Lieferketten und Gewalt im internationalen Kokainhandel
Blutige Lines
Die Profite im Kokainhandel sind attraktiv für kriminelle Organisationen. Es entsteht ein Gewaltmarkt, der Demokratien weltweit gefährdet. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Nachfrage nach Kokain in Europa.
Ist man am Wochenende in Berliner Bars unterwegs, stehen die Chancen gut, von freundlichen jungen Männern eine bunte Visitenkarte zugesteckt zu bekommen. Es sind Angebote etwa eines „VIP Shuttles“ oder von „Bennys Schneedienst“. Mit Winterräumung hat Benny aber nichts am Hut. Stattdessen geht es um einen komfortablen Kokainlieferdienst, schnell und unkompliziert per Messenger. Auch in linken Räumen ist die Droge mehr und mehr präsent. Nach der Legalisierung von Cannabis ist Kokain mit 566.000 Konsument*innen die beliebteste illegale Droge in Deutschland.
Laut EU-Drogenagentur ist Kokain mittlerweile die Droge, wegen der Personen sich am zweithäufigsten in Behandlung begeben. Durch die hohe psychische Abhängigkeit kann die Droge das soziale Netz der Konsument*innen zerstören. Durch die Ausbreitung von Gewalt und krimineller Strukturen zerstört sie soziale Gefüge entlang der gesamten Lieferkette.
2011 bis 2017 verdoppelte sich die Reinheit des Kokains in Europa
Dabei werden Kokablätter bereits seit 8.000 Jahren in der Andenregion und in Teilen des Amazonas konsumiert. Ein Kokablatt hat eine Konzentration von bis zu einem Prozent an Kokain. Das ist aber kaum vergleichbar mit dem gesnieften Pulver, welches eine fünfzig- bis hundertfache Konzentration aufweist. Im Jahr 1860 wurde in Göttingen zum ersten Mal Kokain isoliert. Der Darmstädter Pharmakonzern Merck produzierte daraufhin sein „Cocaine Merck“ und ließ im großen Stil Kokapflanzen in Peru anbauen. Zur Vermarktung als Lokalanästhetikum kam ab den 1890er Jahren die Nutzung als Rauschmittel dazu. Der Anbau wurde über Südamerika hinaus ausgeweitet. Die Niederlande gründeten Kokaplantagen im heutigen Indonesien.
Das Verbot schafft den illegalen Markt
Getrieben durch die Moralvorstellungen der Abstinenzbewegung wurde der Verkauf und Import von Kokain erstmals 1922 in den USA verboten. 1961 einigten sich 73 Staaten auf ein international gültiges Verbot. Trotz oder wegen dieses Verbots erreicht 1990 der Kokainkonsum in den USA seinen Höhepunkt. Das Verbotsregime schuf einen großen unregulierten Markt mit immensen Gewinnmargen. Aktuell geht der Kokainkonsum in den USA zurück, während er in Europa zunimmt. Seit 2016 steigen in europäischen Staaten die Rückstände von Kokain im Abwasser, wie Analysen der EU-Drogenagentur zeigen. In den Jahren 2011 bis 2017 hat sich die Reinheit des Kokains in Europa verdoppelt. Im Jahr 2023 erreicht sie in Deutschland mit durchschnittlich 80,5 Prozent einen Höchststand.
Kolumbien, Peru und Bolivien sind die Länder, in denen heute Koka angebaut wird. Europa erreicht die Droge vor allem über Containerschiffe mit Hilfe der rip on/rip off Methode: Dabei werden Kokainpakete in der Ladung des Containers versteckt, bevor der Container auf das Schiff geladen wird. Erreicht der Container seinen Zielhafen, werden die Drogen heimlich abtransportiert. Dafür braucht man Insider am Ausgangs- und am Zielhafen. Die kriminellen Gruppen benötigen Informationen aus Logistiksystemen, zum Beispiel Siegelnummern, um die Siegel der Container nach dem Bruch zu fälschen. Sie müssen die Drogen extrahieren, bevor der Container das Endziel erreicht oder zur Zollkontrolle kommt. Notfalls müssen sie Container umleiten. Für diese Zwecke werden Hafenarbeiter bezahlt oder zur Mitarbeit gezwungen. So breiten sich mafiöse Strukturen in den großen Containerhäfen Europas aus.
Narcostaat Belgien?
Das betrifft auch den Hafen im belgischen Antwerpen. Eine Untersuchungsrichterin schlug dort Ende Oktober Alarm: Belgien drohe, ein Narcostaat zu werden. Das Land kämpft im Zusammenhang mit dem Drogenhandel mit steigender Gewalt. Ein Schlüsselmoment war die Ermordung eines 11-jährigen Mädchens im Jahr 2023. Ihr Vater galt als einer der mächtigsten Drogenbosse Antwerpens. Die Täter wurden bisher nicht gefasst. Das Gefängnissystem ist angesichts der Drogengewalt massiv überlastet. Tausende verurteilte Straftäter warten darauf, ihre Strafe anzutreten. Hunderte Gefangene schlafen auf dem Boden.
Das Problem ist aber noch weit entfernt von Dimensionen wie in Ecuador. Dort wurden laut der Interamerikanischen Menschenrechtskommission seit 2020 mindesten 663 Menschen im Gefängnis ermordet – überwiegend wegen Kartell- und Gangrivalitäten. Aber auch in Belgien kommt es zu Gewalttaten im Gefängnis. Das Vertrauen in das Justizsystem sinkt. Immer mehr Stimmen fordern einen Militäreinsatz – eine Parallele zu Ecuador.
Am Sonntag den 11. Januar machten Badende in der Kleinstadt Puerto López an der Pazifikküste Ecuadors eine grausige Entdeckung: Sie fanden am Strand fünf abgetrennte Köpfe, die mit einem Warnschild zur Schau gestellt wurden. Bereits im Dezember kam es in Puerto López zu mehreren Schießereien, bei denen unter anderem ein zweijähriges Mädchen getötet wurde. Die Gewalttaten werden rivalisierenden kriminellen Gruppen zugeschrieben. In Ecuador selbst wird kein Kokain angebaut, es ist aber das wichtigste Transitland auf dem Weg nach Europa. Laut Präsident Noboa wird 70 Prozent allen Kokains durch Ecuador transportiert.
Wo bewaffnete Gruppierungen verschwinden, stoßen neue in die Lücke
Davon abgesehen hat sich der Handel mit Kokain dezentralisiert. Wo früher Kartelle das Sagen hatten, die vom Anbau der Kokapflanzen bis zum Schmuggel fast die gesamte Wertschöpfungskette kontrollierten, dominieren heute Netzwerke kleinerer Organisationen. Lokale Gruppen arbeiten als Subunternehmer von transnationalen Organisationen, die sich zum Beispiel um Logistik und Schutz der Ware kümmern. Dafür benötigen die Gruppen territoriale Kontrolle, um die sie mit anderen kriminellen Organisationen kämpfen. Die Gewalt steigt. Mit 9.176 Morden im Jahr 2025 erreichte die Gewalt in Ecuador ein neues Allzeithoch. Neben Morden gehört Schutzgelderpressung zum Alltag. In manchen Regionen müssen ganze Communities Schutzgeld zahlen, also auch Krankenhäuser, Lehrer*innen und Kirchen. Arbeiter*innen und Fischer*innen berichten, dass sie zur Mitarbeit beim Drogentransport gezwungen werden.
Die Erstürmung einer ecuadorischen Fernsehstation von Bewaffneten 2024 und die Ermordung des Präsidentschaftskandidaten Fernando Villavicencio 2023 machten weltweit Schlagzeilen. Mitglieder der Gang Los Lobos wurden 2024 für das Attentat verurteilt. Los Lobos ist zusammen mit Los Choneros die wichtigste kriminelle Organisation in Ecuador. Die Gewalt der Banden beantwortet Präsident Noboa mit seiner Politik der mano dura, der eisernen Faust. Das Militär erfüllt Polizeiaufgaben, es gibt Berichte von willkürlichen Verhaftungen und außergerichtlichen Tötungen.
Produktionsland Kolumbien
Kolumbien produziert nach Schätzungen der UN zwei Drittel des weltweiten Kokains. Die Ursachen für die dortige Ausweitung der Kokainproduktion liegen in einem politischen Umbruch. 2016 wurde der längste bewaffnete Konflikt Lateinamerikas vorerst durch einen Friedensschluss zwischen der marxistischen Guerilla-Gruppe FARC und dem kolumbianischen Staat beigelegt. Doch nach deren Entwaffnung wurde der Kokaanbau nicht weniger. Stattdessen stießen andere bewaffnete Gruppen sowie Abspaltungen der FARC in das Machtvakuum und kämpfen um die Kontrolle der Anbaugebiete. Die größte dieser Gruppen ist der Clan del Golfo, eine Abspaltung rechter Paramilitärs, die 2006 demobilisiert wurden. Neben Drogenhandel gehören Kidnapping und illegaler Goldabbau zu ihren Einnahmequellen. Der Clan rekrutiert auch Minderjährige.
Wie die Neue Züricher Zeitung berichtet, ist der Clan mittlerweile in einem Drittel Kolumbiens präsent. In manchen Gebieten erheben sie Steuern, stellen Sicherheitskräfte, üben Justizfunktionen aus und drängen den Staat zurück. Im April 2025 wurden in nur zwei Wochen mindestens 27 Mitarbeiter von Polizei und Militär getötet, mehrheitlich durch einen sogenannten plan pistola des Clan del Golfo, als Reaktion auf die Tötung eines ihrer Anführer. Im Dezember schloss die Regierung von Präsident Petro im Rahmen ihrer paz total-Politik ein Rahmenabkommen für Frieden mit dem Clan del Golfo. Ob die Gruppe aber tatsächlich ihre Macht und die riesigen Profite des Kokainhandels gegen Straffreiheit tauscht, ist zweifelhaft. Die Situation in Kolumbien zeigt, dass die Profite im Kokainhandel einfach zu verlockend sind: Wo bewaffnete Gruppierungen verschwinden, stoßen neue in die Lücke. Das heißt auch: mehr Gewalt.
Schmuggel über Europas Häfen
Dank der internationalen Nachfrage auch aus Europa lohnt sich der illegale Kokainhandel und ist damit hochattraktiv für kriminelle Organisationen und Paramilitärs. Die Folgen: Staatliche Strukturen entlang der Lieferkette werden ausgehöhlt, immer mehr Menschen geraten in den Sog der Gewalt und militarisierte Sicherheitspolitiken gefährden Demokratien. Bleibt Kokainkonsum in Europa weiterhin illegal, wird die Gewalt entlang der gesamten Lieferkette weiter steigen. Ein streng regulierter legaler Markt könnte ein wirksames Gegenmittel sein. Derzeit ist eine internationale Legalisierung aber utopisch. Die einzige Möglichkeit im hier und jetzt der Gewalt zu begegnen, ist der Verzicht der Konsument*innen.