutlicher« mitberücksichtigt. Weitere offenbleibende Fragen beziehen sich auf die Klimakrise und die »Rolle von großen Firmen«, »strukturelle Faktoren der Klimakrise« bis hin dazu, inwiefern »Verantwortung potenziell die radikale Umstrukturierung unserer politischen und ökonomischen Institutionen beinhaltet«. In Fußnoten werden sehr interessante Hinweise auf entsprechende Forschungsarbeiten gegeben. Sie hätten allerdings einen größeren Stellenwert im Buch verdient. Trotzdem bleibt insgesamt ein sehr positiver Eindruck des Bandes, dessen Verdienst es ist, die Klimadebatte ethisch und politisch fundiert mit der Gerechtigkeitsthematik in Zusammenhang zu bringen.