»Wenn sich das Meer erwärmt, ist der Fisch giftig«

Fidschi kann sich - so wie alle Länder der Gruppe der Kleinen Inselstaaten - eine Schlappe der internationalen Klimapolitik nicht leisten

Audiobeitrag von Martina Backes

31.12.2025

Die Weltklimakonferenz im brasilianischen Belém im November 2025 war in vielerlei Hinsicht ein Desaster. Vor allem wanden sich die Industriestaaten, zehn Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen, um ihre Verpflichtungen und den notwenigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen herum. Sie konnten sich nicht einmal auf eine robuste Klimafinanzierung einigen, damit sich andere Länder vor den Folgen der Wetterextreme besser schützen können. Dabei hat die Welt die 1,5°C-Gefahrenschwelle – zumindest für einige Jahrzehnte – bereits überschritten. Doch ist damit die Klimadiplomatie gescheitert? Und wenn ja, was folgt daraus?

Ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofes mahnte im Juni 2025, die Staaten hätten verbindliche Verpflichtungen, erhebliche Umweltschäden zu verhindern, international zusammenzuarbeiten und angesichts der eskalierenden Klimarisiken die Grundrechte zu wahren. Zahlreiche Akteure aus dem Globalen Süden hatten die unzureichende sowie schwer zugängliche Finanzierung für die Klimaanpassung beharrlich kritisiert. Für die Gruppe der Kleinen Inselstaaten, die mehr als andere Länder von den Klimafolgen betroffen sind, ist es keine Option, die internationale Klimapolitik gänzlich in Frage zu stellen.

Für die Inselrepublik Fidschi sieht Vani Catanasiga, Geschäftsführerin der NGO Fiji Council of Social Services (FCOSS), neben Misserfolgen auch kleine Fortschritte – und eine große Verantwortung. Der südnordfunk fragte Vani zwei Wochen nach dem Ende der Klimakonferenz, wie sie die Klimapolitik einschätzt.


Skript zum Audiobeitrag

südnordfunk #140 – Die Inselrepublik Fidschi kann sich eine Schlappe der internationalen Klimapolitik nicht leisten

 

Vani Catanasiga:  Ich fange mal mit den negativen Aspekten an. Es geht ja auf dem Weltklimagipfel immer um die detaillierten Texte der vielleicht abschließenden Vereinbarungen. Doch an dem Punkt hat die internationale Gemeinschaft nicht das getan, was sie tun muss, um Inselstaaten wie unseren zu retten. Nötig wäre ein Beschluss zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Dass dies nicht passiert ist, bleibt eine zentrale Enttäuschung von der Weltklimakonferenz in Belém. Hoffentlich wird die nächste COP-Konferenz in der Türkei die gewünschten Ergebnisse bringen, nämlich dass es keine Kohleminen mehr geben wird. Lasst die Kohle im Boden. Das ist sicher und so können wir als Gesellschaft, als pazifische Gesellschaft, überleben.

Aber es gibt auch einige positive Dinge. Die Nachricht, dass ab 2035 mindestens 1,3 Billionen Dollar jährlich für Klimaschutzmaßnahmen mobilisiert werden sollen, neben der Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen und der Operationalisierung des vereinbarten Fonds für Verluste und Schäden. Das ist meiner Meinung nach eine gute Nachricht, insbesondere für Gemeinden wie die, in denen wir arbeiten. Wir haben zwar einige Fortschritte in Bezug auf die Finanzierung erzielt, aber es bleibt immer noch der Elefant im Raum: Viele der mächtigeren Länder möchten, dass dies so bleibt. Aber für uns, die Kleinen Inselstaaten, sehen wir weiterhin einen Mangel an Ambitionen, insbesondere im Hinblick auf den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen.

südnordfunk: Der Klima- und Umweltminister von Fidschi, Mosese Bulitavo, hat eine beeindruckende Rede in Belém gehalten und sehr wichtige Klimafolgen angesprochen. Fidschi wurde vom COP-Vorsitz nominiert, den Verhandlungsprozess zu begleiten, der Leitlinien für den neuen Fonds für Verluste und Schäden ausarbeiten wird – auch das ist ein Erfolg, wenngleich damit noch keine gerechte Finanzierung sichergestellt ist und kein Klimagas eingespart wird. Im kommenden Jahr 2026 wird Fidschi auch den Dialog über Ozeane und Klima moderieren – gemeinsam mit Belgien als Industrieland. Zurück zum Fonds für Verluste und Schäden: Warum ist der für Fidschi so wichtig?

»Es geht hier um Gemeinden, die sonst keine Stimme haben. Wie können wir sicher­stellen, dass ihre Geschichten, ihre Verluste infolge des  Klima­wandels zur Sprache kommen?«

Vani Catanasiga: Wir sind diejenigen, die diese Realität leben. Und die Lage Fidschis als Drehscheibe im Pazifik gibt uns eine einzigartige Verantwortung, weiterhin auf Verluste und Schäden aufmerksam zu machen, die sich weiter manifestieren. Einige davon werden meiner Meinung nach in den globalen Verhandlungen nicht ausreichend adressiert. Man hat eine enorme Verantwortung, wenn man auf dem Weltklimagipfel einen Verhandlungsraum betritt. Meiner Meinung nach muss Fidschi seine Erzählweise verbessern, um die Verluste, die die Gemeinden erleiden, wirklich abzubilden. Es geht hier um Gemeinden, die sonst keine Stimme haben. Wie können wir sicherstellen, dass ihre Geschichten, ihre Verluste und die Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Leben – einschließlich dessen, was wir als normalen Alltag betrachten – zur Sprache kommen? Wie können wir das hervorheben und hörbar machen? Wie können wir die enormen Verluste verdeutlichen, die von den Gemeinden, von Kindern und der zukünftigen Generation erlitten werden? Das ist ein besonderes Anliegen des Fidschi-Rates für soziale Dienste, Fiji Council of Social Services (FCOSS).

2 Frauen sitzen auf einer Matte und sind im Gespräch über Klimafolgen vertieft
Vani D. Catanasiga unterhält sich mit Dorfbewohnerin Nemai Ruci in deren Haus | Foto: Brot für die Welt

südnordfunk: Mit Blick auf die Verluste sei kurz erwähnt, dass 76 Prozent der Menschen in Fidschi, die auf etwa 100 verschiedenen Inseln leben, an der Küste siedeln oder ganz in der Nähe der Küste leben. Das ist wahrscheinlich ein Grund, der erklärt, wie sehr die Bevölkerung Fidschis vom Klimawandel betroffen ist. Was sind die konkreten Auswirkungen?

Vani Catanasiga: Es gibt unzählige Auswirkungen. Am meisten beschäftigt uns der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das braucht man jeden Tag zum Leben. Zudem gibt es an einigen Orten in Fidschi zeitweise viel zu viel Niederschlag oder starke Fluten, was zu Überschwemmungen und zur Überflutung von Küstendörfern führt, zu Salzwassereintritt in die Trinkwassersysteme und in die Wasserinfrastruktur, und das wiederum wirkt sich auf andere Infrastrukturen aus, wie Straßen. Überschwemmungen entscheiden dann darüber, ob Kinder zur Schule gehen oder nicht. Sauberes, sicheres und zugängliches Wasser ist also ein großes Problem.

»Sie sitzen etwa vier Monate lang da und beten«

Und wir haben Probleme, mit denen Küstengemeinden konfrontiert sind. Wir befinden uns gerade in der Zyklon-Saison – die dauert von Oktober bis etwa Februar. Zu dieser Jahreszeit bereiten sich die Menschen immer auf das Schlimmste vor. Sie sitzen etwa vier Monate lang da und beten, in der Hoffnung, dass kein Zyklon kommt. Denn der würde ihren Zugang zu Wasser und allen anderen Dienstleistungen beeinträchtigen, die die Menschen für ein normales, gesundes Alltagsleben benötigen.

südnordfunk: Der Fischfang ist für den Lebensunterhalt vieler Gemeinden sehr wichtig. Inwieweit sind auch der Ozean und das marine Ökosystem vom Klimawandel betroffen? Und was bedeutet das für die Fischereigemeinden?

Vani Catanasiga: Vor ein paar Jahren wurde eine ganze Gemeinde wegen der Erwärmung des Ozeans in Alarmbereitschaft versetzt. Manchmal erhält man von den Behörden Warnungen, dass man bestimmte Fische nicht verzehren sollte, weil sich das Meer erwärmt hat. Dadurch wird der Fisch giftig. Vor drei bis vier Jahren starben mehrere Familien  auf einer Inselgemeinde im zentralen Teil von Fidschi. Der Klimawandel beeinflusst auch unsere Ozeane, er wirkt sich sogar auf die Ernährungssicherheit aus. Man muss abwägen, welche Fischarten man derzeit verzehrt. Es gibt Fischarten, die wir wegen dieser Gefahr komplett meiden.

südnordfunk: Wahrscheinlich sind auch viele Korallenriffe von der Versauerung des Ozeans betroffen. Haben die Gemeinden, die vom Klimawandel betroffen sind,  Anspruch auf staatliche Unterstützung?

Vani Catanasiga: Das ist eine unserer Forderungen als Fidschi-Rat für Sozialdienste. Denn wir sagen oft, dass es die Pflicht der Regierung ist, diese Fürsorge und Unterstützung zu leisten. Nicht alle Gemeinden sind in der Lage, sich selbst zu helfen. Es hängt auch davon ab, wie die Informationen über Bedarfe die Regierung erreichen. Manchmal gelangen Informationen erst dann an die Regierung, wenn etwas sehr Drastisches passiert. Daher haben wir im Rahmen unserer Arbeit als Rat eine Initiative ins Leben gerufen, die einen Feedback-Mechanismus für Gemeinden vorsieht, da der Informationsfluss oder auch die Feedback-Kanäle seit geraumer Zeit unterbrochen sind. Also mussten wir sie neu aufbauen. Wir haben eine Plattform geschaffen, damit die Gemeinden Feedback geben können. Wenn es in den Gemeinden zu einem Anstieg von Krankheiten kommt, die durch Wasser übertragen werden, machen wir die Regierung auf die Gefahr einer Epidemie aufmerksam. Das sind Dinge, die wir in unsere Arbeit zur Anpassung an den Klimawandel und zur Katastrophenhilfe einbauen mussten.

südnordfunk: Soweit ich mich erinnere, gibt es seit 2021 ein Klimaschutzgesetz. Und Fidschi sprach auch über den Climate Relocation Community Trust, der bereits 2019 gegründet wurde. Und der Klimaminister sprach auf der COP über die emotionalen Bindungen der Gemeinden. Es sei sehr wichtig, einen gemeindeorientierten Ansatz zu verfolgen. Es schien also alles in Ordnung. Aber wo genau liegt dann das Problem für die Gemeinden, Zugang zu dieser Art von Finanzhilfen zu erhalten?

»Die Gemeinden müssen im Mittelpunkt der KLimaanpassung stehen und nicht etwa unsere ausgefeilten Prozesse als Entwicklungsakteure.«

Vani Catanasiga: Ich finde es gut, wenn Minister zu Konferenzen gehen und über Dinge sprechen, die wir als NGOs tun, weil die Regierung auf lokaler Ebene nicht genug dafür tut. Und ich werde wahrscheinlich Ärger bekommen, wenn ich das sage. Wir haben an der Ausarbeitung des von Ihnen erwähnten Klimawandel-Gesetzes mitgewirkt. Wir haben einige Empfehlungen dazu abgegeben, wie der Klimawandel-Umsiedlungstreuhandfonds zugänglich gemacht und eingerichtet werden kann. Er ist an eine Klimawandel-Umsiedlungs-Taskforce gebunden, die darüber entscheidet, welche Gemeinden unterstützt werden können. Ich war bei der Einführung des Nationalen Leitfadens für Umsiedlungen dabei. Darin wird beschrieben, wie die Umsiedlungs-Task Force mit dem Umsiedlungs-Trust Fund zusammenarbeitet. Wir waren also stark daran beteiligt. Aber einer der Punkte, die unserer Meinung nach verbessert werden können, ist genau das, was Mosese gesagt hat, nämlich dass die Gemeinden im Mittelpunkt stehen müssen und nicht etwa unsere ausgefeilten Prozesse als Entwicklungsakteure.

südnordfunk: Insbesondere wenn es um Vertreibung geht. Ich halte dies für ein sehr sensibles Thema. Durch Katastrophen verursachte Vertreibung ist in Fidschi oder im Pazifik allgemein ja keine Ausnahme.  Was bedeutet da inklusive, rechtsbasierte Entscheidungsfindung? Und was bedeutet eine von der Gemeinschaft geleitete Umsiedlungsplanung im Detail?

Vani Catanasiga: Die Partnerschaft zwischen dem Fiji Council of Social Services und Brot für die Welt ist insofern besonders, als wir die Gemeinde in den Mittelpunkt unserer Bemühungen stellen, unabhängig davon, ob sie bereit ist oder nicht, ob sie traumatisiert ist, weil sie einen Zyklon der Stärke 5 überlebt hat, dabei aber ihren gesamten kollektiven Reichtum verloren hat. Der Prozess besteht darin, ihre Regeneration zu fördern. Indem wir ihr System für die Entscheidungsfindung nutzen. Und zugleich verbessern wir die Art und Weise, wie sie Entscheidungen treffen, indem wir zum Beispiel dafür sorgen, dass die Rolle der Frauen klar definiert und verstanden wird. Dazu gehören auch Konsensprozesse. Die tragen dazu bei, die Entscheidungsstrukturen zu verändern oder umzugestalten, damit Frauen, Jugendliche und Kinder ein fester Bestandteil dieser Entscheidungsfindung sind.

südnordfunk: Ein Umsiedlungsprozess ist eine Sache, eine andere, sich auf Klimarisiken vorzubereiten. Was ist erforderlich, damit Gemeinden künftig eine aktive Rolle bei der Bewertung von Klimarisiken spielen können?

Vani Catanasiga: Wir haben damit begonnen, uns auf die Vorsorge zu konzentrieren, anstatt nur zu reagieren. Denn das Reagieren war in den letzten 20 Jahren die gängige Vorgehensweise. In unserem zweiten Partnerschaft mit Brot für die Welt arbeiten wir an einem Tool zur partizipativen Bewertung von Katastrophen- und Klimarisiken, genannt PACTA (Paris Agreement Capital Transition Assessment). Wir werden dieses Tool, das für den afrikanischen Kontext entwickelt wurde, erstmals im Pazifikraum anwenden und an unsere Gegebenheiten anpassen. Denn die Gemeinden warten oft einfach auf die nächste Katastrophe. Ich sage nicht, dass sie vorher keine Instrumente hatten, sich gegen eine Katastrophe zu wappnen -  sie hatten indigene Bräuche und ihre Kultur. Wir versuchen nun, dieses Klimarisiko-Instrument einzuführen und es an den lokalen Kontext anzupassen, etwa, indem wir es mit dem bereits vorhandenen Kontextwissen über die Orte im Pazifik verbinden. Damit erhalten Gemeinden die Möglichkeit, ihre eigene Risikobewertung durchzuführen und sich vorzubereiten, anstatt ohne wirkliche Vorbereitung auf den nächsten großen Sturm zu warten.

südnordfunk: Die Gemeinden in Fidschi sind so stark betroffen, dass sie meiner Meinung nach anderen Ländern bei diesen sehr wichtigen Vorsorgethemen ein wenig voraus sind. Gleichzeitig sind Sie von internationalen Klimaverhandlungen und den Maßnahmen anderer Länder extrem abhängig. Was erwarten Sie also konkret von der Klimapolitik Deutschlands oder der internationalen Klimapolitik der EU?

Vani Catanasiga: Ich bin dankbar für die Unterstützung bei der Umsetzung der Klimapolitik und Klimaanpassung auf nationaler Ebene. Gut ist, wenn wir diesen Weg fortsetzen, und wenn wir weiterhin Regierungen oder Länder zur Rechenschaft ziehen, insbesondere die großen Emittenten dieser Welt. Manchmal haben Regierungen nicht den Mut, sich mit großen Ländern auseinanderzusetzen, deshalb ist die Solidarität Deutschlands und der Europäischen Union sehr wichtig. Zu wissen, dass es eine internationale Gemeinschaft gibt, die unsere Bemühungen um das Überleben unserer Gemeinschaft unterstützt, ist an sich schon ein großer Ansporn für unsere Arbeit. Ich glaube auch, dass die Unterstützung der deutschen Zivilbevölkerung in Bezug auf die Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen und die Diskussionen über Verluste und Schäden wirklich zu vielen Veränderungen auf nationaler Ebene führt. Auf unserem Planeten gibt es viele Prioritäten, aber der Klimawandel ist eine Herausforderung, die wir angehen müssen.

südnordfunk: Auf internationaler Ebene spielen Gerichtsverfahren eine immer wichtigere Rolle. Ist das auch in Fidschi der Fall?

Vani Catanasiga: Noch nicht, aber es gibt unter der jüngeren Generation, die den Fall vor dem Internationalen Gerichtshof verfolgt hat, Bewegungen an Universitäten und Schulen, nicht nur in Fidschi, sondern in der gesamten Pazifik-Region. Diese Solidaritätsbewegungen junger Menschen entstehen, weil sie erkennen, dass dies die Zukunft ist, die sie erben werden. Deshalb engagieren sie sich und treten in Aktion, um dagegen anzugehen. Teile unserer Regierungen werden sich gerade erst bewusst, dass wir früher oder später vielleicht mit Klagen im Zusammenhang mit dem Klimawandel konfrontiert werden.

Shownotes - Klima­anpassung in Fidschi

Martina Backes führte das Interview Anfang Dezember kurz nach der Weltklimakonferenz COP30.

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